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Thema: Formen

  1. #31
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    Die Terzanelle

    Bei der Terzanelle handelt es sich um eine Modifizierung der Villanelle, die ihren Ursprung in der englischen Literatur hat. Sie wurde von ihrem Erfinder Lewis Turco, ehem. Professor an der State University of New York in Oswego, inzwischen emeritiert, unter ihrem heute bekannten Namen erstmals in der Sommerausgabe des The Michigan Quarterly Review (1965) erwähnt und publiziert.[1]

    Turco definierte die Terzanelle als 19-zeiliges Werk, zusammengesetzt aus 5 Terzinen und einem abschließenden Quartett. Um die allg. Regeln der Terzanelle einzuhalten (s. Nächster Absatz) würden jedoch auch 2 Terzinen und ein Quartett genügen – man kann also davon ausgehen, dass man die Terzanelle nach Gusto verlängern bzw. verkürzen kann. [1],[3]

    Eine Besonderheit dieser Form sind die sich wiederholenden Verse:

    Der zweite Vers der ersten Terzine ist gleichzeitig der dritte Vers der nächsten Terzine, und so weiter.
    Außerdem wiederholen sich der erste und dritte Vers der ersten Terzine als zweiter und vierter Vers des abschließenden Quartetts. [3]

    Das Reim- und Wiederholungsschema einer Terzanelle (nach Turco) sieht also folgendermaßen aus:

    1. Erster Vers mit Reim A
    2. Erster Vers mit Reim B
    3. Zweiter Vers mit Reim A

    4. Zweiter Vers mit Reim B
    5. Erster Vers mit Reim C
    6. Wiederholung: Erster Vers mit Reim B

    7. Zweiter Vers mit Reim C
    8. Erster Vers mit Reim D
    9. Wiederholung: Erster Vers mit Reim C

    10. Zweiter Vers mit Reim D
    11. Erster Vers mit Reim E
    12. Wiederholung: Erster Vers mit Reim D

    13. Zweiter Vers mit Reim E
    14. Erster Vers mit Reim F
    15. Wiederholung: Erster Vers mit Reim E

    16. Zweiter Vers mit Reim F
    17. Wiederholung: Erster Vers mit Reim A
    18. Wiederholung: Erster Vers mit Reim F
    19. Wiederholung: Zweiter Vers mit Reim A [1],[2],[3],[4]

    Im Quartett können die Verse auch anders arrangiert sein. [2]

    Es gibt kein vorgeschriebenes Versmaß für die Terzanelle, allerdings sollte man ein gewähltes Metrum beibehalten.
    [1]
    Optimalerweise kann man sich am Versmaß des klassischen Sonetts orientieren, dem Endecasillabo;
    Dabei handelt es sich um einen Elfsilbler mit weiblicher Kadenz, dem im besten Falle ein jambisches Betonungsmuster zu Grunde liegt.[3]

    Tipps zum Schreiben einer Terzanelle


    Auf den ersten Blick mag es unmöglich erscheinen, eine Terzanelle zu Papier zu bringen – der erste Eindruck kann allerdings trügen.
    Der größte Knackpunkt der Terzanelle ist die Tatsache, dass V1 und V3 der ersten Terzine im abschließenden Quartett der Terzanelle wiederholt werden müssen; ebenfalls muss dort eine Wiederholung vom V2 der letzten Terzine untergebracht werden.

    I. Zur Mitte hinarbeiten

    Am Einfachsten hat man es also, wenn man mit dem Quartett beginnt und die relevanten Verse in der ersten und letzten Terzine einfügt. Damit wäre schon einmal der Rahmen der Terzanelle geschaffen.
    Danach kann man sich zur Mitte des Werkes hinarbeiten, indem man immer im Wechsel – also erst oben, dann unten – je einen Vers schreibt; spätestens der zweite, bzw. dritte Vers einer Terzine muss dann wiederholt werden; so setzt sich die Terzanelle nach und nach zusammen.
    Bei dieser Variante wird es erst problematisch, wenn der letzte Vers fehlt, der Anfang und Ende des Werkes sinnwahrend und formgebunden verknüpfen muss.

    II. Zum Ende hinarbeiten

    Die zweite Möglichkeit ist die, mit der ersten Terzine zu beginnen – dann kann man im Endquartett immerhin schon 2 Verse einfügen.
    Nach der ersten Terzine kann man sich – dank der Wiederholungen – stringent durch das Werk arbeiten, von oben nach unten.
    Bei dieser Variante sollte man erst überprüfen ob man mit den Wiederholungsversen der ersten Terzine überhaupt ein ansprechendes Ende schaffen kann, damit man nicht nach 5 Terzinen merkt, dass die Wiederholungsverse im Quartett überhaupt keinen Sinn ergeben.

    III. Zum Anfang hinarbeiten

    Für die Leute, die rückwärts denken können gibt es natürlich noch die Möglichkeit, mit dem Quartett anzufangen und die Terzanelle dann von hinten aufzurollen.
    Der V3 einer Terzine wird also zum V2 der vorhergehenden Terzine, es handelt sich also um eine Umkehrung von II.
    Natürlich ist, wie in II., zu überprüfen, ob mit den relevanten Versen des Quartetts ein stimmiger Einstieg geschaffen werden kann.

    Grundsätzlich sollte man die Repititios so gestalten, dass sie, immer wenn sie auftauchen, in einem unterschiedlichen Kontext gebraucht werden, dies kann z.b. durch geschickte Präpositionen hervorgerufen werden. Und auch für die Terzanelle gilt: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

    Beispiele

    I. Lewis Turco präsentiert seine Erfindung.

    Lewis Turco: Terzanelle in Thunderweather

    This is the moment when the shadows gather
    Under the elms, the cornices and eaves.
    This is the silent heart of thunderweather.

    The birds are quiet now among the leaves
    Where wind stutters, then moves steadily
    Under the elms, the cornices and eaves -

    These are our voices speaking guardedly
    About the sky, about the sheets of lightning
    Where wind stutters, then moves steadily

    Into our lungs, across our lips, tightening
    Our throats. Our eyes speak in the dark
    About the sky, about the sheets of lightning

    Illuminating moments. In the stark
    Shades that we inhabit there are no words
    For our throats. Our eyes speak in the dark

    Of things we cannot say, cannot ignore.
    This is the moment when the shadows gather,
    Shades that we inhabit. There are no words -
    This is the silent heart of thunderweather.


    'Terzanelle in Thunderweather,' originally published as 'Thunderweather' in Modern Poetry Studies, Vol. III, No. 5, 1973, is reprinted by permission of the author from The Collected Lyrics of Lewis Turco / Wesli Court 1953-2004, Scottsdale: Star Cloud Press, copyright Lewis Turco 1973, 1986, 2000, 2004, all rights reserved.

    II. Eine Terzanelle im fünfhebigen Jambus

    Coup de grâce: Terzanelle der Blätter

    Ich wandere im goldgetünchten Ganzen
    Den Herbstesspuren heiter hinterher,
    Wo bunte Blätter, voll von Träumen, tanzen,

    Im Farbenreigen steter Wiederkehr.
    Sie wirbeln wild in windigen Spiralen
    Den Herbstesspuren heiter hinterher

    Und trotz der Eile scheinen sie zu malen:
    Ein Bild von Freude und Zufriedenheit.
    Sie wirbeln wild in windigen Spiralen

    An mir vorbei, sind fern für kurze Zeit;
    Ein Windstoß und schon kommen sie zurück:
    Ein Bild von Freude und Zufriedenheit.

    Ich folge ihrem farbenfrohen Glück
    Durch Stoppelfelder, herbstliche Alleen –
    Ein Windstoß und schon kommen sie zurück,

    Um einen Teil des Wegs mit mir zu gehen.
    Ich wandere im goldgetünchten Ganzen
    Durch Stoppelfelder, herbstliche Alleen,
    Wo bunte Blätter, voll von Träumen, tanzen.

    III. Eine Terzanelle mit sechshebigem Versmaß

    Sturmherz: Terzanelle von der Einsamkeit

    ...kein Tag, an dem der Wind nicht etwas kälter weht.
    Das Sonnenlicht ist kaum mehr als ein Traum von sich,
    bevor es gänzlich graut und friert und es vergeht.

    Ein jeder sehnt sich nach Geborgenheit, auch ich,
    in dieser Zeit der grauen Stunden, kahlen Bäume.
    Das Sonnenlicht ist kaum mehr als ein Traum von sich,

    den ich so lang schon träume - und es bleiben Träume,
    das Gold der Blätter und die Astern an den Wegen -
    in dieser Zeit der grauen Stunden, kahlen Bäume.

    Und gehe ich zu später Stunde durch den Regen,
    ist alles, was mir dieser Herbst vergönnen wollte
    das Gold der Blätter und die Astern an den Wegen.

    Und nicht ein Kuss trifft meine Lippen, wie er sollte:
    Ein bitt'rer Kuss, der mir das Lächeln schwerer macht,
    ist alles, was mir dieser Herbst vergönnen wollte.

    Nun ist die Zeit der Einsamkeit - es folgt der Nacht
    kein Tag, an dem der Wind nicht etwas kälter weht,
    ein bitt'rer Kuss, der mir das Lächeln schwerer macht,
    bevor es gänzlich graut und friert und es vergeht...


    ________________________________________________________
    Dieser Post ist ein Gemeinschaftsprojekt von Sturmherz und Coup de grâce


    Quellen:
    [1] http://allpoetry.com/column/784852
    [2] http://en.wikipedia.org/wiki/Terzanelle
    [3]
    http://www.gryphonsmith.com/fileg/verse/Terzanelle.html
    [4] http://www.uni.edu/~gotera/CraftOfPoetry/villanelle.html
    Geändert von Coup de grâce (05.11.2016 um 17:23 Uhr)
    Ich bin definitiv nicht für diese Zeit gemacht.

  2. #32
    Registriert seit
    Jun 2007
    Beiträge
    520

    Okto

    ...hier fehlt doch was...

    Ein Okto besteht aus 8 Zeilen, deren Inhalt vorgegeben ist.

    1. Zeile eine Farbe im Vergleich.
    2. Zeile eine Jahreszeit
    3. Zeile ein Ort mit Attribut
    4. Zeile eine Wetterlage
    5. Zeile eine Bewegung
    6. Zeile ein Kleidungsstück im Vergleich
    7. Zeile ein Gefühl (auch bildhaft)
    8. Zeile eine Handlung/ eine Person /ein Gegenstand.
    Dieses Zitat stammt von der Königin der Nacht, soweit ich mich richtig erinnere. Ich hatte mir das gespeichert und weiß nicht, ob es das Original überhaupt noch gibt.


    Hier die Oktos, die ich auf Gedichte.com finden konnte:
    Vorfrühling
    Trügerische Zeiten
    Alpenflug
    Endlich unendlich
    wildfruchtrot
    Sonnenuntergang
    Freudlos
    "Oh Bär", sagte der Tiger, "ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!"
    "Ja", sagte der kleine Bär, "ganz unheimlich und schön."
    Und da hatten sie verdammt ziemlich recht.

    -Post für den Tiger, Janosch-

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