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    Das Märchen vom Schwarzen Wald

    Das folgende Märchen ist das erste von drei Märchen, die in dem Buch
    „Ende und Anfang – Märchen aus der Zukunft“ erzählt werden.
    Die Hauptperson ist immer ein neugieriges, mutiges Kind, das über seinen Schatten springt, um die Dunkelheit, die über der Menschheit liegt, zu vertreiben.
    Die Märchen sind umrahmt von einigen Gedichten, die von finsterer Verzweiflung, aber auch von heller Hoffnung künden – Gedichte vom nahen Ende und einem neuen Anfang....


    In nicht allzu ferner Zeit
    gibt es Geschichten
    von mutigen Kindern
    will ich berichten
    Erzählungen
    voller Hoffnung und Verzweiflung
    voller Angst und Mut
    noch wird am Ende
    alles gut.

    Viel zu lange schon
    haben die Menschen übertrieben
    Kriege statt Frieden
    hassen statt lieben
    zerstören statt gestalten
    ohne Achtung
    vor den Gewalten
    der Natur.

    Märchen sollen es sein
    denn ohne Phantasie
    gelingt es nie
    diese Welt zu erlösen
    und zu befrei'n.

    Das Märchen vom Schwarzen Wald

    Schon bald wird ein uralter Großvater seinen Enkeln erzählen:
    „Vor langer, langer Zeit, als ich noch so jung war wie ihr, da lebte ich am Rande großer, dunkler, geheimnisvoller Wälder. Dort gab es so viele Bäume, dass man ungezählte Stunden, manchmal sogar Tage, zwischen ihnen umherlaufen konnte, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
    Trotzdem fühlte ich mich dort niemals einsam, denn fröhliches Vogelgezwitscher, das leise, sanfte Murmeln kleiner Bäche, die flink die Abhänge hinuntersprangen und viele andere Geräusche, an die ich mich nur noch schwach erinnere, kündeten von vielfältigem, reichem Leben.
    Ich war allein, ohne verlassen zu sein.
    Die Bäume trugen fast das ganze Jahr über immergrüne Kleider in vielen Schattierungen und Abstufungen. Unter ihnen dämpften ihre Nadeln oder weiches Gras meine Schritte.
    Wenn die Sonne durch die Wipfel schien, dann wirkte alles wie verzaubert, von goldenem Licht durchdrungen.“

    Hier hielt der alte Mann inne und blickte auf die Schar seiner Enkel, die gebannt, mit offenen Mündern und Ohren, um ihn herum saßen und versuchten, sich diese Wälder vorzustellen, die sie nur von Erzählungen und alten, vergilbten Bildern kannten. Florian, das vorlauteste und neugierigste Kind von allen, unterbrach schließlich die Stille und fragte:
    „Großvater, sag, warum gibt es heute keine Wälder mehr? Dort könnte man bestimmt ganz toll spielen und toben.“
    Traurig lächelnd erklärte der Alte: Ihr habt bestimmt schon von der guten Fee Natalinde und ihrem mürrischen, oft schlecht gelaunten Mann Turamon gehört. Man kann nicht sagen, dass dieser böse ist, aber wenn er einmal die Geduld verloren hat, dann kann er sehr wütend werden. Und genau das ist damals geschehen, als viele Menschen ihn nicht mehr ernst nahmen, ihn verspotteten und einige ihn bis aufs Äußerste erzürnten.
    Es hatte schon oft Augenblicke gegeben, in denen Turamon seine Launen an den Menschen ausgelassen hatte: Erdbeben, Überschwemmungen, Unwetter, Missernten, Seuchen, Insektenplagen und viele andere schlimme Dinge ließ er über die Menschen hereinbrechen, doch immer wieder vermochte Natalinde ihn zu besänftigen und so den Schaden irgendwie in Grenzen zu halten.
    Es gibt ein Lied über die beiden. Hört genau zu:


    Natalinde und Turamon


    Die eine voller Schönheit und Anmut
    für alles Leben gut
    der andere voller Zorn und Gewalt
    macht vor nichts und niemandem Halt.

    Natalinde, zu dir kommen wir gerne
    suchen dich oft
    in der Nähe und Ferne
    bist immer freundlich und liebenswert
    bist Schöpfungskraft und Phantasie
    Frühlingserwachen und Herbstvergehen
    erfüllst alles Leben
    mit deiner Magie.

    Turamon, du dunkler Gesell'
    vor dir flüchen wir
    ganz weit und sehr schnell
    bist oft grimmig und unbeherrscht
    bist Zerstörung und Katastrophe
    Winterfrost und Sommerglut
    bedrohst alles Leben
    mit deiner Wut.

    Wir lieben dich sehr, Natalinde
    möchten für immer bei dir sein
    wir hassen dich nicht, Turamon
    doch sei uns nicht böse
    bleib' lieber allein.

    Ihr zwei gehört zusammen
    nichts kann euch trennen
    auch wenn wir euch
    mit verschiedenen Namen nennen.

    Ihr seid in uns
    um uns herum
    zu finden
    höchste Zeit
    uns wieder zu verbinden
    mit der Natur.


    Doch eines Tages waren die Menschen zu weit gegangen. Es gab nur noch wenige, die die beiden achteten. Fast alle dachten, sie könnten tun und lassen, was sie wollten, ohne an Natalinde und Turamon zu denken.
    Es kam der Zeitpunkt, an dem die Maschinen und Kraftwerke der Menschen die Luft verpesteten. Viele neugeborene Kinder starben, andere bekamen starken Husten und oft konnte sich niemand mehr auf die Straße trauen, weil die Luft einfach zu schlecht war.
    Darüber regte sich Turamon fürchterlich auf. Anfangs konnte ihn Natalinde noch beschwichtigen, doch als es immer schlimmer wurde, tat er einen furchtbaren Schwur: „Da ihr überheblichen Menschen euch anmaßt, mir den Atem zu rauben, werde ich euch die Bäume nehmen und mit ihnen die Möglichkeit, jemals wieder frische Luft zu atmen, bis ihr an eurem Dreck erstickt seid.
    Ich werde mich erst dann wieder gnädig zeigen, wenn es einem von euch gelingt, den Weg zu mir zu finden. Aber er muss reinen Herzens sein und die Natur lieben.“
    Zunächst hatte Turamon von Versöhnung überhaupt nichts wissen und sich nur blindwütig an den Menschen rächen wollen, doch Natalinde hatte es geschafft, ihm dieses letzte Zugeständnis zu entlocken.
    Seitdem sucht sie nach einem Menschen, wie ihn Turamon beschrieben hat, doch bisher vergeblich. Keiner hat bisher den Erwartungen ihres Mannes entsprochen, wenn es auch viele versucht haben. Die meisten wollten Turamon überlisten, doch dieser kann bis auf den Grund der menschlichen Seele schauen und jede Unehrlichkeit sofort erkennen.

    In der folgenden Nacht hatte Florian einen seltsamen Traum: Er saß auf einem großen, moosbewachsenen Stein inmitten eines riesigen grünen Waldes, wie ihn Großvater beschrieben hatte. Da blitzte ein Licht vor ihm auf, und eine wunderschöne Waldfee, ganz in zarte Grüntöne gehüllt, erschien und sprach zu ihm: „ Lieber Florian, schon lange habe ich dich beobachtet und mit Wohlgefallen betrachtet. Du hast nun von dem unseligen Fluch meines Mannes erfahren, an dem die Menschen nicht ganz unschuldig sind. Aber es zerreißt mir das Herz, wenn ich euch so leiden sehen, vor allem wegen der Kinder, die ich besonders liebe und die keine Schuld an der Entwicklung trifft. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ihr noch zu retten seid.
    Meine Wahl ist auf dich gefallen. Erstens, weil du ein fröhlicher und aufgeweckter Junge bist und zweitens, weil ich weiß, dass Turamon
    mag er sich auch manchmal böse und finster gebärden, niemals einem Kind Schaden zufügen würde. Sei also guten Mutes und höre mir genau zu: Mach dich auf den Weg und suche den Schwarzen Wald. Er ist der einzige, der noch übrig geblieben ist. Dorthin haben wir uns zurückgezogen. Sprich mit Turamon und versuche ihn umzustimmen. Du musst dich beeilen, denn er trägt sich schon mit dem Gedanken, auch das Wasser versiegen zu lassen, was euren baldigen Tod bedeuten würde. Wir beide müssten uns dann von dieser Welt zurückziehen, weil wir vom Leben abhängig sind. Lass es nicht dazu kommen, denn im Grunde lieben wir diese Welt, jeder auf seine Weise.
    Ich hoffe, dass wir uns bald sehen werden. Wenn es jemand schaffen kann, dann bist du es. Leb' wohl.“

    Am nächsten Morgen konnte sich Florian noch deutlich an jedes Wort von Natalinde erinnern. Kurzentschlossen packte er etwas Proviant zusammen, holte seinen synthetischen Wanderstock aus dem Schrank und trat zur Haustür hinaus. Wie immer fielen ihm sofort die rauchenden Fabrikschlote auf, die ihren gelben Dampf über die Umgebung verteilten. Sofort wurde er wieder von Hustenreiz befallen, doch diesmal stieg auch so etwas wie Wut in ihm empor und ließ ihn hinausschreien: „Verdammt, ich kann Turamon gut verstehen. Wir haben es wirklich nicht besser verdient. O, könnte ich doch einmal den blauen Himmel und die Sonne sehen!“

    Die Menschen, an denen er vorbeilief, würdigten ihn keines Blickes. Sie hatten es eilig, ihren Beschäftigungen nachzugehen und dachten wohl, sie würden etwas versäumen, wenn sie einmal kurz stehenblieben.
    Außerdem gab es ja sowieso nichts zu sehen in diesem nebligen Zwielicht
    Alles wirkte wie versteinert und erfroren. Fröstelnd zog Florian die Schultern hoch und stapfte weiter.
    Lange musste er laufen, bis er die Stadt hinter sich gelassen hatte. Doch auch hier draußen gab es keine Anzeichen von frischem, grünem Leben.
    Einige halbverdorrte Sträucher, staubige Erde, hier und da ein paar gelbe Grashalme, das war alles.
    Als die Nacht hereinbrach, schlug Florian sein Nachtlager in einer kleinen Bodensenke auf. Finsterste Verzweiflung und abgrundtiefe Traurigkeit hatte ihn ergriffen. Es dauerte lange, bis der Schlaf ihn fand in dieser Nacht.

    Er wurde von einem grauen, lustlosen Morgen empfangen. Hinter sich konnte er gerade noch die Umrisse der Stadt erkennen. Wohin sollte er seine Schritte lenken? Ein Weg war nicht zu erkennen. Da bemerkte er zu seinen Füßen winzige Ameisen, die alle in eine bestimmte Richtung krabbelten. Ihnen folgte er.
    Gegen Mittag kam er in ein kleines Dorf. Nur wenige Menschen waren unterwegs.
    Um den Brunnen in der Mitte des Dorfes standen mehrere Leute herum und unterhielten sich aufgeregt: „Der Brunnen hat kaum noch Wasser! Es scheint von Tag zu Tag weniger zu werden. Hoffentlich regnet es bald!“
    War es schon zu spät? Hatte Turamon bereits begonnen, das Wasser versiegen zu lassen? Trotzdem musste er es weiter versuchen.
    Florian trat zu den Menschen am Brunnen und fragte einen von ihnen: „Gibt es denn hier keinen Bach oder Fluss, aus dem ihr euer Wasser holen könnt?“
    „Ja, einst floss hier ein Bach durch dieses Dorf. Doch der ist schon lange ausgetrocknet.“
    „Wo kam dieser Bach denn her?“, wollte Florian wissen.
    „Er entsprang irgendwo dort hinten im Gebirge“, erhielt er zur Antwort.
    „Wisst ihr vielleicht, wo es einen großen Wald gibt?“
    Der Angesprochene lachte laut auf: „Wälder gibt er hier schon lange nicht mehr. Hier findest du nur ein paar armselige Büsche, Steine und Sand. Allerdings soll es einmal vor langer Zeit hoch oben im Norden riesige, dunkle Wälder gegeben haben. Aber das kann auch ein Märchen sein.“
    „Ich danke euch sehr“, entgegnete Florian. „Nun weiß ich, wohin ich gehen muss.“

    Dann wandte er sich nach Norden. Bald stieß er auf den ausgetrockneten Bachlauf.
    Tagelang folgte er diesem. Irgendwann geriet er von der Sandwüste in das Labyrinth einer Felsenwüste – müde, erschöpft und fast am Ende seiner Kräfte. Endete hier sein Weg und damit die Hoffnung für die Menschheit?

    Wie Florian am Ende doch noch den Schwarzen Wald fand, davon erzählt ein Lied:

    Florians Wanderungen


    Überall nur Sand uns Stein
    ein mutiger Junge
    ganz allein
    macht sich auf den Weg
    den es nicht gibt
    weil er diese Welt
    so liebt.

    Tagelang
    irrt er umher
    oft sagt er sich:
    Ich kann nicht mehr!

    Doch immer wieder
    rappelt er sich auf
    folgt des Baches trocknem Lauf
    findet Freunde
    treue Begleiter
    mit ihnen
    geht es weiter.

    Durch die Berge
    mit Hilfe der Zwerge
    sie bringen ihn
    an sein Ziel
    zum Rande des Schwarzen Waldes
    von Turamon und Natalinde
    auf dass er des Rätsels Lösung finde.



    Endlich hatten sie den Schwarzen Wald erreicht. Nun hieß es Abschied nehmen von seinen neuen und doch so vertraut gewordenen Freunden.
    „Ich weiß nicht, wie ich euch danken soll. Ohne euch wäre ich niemals bis hierher gekommen. Ich ...“
    „Halt!“, fiel ihm der Anführer der Zwerge ins Wort. „Du brauchst uns nicht zu danken. Wenn du es nicht vermagst, diese Welt zu retten, dann sind auch wir verloren. Durch unsere Hilfe haben wir nicht nur dir geholfen. Nun begib dich in diesen wundervollen Wald hinein und hilf uns allen. Du bist der einzige, der das jetzt noch schaffen kann. Ich wünsche dir und uns alles Gute. Leb' wohl.“

    Dann zogen die Zwerge davon in Richtung der Berge. Seit längerer Zeit war er nun wieder allein. Er trat auf den Wald zu. Schon bald konnte er einzelne Bäume erkennen – Gebilde, wie er sie noch nie gesehen hatte:
    Waagerechte Äste, mit langen, grünen Nadeln bestückt, nach oben hin immer kleiner werdend, bis sie spitz in den Himmel stachen. Zum ersten Mal in seinem Leben nahm er einen merkwürdigen, würzigen Geruch wahr, der ihn irgendwie berauschte, ohne ihn zu betäuben.

    Hier irgendwo müssen die beiden wohnen, dachte er. Ein Gefühl von Beklemmung, aber auch von freudiger Erwartung ergriff ihn. Da es langsam dunkel wurde, beschloss er, unmittelbar vor dem Anfang des Waldes die Nacht zu verbringen.
    Plötzlich schoss zwischen zwei dunklen Wolken ein Sonnenstrahl hervor und tauchte den Platz, auf dem er sich befand, in mildes, goldgelbes Licht.
    Pfeilschnell kam auf einem Lichtstrahl eine helle Gestalt auf ihn zugeritten: Natalinde!
    Sie nahm den Jungen in ihre Arme, drückte ihn und sagte: „Lieber Florian, ich freue mich so. Du hast es fast geschafft. Morgen wirst du Turamon kennenlernen. Fürchte dich nicht vor ihm, denn ich glaube, du hast sein Herz schon gewonnen, auch wenn es ihm schwerfallen wird, dir das zu zeigen. Aber so ist er nun einmal. Eine allerletzte Prüfung hast du noch zu bestehen. Dabei musst du auf dich und deine Eingebungen vertrauen, dann wird es dir gelingen. Nun schlaf' gut, denn morgen wird sich nicht nur dein Schicksal erfüllen.“

    Am nächsten Morgen wurde er zum ersten Mal in seinem Leben von der Sonne geweckt, die ihm direkt in die Augen schien. Nach den ersten Schritten in den dunklen Wald hinein begleiteten ihn noch immer vereinzelte Sonnenstrahlen, die das Gras auf dem Boden leuchten und strahlen ließen, so dass er sich nicht mehr ganz so verlassen fühlte.
    Die Erzählungen seines Großvaters fielen ihm ein, und er lächelte.
    Gegen Mittag blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen und sein Herz schlug schneller, denn vor ihm, auf einem großen Felsen hockte – Turamon!
    Obwohl er saß, wirkte er riesig in seiner dunklen, zerrissenen Lederkleidung, mit seinen langen, dunkelbraunen Haaren, die irgendwie an feine Äste erinnerten. Seinem Gesicht entspross ein langer, dichter Bart.
    „Komm!“, brummte er Florian entgegen, sprang vom Stein herunter und ging mit weitausholenden Schritten voran, so dass Florian fast rennen musste, um ihm zu folgen.
    Schließlich hielten sie vor einer Hütte, deren Wände aus Baumstämmen bestanden.
    „Tritt ein, Kleiner“, ließ sich wieder Turamons dumpf grollende Stimme vernehmen, „und iss mit uns.“
    Drinnen saß auch Natalinde am Tisch und lächelte dem Jungen aufmunternd zu.
    Nach dem schweigsamen Mahl, bei dem Florian nur ab und zu mal aufgesehen hatte, um einen kurzen Blick auf diesen finsteren, aber nicht bösartigen Hüter des Waldes zu werfen, traten sie auf eine kleine Lichtung hinter der Hütte. Kahle Bergkuppen und felsige Hügel, über denen ein grauschwarzer Dunstschleier hing, erstreckten sich ringsherum, so weit das Auge reichte.
    Turamon erklärte: „Ja, sieh nur genau hin. Das alles ist das unselige Werk der Menschen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schön und lebendig das alles einmal war. Es liegt nun an dir, ob die Menschen eine zweite und letzte Chance erhalten. Du hast deine Sache bisher sehr gut gemacht. Darum musst du nur noch eine einzige Frage richtig beantworten.
    Dort drüben steht ein Apfelbaum, an dem volle, reife Früchte hängen. Sie schmecken sehr gut, sind gesund und nahrhaft. Ihm gegenüber kannst du eine mächtige Tanne erkennen. Jetzt sag mir, welcher Baum wichtiger ist!“

    Zunächst erschien Florian die Antwort auf diese Frage sehr leicht. Natürlich war der Apfelbaum wichtiger, denn seine Früchte konnte man essen. Er hatte einen direkten Nutzen für den Menschen.
    Das konnte man von dieser Tanne nicht behaupten. Sie war zwar schön und herrlich anzusehen, aber – aber war das nicht genauso wichtig: Schönheit, an der man sich freuen konnte, die einem ein Gefühl von …
    von vielleicht Ehrfurcht vermittelte, die frei von Angst ist?
    Es dauerte lange, bis Florian zaghaft erwiderte: „Lieber Herr Turamon, ich kann mich nicht entscheiden. Ohne den Tannenbaum würden mir die Äpfel nicht schmecken, ich würde mich einfach nicht wohl fühlen. Und ohne den Apfelbaum hätte ich nichts zu essen. Ich glaube, ich … ich habe versagt.“
    Florian schlug die Hände vors Gesicht und wagte nicht, die Augen zu öffnen.
    „Aber nein“, ertönte da die Stimme Turamons, die jetzt einen sanften und weichen Klang hatte, deine Antwort war völlig richtig. Der Apfelbaum trägt zur Ernährung bei, aber die Tanne, die sich mit ihren Verwandten auf Höhen wohlfühlt, auf denen kein Obstbaum gedeihen würde, sorgt mit ihren Nadeln das ganze Jahr über für reine Luft. Beide Bäume, alle Bäume werden gebraucht und sind wichtig.
    Die Menschen müssen endlich damit aufhören, alles Leben in gutes und schlechtes zu unterteilen, es voneinander abzuspalten und gegeneinander auszuspielen. Das Leben kann auf Dauer nur als Einheit fortbestehen.
    Du hast diese Wahrheit in deiner kindlichen Unvoreingenommenheit erkannt. Nun geh wieder zu den Menschen zurück und hilf ihnen, die Spuren der Zerstörung und Zersplitterung zu beseitigen.
    Natalinde und ich werden euch dabei unterstützen, so gut wir können, wenn auch ihr euch nach Kräften bemüht. Trotz allem hat es diese Welt verdient, zu überleben. Leb wohl!“
    Geändert von Dr. Üppig (24.09.2013 um 22:47 Uhr)

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