1. #1
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    Christian Morgenstern: Die Nähe (Interpretation)

    Hallo, meine Lieben!
    Es ist mir fast schon peinlich, es zuzugeben, aber ich habe absolut keine Ahnung, wie ich das Gedicht "Die Nähe" von Christian Morgenstern zu interpretieren habe.
    Ich habe auch schon versucht, im Internet Gedankenanstöße zu finden, aber gerade dieses Gedicht scheint niemand jemals interpretieren zu wollen.
    Ich hoffe, ihr könnt mir helfen: Entweder durch eure eigenen Gedanken oder indem ihr doch eine hübsche Seite findet, auf der ich mich belesen kann
    Fragen, die mich am meisten interessieren:
    1) Wofür steht die Nähe?
    2) Wer steckt hinter dem Komparativ?
    3) Steht die Farbe Gelb hier für den Neid?
    4) Was bedeuten die Steigerungen für die Nähe?
    5) Warum nimmt die Nähe dies alles einfach so hin?
    6) Was bedeutet "und nähte Putz"?
    7) Wer ist Frau Nolte (erinnert mich irgendwie an Märchen...)?
    Wenn ihr natürlich nicht nur diese Fragen beantworten könnt/wollt, freue ich mich natürlich auch sehr.
    Es handelt sich ja, wie schon erwähnt, eigentlich bloß um Gedankenanregungen
    Vielen lieben Dank im Voraus,
    Eure Thrillermietze

    Hier findet ihr noch das Gedicht:http://www.gedichte.com/gedichte/Chr...stern/Die_Nähe

    PS: Es wäre schön, wenn sich jemand bis spätestens 31.10.13 damit beschäftigen könnte...
    PPS: Ihr könnt mir auch, wenn es euch so besser gefällt, gern eine PN schicken
    Geändert von Thrillermietze (21.10.2013 um 12:04 Uhr)

  2. #2
    mooney Guest
    Die Nähe ging verträumt umher
    Sie kam nie zu den Dingen selber.
    Ihr Antlitz wurde gelb und gelber,
    und ihren Leib ergriff die Zehr.
    Will uns sagen: Die „Nähe“ – die man heute wohl mit dem neudeutschen Begriff „Empathie“ übersetzen oder umschreiben könnte – suchte ein Objekt oder einen Partner in sich selbst und fand beides nicht. Sehr intensiv, erfahren wir, habe sie nicht gesucht oder suchen können; ihrem Wesen nach war sie wohl ziemlich abgehoben. Heute sucht und findet man solche Konstellationen in der Esoterik; der diagnostizierte Leberschaden dürfte eher psychosomatischer Natur denn suffbedingt zu werten sein.

    Doch eines Nachts, derweil sie schlief,
    da trat wer an ihr Bette hin
    und sprach: “Steh auf, mein Kind, ich bin
    der kategorische Komparativ!
    Hier verlässt der Dichter die ursprüngliche, beschreibende Ebene und führt eine handelnde Person namens „kategorischer Imperativ“ ein. Natürlich spielt Morgenstern dabei auf Kants „Kategorischen Imperativ“ an („Die Maxime deines Willens sei zugleich Gegenstand einer für alle geltenden Gesetzgebung“), meint ihn aber nicht, sondern bleibt beim banalen „kategorischen“ Imperativ à la „citius, altius, fortius!“ (höher!, schneller!, weiter!).

    Ich werde dich zum Näher steigern,
    ja, wenn du willst, zur Näherin! –
    Die Nähe, ohne sich zu weigern,
    sie nahm auch dies als Schicksal hin.
    Der Herr namens „kategorischer Imperativ“ nimmt die Qual der „Nähe“ nicht ernst, sondern macht sich lustig über sie wie ein Till Eulenspiegel. Er steigert die Nähe nur im sprachlichen Sinne, wobei er aber grammatikalisch unsauber wird – steigern kann man nur Adjektive oder Abverbien, nicht aber Substantive. Die „Näherin“ ist dann erst recht voll im Quatsch drin. Keine Metamorphose, sondern Blödsinn. Heute würde man sagen: „Ein müder Kalauer!“

    Als Näherin jedoch vergaß
    sie leider völlig, was sie wollte,
    und nähte Putz und hieß Frau Nolte
    und hielt all Obiges für Spaß.
    Hier wünscht sich der Dichter am Ende selbst, der Sprech-Quark, den er da in nur ein paar Minuten angerührt haben dürfte, sei wirklich ein „Spaß“. Es ist aber nur dummes Sprachspiel, wie es etwa der selige Heinz Erhard nicht müde wurde, zu spielen.

    Eine Putznäherin war eine, die Applikationen auf Kleidungsstücke oder Taschen nähte, jedenfalls aber eine Näherin. Nolte ist ein Allerweltsname.

    Lg

    mooney

  3. #3
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    hallo thrillermieze

    ich sehe bei mooney ab und zu eine ironische augenbraue hochgezogen und ich kann das verstehen.
    könnte es sein, dass morgenstern schlicht ein spassvogel war?
    wie wird denn von den literaturexperten "ein knie ging einsam um die welt" interpretiert?
    wenn die dort etwas politisch relvantes oder tiefenpsychologisch erklärbares gefunden hätten, müsste es entsprechendes sicher auch zu deinem text geben.

    lg wilma27
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  4. #4
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    1) Wofür steht die Nähe?
    Es findet hier eine Personifizierung der Nähe statt, als einen Subjekt, der sich paradoxerweise nach Nähe sehnt. Man kann, angesichts des weiteren Textverlaufs, darüber nachdenken, die Nähe als eine Verkörperung des Weiblichen zu betrachten.

    2) Wer steckt hinter dem Komparativ?
    Das ist ebenso wie bei der Nähe: So wie die Nähe die Nähe ist, ist der Komparativ der Komparativ. Morgenstern baute sehr gerne metasprachliche Spiele in seine Gedichte ein. (Das bedeutet, dass der Text über den Text selbst spricht, also dass der Begriff "nah" tatsächlich gesteigert wird zum "näher".) Es findet also wieder eine Personifikation statt.

    3) Steht die Farbe Gelb hier für den Neid?
    Man könnte das in Betracht ziehen, andererseits auch einfach als Ausdruck des Krankseins des Subjekts (-> "und ihren Leib ergriff die Zehr.")

    4) Was bedeuten die Steigerungen für die Nähe?
    Zum einen, wie oben schon gesagt, tatsächliche Steigerungen; andererseits ist "Nähe" ja kein Adjektiv, also sind da mindestens zwei weitere Betrachtungsweisen möglich (von denen, die ich sehe, mit meinem begrenzten Wissen ). Die erste wäre die Steigerung der Nähe von einer Personifikation zu einer tasächlichen Person, sozusagen die Nähe zum Leben, zu den "Dingen", die in der 1. Strophe erwähnt werden. (Man beachte aber, dass sie als Mensch die Dinge ebenso nicht erreichen konnte, S. 4.) Die zweite Betrachtungsweise basiert auf der Steigerung vom männlichen Näher zur weiblichen Näherin (!), womit man die Interpretation auch genderspezifisch weiterverfolgen könnte. Dabei beachte man auch, dass der Komparativ männlich ist; auch für ihn ist die Änderung vom Näher zur Näherin eine Steigerung.

    5) Warum nimmt die Nähe dies alles einfach so hin?
    Man kann das auf das Motiv des weiblichen Schicksals stützen, man kann aber auch mit der Sehnsucht der Nähe argumentieren, die sie vielleicht in der Steigerung durch den Komparativ als erfüllt sieht.

    6) Was bedeutet "und nähte Putz"?
    Das hat mooney ja schon beantwortet.

    7) Wer ist Frau Nolte (erinnert mich irgendwie an Märchen...)?
    Auch da verweise ich auf meine Vorredner.
    _____________________________

    Allgemein bei der Interpretation hilft es, sich vor allem Morgensterns eigene Aussage zu seiner Lyrik vor Augen zu führen: "Spiel - und Ernst=Zeug". Es sind Wortspielereien, die einen nachdenklichen Kern haben; man lächelt zuerst und überlegt dann ne Weile. Wichtig bei einer Interpretation ist, dass du deine sicht gut am Text belegen kannst, entferne dich nicht zu weit davon mit Assoziationen und Vermutungen. Auch ist es nicht gut, mehrere Interpretationsstränge gleichzeitig zu verfolgen, es sei denn, sie überschneiden sich (wie, bspw., hier ).
    Falls meine Vermutung über eine schulische Ursache für das gestiegene Interesse an Morgenstern korrekt ist, dann hängt natürlich einiges auch von der Lehrkraft ab. Manche haben eine klare Vorstellung von einer richtigen Antwort im Kopf und erwarten auch von Schülern Antworten, die sich mit dieser weitgehend decken. In solchen Fällen musst du wissen, was der Lehrer von dir will, dass du schreibst.

    Das wären so meine Denkansätze zu diesen Gedicht. Sie sind natürlich nicht sehr ausführlich und haben keinen Anspruch auf Richtigkeit. Ich hoffe, dass ich damit etwas helfen kann.

    mfG

  5. #5
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    Vielen Dank an alle Bemühungen, ich habe mich dann letzten Endes für ein anderes Gedicht entschieden.
    Der Faden kann nun geschlossen werden, wenn niemand mehr etwas hinzuzufügen hat.
    Vielen Dank,
    TM

  6. #6
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    Ja, mir scheint es hintersinnig, daher vielleicht noch um einen Gedanken ergänzenswürdig.
    Morgensterns "kategorischer Komparativ" bezeichnet inzwischen als kultur- bzw. wirtschaftspolitischer Begriff - soweit ich das beurteilen kann - dieses Maßlosigkeitsphänomen, alles immer schneller, weiter, höher zu treiben.

    Im übertragenen Sinn würde das "Immer-Näher-Sein" die Nähe in Wirklichkeit immer weiter von sich selbst und den Dingen entfernen.
    Hat das wohl was mit Konfuzius zutun: "Wenn wir die Dinge nicht bei ihrem wirklichen Namen nennen, bedeuten die Worte nichts mehr." ?

  7. #7
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    Moin.

    Schon etwas seltsam dieses Gedicht.
    Im Sinne von „die Nähe“, nah zu sein, gibt es wohl zig Interpretationen. Eben individuelle Interpretationen.
    Man kann den Begriff:“die Nähe“ nicht in einem gesetzlichen Nenner bringen, er wird immer variabel bleiben.
    Manches lässt sich eben nicht mit Logik festlegen. Anstatt die Nähe, hätte man auch:“ die Liebe“, „die Kälte“ usw. nehmen können. Keines ist wirklich, absolut gleichwertig messbar.
    Und dieser Logik folgend, ist dieses Gedicht.

    Mehr eine Satire auf jene Menschen, die sich über Kleinigkeiten (Interpretation „der Nähe“) einen Kopf machen.
    Für mich eine Satire, doch es wird Menschen geben, die in den Zeilen hier, Außergewöhnliches erkennen werden.

  8. #8
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    Korrekt.
    Den Schwarzen Peter haben am Ende immer die Schüler.

  9. #9
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    Hallo, danke nochmal an die 2 Nachsätze von horstgrosse2 und Ney, aber das Thema ist schon lange abgehandelt, wenn also niemand etwas dagegen hat, bitte ich die Moderation, das Thema zu schließen.
    LG,
    Thrillermietze

  10. #10
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    Auf Wunsch der Eröffnerin geschlossen.

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