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  1. #16
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    Platz 5 ist Gedicht 12 von Kyrill:

    VERFALL

    deine prachtbauten
    richteten gönner auf
    nahmen dich so in kauf
    zeigten dich vor
    öffneten dir tor
    und tür

    deine prachtbauten
    hielten die männer aus
    ernteten den applaus
    und sonnten sich
    im ballhauslicht
    mit dir

    und du warst
    blind

    dein schöner schein
    liegt schon im schatten
    bemalte attrappen
    liegen jetzt brach
    kaltes gemach
    verwaist

    dein schöner schein
    wird bald verblassen
    knochenlippen küssen
    deinen stolz müde
    hoffst deine würde
    bleibt

    und du siehst
    was du bist

  2. #17
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    Mit Platz 4 verpasste Gedicht 7 von wilma 27 nur knapp das Treppchen:

    In Memoriam

    Das hätte dem Alten gefallen:
    Die Schöne in Fängen des Biests,
    von gläsrernen, klirrenden Krallen
    halbiert! Sie erfühlt‘s, ja, sie sieht‘s

    und erstarrt in der stummen Erregung
    des willigen Opfers. Die Zeit
    dilatiert sich, bis keine Bewegung,
    kein Hauch mehr... Nun ist sie bereit,

    geschminkt und geputzt und gepudert,
    sich voll ihrer Schönheit bewusst,
    betrügt die Vergänglichkeit, ludert
    entrückt in der glasklaren Lust

    mit dem Schöpfer des ewigen Lebens
    im stillen Boudoir, wo man spät
    am Abend sie suchte. Vergebens.
    Zerbechlich ist, was der Prophet

    und Kritiker, Künder der Wahrheit
    als Einziges, Bleibendes sah.
    Der Spiegel der Liebe, die Klarheit
    des Todes, sie sind sich zu nah.

  3. #18
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    Platz 3, und somit die Bronzemedaille, wird an Gedicht 13 von picasu/Grünhafen verliehen:

    Blind


    Die Schminke mag ihr wohl als Maske taugen,
    das Rot der Lippen voll zur Geltung bringen -
    gepudert dort und hier der letzte Strich.
    Die Haare sind gesteckt, der Schmuck ist rar,
    der Duft von Rosen und das Kleid gewagt -
    ein leichtes Lächeln noch bevor sie geht.

    Im Festsaal prangt die platte Pietät
    der Eitelkeit, und wenn sie jemand fragt,
    dann weiß sie nicht mehr, wer sie vorher war,
    verfällt in Phrasen und verändert sich;
    getrieben von bedeutungslosen Dingen -
    umringt von leeren Köpfen ohne Augen.

    Die Jury meinte hierzu:
    Juror 1: Ein Text, der mir seinen tiefsinnigen Gehalt erst auf den eher "dritten Blick" offenbarte, auf Anhieb fielen mir die Spiegelung der Reimendungen und die - ebenfalls spiegelbildlich eingestreuten - Alliterationen positiv auf. Über die Frage, für wen sich die Protagonistin denn schminkt, wenn sie doch nur von augenlosen, leeren Köpfen umringt wird, entschlüsseln sich dann die doppelte Bedeutung des Titels und das Bild von der Beziehungslosigkeit des Menschen, der weder den anderen, noch sich selbst in seinem/ihrem Kern wahrzunehmen in der Lage ist und dies auch nicht reflektiert. Vor diesem Hintergrund entpuppen sich der Übergang von der weichen L-Alliteration im letzten Vers von S1 zur explosiven P-Alliteration im ersten Vers von S2 sowie der unreine Reim geht/Pietät als vermutlich sehr bewusst und auch gekonnt gesetzt, versinnbildlichen sie die Verzerrung durch den Spiegel in die Entfremdung. Die Interpretation des Totenkopfs als Symbol für Hohl- und Blindheit empfinde ich als erfrischende Abweichung vom üblichen Vanity-Motiv, aber ebenso passend. Von daher hier in Punkto Originalität und innovation ebenfalls volle Punktzahl. Ein Zeichenfehler (S1V6), der unklare Bezug des "sie" (syntaktisch liegt es zu nah an der Eitelkeit...) in S2V2 und die relative einfachen Reime haben zu geringen Abzügen geführt.

    Juror 2: Die zweite Strophe leidet inhaltlich und sprachlich etwas unter der formalen Vorgabe, aber grundsätzlich gelungen.

    Juror 3: Reim als Spiegelebene gefällt, aber Reim als Stilmittel schwach.

    Juror 4: Die feste rhythmische Struktur sitzt perfekt wie das imaginäre Korsett der Protagonistin. Stilistisch bleibt das Werk in weiten Teilen zu beschreibend und der Autor wagt erst in S2 etwas mehr Verdichtung

    Juror 5: Formal und Inhaltlich sehr sauber. Der Text gefällt mir sehr gut. Die Wortwahl sowie der Satzbau wirken dynamisch, bauen eine Stimmung auf und können den Leser fesseln. Auch Metrik und Reime überzeugen mich. Vor allem das gespiegelte Reimschema ist ob dem Thema sehr gut umgesetzt. Der Inhalt ist nahe am Themenbild, gleichzeitig ist allerdings auch eine eigenständige, kreative Leistung zu erkennen. Mir gefällt es auch, dass die erste Strophe genützt wird, um erst einmal Ort und Person zu beschreiben, während in S2 dann die eigentliche Aussage getroffen wird. Diese Planung, die hinter dem Aufbau steckt, und die man auch an inhaltlichen und formalen Aspekten erkennt, überzeugt mich.
    AE: Ein sehr guter erster Eindruck. Hier passt alles gut zusammen, alles ist aufeinander abgestimmt. Im Gesamtpaket ein wirklich überzeugender Text. Volle Punkteanzahl! F: Der Strophenaufbau gefällt mir in Kombination mit dem Reimschema sehr gut. Volle Punkteanzahl! H&K: Sehr schöne Reime, tolles Reimschema. Metrik passt. Die Wortwahl ist sehr passend, die Themenkreise, aus denen die Nomen im Text stammen, passen sehr gut zum Thema. Es werden auch tolle Bilder vermittelt, insbesondere der letzte Vers ist beeindruckend. I: Das Thema wurde sehr gut behandelt. Der Inhalt gefällt mir sehr gut. KFI: Form und Inhalt ergänzen sich in diesem Text sehr gut. Das fängt bei der Wortwahl an. Hier werden auch bildlicher Ebene Verknüpfungen zugelassen (z.B. Rot der Lippen … Rosen), diese werden dann klanglich weitergesponnen (bedeutungslosen), etc. Dieses Zusammenspiel gefällt mir sehr gut. Auch das Reimschema passt sehr gut. Mein Highlight des Wettbewerbs sind die „leeren Köpfe ohne Augen“. Was KFI betrifft, ist dieser Text der beste des Wettbewerbs.Volle Punkteanzahl. UMT: Das Thema wurde sehr solide gewählt und hervorragend umgesetzt.

  4. #19
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    Platz 2 errang nach hartem Kampf Gedicht 4 von Anti Chris.:

    Ich will in einen Bernstein die Gedanken fassen


    Ich will in einen Bernstein die Gedanken fassen,
    so - strafst du mich mit Flüchtigkeit - bleibst du doch mein.
    Nicht Atem und nicht Puls darf heute Nacht verblassen,
    will ich doch morgen noch wie gestern bei dir sein.

    So strafst du mich mit Flüchtigkeit, bleibst du doch mein
    geliebtes Herz. Verschließ' dich, Blume, nicht im Schatten,
    will ich doch morgen noch wie gestern bei dir sein,
    im dunklen Heute nicht: in Tagen, die wir hatten.

    Geliebtes Herz, verschließ' dich, Blume, nicht im Schatten.
    Du flüchtest, aber ich nicht: Schatten halten mich
    im dunklen Heute, nicht in Tagen, die wir hatten
    und eine Welt vergeht wie du und ohne dich.

    Du flüchtest, aber ich - nicht Schatten halten mich,
    nicht Atem und nicht Puls - darf heute Nacht verblassen,
    und eine Welt vergeht wie du und ohne dich:
    Ich will in einen Bernstein die Gedanken fassen.

    Was die Jury dazu sagte:
    Juror 1: Ein Pantum von hoher Kunstfertigkeit (Sehr schön, wie hier trotz der starren Form die vorgeschriebenen Wiederholungen syntaktisch neu und z.T. sogar mit Enjambements geflochten werden!), weshalb der Text auch so weit vorn landet, obwohl ein Bezug zum Bild für mich so gut wie nicht zu finden ist: Ein LI redet mit einem LD, das m.E. nicht dem Spiegel entsprechen kann. Der Totenkopf als Symbol für Flüchtigkeit scheint mir zu weit hergeholt. Also: toller Text, aber hier leider fehl am Platz.

    Juror 2: Das erste gelungene Pantum, das ich lese. Die unterschiedliche Interpunktion schafft Spannung. Dennoch bleibt der Inhalt weit hinter der Kunstfertigkeit der Form zurück. Zuviel muss zwei-, dreideutig gehalten werden, um der Form zu genügen.

    Juror 3: Pantum als Hin und Her zwischen Ich und Spiegel. Gefällt mir.

    Juror 4: Sprachlich spielerisch, handwerklich versiert. Die Motive spiegeln und verfolgen sich durch die Zeilen. Die letzte Zeile schließt sich wie eine Umarmung um den Text; versöhnlich und voller Wehmut.

    Juror 5: Im Gesamtpaket einer der besten Texte. Der Text punktet insbesondere mit tadelloser Form, ein Bereich, bei dem andere Texte viele Punkte liegen gelassen haben. Die Form – es liegt ein Pantum vor – wird tadellos eingehalten. Das Pantum funktioniert sogar, ohne langweilig zu wirken. Die einzelnen Verse passen hervorragend und werden Strophe für Strophe, Vers für Vers mit neuem Inhalt gefüllt. Was mir an diesem Text besonders gut gefällt, ist der dynamische Satzbau. Mir gefällt es, wie mit der Form des Pantums hier gespielt wird. Auch passt die Form, in der immer gleiches doch nicht gleich zu sein scheint, sehr gut zum Spiegel. Die Wortwahl ist mehr als passend, sie passt hervorragend.
    Erklärung der Bewertung: AE: Tadelloser Eindruck. Es gibt nichts zu meckern. Volle Punkteanzahl. F: Volle Punkteanzahl. Die Form wurde sehr schön verwendet. H&K: Handwerklich sehr sauber, was Metrik, Reim, Wortwahl, etc betrifft. Die Sprache kann mich überzeugen, sie ist auch bildlich. I: Sehr gute Erfüllung des Themas, alle wesentlichen Aspekte wurden aufgegriffen und auf gekonnte Art und weise verdichtet. KFI: Form und Inhalt ergänzen sich in gekonnter Art und Weise. Wie bereits angesprochen erfüllt auch die Form des Pantums ihren Zweck sehr gut. UMT: Das Themen wurde sehr gekonnt behandelt. Der Text kombiniert Elemente des Bildes miteinander, weist allerdings dennoch eine gewisse Eigenständigkeit auf – stimmungsmäßig wurde das Bild allerdings sehr gut getroffen.
    Geändert von WBL (02.11.2013 um 14:07 Uhr)

  5. #20
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    Ganz oben auf dem Treppchen landete auf Platz 1 Gedicht 6 von Melete:

    Spiegelansicht

    Die junge Frau, die sich in mir betrachtet,
    genießt, was meine Oberfläche zeigt.
    Solange sich das Leben zu ihr neigt,
    glaubt Jugend, Ewigkeit sei fest gepachtet.

    Mein wahres Wesen lässt sie unbeachtet.
    Nein, Tiefe bleibt ihr fremd, es übersteigt
    ihr Wissen, dass die Zeit vergeht und schweigt.
    Des Schattens Gegenwart wird nicht geachtet.

    Die Schönheit dieser Frau, sie ist Legende,
    raubt manches Herz und wirft es lieblos fort;
    indes, ich weiß: Was blüht, ist rasch verdorrt.

    Im Anfang wartet allezeit das Ende,
    dem Sonnenaufgang folgt das Abendrot,
    ein jedes Leben mündet in den Tod.

    Zur Urteilsbegründung:

    Juror 1: Ein klassisches Sonett, das sowohl formal als auch bezüglich der dialektischen Struktur die Kriterien fast perfekt erfüllt, einzige Schönheitsfehler der unechte Reim -achtet im zweiten Quartett und ein metrischer Holperer in S1V3. Originell für mich die Beobachtung aus der Sicht des Spiegels, die Botschaft fällt jedoch sehr erwartungsgemäß aus, hier gibt es also leichte Abzüge für die Innovation.

    Juror 2: Ein formvollendetes Sonett in einfacher Sprache; passt formal zur "Vanitas"-Vorgabe.

    Juror 3: Außer des umarmenden Reims im 2. Quartett ein tolles Sonett.

    Juror 4: Klassisches, handwerklich solides Sonett mit Memento Mori in den Terzetten. Eine Reminiszenz an die Schönheit und Eitelkeit einer Jugend, die sich unsterblich wähnt. Sprachlich ansprechend gestaltet, einzig Titel und letzter Vers sind etwas flach geraten.

    Juror 5: Inhaltlich und formal ein sehr schöner Text – sehr gut gelungen und einer der besten Texte des Wettbewerbs. Der Text wird aus Sicht des Spiegels präsentiert. Das Thema der Vergänglichkeit steht prinzipiell dem Barock nahe – hier wurde die dominierende Form der Zeit gewählt: Das Sonett. Es passt sehr gut zum Thema und wurde auch sehr gut umgesetzt. Einziger formaler Fehler ist der Beistrichfehler in V4. Ansonsten ist der Text wirklich gut gelungen. Die Antithesen, wie etwa „Was blüht, ist rasch verdorrt.“ sowie die gesamte letzte Strophe gefallen mir ganz besonders, insbesondere, wenn man sie mit den typischen barocken Werken von Gryphius etc vergleicht. Gerne gelesen.
    Erklärung: AE: Eine sehr gute Idee, eine sehr gute Umsetzung. Auch wenn sich in der ersten Strophe ein Interpunktionsfehler findet, wird der gute Eindruck keinesfalls gestört. Volle Punktezahl. F: Hervorragende Form. Auch wenn ich für die sehr gute Form gerne die volle Punktezahl vergeben möchte, muss ich zumindest einen halben Punkt für den Beistrichfehler abziehen. H&K:Insbesondere die Antithesen sind wirkungsvoll und können mich überzeugen. I: Die Perspektive ist sehr gut gewählt, der Inhalt ist auf sehr ansprechende Art und Weise vermittelt worden. Die Antithesen können auch inhaltlich überzeugen. KFI: Die Form trägt den Inhalt perfekt – sowohl das Sonett an sich als auch die Antithesen sind stimmig und passend. Volle Punktezahl! UMT: Sehr gute Themenumsetzung: Ohne Frage: Volle Punkteanzahl!
    Geändert von WBL (02.11.2013 um 14:07 Uhr)

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