Die Nacht war zum Tag und der Tag war zum Schatten des heimischen Schlafzimmers geworden. Die dicken und roten Baumwoll-Vorhänge umgab lediglich eine schwache Silhouette von Tageslicht. Die Dunkelheit war im dritten Obergeschoss des Mehrfamilienhauses auf der Dümpter-Pfad-Straße 39 eingezogen und ausziehen wollte sie nicht. Denn fest in ihrem Griff lag ein zerbrochenes Herz und schützte es vor dem Zerfall in viele kleinere Teile. Das Herz war in der Dunkelheit. Ein kaltes und erstarrtes Leben. Zu müde, um seinen Schlag zu beschleunigen. Zu entkräftet, um zu schreien.So saß dieses Herz in einer jeden Nacht wach vor dem Fernseher. Es mied den Tag und die ihm innewohnende Schwere. Die Programme im Fernsehen flogen vorbei. Stumme Bilder, die nicht für sich sprachen, weil sie keinen Inhalt hatten. Gelauscht wurde dem Wind durch das offene Fenster. Gedanken von Wert vermochte das Herz nicht zu ersinnen. Erinnerung waren eine Last und aus Angst zu zerbrechen ermattete es.

Es war leer wie das Grab eines Geschändeten und fühlte sich gleich dem Toten, den man in stürmischer Nacht im Regen hatte liegen lassen. Das Herz war gebrochen und den Willen hatte man ihm geschändet. Das herz hatte eine Mauer der Geistlosigkeit um sich herum geabut und verzweifelter Moos schwemmte die Fugen bereits auseinander. Die alles umfassende Pupille der Dunkelheit lag groß und schwer auf diesem Herzen, aber sie gab halt.

Wie jeden Abend lauschte er dem Wind durch das offenstehende Fenster. Aber es war nicht windig. Es war kalt und regnete und die Straße wurde nass. Die letzte brennende Lampe im Wohnzimmer war in den letzten Tag dunkler geworden. Wollte er nicht komplett in der Dunkelheit leben, dann musste er sich um eine neue Lampe kümmern. Den Fernseher als letzte Lichtquelle zu wissen war ein ekliger Gedanke, der ihm den Hals zuschnürte. Unter lautem Stöhnen erhob er sich aus dem Sessel und schleifte in den Flur der Wohnung. Die große und schwere Uhr, die man regelmäßig aufziehen musste, begann zu schlagen. Es war zwei Uhr in der Nacht.

Im nicht begehbaren Abstellraum fand er abgelaufene Konserven. Wenn er Zeit hatte, dann wollte er sie wegwerfen. Aber nicht jetzt. Eine Lampe konnte er nicht finden, lediglich eine Taschenlampe ohne Batterien. Kerzen hatte er auch keine. Er schloss die Schranktür und rieb sich die müden Augen. Er war immer müde vom Nichtstun. Das zerzauste Haar stand ihm wirr auf dem Kopf und war grau. Der Spiegel im Flur, der ihm hätte sagen können, dass er fürchterlich aussah, war beim letzten Versuch sich mitzuteilen zerschlagen worden. Dies belegten die auf dem Boden liegenden Scherben.

Er wollte gerade in‘s Wohnzimmer zurück, als er plötzlich ein seltsames Geräusch im Hausflur hörte. Es klang wie ein flüsterndes Gewirr von Stimmen irgendwo im Hausflur. Er ging näher zur Wohnungstür. Das Geräusch wurde deutlicher. Eine zischelnde Stimme, die sich im Hall des Treppenhauses verflüchtigte. Er schaute durch den Spion an der Tür, konnte aber nichts sehen. Dunkelheit herrschte im Treppenhaus und verbarg das seltsame Geräusch. Er überlegte kurz, warf die Angst aber dann von sich und riss die Tür auf. Ein schneller Griff um die Ecke in die Dunkelheit hinein und der Druck auf den richtigen Schalter flutete das Treppenhaus mit Helligkeit. Das Klacken der Sicherung im Keller hallte durch den Hausflur. Dann war es wieder ruhig. Er spitze seine Ohren und kniff die Augen zusammen. Nichts. „Hallo?“ Sein Ruf hallte durch das Treppenhaus. Nichts. Er schüttelte den Kopf. Wahnsinn konnte schnell den Acker des gesunden Geistes verwirren. Das wusste er und seine gegenwärtige Lebensweise ließ ihn nicht daran zweifeln den Wahnsinn als eventuellen Wegbegleiter ertragen zu müssen. „Hallo?“ rief er erneut. Wieder verhallte der Ruf und die Stille kehrte zurück. Das Licht verschwand und mit einem Schlag holte die Dunkelheit sich das zurück, was rechtmäßig ihr gehörte: die Nacht. Erneut drückte er den Lichtschalter, hörte wieder das Knacken des Sicherungsschalters im Keller und spitze erneut die Ohren. Er schüttelte den Kopf, ging rückwärts in den Flur und schloss die Tür. „So ein Scheiß“, fluchte er auf dem Weg in‘s Wohnzimmer.

Zusammengefallen in seinem Sessel weigerte er sich an früher zu denken. Er verdrängte die Nächte, in denen Dämonen, Feen und Geister aus dem Kellerschacht krochen. Als fürsorglicher Vater musste er diese Geschöpfe, die nur in der Nacht kamen und die Tränen seiner Tochter stehlen wollten, vertreiben. Er schaute unter das Bett, schaute in den Kleiderschrank, den er anschließend verschloss, schaute in die Schubladen des Schreibtisches und letztlich schaute er aus dem Fenster. Zu guter letzt nahm er das Kissen, horchte, ob keine Stimme sich darin befand, und bettete anschließend den kopf seiner Tochter darauf. Mit einem Kuss auf die Stirn besiegelte er das Ritual und der nächtliche Frieden war gesichert. Die Tochter war beruhigt und auch er hatte seine Ruhe. Die Dunkelheit wachte über seine Tochter und in seinen Träumen war er bei ihr.

Jetzt saß er nutzlos auf dem Sessel und verbrachte die Zeit, die ihm noch blieb, die er vor sich hatte und die er so leidvoll wie möglich hinter sich zu verbringen versuchte. Lange konnte es nicht mehr dauern, da Zeit keine wirkliche Bedeutung mehr für ihn hatte. Vielleicht würde es aber auch ewig dauern. Es war ihm gleich.

Es klopfte an der Tür. Er riss seine Augen auf. „Scheiß Punker. Wollen mir wohl den letzten Nerv rauben.“, murmelte er. Er erhob sich ohne Stöhnen und schlich zur Wohnungstür. Es war nichts zu hören. Das Ohr an die Tür gelegt lauschte er in den Hausflur. Ein Rasseln, das sich wie das Schütteln einer leeren Spraydose anhörte, die man schüttelt. Sein Blick durch den Spion ließ ihn in die Dunkelheit starren. „Komme was da wolle“, sagte er zu sich selbst und riss die Tür auf. Irgendetwas bewegte sich mit grausamer Geschwindigkeit die Treppe hinunter. Der Griff zum Lichtschalter flutete wieder das Treppenhaus mit Licht. Neben dem Klicken der Sicherung hallte allerdings das tölpelhafte Patschen zweier Schritte mit. Ein breites Lächeln fand Platz auf seinem Gesicht. „Zeig dich!“, rief er in das Treppenhaus. Keine Antwort. „Ich weiß, dass du da bist. Ich hab dich durch die Dunkelheit rennen sehen. Jetzt zeig dich oder verzieh dich!“, rief er. Nach langem Warten erlosch das Licht im Hausflur. Erst jetzt sah er den Schein des Mondes im Hausflur. Es war Vollmond, so wie in letzter Zeit eigentlich immer. Er konnte sich an keinen Abend erinnern, an dem er aus dem Fenster sah und der Mond sich nicht in seiner vollen Pracht gezeigt hätte.

Er drückte den Lichtschalter erneut und ihn beschlich das Gefühl sich in einer endlos wiederholenden Zeitschleife zu befinden. Ständige Repetition, wachsende Monotonie und eine nicht stoppende Ermattung der geistigen Kräfte forderten ihren Tribut. Er machte einen Schritt zurück in die Wohnung und schloss die Tür. Dann trat er auf der Stelle. Zuerst fester, dann weniger fest. Er wollte den Eindruck erwecken, dass er zurück ins Wohnzimmer gegangen war. Er beugte sich vor und schaute durch den Spion in das beleuchtete Treppenhaus. Nach kurzem Warten sah er etwas. Es kam die Treppen hinauf. Durch den Türspion wurde das Treppenhaus in eine abgerundete Welt verwandelt und er konnte nur schwer erkennen, dass ein vierbeiniges Wesen die Treppen hinauf krabbelte. Es war grün und schuppig, hatte einen Kamm auf dem Kopf und war so groß wie ein ausgewachsener Schäferhund. Ihm stockte der Atmen, als das Wesen direkt an seiner Tür vorbei ging und er es für einen Moment aus den Augen verlor. Dann tauchte es wieder auf und wollte die Treppe in die nächste Etage nehmen, als es plötzlich durch das Knarren der Bodendiele erschreckt wurde. Er hatte sich weiter nach vorne und näher an den Türspion gebeugt, um das Wesen besser sehen zu können. Der Kopf des Wesen schnellte blitzschnell herum und schaute auf die Tür. Große und weiße aufgerissene Augen schienen ihn trotz der schützenden Tür zu durchbohren. Es war, als würde er sich selber in das Gesicht schauen, nur, dass er fürchterlich aussah. Dieses Vieh hatte wirklich eine ungeheure Ähnlichkeit mit ihm. Er war entlarvt. Plötzlich erlosch das Licht im Treppenhaus. Er biss sich auf die Unterlippe. „Das kann nicht sein“, sagte er und schlug die beiden Hände an die Tür. Fast im selben Moment knallte etwas mit brutaler Gewalt gegen die Tür. Vor Schreck schrie er kurz auf und fiel rücklings auf den Boden. Er richtete sich auf und vernahm von draußen ein heftiges grunzen und kratzen. Das Wesen versuchte in die Wohnung hinein zu kommen. Er sprang auf und drückte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Panik übermannte ihn und er schrie: „Hau ab! Hörst du? Hau ab!“

Eine Chance mit dem zu diskutieren, was gleich einem wilden Tier versuchte in seine Wohnung zu kommen, rechnete er sich nicht aus. Er änderte seine Strategie. „Hilfe! Kann mir denn niemand helfen? Hilfe!“ Einige Minuten vergingen. Das Kratzen wurde heftiger. Irgendwann verstummte es. Es kribbelte ihm am ganzen Körper. „Ist es weg?“, fragte er sich und legte das Ohr an die Tür. Nichts zu hören. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. „Was passiert, wenn es durch die Fenster hinein kommt?“, sagte er laut zu sich selbst. Er rannte los und riss die Türen der einzelnen Zimmer zu und verschloss sie. Er horchte an jeder Tür lange und ausgiebig, konnte aber nichts hören. Auch im Flur war es ruhig geworden. Ihm war schlecht vor Angst und am liebsten hätte er sich noch fester auf die Zunge gebissen. Stunde um Stunde huschte er von Tür zu Tür und versuchte eine eventuelle Gefahr zu hören. Völlig entkräftet ließ er sich irgendwann vor der Haustür nieder.

Nun saß er in dem Flur seiner Wohnung und hier brannte kein Licht. Er saß in der Dunkelheit, sich fürchtend und den Tag seiner Geburt verfluchend. Er spürte den Griff der Dunkelheit im Nacken, roch ihren gierigen Atem und schmeckte ihr unstillbares Verlangen nach Ewigkeit. Diese Dunkelheit war ihm in den letzten Jahren eine große Stütze, erleichterte sie es ihm doch mit seinen Gedanken und schmerzlichen Erinnerungen umzugehen. Die Dunkelheit brachte einen die Seele entspannenden Frieden mit sich. Sie war ein mystisches Ungeheuer. Das verstand er jetzt und spürte, wie sie ihn mit Haut und Haaren verschlang. Er war allein in der Dunkelheit und das wollte er bis zum nächsten Morgen auch zum letzten mal gewesen sein. Wenn es denn einen Morgen für ihn gab.