1. #1
    Registriert seit
    Apr 2008
    Beiträge
    89

    Die Flügel der Störche

    Sohn: Wie war das damals bei dir mit dem Storch?
    Vater (lächelt gefasst): Erinnerst du dich noch daran, was ich dir über deine Geburt erzählt habe?
    Sohn: Ja, ohne den Storch wäre ich nicht hier.
    Vater: Nicht ganz. Ob du hier wärst oder nicht, kann man nicht sagen. Entscheidend ist, dass zum richtigen Zeitpunkt dich der Segen des Storchs erreicht hat. Jedes Kind eines jeden Elternpaars, das den Segen erhält, ist gesund.
    Sohn: Dann war das bei dir nicht so?
    Vater: Nein.
    Sohn: Warum nicht? Was haben Oma und Opa Schlimmes getan?
    Vater: Oma und Opa haben nichts Schlimmes getan. Sie trifft keine Schuld. Manchmal entwickeln sich Dinge einfach. Es ist völlig egal, ob man immer brav ist oder nicht. Es ist Schicksal.
    Sohn: Ist das Schicksal böse?
    Vater: Nein, du darfst das nicht nur auf mich beziehen. Das Schicksal kann auch sein liebes Gesicht zeigen.
    Sohn: Was ist damals passiert?
    Vater: Das weiss niemand so genau. Ich habe Opa gefragt, als ich kleiner war, weil ich wissen wollte, was mit mir nicht stimmt. Er glaubt, dass es der Storch war, der einen entscheidenden Augenblick zu spät kam.
    Sohn: Wie meinst du das?
    Vater: Ein Kind ist nur dann sicher ganz gesund, wenn der Storch seine Flügel im richtigen Augenblick über den Eltern ausbreitet, wenn sie sich ganz doll lieb haben.
    Sohn: Aber warum ist der Storch zu spät gekommen?
    Vater: Das hab' ich deinen Opa auch gefragt. Aber darauf wusste selbst er keine Antwort. Ich vermute, der Storch hat einen Fehler gemacht. Das darf eigentlich nicht passieren, weil er und die anderen Störche die Aufgabe haben, mit dem Segen die Kinder unbeschadet in die Welt zu führen, eine Verantwortung, die man nur ihnen übertrug. Nur sie waren offenbar würdig. (Pause.) Ich bin überzeugt, sie wissen, wie wichtig ihr Beitrag für Eltern und ihre Kinder ist. Aber das bewahrt sie nicht vor Fehlern.
    Sohn: Können wir den Storch fragen, was damals passiert ist? Wenn er zu spät kam, muss es einen Grund dafür geben.
    Vater: Nein, das können wir nicht. Es ist sehr lange her, seitdem man einen Storch das letzte Mal gesehen hat. Nur noch ganz selten kann man einen spüren. Die Liebe zwischen den Eltern muss aussergewöhnlich stark sein. Wenn man der Geschichte glaubt, sollen sich seine Flügel warm und vollkommen anfühlen.
    Sohn: Schade.
    Vater: Warum willst du unbedingt einen Storch sehen? Man kann Dinge nicht einfach ungeschehen machen.
    Sohn: Manchmal weine ich nachts. Dann wünsche ich mir, ich wäre an deiner Stelle.
    Vater (nimmt ihn in seine Arme): Hey, komm mal her!
    Sohn (leidlich): Ich kann es nicht ertragen, wenn du Schmerzen hast.
    Vater (lächelt ein wenig hilflos und versucht, beruhigend auf seinen Sohn einzuwirken): Du musst dir keine Sorgen machen, kleiner Mann! Deine Mutter und ich, wir haben das im Griff!
    Sohn: Wenn der Fehler des Storchs nicht gewesen wäre, müsstest du nicht leiden. Ich will ihm zeigen, was er meinem Papa angetan hat!
    Vater (weiter ruhig): Ich leide nicht. Damit habe ich längst aufgehört. Du kannst es vielleicht nicht verstehen, aber ich bin glücklich, so wie ich bin, und die Schmerzen sind ein Teil von mir. Ich wäre weder der Mann noch der Vater vor dir. (Pause.) Ich bin überzeugt, es vergeht kein Tag, an dem der Storch seinen Fehler nicht bereut. Und soll ich dir was sagen? Hätte ich die Möglichkeit, würde ich ihm verzeihen, denn ich habe dich, meinen Sohn, meine kleine Familie.
    Sohn (schnieft): Ich werde immer für dich da sein!
    Vater: Ich weiss, mein Sohn. Ich weiss. (Er küsst seinem Sohn den Kopf.) Wenn es soweit ist, wirst du da sein!

  2. #2
    Registriert seit
    May 2014
    Beiträge
    6
    Ich finde es schade, dass noch niemand einen Kommentar dargelassen hat aber jetzt schreibe ich einen:
    Mir gefällt dieser Dialog sehr gut!
    Da ich sehr schlecht im Analysieren von rhetorischen Mitteln bin, rate ich einmal.
    Ich finde die Symbolik und die Metaphern sehr schön gewählt und es hat dadurch was sehr blickveränderndes und zugleich auch philosophisches.
    Auch, dass sich erst im Laufe des Gesprächs herauskristalisiert, dass der Vater krank ist (evtl. Krebs hat), fordert den Leser zum Nachdenken und gibt dem Gespräch einen unerwarteten Twist.
    Du hast auch das Naive des Sohnes sehr gut getroffen, (dass er den Storch sehen will).
    LG E.G.

  3. #3
    Registriert seit
    Apr 2008
    Beiträge
    89
    Hallo E. G.

    Freut mich, dass dir der Dialog gefällt!

    L G Cobra

  4. #4
    Registriert seit
    Nov 2014
    Beiträge
    8
    Liebe Cobra,

    Ich finde dein Werk sehr berührend und tragisch. Es wirft die sehr schwierige Frage auf : "Wie erkläre ich meinem geliebten Kleinen, dass ich - sein Vater / seine Mutter - todkrank bin und ihn im Diesseits plötzlich und für immer verlassen werde, wie bereite ich ihn auf meinen schicksalhaften ungewollte Abschied vor ?" Das ist eine Frage, die sich allgegenwärtig überall auf dieser Welt viele viele Eltern stellen, die das leidige Schicksal deiner Figur teilen und zwingend dieser Frage ausgesetzt sind. Ich finde es großartig, wie du das Thema Elternverlust durch Todkrankheit aufgegriffen hast, mir sind beim Lesen fast die Tränen in die Augen gestiegen, es hat mich wahrhaftig berührt und aufgewühlt.

    LG anaconda

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Flügel
    Von Kindzkopf im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 03.11.2008, 16:45
  2. Flügel
    Von MagicMoment im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 31.05.2005, 16:35
  3. FLÜGEL
    Von Meta im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 30.11.2004, 14:39
  4. Vierzig Störche
    Von Hans Werner im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 06.08.2003, 16:00
  5. Flügel
    Von Empress Faria im Forum Archiv
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 13.03.2002, 20:49

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden