1. #1
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    Verloren im Wald


    Es war einmal ein Waldkind, das fand eines Tages einen ganz wunderbaren Spiegel. In diesen Spiegel schaute es für sein Leben gern hinein Denn aus dem Spiegel strahlten die wunderbarsten Dinge. Wenn es in den Spiegel hineintauchte, fand es sich wieder an verzauberten Orten. Voll von Wärme, Lebendigkeit und Licht.

    Das Waldkind liebte seinen Spiegel über alles. Mit jedem Tag ein wenig mehr noch. Denn der Spiegel erhellte sein Dasein. Und so benannte es ihn seinen Lichtspiegel. Das Waldkind merkte zunächst nicht, dass sich seine Welt im Spiegel langsam verzerrte und verdunkelte. Dass die Wärme, das Licht und die Schönheit langsam verschwanden. Und als er es endlich bemerkte, da wollte er es nicht wahrhaben. Er hielt verzweifelt fest an dem, was einmal gewesen war. Aber nun nicht mehr da war, in dem Lichtspiegel.

    Und so lief das Waldkind fortan mit der Last eines matt und dunkel gewordenen Spiegels umher. Doch er konnte sich nicht trennen. Denn hin und wieder blitzte es noch hell und warm aus dem Spiegel. Mit jedem Mal schöpfte er dann wieder neue Hoffnung, dass der Spiegel wieder lebendig werden würde, so wie früher ..

    Da geschah es eines Tages, dass das Waldkind auf seinen Streifzügen etwas glitzern sah. Als er näher kam, hüpfte sein Herz vor Aufregung. Es war ein ihm unbekannter Spiegel ! Geheimnisvoll, geschmückt mit filigranen Ornamenten und strahlend schön. So lag er dort im Schatten, verborgen und verlockend.

    Das Waldkind trat zaghaft und vorsichtig näher. Schaute atemlos hinein in diesen unbekannten Spiegel. Er stellte fest, es war ein Zauberspiegel ! Denn er sah dort Dinge, die ihm gefielen. Warm, zart und zerbrechlich. Und glühend, lebendig und schillernd. Doch gleichzeitig sah er sich selbst und er erschrak. Denn als er in die Wärme und Schönheit des Zauberspiegels eintauchte, da wurde er plötzlich von Erinnerungen an seinen verblassten Lichtspiegel überfallen und er wurde sehr traurig.

    Denn hatte er nicht all das Warme und Zarte und Schöne bereits erlebt ? Wo war es nur hin ? Sehnsucht, Traurigkeit und Zerrissenheit übermannte da das Waldkind. Nach seinem vertrauten Lichtspiegel.

    Und so wendete er seinen Blick ab von dem Zauberspiegel, ließ ihn achtlos zu Boden fallen und ging auf die Suche nach seinem Lichtspiegel. Denn sein Herz suchte noch immer nach dem Licht jenes Spiegels.

    Während die Jahre vergingen trug das Waldkind weiter seinen Lichtspiegel mit sich. Immer wieder hineinschauend. Immer wieder hoffend. Dass das Licht aufblitzen und bleiben würde. Doch das Licht wurde immer schwächer. Bis er sich völlig verirrt hatte. In dem Dunkel des Waldes. Er wurde noch trauriger. Und es wurde finster um ihn herum.

    Der Zauberspiegel sah dies und trauerte um das Waldkind. Immer wieder ließ er die schönsten Dinge erstrahlen. Nahm all seine magischen Kräfte und zauberte für das Waldkind. Hoffend, gesehen zu werden. Doch das Waldkind sah nicht hinein in den Zauberspiegel. Es war blind geworden für die lebendige Wärme und das Licht, das im Jetzt des Zauberspiegels da war. Vor ihm. Bei ihm. Und mit ihm. Es konnte nur das Verlorene sehen. Und sein Herz war verschlossen.

    Nach langer langer Zeit wurde der Zauberspiegel müde. Denn es war anstrengend, die Dunkelheit und Blindheit des Waldkindes mit Licht zu überstrahlen. Und es schwanden dem Zauberspiegel allmählich die Kräfte. Da wurde der Zauberspiegel sehr verzweifelt. Denn er wusste, wenn das Waldkind nicht sein Herz öffnete, würden sie beide in der Dunkelheit erlöschen ... und für immer in der Finsternis des Waldes verloren sein.

    Da zerriss es dem Zauberspiegel das Herz und er vergoss Tränen um Tränen. Und als die Tränen aus dem Spiegel flossen, da öffnete sich auf einmal das Tor der Welten. Alles, was jemals hinter dem Zauberspiegel gewesen war, dies strömte nun nach vorne. Der Wald wurde überflutet von tiefstem Wasser, von lebendigem Atem und von dem tiefen Seufzen der Befreiung. Alles wurde getaucht in gleißend helles Licht. So dass das Waldkind die Augen öffnete und hinsah. Und da ließ es sich tragen von dem Strom. Beleben durch den Atem. Und als es den Weg fand und durch den Zauberspiegel wandelte, da war es vollbracht.

    Das Waldkind. War frei.

  2. #2
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    Ja wir sind alle frei und der Spiegel ist die Metapher für die Frage, die man nie versteht. Ich habe sehr dem Schluss entgegengefiebert , wie bei dem anderen Märchen schon. Vielleicht möchten wir uns mal an einem modernen Märchen versuchen?

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  3. #3
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    @Robert
    Wir sehen im Spiegel vorzugsweise das, was wir (er)kennen und sehen wollen, so dass viele Fragen offen bleiben. Vielleicht auch einfach, weil sie nicht gestellt werden ?

    Ob wir alle frei sind und/oder die Freiheit besitzen, erkennen und sehen zu ~können~, was uns wirklich dort entgegenblickt .. das sei mal dahingestellt.

    Danke für die Anregung bzgl. eines modernen Märchens. Darf es in modernen Märchen denn auch Spiegel geben ?

    LG
    Zauberkind

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