1. #1
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    Die Sprache der Bäume

    Die Bäume des Waldes haben ihre eigene Sprache. Tag und Nacht erzählen sie und flüstern von Geheimnissen wie in alten Märchen. Sie erzählen vom Gesang des Windes, wie er anhebt in zartestem Pianissimo, dann anschwillt zum Crescendo, wild durch die Wipfel rauschend, zuletzt wieder leise wird, und still. In pechschwarzen Nächten erzählen sie von der Musik des Regens, sanft und gleichmäßig, gelegentlich unterbrochen durch einen hellen Klang, ein dunkles Trommeln.

    Im Herbst erzählen sie uns vom Loslassen. Ihr Blätterkleid geben sie der Vergänglichkeit, bis sie nackt dastehen, nur noch Struktur, ein Schattenriss. Alles Verhüllende lassen sie los, bis sie nur noch sie selber sind, ohne Schutz, ohne Farbe, der Baum in seinem Wesenskern unter einem grauen Himmel. Sie lassen los, ohne sich selbst zu verlieren.

    Sie erzählen vom Ausruhen, der Ruhe und Stille des Winters. Nicht sofort nach dem Herbst sprießt wieder neues Grün, nein, es liegt eine Pause dazwischen, eine Zeit, in der der Baum ruht. Ganz schlicht steht er da unter der rosigen Dezembersonne. All seines Schmuckes entkleidet, lässt er sich einhüllen in das Winterweiß des Schnees.

    Später dann, im Frühling, erzählen uns die Bäume vom neu erwachenden Leben, und im Sommer sprechen sie von Fülle, üppiger Pracht, das Leben ein Fest!

    Die Bäume des Waldes erzählen vom Geheimnis der inneren Stärke. Der Regen bringt Feuchtigkeit, der Wind trocknet, die Sonne wärmt, der Frost bringt Erstarrung, Blätter fallen und sprießen, Äste brechen, und doch bleibt der Baum stets eine Eiche, eine Lärche, eine Birke, individuell in Kraft und Anmut.

    Sie erzählen vom Geheimnis des sanften Verteilens, des Beschützens und Bewahrens. Wenn der Regen gewaltig herabrauscht, fangen sie ihn mit ihren Blättern auf und geben immer nur so viel an die Erde hinab, wie sie aufnehmen kann. Das Moos wird nicht überflutet, sondern sanft genährt. Noch lange, nachdem der Regen aufgehört hat, tropft die Nässe von den Blättern herab, und wenn die Sonne wieder scheint, so beschatten sie den Waldboden und hüten das kostbare Nass.

    Vom Alter erzählen sie, von einem langen gelebten Leben, das seine Spur eingegraben hat in das einstmals junge Holz. Und sie erzählen vom Erbarmen, von weichem sanftem Moos, das Risse und Furchen schützend umhüllt.

    Von Geborgenheit erzählen sie, von Schutz und Schatten. Von dem unwandelbaren Wesenskern, den jedes Lebewesen in sich trägt, stets dasselbe, in jeder Wandlung, komme was da mag. Von der Würde erzählen sie, mit der sie alles tragen, Jahr um Jahr: das neu geborene leuchtende Frühlingskleid, die Krone des erfüllten Sommers, das buntscheckige Narrenkostüm des Herbstes, die schlichte Anmut des reinen Winters.


    ...J.H. gewidmet...
    Geändert von ~rosenrot~ (11.01.2014 um 08:25 Uhr)
    Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
    und mal es auf Goldgrund und groß,
    und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
    löst es die Seele los...
    (Rainer Maria Rilke)

  2. #2
    mooney Guest
    Im Grunde keine schlechte Idee, o rosenrot, die Bäume anstelle der PoetInnen zu Wort kommen zu lassen. Nur glaube ich, Bäume seien Minimalisten und täten nie etwas Überflüssiges. Entsprechend sollten wir sie reden lassen. Nur das Notwendigste, aber das muss dann sitzen.

    Leider formulierst Du ein wenig zu bemüht und zu umständlich. Die Betonung liegt auf "ein wenig". Und es fehlt ein bisschen die sprachliche Präzision. Damit du vielleicht verstehst, was ich meine, formuliere ich den ersten Absatz mal gelinde um. Ich würde schreiben:

    Bäume haben ihre eigene Sprache. Tagsüber flüstern sie die Geheimnisse alter Märchen, erzählen vom Gesang des Windes, beginnend im zartesten Pianissimo, anschwellend zum Forte, Fortissimo durch die Wipfel rauschend, zuletzt diminuendo bis zur völligen Stille. In pechschwarzen Nächten haben Bäume die Stimme des Regens, sanft und gleichmäßig, gelegentlich unterbrochen durch einen hellen Klang, ein dunkles Trommeln.
    Und so weiter.

    veillecht kannst Du etwas damit anfangen ...

    lg

    mooney

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