Es war einmal ein Mondkind. Mit Haaren so azurblau wie die schillernde Meeresoberfläche und so unergründlich tiefschwarz wie der tiefste, geheimnisvollste Meeresgrund. Mit Haut, so silberschimmernd wie ein edler Mondstein. Und einem Herzen, rein und golden wie die leuchtenden Strahlen der irdischen Sonne, so dass es genannt wurde die Sonne des Mondes.

Geboren wurde das Kind inmitten des siebenten Krieges der Welten, dem Zeitalter der Magie und der Wandlung. Die Zeit, in der die Menschenseelen verloren schienen und die Kräfte des Himmels sich mit dem Mond und der Sonne verbündeten, um die Menschen vor dem Schicksal der ewigen Verdammnis zu erretten. Es war die Zeit, als mächtige Dämonen des Teufels den Palast des Mondes heimgesucht hatten. Und dort nun voller Grausamkeit, Hinterlist und Kälte wüteten. Es war gefährlich, des nachts die Palastmauern zu verlassen. Denn nur zu leicht wurde man verschleppt von den Seelenfängern und war dann für immer verloren.

Ihre Mutter, eine der acht Mondgöttinen, hatte dieses furchtbare Schicksal ereilt. An einem silberhellen Mondtag war sie unbeschwert und mit offenem Herzen jenseits des Palasts spaziert. Doch als der Tag zur Nacht wurde, war es geschehen – sie war einem Seelenräuber des Teufels erlegen. Und hatte unter silbernen Tränen ihr letztes Kind, die Sonne des Mondes, geboren, bevor ihre Seele von ihr genommen wurde. Und sie dazu verdammt worden war, im Zwischenreich der Welten zu verharren.

Das Mondkind wuchs heran. Und aus dem Kind wurde allmählich eine Frau. Doch in ihrem Inneren blieb sie immer noch das Mondkind – denn sie vermisste eine Mutter. Die sie sah. Ihre Hand nahm. Und sie auf den Weg des Lebens führte. Wenn sie ihre Mutter ansah, so sah sie eine gläserne Schönheit, doch die funkelnde Hülle war leer. Dort, wo sie das Licht und die Wärme einer Seele suchte, dort fand sie das Nichts. Denn die Seele ihre Mutter war fort, an einem weit entfernten, ihr unbekannten Ort ..

Manchmal ging das Mondkind sehnsuchtsvoll auf die Suche. Als es eines Tages zwischen den unendlich weiten Kratern der geheimnisvollen Mondlandschaft wandelte, da hörte es die Stimme der Mutter, die ihr wieder und wieder die gleiche Geschichte von den Seelenräubern zuraunte:

„Gib acht mein Kind, wenn du wandelst durch die Nacht. Vor den Seelenräubern, die auf dich lauern.

Sie werden dich locken mit faulem Zauber. Mit falschem Glanz. Du denkst, du seist angekommen. Doch in Wahrheit. Wirst du verloren sein. Du wirst bald hierhin getrieben. Bald dorthin. Geblendet von den schwarzen Spiegeln der Falschheit. Bis du nicht mehr weißt, wo du bist. Und wer.

Wo du Wahrhaftigkeit suchst, wirst du Unaufrichtigkeit finden. Wo du Liebe wähnst, erwarten dich Lug und Betrug. Gefangen wirst du sein. In den finstersten Labyrinthen deiner Seele.

Gib acht mein Kind. Wenn die Seelenräuber kommen. Denn sie werden dich nicht sehen. Und so wirst du erfrieren. In der Eiseskälte der Gleichgültigkeit. In der Grausamkeit der Gedankenlosigkeit.
Darum lauf, mein Kind. Versteck dich. So gut du nur kannst. Denn wenn sie dich finden. Verlierst du. dich selbst.“

Das Mondkind erschauderte bei den Worten und sah sich angstvoll um. Überall sah es dunkle lauernde Schatten und hörte das unheimliche Knarren und Seufzen des eisigen Mondwindes. Als eine schwarze Wolke den Mond verfinsterte, da erfasste das Mondkind das Grauen und es rannte los, so schnell und so weit es konnte. Hinein in die silbernen Eisberge des Mondes, durch die milchig schimmernden Schluchten hindurch, vorbei an den gefrorenen Wasserläufen und tief tief in den verwunschenen Mondwald. Dorthin, wo die Bäume in den Himmel wuchsen und die Wurzeln bis auf die andere Seite des Mondkreises reichten. Und dort, wo die Mondvögel von den fernen Welten, von der Schönheit der irdischen Sonne und der Wärme des blauen Planeten sangen. Doch dort, in dem Waldesinneren, erklangen auch andere Stimmen. Dunkle Stimmen, die von dem Leid der gefangenen Seelen erzählten und verführerische Stimmen, von Dämonen gewispert, die nur darauf warteten, reine Menschenseelen zu fangen ..

Das Mondkind rannte und rannte. Bis ihre Beine unter ihr wegknickten und sie vornüber fiel. Dicht neben einem der gefrorenen Wasserläufe. Lange Zeit lag sie so da, leise flüsternd „Mutter, wo bist du – komm, und sieh mich.“ Da hörte das Mondkind neben sich ein Knacken und Tauen. Das Eis hatte begonnen zu schmelzen. Erwärmt von ihrem Herzschlag, von ihrem Atem und ihren heißen Tränen.

Immer schneller floss das Wasser und da sah das Mondkind, wo sie war. Sie lag inmitten einer Höhle mit Wänden aus glänzenden Diamanten, umrankt von lebendigem Efeu, gebettet auf goldenem Moos. Sie blinzelte, denn um sie herum tanzte das Licht voll strahlender Helligkeit und Wärme in allen Farben.
Ihr wurde wohlig warm und wieder hörte sie die Stimme ihrer Mutter, der achten Mondgöttin:

„Mein Kind, wie schmerzt es mich, deine Angst zu spüren. Wisse, ich bin immer da. Denn du trägst mich in dir. Spüre in dich. All das Licht. All die Wärme Und all die Verbundenheit mit mir. Mit allem. Und nie wieder wirst du zweifeln, schwach sein oder verloren. Wisse, mein Kind, ich habe dich immer. gesehen. Doch du musst nun weiter. Hinaus in die andere Welt. Fort von dem finsteren Mondpalast. Denn er ist gefangen von Dämonen. Wage dich hinaus. Auf deinen Weg. Dies ist deine Aufgabe, Sonne des Mondes – denn der siebente Krieg wird erst ein Ende finden, wenn die Kälte der Nacht den Strahlen der Sonne weicht.“

Das Mondkind hatte andächtig der Stimme seiner Mutter gelauscht und fühlte sich von einer tiefen Wärme und Stärke durchflutet. Und es sprach „Ja, Mutter, achte Göttin des Mondes, ich spüre, dass du da bist. Und ich sehe, dass du mich siehst. Ich werde es wagen und meinen Weg gehen. Ich werde alle Dämonen wieder dorthin zurückschicken, woher sie kamen: in die Unterwelt. Und der Mond wird wieder zu der silberhellen Zauberlandschaft erblühen, die unsere Ahnen kannten und liebten. Die Menschen werden in Frieden und Freiheit leben. Und Liebe wird über die Mondsonne auf alle hinabstrahlen. Die Wälder werden wieder gefüllt werden von buntem und fröhlichem Leben, die Bäche werden ihre Geschichten murmeln und die Mondwesen werden Tag um Tag und Nacht um Nacht die Menschen mit ihrem Zauber erfreuen ..“

Und so schloss das Mondkind ihre Augen und trat hinaus aus der Höhle in das Flutlicht des Mondes. Der Mond leuchtete ihr hoffnungsvoll und voller Zuversicht den Weg. Und so ging sie weiter und weiter. Vertrauensvoll ihrem innersten Weg folgend. Als sie die Augen wieder öffnete, stand sie vor dem Palast. Doch es war nicht mehr jener düstere und bedrohliche Palast, den sie kannte – es war ein strahlend goldener Palast, der nun vor ihr in den Himmel ragte. Der Mondwald hatte sich ihres Weges entlang entfaltet und verwandelte sich nun in einen betörend duftenden und schillernd blühenden Zauberwald. Mond-, Sonnen- und Zauberblumen umschmiegten die Palastwände und erfüllten das Innere mit prächtiger Lebendigkeit und Schönheit. Und als die Sonne des Mondes durch den erhabenen Saal im tiefsten Inneren des Mondpalastes schritt, da wusste sie: sie hatte ihren Weg gefunden. Sie war angekommen.