Collin hatte einige Minuten Fussmarsch hinter sich. Ihm war aufgetragen worden, Melissa zurück ins Camp zu bringen. Eine Bitte von ganz oben, von Doktor Solano. Da sass es, dieses Mädchen mit schulterlangem, schwarzen Haar, mit einem weissen Kleid am Körper, auf einem Baumstamm auf einer Lichtung. Es bemerkte nicht den Lichtkegel, der schüchtern ihre Gestalt erfasst hatte. Sie hatte nur Augen für die Finsternis des Waldes, die sich in eine scheinbar endlose Ferne erstreckte. Die Bäume sprachen zu ihm und wiegten sich sanft im Wind, als es eine schüchterne Stimme hörte.
„Melissa?“
Sie kannte diese Stimme. Was suchte Collin in den Tiefen des Waldes? Warum gerade er, der doch einer von ihnen war? Melissa drehte sich, eine Hand schützend vor ihren Augen, dem Licht entgegen.
„Hey Collin, schön dich zu sehen! Was machst du denn hier?“
„Du weisst genau, dass sich keiner vom Camp ohne Aufsicht entfernen darf.“
Melissa lächelte spitzbübisch. Sie mochte diese Unsicherheit in seiner Stimme, die verzweifelt versuchte, eine Strenge in ihren Klang zu bekommen. Sie war nicht zittrig, aber man merkte, dass Collin einen ganz eigenen Kampf zu bewältigen hatte. Er war ein guter Kerl. Ob er sich diese Welt wohl auch erschliessen konnte? Er trat zu ihr heran und streckte ihr die Hand entgegen. Melissa blickte ihn verträumt an.
„Wir müssen zurück zu den anderen. Dr. Solano hat mich gebeten, dich zu holen“, sagte Collin vorsichtig eindringlich. Sie mochte den jungen Mann. Sie schmunzelte versteckt. Amüsant, wie er versuchte, seine spärlichen Fetzen Authentizität zusammen zu suchen und ein fragiles Ganzes daraus zu basteln. Melissa deutete auf den freien Platz neben sich.
„Setz' dich zu mir, nur einen Augenblick!“
Widerwillig folgte er der Bitte.
„Nur einen Augenblick, aber dann müssen wir zurück“, sagte Collin.
Melissa musterte ihn scharf. „Doktor Solano wäre nicht begeistert“, sagte sie beiläufig. Weshalb Solano ihn überhaupt schicke. Er sei doch einer von ihnen, hakte sie weiter nach.
„Er hat es zu meiner Aufgabe gemacht.“
Sie musste lächeln, denn sie erinnerte sich, warum er einer von ihnen war. Grob kannte sie seine Geschichte. Er hatte versucht, sich umzubringen wie alle anderen in der Gruppe. Die Details waren es, die ihr ein Lächeln über das Gesicht huschen liessen. Collin kämpfte gegen eine pathologisch falsche Selbstwahrnehmung an. Seine Frau hatte ihm ein chronisches Gefühl der Wertlosigkeit gegeben, an dem er final zerbrach und ihn in einen medikamentösen Selbstmordversuch trieb.

Könnte das ein Kniff des Doktors sein? Ihm Verantwortung zu übertragen, um das Gespür des persönlichen Werts wieder zu erwecken?
„Hörst du, wie die Schatten flüstern?“, unterbrach Melissa die Stille.
„Nein“, antwortete er knapp. Nicht weil er abschätzig erscheinen wollte. Er wusste es wirklich nicht und wollte so schnell wie möglich zurück zu den anderen. Sie hatte einen sensibel wirksamen Nadelstich gesetzt. In Collins Kopf begann es, zu rattern. Wie viel Zeit war verstrichen? Was, wenn er zu lange Zeit gebraucht hatte, wenn er mit Melissa zurückkam. Der Gedanke, dass ihm das zum Vorwurf gemacht werden könnte, liess seinen Magen sich unangenehm zusammen krampfen.
„Wir müssen gehen!“, drängte Collins. Er bettelte fast.
„Hörst du die Schatten?“, wiederholte sie ungerührt, „hörst du, wie sie mich rufen?“
Er packte verzweifelt ihren Arm. Ihr Körper wollte sich einfach nicht bewegen.
„Solano wäre enttäuscht, wenn du es nicht schaffst, hatte er doch so auf dich vertraut.“ Dieser Satz riss ihn aus der Realität und nicht mehr Melissa sass auf dem Stamm, sondern Lily. Seine Augen wurden glasig. Tränen traten über seine Lider.
„Du bist und bleibst ein Versager. Du bist der Inbegriff von Enttäuschung für mich.“ Plötzlich vernahm er ein tosendes Rauschen in seinen Ohren und unterschwellig manifestierten sich akustisch Stimmen, ein Flüstern, leise aber deutlich.
„Melissa, ich kann sie hören! Sind das die Stimmen, die du meintest?“ Er lächelte ein verklärtes Lächeln. Ein trauriger, realitätsferner Irrtum, in dem er sich sekundenschnell verloren hatte. In wenigen Augenblicken war er so fern davon, lebensfähig zu sein, wie eine Pflanze, die man ignorant aus dem Boden gerissen hatte.