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    Die Stimme (Fragment 1)

    Du kannst dir kein Gehör verschaffen. Sie will es nicht verstehen!, sagte die Stimme wieder und wieder in nicht Enden wollender Monotonie. Er wälzte sich ruhelos in seinem Bett herum. Sein Körper krampfte sich in rhythmischen Schüben zusammen, jedes Mal, wenn die Stimme in sein Bewusstsein drang. Er wusste, dass er träumte. Er musste es schaffen, die Stimme in der Traumwelt zu halten. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sie im Wachzustand ein Teil von ihm wäre.
    Du kannst dir kein Gehör verschaffen. Sie will es nicht verstehen!, erklang die Stimme erneut und liess seinen Körper ob des voluminösen Klangs vibrieren. Er stöhnte qualvoll, während seine Finger sich in die Bettdecke gruben. Dann schlug er unvermittelt die Augen auf. Der Schweiss rann seine Wangen hinab. Er sog die Luft ein und atmete langsam und entspannt wieder aus.



    Ein Mann stand an einem See. In dem Sichtfeld des Mannes zeichneten sich auf dessen Oberfläche feine symmetrisch grösser werdende, kreisrunde Linien ab, die flüchtig wieder in dem ruhigen Erscheinungsbild des Sees verschwanden. Unberührt des kleinen Schauspiels starrte der Mann auf die Lichter, die das Relief der Stadt matt hervorhoben. Nach einer Weile wandte er sich ab und ging mechanischen Schrittes zu seinem Wagen, stieg ein, richtete seinen Spiegel korrekt aus und startete den Motor. Noch ein kurzer Blick auf die lebenden Lichter, dann schob er den Schaltknüppel auf „D“ und fuhr los.

    In den kommenden Tagen erhärtete sich der Verdacht eines Beziehungsdramas, das im Mord der jungen Frau gipfelte, nur insofern, dass ihr Freund weiter verschwunden blieb. Die Suche nach der Tatwaffe verlief bisher ebenso erfolglos. Dem forensischen Gutachten nach zu urteilen, handelte es sich bei der Tatwaffe um ein Messer mit einer scharfen, glatten Klinge. Das Opfer war mit Einstichen übersät. Der Täter hatte vermutlich wahllos und wie im Wahn auf sie eingestochen. Eine Annahme, die nur aufgrund ihres ersten, tragischen Anblicks am Tatort aufkam, sich jedoch schon im jungen Verlauf nicht bestätigte, zumindest nicht zweifelsfrei. Die ersten Stiche waren gezielt gesetzt worden. Das Opfer sollte einen schnellen, womöglich sogar einen verhältnismässig angenehmen Tod sterben. Wie waren dann die anderen Einstichstellen zu erklären? Bestand die Möglichkeit, dass sie unbewusst so präzise gesetzt worden waren? War Josua Müller tatsächlich für das Ableben seiner Freundin verantwortlich? Er sah nicht aus wie ein Mörder. Er wirkte unschuldig, wobei das kein Kriterium für eine etwaige Entlastung darstellte.
    Es mochte ihn vermutlich einige Sympathiepunkte kosten, aber zu Beginn einer Ermittlung vermied der Kommissar es, unabhängig davon, wie sich das Verhältnis zum Opfer charakterisierte, jemanden zu früh von seinem Verdacht freizusprechen. Jeder kann ein potenzieller Mörder sein.
    Geändert von Cobra (08.01.2014 um 13:20 Uhr)

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