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    Stolze Studien - Stubenwechslerin in die Freiheit der Berge..
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    Nacht im Hotel des Todes

    Die Wände waren so uneben und grau, wie man sie sich vorstellt. Zwei schmale, unbequem aussehende Betten stellten das einzige Mobilliar in dem Raum dar. Am Boden befand sich ein Loch, aus dem es stank, als wäre es genau dazu da, wofür er dachte, dass es da war. Das wenige Licht kam durch die offene Tür, die aus starkem Eichenholz war und oben ein vergittertes Fenster besaß. Eine horrorfilmartige Düsternis schwebte zwischen den klaustrophobisch engen Wänden, die noch viel düsterer war, als jene, welche das ganze Land wie ein schwarzer Mantel zu umgeben schien.
    Erst während er und die grimmigen Männer in dunkelblauer Uniform zu seinen Seiten diese Düsternis betraten, konnte er eine vertikale Eisenstange sehen, die die Tür vor seinen Augen verborgen hatte. Entzwei gebrochene Handschellen lagen daneben auf dem Boden. An ihnen klebte etwas, das aussah wie getrocknetes Blut.
    Der eine Uniformierte folgte seinem Blick. "Ihre Zimmerr-Partnerr ist disse Nacht wieder rausgebroche", erklärte ihm der Mann mit dem schlimmsten Akzent, den er je gehört hatte. "Er verrsuche immerr widerr, aber onne Schlüssel er nicht komme weit." Er lachte. Das Geräusch hallte in den Gängen wider.
    Seit er und sein Kollege offenbar von oberster Gewalt den Befehl erhalten hatten, "zu dem Deutsche ja frreundliche" zu sein, hatten die Beiden ihre festen Griffe auf seinen Oberarmen gelockert und aufgehört, ihn mit hasserfüllten Worten zu beschimpfen - die er ja eh nicht verstanden hatte.
    Jetzt ließen sie ihn los, verließen, ihm eine gute Nacht wünschend, den Raum und schlossen die Tür hinter sich ab. Er hörte, wie sich der Schlüssel knackend im Schloss drehte.
    Unbehaglich sah er sich um. Der schwache Lichtschein, der jetzt noch in das Zimmer drang, war fast düsterer, als die Schatten selbst. Einen großen Bogen um das Loch machend, setzte er sich auf das Bett an der linken Wand. Es roch nach dem Angstschweiß des letzten...Bewohners. Er wollte nicht wissen, was mit dem passiert war.
    Das Bett war noch härter, als der Betonboden einen halben Meter unter seinem Kopf wirkte. Aber lange nicht so hart wie der Tag, der hinter ihm lag. Irgendwann musste er eingeschlafen sein.
    Stunden später schreckte er ruckartig aus dem Schlaf.
    Ein lautes Knarzen, dass die vollkommenen Schwärze durchdrang, ließ ihn das Schlimmste annehmen. Was, wenn jemand hier hereinkam und ihm die kalte Öffnung eines metallernen Pistolenlaufes an den zur Tür gedrehten Hinterkopf hielt?
    Er wusste nicht, wen er mehr fürchtete: Die Mörder, die durch diese Kerker wandelten, die Geister der zu unrecht Eingesperrten, die hier vor Jahrhunderten eines grausamen Todes gestorben waren, oder die Knechte dieser Regierung, die ihn möglichst unaufällig loswerden wollten.
    Angst fesselte seine Glieder. Er blieb starr liegen, die Augen geschlossen, und machte keine einzige Bewegung. Sein Atem zischte lautlos durch seine kalten Lippen. Er hörte Stimmen direkt hinter sich. Es knackte noch ein paar Mal, das Klacken von Eisen an Eisen und das eines Verschlusses. Ein paar leise gesprochene Sätze, die er nicht verstehen konnte. Dann wieder der Schlüssel im Schloss. Er wartete ein paar Minuten in der nun wieder vollkommenen Stille, bis er erleichtert aufseufzte.
    Dann zuckte er heftigt zusammen. Eine harte Stimme, ganz nahe bei ihm, hatte Worte in dieser fremden Sprache gesprochen. Sie klangen nach einer misstrauischen Frage, etwa wie:"Wer ist da?"
    "Ich verstehe Sie nicht", flüsterte er ängstlich. Die Stimme schwieg einige Sekunden, dann fragte sie zu seiner Überaschung: "Ah, du deutschlandisch?" Es klang fast sehnsuchtsvoll. Er nickte automatisch, dann fiel ihm ein, dass der andere ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnte. "Ja", antworte er zaghaft. "Deutschland so schönn. Was du mache in..." Der unsichtbare Fremde überlegte kurz. "...Todes Vorrhoff?" Das ist eine gute Frage, dachte er müde. Was genau war eigentlich geschehen? Er hatte nicht viel verstanden von der heftigen Diskussion, die die aufgeregt brüllenden Aufseher geführt hatten, während er im Nebenraum warten hatte müssen.
    Der Polizist hatte etwas aus seinem Rucksack gezogen, etwas schweres, quaderförmiges mit einer Art tickenden Uhr vorne drauf, dass er sich nicht erinnern hatte können, schon mal gesehen zu haben. Dann war es auf einmal losgegangen mit dem Geschrei.
    Nur so viel hatte er mitbekommen: "Sie haben eine Bombe in meinem Rucksack gefunden. Sie werden mich hierbehalten, bis deutsche Behörden kommen werden, die mich abholen sollen." Und dann würde sich alles klären und die Polizei würde sich bei ihm entschuldigen. Das sagte er sich jedenfalls vor, immer wieder, wie ein Gebet.
    "Oh, du Terrorist?", fragte der Fremde verständnisvoll. "Nein!", rief er empört."Ich bin Ingeneur!"
    "Dann alles Missverständnis?" "Ja!", bestätigte er verzweifelt. "Und morgen du gähenn?", wollte der Mann wissen. "Ja", sagte er wieder.
    "Sie gähenn alle", erzählte der Mann traurig. "Denn einenn Weg oderr denn anderenn." Er seufzte. Dann blieb es lange Zeit leise.
    "Ich hatte mal eine...Mädchen, du weißt? Sie auch...gegangen", verriet die Stimme aus dem Dunkeln schließlich. "Anna. Es gewesen..." -er überlegte wieder, als würde ihm das passende Wort nicht einfallen- "...warre Liebe. Aberr die Vaterr, die Vaterr hat mich nicht...gefallen. Err warr reiche Mann, du weißt? Dreggskerl und Kind von die Gosse, so hat mich gennannt. Dann warr Anna...mit Kind." Er seufzte wieder. "Vaterr geschrien hat, hat schlimm gebrüllt. Dann err Pi...Pistolle gezogenn. Bösse Sache. Ganz bösse Sache. Ganzer Boden mit Blut."
    "Das ist ja schrecklich!", rief er entsetzt. Was zur Hölle war das denn für ein schlimmes Land! Nie wieder, nicht ein einziges Mal, würde er noch einmal auch nur einen Fuß in es setzen, wenn diese Sache hier vorbei war!
    "Ja, schrecklich. Ich gewesenn so wüttend. Dann wirr gekämpft, ich und die Vaterr. Am Ende err tot. Ich wette, er gegangen nach untenn."
    So deutlich konnte er den Kampf vor sich sehen, so lebhaft, als hätte er ihn selbst miterlebt. Gebrüll, Schimpfwörter, laute Beschuldigungen, spritzendes Blut, am Ende ein heftiger Schlag. Er schauderte.
    "Ich gewesenn wie gebrochene Vase mit verwelkte Rosenn. Ich gegangen fort, zu die Stadt. Dort ich getroffe...Leute. Menschenn, die kämpfe wolle. Ich gegange mit die Leute. Ich gekämpft."
    Noch einmal schwieg der Fremde, doch diesesmal konnte er die Stille kaum aushalten. "Und dann?", fragte er ungeduldig.
    "Es nichts geholfe. Nichts anders ist. Und dann ...sie mich erwischt. Jetzt ich hier."
    Langsam wurde es unbequem, so steif und angespannt dazuliegen. Er rutschte auf der harten Matratze hin und her und verlagerte sein Gewicht auf die andere Seite.
    "Das tut mir wirklich leid", wollte er sagen, von dieser Geschichte ehrlich berührt. Doch blieb ihm die Luft mit einem Mal im Hals stecken und er zuckte zum zweiten Mal in dieser Nacht heftig zusammen. Er hatte etwas klirren gehört. Ganz nahe bei sich.
    Eine Ratte!, dachte er panisch. Er mochte keine Ratten! Und sie war so nah bei ihm! Seine Hände krallten sich an der eisernen Kante der Matratze fest.
    Andererseits...seit wann klirrten Ratten? Hier befand sich nichts, was sie zum Klirren bringen könnten.
    Zögernd tastete er mit zitternden Händen herum, bis sie die Ursache des Geräusches leicht berührten, zurückzuckten, und dann vorsichtig umschlossen. Der Grund des Klirrens war an der Innenseite seines Gürtels befestigt. Der Polizist konnte ihn beim Abtasten durch das dicke Leder hindurch nicht gespürt haben.
    Seine immer noch zitternden Finger befreiten den kleinen Gegenstand und legten ihn auf die schwitzende Fläche seiner rechten Hand.
    Er hielt ihn in den ersten und einzigen Strahl des Morgenlichts, der durch das Gitter den Anbruch des neuen Tages versprach.
    Der kleine Ring reflektierte das fast nicht Licht zu nennende Glänzen kaum.
    "Was habenn du in deinne Hand? Was das sein?", fragte der andere Mann misstrauisch.
    Er hielt dem an den Handgelenken Gefesselten seinen Fund vor die Augen. "Schlüssel", sagte er und konnte es kaum glauben. Zwei Schlüssel! An seinem Gürtel! Die ganze Zeit schon! Aber - wie?
    "Dass sie gewesenn! Ich sicher! Dass sie! Dass sein ihr Zeichen, eine Blitz!", rief sein Zimmernachbar aufgeregt. "Einer gegenn die Fessell, einer fürr die Schloss!"
    Er verstand nicht. Wie und wieso sollten diese Rebellen zwei Schlüssel an seinem Gürtel... Hatten sie etwa diese Bombe...?
    Und, vor allem, was sollte er jetzt tun? Als er begriff, in welchem Dilemma er sich befand, packte ihn erneut Panick. Er konnte den Mann befreien.... Aber was würde dann mit ihm passieren? Was, wenn er geschnappt wurde, während sie beide flohen? Bis jetzt hatte er noch nie etwas verbrochen, bis jetzt hatten sie nichts gegen ihn in der Hand. Aber wenn er diesen Mann befreite, selbst wenn er selber hierbliebe... Sie würden ihn ins Gefägnis stecken oder Schlimmeres... Diesen Leuten traute er alles zu. Was, wenn sie hier Folterinstrumente besaßen? Grausige Bilder schossen durch seinen sowiso schon überarbeiteten Kopf. Außerdem war dieser Schlüssel ein Beweis für seine Unschuld... Er würdee die Bombe erklären...
    Aber das, was sie erst mit diesem armen Häftling anstellen würden...
    Was sollte er machen? Was konnte er tun, er, der aus einer aufgeklärten Gesellschaft stammte, der an Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität glaubte, was konnte er anderes tun, als den Schlüssel seinem Zwecke dienen zu lassen? Was hätte er tun sollen, außer ihn in das Schloss zu stecken und mit einem leisen -und doch viel zu lauten- Klacken umzudrehen?

    Ängstlich beobachtete er, wie die Tür sich mit dem fast vertrauten unheimlichen Knarzen schloss und ihn in der dröhnenden Stille zurückließ. Wie leer der Raum doch auf einmal war! Nur er und die Ratten...

    Eine Stunde wartete er. Eine Stunde saß er unbehaglich auf seinem Bett, rutschte hin und her, doch nichts geschah.
    Dann holte er tief Luft und schrie aus voller Kehle nach den Wachen.
    Geändert von LIPallas (06.06.2014 um 15:06 Uhr)
    Ich spinne - Spinnweben meiner Fantasie, mit denen ich Herzen einfange, Ideen verbinde mit den Mustern genialer Gedanken, bis feine silberne Netze erglitzern in Tautropfen der Schönheit, die sich in ihrer zerreißbaren Vollkommenheit in den unentdeckten Ecken stiller Momente verstecken - und ich nenne sie Kunst, denn Kunst ist der Ort, wohin wir unsere Träume verbannen.

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