Kurt Vonnegut - Slaughterhouse-Five

Unlängst kam mein Neffe zu mir, sprach etwas bang von seinem heranrückenden Abitur und bat mich, der ich doch Anglistik und Amerikanistik studiert habe, ihm eine Interpretation von Kurt Vonneguts Slaughterhouse-Five zu geben, er selbst könne sich keinen rechten Reim daraus machen, zu verwirrend sei ihm doch das Werk als Ganzes.

This is a novel, somewhat in the teleographic schizophrenic manner of tales of the planet Tralfamadore”, las ich ihm aus dem (zweiten langen) Titel der Geschichte“ vor und fragte ihn, ob es das sei, was er meine. Er nickte und wollte dann wissen, wie das alles mit Dresden zusammenginge.

Also widmete ich mich dem Werk nach langer Zeit von neuem und gebe hier nun meine subjektive Interpretation wieder, eine aus einem Blickwinkel, so als wäre ich Kurt Vonneguts literaturbegeisterter Neffe und wollte wissen, was meinen Onkel bewogen hatte, dieses Buch zu schreiben. Der Mittelpunkt des Romans, so wurde mir klar, ist die Zerstörung Dresdens im Februar 1945, der „rote Faden“ die Verarbeitung des Desasters. Um dies recht zu verstehen, bedarf es auch einer Kenntnis der damaligen geschichtlichen Situation sowie einer der offiziellen Geschichtsschreibung der Nachkriegszeit. Nun hoffe ich, daß meinem Neffen sowie allen etwaigen interessierten Abiturienten, die sich zum Thema hier einfinden, mit meiner Arbeit geholfen ist. (Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe von Dell).

Wie geschieht einem Dichter, der Zeuge des größten Massakers Europas wird? der über Nacht eine blühende, wunderschöne Stadt – gerühmt als das Elbflorenz – in eine qualmende, stinkende, schwarzverrußte Mondlandschaft aus Schutt und verbrannten Mauerresten verwandelt sieht? der als amerikanischer Kriegsgefangener die verstümmelten und verkohlten Leichen aus den Trümmern bergen muß? Nie wird er diesen Alptraum vergessen.

Vonnegut, ein deutschstämmiger Amerikaner in der vierten Generation, sieht aus nächster Nähe die Heimat seiner Vorfahren von einem Tag zum anderen schrecklich verwüstet. Briten und Amerikaner hatten keine Skrupel, die Stadt Dresden zu zerstören, obwohl sie wußten, daß sich auch eine nicht geringe Anzahl ihrer eigenen inzwischen kriegsgefangenen Soldaten dort aufhielt; die meisten fanden den Tod. „Friendly fire“, nennt man das heute.

Vonnegut überlebte die Katastrophe, weil er in einem Gebäude (Slaughterhouse Five) eines ausgedienten Schlachthofs untergebracht war; das massive unterirdische Kühlhaus bot ihm Schutz vor den Brandbomben.

Was gibt es angesichts einer Katastrophe wie der von Dresden zu sagen? Nichts!

There is nothing intelligent to say about a massacre. (19)
Vielleicht eben gerade so viel, wie dies ein kleiner Vogel tun kann: Poo-tee-weet. (22)

Und dennoch – , die Sache beschäftigt den Dichter unentwegt weiter; zuerst denkt er noch, für ihn sei es einfach, ein Buch darüber zu schreiben, doch selbst nach über tausend Seiten hat er noch keinen rechten Anfang gefunden. Dies treibt ihn dann eines Nachts dazu, in betrunkenem Zustand einen alten Kriegskameraden, Bernard O’Hare (11), anzurufen, um mit ihm über den Krieg zu reden. Bernard lädt den Icherzähler ein, ihn in seinem Haus zu besuchen.

Im Hause der O’Hares gebärdet sich Bens Frau Mary gereizt gegenüber dem Besucher, sie denkt, Vonnegut wolle ein Buch schreiben, das junge Leute dazu motiviert, Soldat zu werden und in den Krieg zu ziehen. Dabei waren die damals in den Krieg nach Europa geschickten amerikanischen Soldaten selbst noch unreif, waren noch Kinder:

„You were just babies in the war – like the ones upstairs“.
Das gibt dem Dichter zu denken, und er gibt ihr recht:

„We had been foolish virgins in the war, right at the end of childhood.“ (14)
Und damit hat der Autor endlich den Aufhänger bzw. den Einstieg in seine Geschichte gefunden. Er will sie „Children’s Crusade“ (15) nennen; und aus Dankbarkeit für die Idee widmet er später Mary O’Hare sein Buch.

Crusade“, ein propagandistischer Begriff, um den Einsatz der amerikanischen Truppen in Europa ideell zu erhöhen, wenn nicht zu heiligen. Die amerikanische Presse sprach von the „Great Crusade“, Roosevelt benutzte das Wort in seiner Ansprache an „D-Day“, und Eisenhower nannte seine Memoiren „Crusade in Europe“.

Und Vonnegut entdeckt in einem Buch seines Freundes Ben Parallelen zu dem mittelalterlichen Kinderkreuzzug (Children’s Crusade) von 1213: Außergewöhnliche Volkstäuschungen und Massenwahn (Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds) so der Titel, geschrieben 1841von Charles Mackay. (Würde sich dieser nicht auch gut für ein kritisches Buch über den amerikanischen „Great Crusade“ eignen)?

Das damalige Europa investierte „Millionen aus seinem Reichtum“ in die Kreuzzüge und vergoß das Blut von zwei Millionen Menschen, einzig damit eine Handvoll streitsüchtiger Ritter (quarrelsome knights) Palästina für hundert Jahre für sich in Besitz nehmen konnten. (16)

Mackay widerlegt den Mythos von den hehren Motiven der mittelalterlichen Kreuzritter durch geschichtliche Fakten; Vonnegut wird ihm in Slaughterhouse Five für unsere Zeit darin folgen.

Was den Kinderkreuzzug betrifft, so hatten laut Mackay zwei Mönche die Idee, Kinder in Deutschland und Frankreich für ein Heer zu rekrutieren, um sie dann in Nordafrika als Sklaven zu verkaufen. 30000 Kinder, zumeist elternlos und sozial verwahrlost, meldeten sich kühn und voller Tatendrang für das Unternehmen und glaubten naiv, es ginge nach Palästina; stattdessen landeten sie in Marseille. Die eine Hälfte starb darauf durch Schiffbruch, die andere endete in Sklaverei.

Billy Pilgrim, nomen est omen, erinnert an die idealistischen Teilnehmer des Kinderkreuzzugs: einfältig, lebensuntüchtig und „fromm“; er möchte nicht kämpfen, sondern dem Feldpfarrer als Ministrant dienen, allein, die Umstände lassen es nicht zu. Sein Kriegskamerad, Robert Weary, gehört mehr zu den von Mackay erwähnten vewahrlosten und lasterhaften (nurtured on vice) Jugendlichen der größeren Städte: Schläger, Waffennarr und Liebhaber schmutzigster Pornographie ist er alles andere als ein Aushängeschild für die amerikanische Armee. Später machen sich sowohl die britischen Kriegsgefangenen als auch die aus Jungen und Alten bestehende Bürgerwehr Dresdens über all die gefangenen amerikanischen „Crusaders“ lustig: Sie sehen keine mutigen Soldaten mit Haltung, sondern verwahrloste Weicheier in „schrägem“ Outfit.

Eine weitere Parallele zum zweiten Weltkrieg findet Vonnegut durch Zufall in der Gideon Bibel eines Bostoner Hotelzimmers (21). Die Einäscherung von Sodom und Gomorra erinnert ihn an die Bombardierung Dresdens.

Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen von Himmel herab auf Sodom und Gomorra (1 Mose 19.24)
Lots Frau wendet sich um und beim Anblick des Infernos erstarrt sie zur Salzsäule. Der Dichter erkennt sich in ihr wieder:

So she was turned to a pillar of salt.
(…)
This (book) is failure, and had to be, since it was written by a pillar of salt. (22)

*
And Billy had seen the greatest massacre in European history which was the firestorm of Dresden. (101)
Dresden, 13. Februar 1945. Die Stadt hat regulär 600 000 Einwohner, hinzugekommen sind 500 bis 600 000 Flüchtlinge aus den Ostgebieten, meist aus Breslau und Umgebung, die vor den „plündernden, mordenden, vergewaltigenden und brandschatzenden Russen“ (194) geflohen sind.

Die Stadt ist unverteidigt, hat keine Abwehrjäger auf dem Boden, keine Flak-Geschütze in Bereitschaft. Die Bewohner glauben an ein stillschweigendes „gentleman agreement“ mit den Allierten. Diese Stadt sollte nicht - wie so viele andere - aus der Luft angegriffen werden. Warum denn auch? Das schöne Dresden hatte keinerlei strategische Bedeutung. Zudem war das Ende des Krieges nur noch eine Frage kurzer Zeit. Dresden spielte darin keine Rolle. (146) Und dennoch!

In der Nacht vom 13. Februar gab es zwei Fliegerangriffe, zeitlich so versetzt, daß der zweite die angerückten Lösch- und Rettungsmannschaften aus der Umgebung bombardieren konnte. Am 14. Februar (Valentinstag) folgte dann ein dritter Angriff in Begleitung amerikanischer Tiefflieger (Mustangs), die selbst die verzweifelten Rettungssuchenden auf den beiden Elbufern mit Maschinengewehrfeuer niedermähten. Keiner sollte verschont bleiben.

American fighter planes came in under the smoke to see if anything was moving. They saw Billy and the rest moving down there. The planes sprayed them with machine-gun bullets, but the bullets missed. (180)
Der englische Historiker David Irving schätzt die Zahl der Toten in Dresden auf 135000 und damit auf mehr als die Opfer von Hiroshima und Nagasaki zusammengenommen.

… the greatest massacre in European history… . (101)
Und obwohl das größte Massaker vom Standpunkt des Kriegshandwerks ein „howling success” war, breitet man in den USA den Mantel des Schweigens über die Angelegenheit. Nach dem Krieg möchte Vonnegut von der Air Force Informationen über diesen mörderischen Einsatz erhalten, doch bekommt er lediglich zur Antwort, daß die Sache „top secret“ sei.

Später erfährt Billy Pilgrim, daß in der siebenunzwanzigbändigen History of the Army Air Force in World War Two fast nichts (almost nothing) über den Dresden-Angriff steht.

Und in Deutschland?

Ich erfahre, daß hier die Opferzahl krampfhaft heruntergerechnet und das Massaker damit bagatellisiert wird. Gerade einmal 35000 Tote soll es gegeben haben, das sind drei Prozent der damaligen Einwohner. Während den Regen von Feuer und Schwefel auf Sodom nur vier Leute überlebt haben, sollen es bei einem Hagel von 700 000 Brandbomben – eine auf zwei Einwohner – ganze 97% gewesen sein? Mir scheint, Irvings Zahl ist eher zu niedrig als zu hoch gegriffen.

Wie lebt es sich nach einer so schrecklichen Erfahrung? Nach dem Krieg (1948) teilt Billy Pilgrim in einem Sanatorium nahe Lake Placid, New York sein Krankenzimmer mit einem ehemaligen infantery captain, Eliot Rosewater. Was sie beide verbindet, ist der Krieg und die Sinnlosigkeit des Lebens.

They had both found life meaningless partly because of what they had seen in war. (101)
Symptom dieser Sinnkrise ist die Flucht aus der Gegenwart. Billy mäandert gedanklich in seiner Vergangenheit (unstuck in time) und Rosewater verliert sich in der Lektüre von Science Fiction.

So they were going to reinvent themselves and their universe. Science fiction was a big help. (101)
Billy geht später darin so sehr auf, daß er glaubt, wirklich auf einem Planeten namens Tralfamadore zu leben bzw. gelebt zu haben. Zeitreisen sind möglich, weil es die Zeit als vierte Dimension gibt, so wie dies H.G.Wells bereits in seinem Roman The Time Machine (1895) beschrieben hat, nur braucht Billy für seine Reisen keine Maschine. Durch diese Zeitreisen kann Billy sogar seinen eigenen Tod vorhersehen bzw. erleben. Das Leben gleicht einem Film auf einer DVD, den man an jeder Stelle, Anfang, Ende, Mitte mit der Computermaus anklicken kann und an dessen Handlungsstrang nichts zu ändern ist. Und so töricht es ist, sich für den Film einen anderen Verlauf zu wünschen oder gar in ihn eingreifen zu wollen, so ist dies auch mit dem Leben. Hat Billy als junger Kreuzfahrer im Glauben an das Gute noch gedacht, man könne in Freiheit die Welt zum Guten verändern, so ist er durch den Krieg eines Besseren belehrt worden. Der sogenannte Kreuzzug stellte sich als ein schrecklicher Krieg ungeheueren Ausmaßes gegen eine unschuldige Zivilbevölkerung heraus, und die Kinderkreuzfahrer waren sowohl seine Werkzeuge und als auch seine Opfer.

Der Glaube an das Gute weicht dem Pragmatismus, in diesem Leben hilft es nichts, gut zu sein, es kommt allein darauf an, „Beziehungen“ zu haben (being connected).

Lot und seine Familie werden vor dem Feuerregen auf Sodom errettet, weil Abraham sein Onkel ist, und dieser hat Beziehungen zum „Herrn“. Jesus hingegen hat keine mächtigen Beziehungen.

Nach dem neuen Evangelium (new gospel) der Tralfamadorians, - das lediglich eine Interpretation des alten ist - ist Jesus ein „bum“ und „nobody“, der deswegen getötet wird, weil niemand ernsthafte Konsequenzen befürchten muß.

So the people amused themselves one day by nailing him to a cross and planting the cross in the ground. There couldn’t be any repercussions, the lynchers thought. (109)
There are right people to lynch. Who? People who are not well connected. So it goes. (109)
Billy verliert letztendlich sein Leben, weil er von einem gedungenen Auftragsmörder erschossen wird und dies allein deshalb, weil sein ehemaliger Kriegskamerad Bob Weary glaubte, Billy wäre schuld an seinem Tod.

Wer glaubt da noch an Gerechtigkeit?

Nach dem tralfamadorischen Evangelium gibt es eine solche zwar noch, doch ist diese tatsächlich rein theoretischer Natur, d.h. ohne Konsequenzen.

... the new Gospel hammered home again and again what a nobody Jesus was.

And then, just before the nobody died, the heavens opened up, and there was thunder and lightning. The voice of God came crashing down. He told the people that he was adopting the bum as his son, giving him the full powers and privileges of The Son of the Creator of the Universe throughout all eternity. God said this: From this moment on, He will punish horribly anybody who torments a bum who has no connections! (109-110)
Euer Wort, liebe Tralfamadorians, in Gottes Ohr! In Dresden wurden 135000 bums und nobodies ohne connections „gelyncht“, und niemand „mit connections“ hatte mit Gottes Zorn zu rechnen.

Bomber oder auch Butcher (!) Harris wurde 1953 für seine Verdienste geadelt. Die britische Post gab ihm zu Ehren 1986 eine Sondermarke heraus und 1992 wurde in London von Queen Mum höchstpersönlich seine Statue enthüllt.

Winston Churchill, der laut Irving gesagt haben soll, er brauche Vorschläge, „600000 Flüchtlinge zu braten“ (suggestions how to blaze 600000 refugees) erhielt neben dem Adelstitel eine ganze Reihe hoher Auszeichnungen, die man unter seinem Eintrag in wikipedia leicht findet. Die skandlöseste hiervon ist angesichts seiner Kriegsverbrechen für mich die folgende:

1956 verlieh ihm die Stadt Aachen den Karlspreis für 1955 als Hüter menschlicher Freiheit – Mahner der europäischen Jugend.
Kann ein Land tiefer sinken?

Zuletzt noch ein Wort über die Beziehung von Tod und Literatur in Slaughterhouse-Five.

Der Anblick des gräßlichen Massakers und die Tötung eines vierzehnjährigen Jungen haben Billy und Rosewater „aus der Bahn geworfen“, das heißt, sie können sich nicht auf einen normalen Lebensentwurf – Beruf, Familie, Freizeit etc. – konzentrieren und sich darin selbst vergessen. Stattdessen „arbeitet es“ in ihnen und sie müssen auf ihre Weise damit klarkommen.

Wie Kurt Vonneguts Buch enstand, ist vermutlich so, wie er es mit zwei Zitaten im ersten Kapitel beschreibt.

I wake to sleep, and take my waking slow,
I feel my fate in what I cannot fear.
I learn by going where I have to go. (20)
The truth is death, he wrote. I’ve fought nicely against it as long as I could … danced with it … (21)

No art is possible without a dance with death (21)

Slaughterhouse-Five: A DUTY-DANCE WITH DEATH (Titel)
Hieraus resultiert die “somewhat .. teleographic schizophrenic manner“, in der das Buch abgefaßt ist.
Ob es eine gute Idee war, Slaughterhouse-Five in einem Land zur Pflichtlektüre zu bestimmen, das zum größten Teil die anglo-amerikanische Interpretation des 2. Weltkrieges als Kreuzzug gegen das Böse kritiklos übernommen hat und in der Schule auch lehrt, will ich hier dahingestellt lassen. Mir ging es um meine persönliche Interpretation des Werkes, das heißt um das, was ich aus ihm lernen konnte. Das will ich nicht nur mit meinem Neffen teilen, sondern – sollte das Interesse hierfür da sein – auch mit anderen.

Mit lieben Grüßen

Friedrich