Thema: Josephinen

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  1. #1
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    Josephinen



    Josephinen


                        Es war früher Morgen, als Heinrich ein Schreiben mit der allzu freudigen Nachricht erhielt, ein gar weit entfernter Angehöriger, dessen seit ach so langer Zeit nicht mehr gedacht wurde, sei unlängst verstorben und habe ihm, seinem einzigen Verwandten, nebst eines kleinen Vermögens, auch noch ein recht stattliches Anwesen samt etwas Land hinterlassen, welche nun frei zu dessen Verfügung stehen. Alsbald ebenjene Nachricht gelesen war, ergriff Heinrich, von größter Freude erfüllt, all seine wenigen Habseligkeiten und brach zu besagtem neuen Besitztum auf. Die Reise dorthin war recht lang und beschwerlich und ging durch so manches tiefes Tal und über so manchen hohen Berg, doch führte diese ihn schließlich in das allzu alte, malerische Dorf O****** und ebenjenes Dorf, welches sich inmitten eines dichten Waldes befand, war eine allzu farbenträchtige Ansammlung von nicht minder farbenfrohen Häusern, von denen eines schöner zu sein schien, als das andere und auch die Bäume und Blumen erstrahlten allesamt in sattem Grün und bunter Blüte und ein lieblicher Duft von süßlichem Frühling erfüllte die Luft und ebenjene Szenerie war es auch, durch welche Heinrich nun munteren Schrittes ging und in derer alsbald auch ein Wirtshause gefunden ward, in das dieser auch sogleich eintrat.
              Im alten Wirtshause herrschte rege Stimmung, welche jedoch allzu bald verstummte, als Heinrich eintrat und kaum, dass dies geschah, waren alle Blicke der Leute misstrauend auf ihn gerichtet, während dieser sich, unsicheren Schrittes, dem Schanktische näherte und kaum, als er diesen auch erreicht hatte, flammte im Hause die rege Stimmung wieder auf und brannte wie eh und je. »So verzeiht den Leuten doch ihre Eigenheiten, werter Herr, jedoch verirrte sich schon seit langer Zeit kein Reisender mehr in unser kleines Dorf.« sprach der Wirt, als dieser ihm einen Krug voller Gebräu brachte. »Ich bin kein Reisender.« erwiderte Heinrich, während dieser von dem Gebrachten trank. »Ihr müsst ein Reisender sein, was würde jemanden wie Euch denn sonst so schrecklich weit auf das Land hinaustreiben?« »Man hat mir neulich das alte **************sche Anwesen vermacht.« und kaum, dass Heinrich diese Worte von sich gab, erlosch die flammende Stimmung im Wirtshause wieder und zum zweiten Male, an diesem Tage, waren alle Blicke im Raume auf ihn gerichtet, dieses Male jedoch in mehr entsetzter als argwöhnischer Weise. »Mein Herr, was habt Ihr nur mit diesem Hause zu schaffen?« frug der Wirt in leisem Tone. »Mein Oheim vermachte es mir und so werde ich es folglich auch bewohnen.« »Aber, ich denke nicht, dass Ihr in diesem Hause leben wollt.« »Ist gar etwas falsch daran?« »Nun, etwas Schreckliches ist in diesen unheiligen Mauern im Gange, vor dessen Antlitze selbst der Herr der Finsternis aus Grausigkeit erbleichen würde.« »Ihr beliebt zu scherzen?« »Mit Nichten.« sprach der Wirt, worauf lange Stille folgte, in derer es, aus Furcht heraus, weder die Mäuse im Gemäuer, noch die Herzen der Leute wagten einen Laut von sich zu geben. »Was geschieht denn nur hinter dessen Mauern?« frug Heinrich mit unsicherer Stimme. »Dies weiß man nicht, doch man spürt das drohende Unheil, sieht das fahle Licht und vernimmt die gräulichen Töne, welche ihren Ursprung allesamt hinter ebendiesen Mauern finden.«
              Die Zeit verging und mit jeder verstrichenen Stunde erfuhr Heinrich von allerhand sonderbaren Begebenheiten, welche allesamt mit dessen geerbten Anwesen in Verbindung stehen sollen, von ihm jedoch, ihnen in keinster Weise Beachtung schenkend, als Geschichten, mit denen man die Kinder zur Rechtschaffenheit erzieht, abtat, sodass dieser schließlich zu später Stunde und trotz allen Abratens das Wirtshause verließ und sich nach nicht allzu vielen Schritten vor den Toren seines am Waldesrand liegenden Anwesens wiederfand.
              Nun, hier sei angemerkt, dass, auch wenn das Dorf es zu dieser späten Stunde noch vermochte, vor Farbe zu vergehen, es doch ebenjenes Anwesen war, welches schwärzer zu sein schien als die Nacht selbst und den Eindruck erwecken ließ, jeder, welcher es wage, es zu betreten, würde den Tod finden. Denn, das Mauerwerk war schwärzer noch als Pech und mit verdorrtem Efeu behangen, die staubigen Fenster färbten das wenige Licht dahinter bräunlich fahl, an allen Ecken und Enden krächzte und knarrte das Holz, ohne betreten zu werden und selbst der Garten war vertrocknet und von totem Blattwerk überladen, das, von jeglichem Leben verlassen, nur noch vom Winde dem Anscheine nach belebt wurde und wie ein von Todes stummer Geige bewegtes Gerippe durch die Nacht tanzte.
              Ebenjenes finstere Anwesen war es nun, an dessen Tor Heinrich klopfte und auf Einlass wartete, welcher ihm jedoch erst gewährt wurde, nachdem dieser viele weitere Male an besagtes Tor pochte und ihm schließlich dann von einem Frauenzimmer geöffnet wurde, welches nicht nur ganz und gar und äußerst kunstvoll in smaragdgrünes Leinen gehüllt war, sodass man weder dessen Haut noch Haar sehen, lediglich seine Gestalt erahnen konnte, sondern ihn auch keines einzigen Wortes würdigte, jedoch unbeholfen deutete, er solle ihm nachkommen. Heinrich trat sogleich in das Anwesen ein und folgte ungeduldig dem verhüllten Frauenzimmer, da dieses nur schweren, schon beinahe scharrenden Schrittes und in wunderlichem Gange, nur allzu langsam vorankam, sodass schließlich eine schiere Ewigkeit vergangen sein musste, als Heinrich von diesem in ein Arbeitszimmer geführt wurde, in dem er auf den kauzigen, mittelalten Hauswarte Adalbert traf, welcher jedoch in ein allzu großes Buch vertieft war und keinerlei Anstalten machte, Heinrich gebührend zu empfangen.
              »Wer seid Ihr und wie könnt Ihr es nur wagen, mich zu solch später Stunde noch stören zu wollen?« frug Adalbert, ohne auch nur einen einzigen Augenblick lang von dessen Literatur aufzublicken, woraufhin Heinrich auch sogleich schilderte, wer dieser war, was diesen hier zu diesem Anwesen trieb und was dieser damit anzufangen gedenkt. »Nun, mein liebster Heinrich, so scheint Euch der elendige Tod meines alten Herren doch herzlichst zu erfreuen, oder ist dem nicht so?« »Er erfreut mich weniger, als dass er mich wundern lässt, warum ich dies Anwesen erbte, sprach ich doch mit G. schon seit vielen Jahren nicht mehr und nahm an, er hätte mich vergessen, so wie ich ihn.« »Nun, dem war womöglich auch so, besagte sein letzter Wille lediglich, dass all sein Besitz an den jüngsten seiner Angehörigen gehen soll, wer auch immer dies sei. Jedoch sei es dem, wie es auch immer wollen mag. Ich nehme an, Ihr wollt dieses Haus für Euch alleine haben?« »Mit Nichten, werter Herr, es liegt mir fern, Euch zu vertreiben.« »Wenn dem so ist, ersuche ich nicht länger von Euch belästigt zu werden.« und mit diesen Worten wünschte Adalbert ihm eine geruhsame Nacht und wies die verhüllte Frau an, Heinrich in das Gemach des verstorbenen Besitzers zu führen.
              Heinrich folgte, mit einem alten Kerzenleuchter in der Hand, dem verhüllten Frauenzimmer durch das große und dürftig beleuchtete, vor Staub vergehende Anwesen und ergötzte sich an dem starken, lieblichen Duft von Jasmin, welcher es zu erfüllen schien.
              Man erreichte schließlich das Gemach und Heinrich trat, seinem Geleit eine friedliche Nacht wünschend, sogleich ein und nachdem so manche Kerze und Laterne entzündet und der Leuchter niedergelegt wurde, warf Heinrich einen Blick durch den kleinen Raum, welcher mehr als wunderlich zu sein schien. Denn, nicht nur, dass das einzige Fenster des Raumes allzu klein war, es besaß auch noch einen allzu großen Riegel, so wie ihn auch die schwere, eiserne Türe hatte, nur dass diese auch noch mit diversen Schlössern und einem großen Holzbalken versperrt werden konnte und wodurch ebenjene Kammer wohl mehr einem Verließe glich, als einem Gemach, sodass man doch meinen könnte, es fehle ihm nur noch an gewissen Instrumenten. Nun, Heinrich hätte sich über dieses und jenes an seinem Zimmer jedoch gewiss noch weiter wundern können, wäre dieser nicht allzu ermüdet von der langen Reise gewesen und würde sich nichts sehnlicher herbeisehnen, als den Schlaf und in diesem Sinne begab sich dieser alsbald zu Bette und schlief wenig später auch sogleich ein.
              Es war nach Mitternacht, als Heinrich aus dessen Schlaf geweckt wurde, war es ihm doch, als würde dieser die Stimme eines Frauenzimmers vernehmen, wie dem auch war. Ein Lied ging durch das nächtliche Anwesen, welches allzu lieblich war, um von dieser Welt stammen zu können, wurde es doch mit einer solchen Leidenschaft und von einer solch engelsgleichen Stimme vorgetragen, dass Heinrich beinahe in Tränen verging und sich danach sehnte, bis an dessen Lebensende nichts als nur diesen Gesang zu vernehmen und ebenjener himmlische Gesang war es auch, dessen Banne Heinrich anheimfiel und weswegen dieser nun zu solch später Stunde noch sein Anwesen, auf der Suche nach dem Quell dieser lieblichen Töne, durchstreifte, nur um in den frühen Morgenstunden den letzten Laut verklingen zu hören, ohne jedoch dessen Ursprung gefunden, aber dafür die Nacht vergeudet zu haben.

              Adalbert saß bereits bei gedecktem Tische, als Heinrich sich zu ihm gesellte, und von welchem dieser auch sogleich gefragt wurde, ob dieser denn nicht eine geruhsame Nacht verbracht habe. »Mit Nichten, Adalbert, mit Nichten.« und sogleich begann Heinrich damit, Adalbert von dem wundervollen Gesange zu berichten, welcher ihn in tiefster Nacht nicht ruhen lassen wollte und frug, ob dieser ihn nicht auch vernommen hätte. »Ach, liebster Heinrich, dies war lediglich der Wind, welcher hier hin und wieder und allzu liebend gerne durch jeden noch so kleinen Spalt zieht und dabei die wunderlichsten Laute von sich gibt.« »Ihr mögt vielleicht recht haben, jedoch ist nicht einmal der leichteste Wind oder die stürmischste Brise, welche durch eine Äolsharfe ziehen, dazu imstande, solche Töne von sich zu geben.« »Nun, wenn Ihr solche Töne vernommen habt, so wart Ihr doch gewiss in einen schönen Traum versunken. Ich jedoch, kann Euch gewissenhaft versichern, dass hier in diesem Hause niemals je gesungen wurde.« und mit diesen Worten betrat das Frauenzimmer von letzter Nacht, dieses Male jedoch in sonnengelbes Leinen gehüllt, den Raum, um den Tisch noch fürstlicher zu decken. »Ach, Adalbert, so verzeiht mir doch herzlichst, jedoch scheint es mir, als war ich letzte Nacht gar allzu erschöpft von der langen Reise, vergaß ich doch ganz und gar nach dieser Frau zu fragen.« »Nun, dies ist niemand Geringeres als meine geliebte Gemahlin Josephinen, wie diese leibt und lebt.« »Ach, so verzeiht mir doch meine Flegelhaftigkeiten, liebste Josephinen, und erlaubt mir, mich Euch hier und jetzt nun vorzustellen.« sprach Heinrich in demütigster Art und Weise, während dieser sich von dem Tische erhob und sich so höflich als nur möglich vor Josephinen verneigte, ohne jedoch auch nur die geringste Antwort zu erhalten, um dafür aber mit einem äußerst ungelenk und steif vollzogenen Knickses entlohnt zu werden, woraufhin sich Josephinen auch sogleich wieder entfernte und Heinrich nicht anders konnte, als so manche Frage an Adalbert zu richten. »Adalbert, warum spricht Eure Gattin denn nicht?« »Nun, sie ist mehr als schüchtern und äußerst leicht verlegen.« »Und warum ist sie stets ganz und gar so aufwendig in Leinen gehüllt und geschnürt?« »Nun, dies gebieten ihre Herkunft und Kultur.« »Aus welchem fernen Land stammt sie denn?« »Wenn dies die letzte Eurer Fragen war, so stammt sie aus einem allzu fernen Land.« antwortete Adalbert, den Raum verlassen wollend. »Adalbert, so erklärt mir doch nur noch, warum sich jedermann in diesem Dorfe nur so überaus vor diesem Anwesen ängstigt und ob dies nicht mit meiner Kammer, welche mehr einem Verließe gleicht, als einem Gemach, in Verbindung steht.« »Nun, viele mögen sich gewiss vor diesem Anwesen fürchten und so manche Fabel darüber erdichten, jedoch verhält es sich hiermit, wie mit allen alten Bauten, dem der Zahn der Zeit ein unheimliches Antlitz bescherte und was Euer Gemach betrifft, so sei gesagt, dass sich G. fürchterlich vor wilden Tieren fürchtete, von denen sich, durch eine nicht geschlossene Türe, ab und an eines in dieses Haus verläuft.« und mit diesen Worten ließ sich Adalbert sogleich entschuldigen, habe er doch noch äußerst dringliche Angelegenheiten im Hause zu erledigen und wünsche daher nicht weiter behelligt zu werden.
              Nun, auch wenn Adalbert die wunderliche Begebenheit von letzter Nacht als Traum abtat, so konnte Heinrich dies nicht recht und hierzu kamen ihm auch noch die unzähligen Geschichten wieder in dessen Sinn, welche ihm am vergangenen Tage im Wirtshause nahegebracht wurden und von denen er nun mehr zu erfahren hoffte und so verließ dieser das Anwesen und fand sich alsbald im Dorfe wieder, in welchem jeder einzelne, dem er begegnete, ihm mit argwöhnischer Miene entgegnete, hatte es sich doch schon längst kundgemacht, wer er war und was ihn nach O****** führte.
              Heinrich betrat das alte Wirtshaus und so, wie es dort anscheinend Sitte war, verstummte die rege Stimmung im Raume wiedereinmal, alsbald jedermann Heinrich erblickte und jedermanns Blicke folgten ihm auch, als dieser sich dem Schanktische näherte und kaum, als er diesen auch erreicht hatte, flammte im Hause die rege Stimmung wieder auf und brannte wie eh und je. »Werter Herr, Ihr habt die Nacht gar überstanden!« sprach der Wirt in freudigen Tönen, als dieser ihm einen Krug voller Gebräu brachte. »Hattet Ihr denn Zweifel daran?« frug Heinrich, während dieser von dem Gebrachten trank. »Gewiss, werter Herr, hätte doch gar niemand hier auch nur in irgendeiner Weise gedacht, Euch jemals je wieder zu Gesichte zu bekommen.« »Ach, welch Freude es einem doch im Herzen bereitet, wenn man von einem ganzen Dorf den schnöden Tod gewünscht bekommt.« sprach Heinrich in schelmischer Art und Weise, woraufhin das ganze Wirtshause in heiteres Gelächter ausbrach.
              Heinrich berichtete unterdessen dem Wirt von dessen Anliegen, alles über sein Anwesen in Erfahrung bringen zu wollen, was das Dorf darüber zu wissen vermag und was man ihm noch nicht erzählt habe und alsbald ebenjenes Anliegen ausgesprochen war, verstummte die heitere Stimmung wieder und wich unerträglicher, wenn auch flüchtiger Stille, während derer es niemand wagte, den Blick auf Heinrich zu richten.
              Stunde um Stunde verging und Heinrich wurden unzählige fürchterliche, gar schreckliche Geschichten erzählt, von denen man denken könne, Dämonen aus den tiefsten Ecken und Enden der Hölle selbst hätten ebendiese mit dem Blute verdammter Kreaturen verfasst, und welche man ihm am vergangenen Tage vorenthalten habe, wollte man ihn doch lediglich verwarnen und vor dem Elend bewahren und nicht in die ewigwährende Tollheit treiben. Fürwahr, man erzählte Heinrich so manche Geschichte, welche allesamt mit innigen, gar inbrünstigen Warnungen einhergingen und ihm flehend an dessen Herz gelegt wurden.
              Nun, auch wenn Heinrich von so mancher dieser Geschichten überaus und zutiefst angewidert war, so konnte er ihnen - gleichwohl ihrer Ernsthaftigkeit - jedoch keinen rechten Glauben schenken, klangen diese allesamt jedoch bei Weitem zu phantastisch, als dass diese nicht im Laufe der Zeit von einem finsteren Schreiberling erdacht worden waren und auch fand er deren Annahme, dass man nur dann in ernsthafter Gefahr sei, wenn man das Anwesen betritt, närrisch und im Widerspruche zu allen Geschichten und in diesem Sinne erklärte Heinrich alle Leute in dem Wirtshause zu aberwitzigen Geistersehern, als dieser spät nachts und von so manchem Branntweine angetrunken, nach dessen Anwesen wankte und es nur mit allzu viel Bemühung vollbrachte, in dessen weichen Bette und nicht auf dem kahlen Boden den Schlaf zu finden.
              Es war nach Mitternacht, als Heinrich wieder aus dessen Schlaf geweckt wurde, war es ihm doch, als würde dieser den wundervollen Gesang vernehmen, an welchem sich dieser schon in der vergangenen Nacht ergötzte, wie dem schließlich auch war. Von der Lieblichkeit ebenjenes Gesanges getrieben und erfüllt von dem Drange ebendessen Quell zu finden, lief Heinrich im angeheiterten Halbschlafe durch das große, finstere Anwesen, nur um sich schließlich, nach einer gefühlt ewigen Stunde, im großen Ballsaale des Hauses wiederzufinden, um in selbigem endlich die Herkunft ebenjenes Liedes zu entdecken, welches ihn schon allzu lange betörte, und ebenjener Ursprung war niemand Geringeres, als ein junges, zierliches Frauenzimmer, welches durch den Saale tanzte und diese lieblichen Töne von sich gab, um ihren Tanz zu begleiten, dessen Anmut die des Liedes bei Weitem übertraf, aber jedoch verglichen mit der Schönheit der Tänzerin selbst zu Grunde ging. Denn, so anmutig, so grazil und so zierlich ihr Tanz auch war, so war es doch ihre Schönheit, welche Heinrich in ihren Bann zog. Es war der lange, goldene Strom fließenden Lichtes, welcher von ihrem Haupte floss und sich bei jeder Drehung, gar jeder Bewegung der Tänzerin wallend erhob; es war das lieblich zarte Gesicht, in dessen strahlend blauen Augen, gleich einem Paar funkelnder Edelsteine, sich die Tiefe des Meeres spiegelte; es war der wohlgeformte Mund, in dessen Rot sich die Morgenröte selbst verbarg und nur darauf zu warten schien, durch einen Kuss befreit zu werden; es war die makellose Haut, welche feinstem Marmor glich und im Scheine des Mondes zauberhaft funkelte; es war der wohlgeformte Körper, welcher sich in ein schlichtes Kleid fasste und mehr als lieblich durch den Saal flanierte.
              Fürwahr, ebenjene Tänzerin war das schönste, wundervollste und makelloseste Wesen, welches Heinrich in seinem schnöden Leben je zu Gesicht bekommen hatte und betört von deren Anblick vermochte es dieser nicht anders, als vor ihr niederzufallen, um diese Stunde um Stunde bei ihrer unermüdlichen Tanzerei zu bestaunen.
              Ebenjene wenige Stunden vergingen und Heinrich verbrachte diese in Gegenwart eines, wie es für ihn den Anschein hatte, Engels. Jedoch sollte diese unbändige Freude weder von Dauer sein, noch jemals wiederkehren, denn, je später und sogleich früher es wurde und desto mehr der Mond der Sonne wich, desto mehr wich auch der Schein ebenjenes Mondes den Strahlen ebenjener Sonne und der nächtliche Zauber dem Tage, sodass die Tänzerin immer mehr und mehr zu verblassen schien, desto lichter es wurde und schließlich ganz und gar verschwand, als der Morgen gänzlich angebrochen war und Heinrich, welcher sich, wie versteinert, schon seit Stunden nicht regte, alsbald aus dem Banne der Tänzerin befreit war und sogleich vor Erschöpfung an Ort und Stelle niederbrach und in tiefen Schlaf verfiel, in diesem von der lieblichen Tänzerin träumte und erst am nächsten Morgen und in dessen Bette aus ihm wieder erwachen sollte.

              Heinrich traf Adalbert im Windfange an, als dieser dabei war, das Anwesen verlassen zu wollen, und welchem dieser sogleich von der Tänzerin berichtete und frug, wer diese war. »Ach, liebster Heinrich, stets meistert Ihr es, mich mit Euren phantastischen Träumereien zu erheitern.« »Aber, Adalbert, dies war gewiss kein Traum, war diese Tänzerin doch so wahrhaftig, wie es wahrhaftiger nicht ginge.« »Nun, dann war diese Tänzerin gewiss nicht minder wahrhaftig, als der Branntwein im Wirtshause, in welchem Ihr Euch doch so liebend gerne die Zeit vertreibt.« »So macht nicht den Wein dafür verantwortlich, weiß ich doch klar und deutlich, was ich sah und was ich sah, war gewiss kein Traum und auch kein heiteres Trugbild.« »Nun, ich hingegen bin ganz und gar anderer Meinung, musste ich Euch doch mühevoll in Euer Bette zerren, nachdem ich Euch früh morgens auf dem kahlen Boden schlafend und vor Fusel strotzend fand.« und mit diesen Worten ließ sich Adalbert sogleich entschuldigen, habe er doch noch äußerst dringliche Angelegenheiten im Dorfe zu erledigen, welche den ganzen Tag in Anspruch nehmen werden und auch erzählte er Heinrich, dass Josephinen sich nicht recht wohl fühle und daher inniglich wünscht, von niemandem behelligt zu werden.
              Nun, auch wenn Heinrich einsah, dass der viele Wein ihn wohl mehr oder weniger betrübt hatte, so wusste er gewiss, dass die Tänzerin nie und nimmer bloße Einbildung war, ist es doch dem menschlichen Geiste auf ewig vergönnt solch Vollkommenheit zu schaffen, und dass Adalbert demnach mit großer Sicherheit etwas zu verheimlichen habe, klangen dessen Erklärungen zu ebenjener Tänzerin, dem Gesange und dem Anwesen samt dessen Geschichten doch mehr nach Ausflüchten und Versuchen, etwas, das hier in diesen Mauern im Gange war, zu verbergen und verdeckt zu halten, und in diesem Sinne konnte und wollte Heinrich nicht anders, als, lautlos und mit Bedacht, und dem Eigennutze wegen, das ganze Haus zu durchforschen, um ebenjene Heimlichkeiten zu enttarnen.
              So manche Stunde, in welcher Heinrich nichts fand, war wohl vergangen, als dieser sich in Adalberts Arbeitszimmer wiederfand, in welchem dieser nun jede einzelne Kleinigkeit, mochte diese auch noch so klein sein und unbedeutend wirken, in Augenschein nahm und wieder an Ort und Stelle und in gleicher Manier zurücklegte, wo und wie dieser sie fand, um keinerlei Verdacht zu erwecken, man habe in diesem Zimmer geforscht, nur um dennoch nicht fündig zu werden. Heinrich wollte schon beinahe verzagen, als dieser ein einzelnes Bodenbrett im hintersten Winkel des Raumes bemerkte, welches bei Weitem abgewetzter war, als all die anderen Dielen des hölzernen Bodens, und sogleich untersuchte, nur um dabei einen Mechanismus in Gang zu setzen, dessen Werken nicht nur durch das Mauerwerk zu vernehmen war, sondern auch einen großen Bücherschrank zur Seite fahren ließ, um so eine verborgene Treppe zu offenbaren, welche Heinrich auch sogleich hinunterstieg, nur um sich in einer, wie es den Anschein hatte, sonderbaren Werkstätte, gar einem Laboratorium wiederzufinden.
              Ebenjenes Laboratorium war von äußerst eigentümlicher und verbotener Natur, war es doch angefüllt mit unzähligen, alchemistischen und zauberhaften Dingen: unzählige Glaskolben und Flaschen, gefüllt mit Seimen und Brühen in wunderlichsten Farben, kochten über offener Flamme, mystische Zeichen und Symbole waren an das Mauerwerk gezeichnet, so manche Phiolen beherbergten kleine Menschen, Gläser mit einst lebenden, aber nun unverderblichen Wesen fanden ihren Platz, große Klumpen reinen Goldes waren überall verstreut, nebst unzähligen tödlichen und heilenden Kräutern, einem großen philosophischen Ofen, einem umkreisten Drudenfuß inmitten des Raumes, zwei Tafeln aus Smaragd graviert mit wunderlichsten Zeichen, unzähligen, unzähligen Büchern und diversen Käfigen, von denen so mancher mit dunklem Leinen verhüllt war.
              Nun, so wundersam und angefüllt mit übernatürlichen Dingen ebenjene unheilige Werkstätte auch war, so kümmerten diese Heinrich in keinster Weise, war es doch nichts Geringeres, als ein einfaches, an dem Mauerwerk hängendes Bildnis eines wunderschönen, unschuldigen und in junger Blüte stehenden Frauenzimmers, welches Heinrichs Blick inniglich anzog und in welchem dieser auch die liebliche Tänzerin erkannte. Heinrich - verdrängend, dass Adalbert ihn ruchlos belogen hatte - war sogleich davon überzeugt, dass ebenjene Tänzerin Josephinen sein musste und dass ebenjene - spät nachts, unverhüllt und vielleicht ohne jegliches Wissen Adalberts - durch das Anwesen tanzt, und so verließ Heinrich, in lieblichsten Gedanken an Josephinen versunken, das Laboratorium, nur um in dessen Gemach die Zeit auszuharren, welche vergehen müsse, bis es wieder Mitternacht schlägt und so, wie es erwartet wurde, geschah es dann schließlich auch.
              Die Uhr schlug Mitternacht, jedoch war es kein lieblicher Gesang, den Heinrich kurz darauf vernahm, sondern vielmehr ein gräulich klingendes Gegröle und Gestöhne vor dessen Türe, begleitet von wütendem Klopfen und Schlagen an selbige, welches allessamt so klang, als wäre eine teuflische Kreatur aus den Kreisen der Hölle entflohen und würde nun bei Heinrich den Einlass fordern und ebenjener Heinrich war es auch, welcher sich, alsbald dies alles geschah, aus Furcht und Angst heraus - wie ein allzu junges, sich vor dem Gewitter fürchtendes Kind - unter dessen Bette flüchtete und gewiss zu allen Göttern, Engeln und Heiligen inbrünstig gebetet hätte, wäre er doch dort nur nicht auf ein Buch gestoßen, welches sich als das Tagebuch seines Oheims offenbarte und aus dem sich Heinrich, aus welchen verzweifelten Gründen auch immer, letzte Rettung erhoffte.
              Nun, so manch andere, interessante Zeile mag wohl in ebenjenem Buche gestanden haben, jedoch war es wohl der letzte aller Einträge, von dem Heinrich den grausigen, gar scheußlichen und mehr als nur abscheulichen Schrecken erfuhr, welcher sich in diesem gottverlassenen Hause zugetragen hat:
              […] Welch widerwertiger, gar gotteslästerlicher Anblick sich mir nur offenbarte! Welch Gräuel, welch fürchterlicher Gräuel! […] Ich diente unter dem ********schen Kaiser und zog gegen ****land in den verheerenden Krieg; ich kroch durch verbrannte Erde und fraß meine Kameraden, jedoch war dies alles mit Nichten so fürchterlich und dämonisch und höllisch und böse, als das Antlitz des modrigen Todes, in welches ich blickte, als ich Josephinen den Schleier entriss! Kein Wort, kein Satz vermag es je zu beschreiben, was ich sah, so faulig, so zerfallen und so von Maden zerfressen war ihre einst so unschuldige Schönheit! […] Ich blickte in das Antlitz des Todes und dessen bleiche Augen und nun trachtet es mir nach meinem Leben! […] Dieser vermaledeite Adalbert! Dieser Hexenmeister, dieser Alchemist und elendige Nekromant! Schon seit dem Tage, an dem ich ihn und dessen Gattin in meine Dienste nahm, ahnte ich Arges, doch schrieb ich es dessen Kauzigkeit zu! Ich war ein Narr! Ich war ein Narr! […] Ich war der König aller Narren! […] Als ich aus dem Kriege zurückkehrte, war alles dahin: Adalbert verschloss sich in seinem Zimmer, Josephinen verhing ihre Schönheit, sprach und sang und tanzte nicht mehr, verfolgte mich dafür aber als Geist in meinen Träumen, und alle meine einstigen Freunde im Dorfe und das ganze Dorf selbst mieden mich, als wäre ich die Pest gar selbst! Seit nunmehr einem Jahr zieht sich dies alles hin! […] Die stete Ahnung, etwas Schreckliches würde geschehen, die stete Furcht, Adalbert füge mir einen Schaden zu und so geschah es nun auch! Er hetzte den Tod nach mir, der nun an meine Türe schlägt und schlägt und schlägt und schlägt und schlägt! Welch Umsicht, gar Vorahnung hatte ich, mein Gemach in einen sicheren Hort zu verwandeln! Jedoch ertrage ich es nicht länger! […] Seit Tagen schon, ich vermag diese schon nicht mehr zu zählen und bald nicht mehr hier niederzuschreiben, verharre ich schon in meiner Kammer, während das Ungetüm unaufhörlich und immerfort und immer und immer wieder und immer und immer wieder und immer und immer wieder […] und immerfort an meine Türe hämmert! Oh, dies Gegröle, dies infernale Gestöhne! Ich schlafe nicht, ich hungere, mir schwinden die Sinne! […] Oh, dies Gegröle, dies infernale Gestöhne! Immerfort und immerfort! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Es lässt mich schwachsinnig werden! Alles, das ich einst über diese Welt zu wissen glaubte, ist eine elendige Lüge! Die Welt ist voller Finsternis und Tod! […] Ich ertrage es nicht länger! Ich stürze mich ihr sogleich entgegen und ende es! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! Ich ertrage es nicht länger! […]
              Heinrich las ebenjene Zeilen mit hässlichem Entsetzen, wissend, dass ihm ebenjenes Schicksal gar selbst widerfahren wird, sollte es Josephinen gelingen, die eiserne Türe zu bezwingen, bevor ihn der Wahnsinn ereilt und so sah dieser, von unendlicher Todesfurcht getrieben, keinen anderen Weg, um dessen leidiges Leben zu retten, als die Flucht. Heinrich zerrte den Riegel von dem einzigen Fenster des Raumes und zwang sich unter größten Anstrengungen hindurch, nur um sich auf der anderen Seite auf totes Astwerk und verdorrtes Blattwerk hinab zu stürzen.
              Heinrich fiel hinter dem Anwesen auf besagtes totes und verdorrtes Astwerk und Blattwerk und wiegte sich, obgleich so manchen Schmerzes, in rettender Sicherheit, konnte er doch noch durch das Fenster herab das infernale Gestöhne und wütende Pochen vernehmen. Sogleich und keine Zeit verlierend erhob sich Heinrich von dem harten Boden und wollte in das Dorfe stürmen, jedoch sollte es noch nicht so weit kommen. Denn, alsbald Heinrich wenige Schritte tat und den durch alte Laternen schauerlich beleuchteten Vorhof des Anwesens erreichte, fand dieser sich schon in der Gegenwart eines verdrießlichen Adalberts und einer in schneeweißes Leinen gehüllten Josephinen, welche von Adalbert an einer schweren Kette gehalten wurde, wieder. »Ach, liebster Heinrich, so konntet Ihr Eurer Neugierde nicht widerstehen und musstet mir nachforschen. Welch Schmach Ihr nur über Euch bringen musstet. Jedoch sei es Euch verziehen, wenn Ihr hier und jetzt und zu diesem Augenblick diesem Dorf entschwindet. Entschwindet, entschwindet diesem Dorf auf Ewig und bewahrt Euch Euer elendiges Leben!« und mit diesen Worten entriss Adalbert seiner Josephinen das Leinen von ihrem Haupte, welche sogleich unter gräulichem Gekreische zu Heinrich stürmte und nur von Adalbert und der Kette auf Abstand gehalten wurde und Heinrich, entsetzt von dem unbeschreiblichen Anblick und nun wissend, dass alles, wovon G. berichtet hat, der Wahrheit entspricht, vermochte es weder zu flüchten, noch bei Bewusstsein zu bleiben.

              So manche Stunde mag wohl vergangen sein, als Heinrich aus dessen Ohnmacht wieder erwachte und sich - zu dessen Entsetzen - in einem der Käfige in Adalberts Laboratorium widerfand. »Welch Freude, Euch wieder bei Bewusstsein zu sehen, liebster Heinrich.« sprach Adalbert, als Heinrich sich in dem Käfige erhob. »So seid Ihr wahrlich das, wofür G. Euch hielt? Ein Hexenmeister, ein Alchemist und elendiger Nekromant?« frug Heinrich daraufhin in heiserem Tone. »Ich mag wohl so allerhand Gottloses sein, jedoch waren meine Motive stets mehr als nur ritterlich und ehrenhaft, denn, Ihr müsst Wissen, dass ich alles, das ich tat, nur meiner liebsten Josephinen zuliebe tat.« und mit diesen Worten betrat nicht nur ebenjene Josephinen - gekleidet in ein schlichtes, rosenrotes Kleid und mit verbundenen Augen - den Raum und gesellte sich an Adalberts Seite, sondern dieser begann auch sogleich damit, Heinrich zu erzählen, wie dessen unheiliges Treiben seinen Anfang nahm.
              »Es war vor so manchen Jahren, als meine Welt noch nicht in Trümmern lag, da führten Josephinen und ich hier in diesem wundervollen Dorfe das glücklichste aller Leben, war uns das Glück doch mehr als nur hold. Jedoch sollte dies alles nicht von Dauer sein, erkrankte Josephinen doch allzu unerwartet und verstarb nach langem Siechen. Tag und Nacht verharrte ich an ihrem Bette und betete zu unserem Herrn, er möge meine Liebste verschonen und sich einen anderen Engel schaffen, während ich nach den gebildetsten Doktoren des ganzen Landes schicken ließ und als ebendiese, mit all ihrem schnöden Wissen, an ihrem Leiden verzagten und der Herr, in all seiner Gnade, mich nicht erhörte, und selbst der Gebieter der Finsternis meine Seele nicht an sich nehmen wollte, so verblieb mir nur noch eine einzige Möglichkeit, das Leben meiner geliebten Josephinen selbst zu retten, und ebenjene Möglichkeit war nichts Geringeres, als die untersagte, schwarze Kunst der Alchemie. Wie Ihr vielleicht doch wisst, Heinrich, birgt ebenjene Wissenschaft gar so manche Dinge, welche den Tod besiegen und bis in alle Ewigkeit verzögern und in diesem Sinne forschte ich gar unaufhörlich, immerfort und von unbändiger Liebe getrieben hier in diesen Mauern nach ebenjenen Dingen. Ich fand das Alkahest und löste alle Dinge; ich fixierte das flüssige Silber; ich entkleidete die Materie ihrer Wesensformen und reinigte, umwandelte und vollendete sie; ich schuf menschliches Leben in einer Phiole und zog es heran. Fürwahr, ich forschte immerfort und unaufhörlich und als ich dann endlich mein großes Werk vollbrachte und den Stein der Philosophen fand und mit dem besten Rotweine vermengte, war es jedoch schon zu spät. Denn, Josephinen war gar allzu schwach, um auch nur einen einzigen Tropfen zu trinken und so verstarb sie, mit trinkbarem Gold an ihren Lippen, in meinen Armen und ich beklagte in unsittlichsten Worten ihren Verlust! All die Jahre, welche wir gemeinsam verbrachten, waren vergangen und all die Zeit, welche ich hier in diesen Mauern ließ, war verschwendet! Wahrlich, ich vergeudete die wenige uns noch verbliebene Zeit hier in diesen vermaledeiten Mauern und befleckte meine unsterbliche Seele, nur um meiner Selbst die Trauer, die Einsamkeit und auch den Freitod zu ersparen! Aber, Heinrich, Ihr mögt mir wohl sicherlich zustimmen, dass die einzig wahre Liebe, welche für jedermann gar den Sinn des Lebens birgt, dies alles mehr als nur rechtfertigt und mehr als nur vergütet?« »Gewiss, Adalbert, ist die Liebe der einzig wahre Sinn unseres kurzen Lebens, jedoch nie und nimmer ein Grund, sich an ebenjenem Leben so gotteslästerlich zu vergehen.« »Ach, Heinrich, so spricht doch nur ein Mann, welcher noch nie zuvor jemals ganz und gar und aus tiefstem Herzen verliebt gewesen war. Jedoch sei es dem, wie es auch immer wollen mag.« und mit diesen Worten erzählte Adalbert, wie dieser sich, nach dem kläglichen Scheitern der Alchemie und dem Tode Josephinens, der Totenbeschwörung zuwandte, denkend, dass dieser, auf diese Art und Weise, nicht nur Josephinens Geist beschwören und ihren Körper wieder beleben kann, sondern auch, durch die Verschmelzung von ebenjenem Geist mit ebenjenem Körper, Josephinen gänzlich zurück in ihr Leben führen kann.
              »Ach, liebster Heinrich, gewiss ist es mir ganz und gar bewusst, dass ich für meine Taten das Fegefeuer mehr als verdient habe, jedoch ist mir dieses mehr als recht, wenn ich dafür hier in diesem Leben die Ewigkeit mit meiner geliebten Josephinen verbringen kann. Ihr ward doch Zeuge ihrer Schönheit, ihres Gesanges und ihres Tanzes und so nehmt doch all diese Dinge und vermengt sie mit dem herzlichsten und unschuldigsten Gemüt, welches Ihr Euch vorzustellen vermögt, und es würde mit Nichten jemals und in irgendeiner Art und Weise Josephinen gerecht werden. Gewiss, ich verging mich an Gottes Schöpfung, jedoch würde ich dies immer und immer wieder so handhaben und ebendiesem Gott sogar eigenhändig einen Dolch in dessen kaltes Herz rammen und mich an seinem Blute laben, nur um seiner gleich zu werden, auf dass ich es dann vermag, meiner Josephinen ihr Leben wieder zu schenken!« »So ist es nicht gar etwas überzogen, unseren Gott zu meucheln, nur weil dieser Euch die Liebe nahm?« »Ach, Heinrich, Ihr sprecht, als sei Euer Gott immer noch der Meinige.« »So ist dieser es denn nicht?« »In keinster Weise, wandte ich mich doch in dem einen Augenblicke auf Ewig von ihm ab, in welchem dieser meinem Leben dessen Sinn entriss.« antwortete Adalbert, während dieser sich Josephinen zuwandte und diese liebevoll an die Hand nahm.
              »Ach, liebster Heinrich, bei meiner inneren Wandlung und Erkenntnis, ich würde die Welt aus ihren Angeln heben, nur um noch ein weiteres Male das liebliche Lachen meiner Josephinen zu vernehmen und nicht dieses gräuliche Geheul; ich würde die Sterne von ihrem Himmelszelt holen, nur um noch ein einziges Male in ihre strahlenden Augen zu blicken, ohne, dass diese mir nach meinem Leben trachten; ich würde die Sonne auf ewig verdunkeln, nur um noch ein letztes Male meine Lippen an die Ihrigen zu führen, ohne, dass ich vor Kälte zu erstarren oder vor Fäulnis zu vergehen drohe.« sprach Adalbert voller Zuneigung und in wehmütigstem Tone über Josephinen, während ebendieser ebenjene Lippen sich näher kommen ließ, jedoch von Heinrich unterbrochen wurde, bevor sich diese fanden. »Um Himmels Willen, Adalbert! So versichert mir doch, dass Ihr Euch nicht an der Toten vergeht!« »Aber gewiss vergehe ich mich in keinster Weise an meiner liebsten Josephinen, sondern liebe sie lediglich nur tagein und tagaus und zu jedem freien und sich mir bietenden Augenblicke.« und mit diesen widrigen, widrigen Worten begann Adalbert, vor Heinrichs Augen, Josephinen zu liebkosen und ihr auf ach so viele Arten und Weisen dessen Liebe zu beweisen, während es Heinrich ganz und gar nicht anders vermochte, als vor grausigem Entsetzen zu erbrechen.

              So manche Stunden und Tage, Wochen und Monate und mit diesen auch so manche Jahreszeit mögen wohl vergangen sein, während derer Heinrich nicht nur - trotz stetem Bitten und Flehen, Adalbert möge ihm die Freiheit schenken - in dem Käfige gefangen blieb, sondern auch ebenjenem Adalbert bei dessen teuflischen Machenschaften beiwohnte und das Eine oder Andere dadurch in Erfahrung brachte. So erfuhr Heinrich, dass der starke Duft von Jasmin, in welchem das Anwesen stets zu vergehen schien, und das viele Leinen, mit dem Josephinen stets ganz und gar verhüllt war, nicht nur dazu dienten, ihre Fäulnis zu verbergen, sondern zugleich auch überaus bedeutend waren, denn, auch wenn Adalbert ein Meister der Alchemie war, so sehr mangelte es ihm doch an der Beherrschung der Totenbeschwörung, und in diesem Sinne vermochte es dieser weder Josephinens Geist, noch ihren geistlosen und wieder belebten Körper gänzlich zu beherrschen und Letzteren davon abzuhalten, alles Lebendige anzufallen, das dieser zu Gesichte bekommt, ist dieser doch lediglich von stetem, tierischem Drange nach Fraß getrieben, welchen Adalbert darin begründet sieht, dass ein Mensch ohne Seele lediglich ein Tier sei und demnach nicht denkt, sondern vielmehr von den einfachsten Trieben besessen ist, und dieser bei denjenigen, welche weder ganz tot, noch ganz lebendig sind, nur unterdrückt werden könne, wenn man ihnen die Sicht und jeglichen lebenden Geruch nimmt. Auch offenbarte Adalbert, dass dieser sich immer wieder tief nachts auf den dörflichen Friedhof wagte, um dessen Gräber ihrer Leichen wegen zu plündern, um dann an ebendiesen Leichen dessen Beschwörung zu üben und zu verfeinern, und ebenjene von ihm belebten Leichen waren es auch, welche sich nun in den anderen, durch Leinen ganz und gar verhüllten Käfigen des Laboratoriums befanden und Adalbert mit großem Interesse und auf alle nur erdenklichen Arten und Weisen studierte.
              Nun, so sehr es Adalbert doch erfreute, ebendiese zu studieren, so galt dessen größte Begeisterung wohl Heinrichs verstorbenem Oheim, welchen dieser ebenfalls in dessen Laboratorium hielt, ist G. doch von sich aus in das geistlose Leben zurückgekehrt, nachdem dieser von Josephinen angefallen und zerfleischt worden war und ohne dass Adalbert ihn eigens beschwören musste.
              Fürwahr, Heinrich war so manche Jahreszeit in dem Käfige gefangen und auch, wenn dieser anfänglich in steter Angst vor den Toten lebte und fasst dessen Verstand dabei verlor, deren Wirklichkeit anzuerkennen, so erkannte dieser gar allzu bald, dass Adalbert doch derjenige war, welchen es zu fürchten galt. Denn, nicht nur, dass Adalbert sich immer und immer wieder vor Heinrichs Augen an Josephinen verging, wurde dieser auch stets von tosendem Zorne erfasst, wenn er abermals und abermals kläglich daran scheiterte, ebenderen wieder belebten Körper mit ihrem beschworenen Geist zu vereinen, und besagter Zorn war es auch, welchen Adalbert dann gegen die anderen Toten richtete und diese folterte und marterte, welche sich jedoch in keinster Weise daran zu stören schienen. Wahrlich, Adalbert war eine überaus widrige und elendige, gar schreckliche und abscheuliche Person, welche allergrößte Freude daran fand, sich an den Toten zu vergehen, waren diese doch nur willenlose Puppen an zauberhaften, teuflischen Fäden und demnach doch bei Weitem einfacher zu beherrschen und zu bezwingen, als alles Lebendige.
              Jedoch sei es dem, wie es auch immer wollen mag.
              Es war der tiefste Winter, welcher dessen blanken Zauber über die Lande legte und nicht minder umfing: der endlos weite Himmel war zumeist gar wolkenlos und von zierlich zartem Blau; die Luft war gänzlich rein und der Wind ging durch die kahlen Felder; die Bäume waren, wie alles andere auch, allesamt von weißem Gold bedeckt, sodass deren Äste beinahe gar zu zerbrechen drohten; und soweit das Auge es zu sehen vermochte war die Landschaft von einem Mieder umschlungen, welches bei Tage, wie bei sternenklarer Nacht gar allzu bezaubernd schimmerte und glänzte, sodass man doch meinen könnte, Engel wären an dessen Schönheit vergangen und hätten dieses mit ihren Tränen benetzt. Wahrlich, ein Zauber hing über der Welt, ein Zauber, an welchem sich gewiss Heinrich hätte allzu herzlichst gar erfreuen können, wäre dieser nur nicht in den Tiefen des Anwesens gefangen gewesen. Doch, so finster und trostlos Heinrichs Lage auch wirken mochte, so sehr sollte sich diese noch zum Schlechten wenden.
              Es war früher Morgen, als Adalbert bereits in dessen Laboratorium mit alchemistischen Versuchen zugange war, um all die vielen, vielen Dinge zu entdecken und zu erforschen, welche noch niemand vor ihm zu entdecken und zu erforschen vermochte und in ebendiesem Sinne war dieser - unermüdlich und von unstillbarem Drange nach Wissen getrieben - damit beschäftigt, unzählige Seimen und Brühen in wunderlichsten Farben miteinander zu vermengen und in mehr als nur zahlreichen gläsernen Kolben auf offener Flamme zu erhitzen, bis diese brodelten und kochten und der Dampf den ganzen Raum zu erfüllen schien. Fürwahr, Adalbert war unermüdlich am Werken und dem steten Hinzuziehen neuer Gläser, Kolben und Phiolen, bis es schließlich mehr waren, als dieser handhaben konnte und ihm dessen Übermut dadurch zum Verhängnisse wurde. Denn, in einem einzigen, kleinen Augenblicke der Unachtsamkeit, zerbrach Adalbert ein Glas gefüllt mit purpurnem, glänzendem Wachs und noch in ebenjenem Augenblicke, in dem dies alles geschah, zersprang die unheilige Brandstätte unter donnerndem Schlage, riss Adalbert in den Tod und verwüstete das ganze Laboratorium, welches in einer Feuersbrunst zu versinken drohte, und Heinrich, dessen Käfig durch den Raum geworfen wurde und an der Wand zerschellte, fand sich, mit fürchterlich schmerzenden Wunden und in schwankendem Zustande, inmitten ebenjenen Höllenfeuers wieder und vermochte es nur unter Einsatz seiner letzten Kräfte, sich aus der Hexenküche und auch dem Anwesen zu retten, und ebenjener Heinrich war es auch, welcher nun durch das farbenträchtige Dorf lief, blutige Spuren im Schnee hinterließ, und in wahnsinnigsten Tönen die Bewohner um Hilfe flehte, welche auch sogleich auf die Straßen eilten und alsbald das alte, stattliche Anwesen am Waldesrand erblickten, wie dieses in himmelhohen, tosenden und tobenden, gar peitschenden Flammen verging und aus dessen Antlitze der schattenhafte Umriss einer Person zu treten schien, und sahen sie näher hin, so konnten sie meinen, diese trug ein brennendes, pechschwarzes Kleid.

    Geändert von Leopold Lilienfeld (14.01.2015 um 21:04 Uhr)
    Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. - Albert Einstein

    Es ist nur ein schmaler Grat zwischen Narr und Dichter.

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