Nach langer Wanderung über felsige Wege wusste er dem Schatten zu entrinnen, der Gang aus dem tiefen Tal zur Bergspitze war mühsam und schwer. Der hohe Berg wirft, seit seiner Geburt, unerbittlich Dunkelheit auf sein Haupt, doch seine Sehnsucht trieb ihn an sich endlich aus fremden Schatten zu entbinden. Am Ziel, so wusste er, wird sein Blick klar und weit sein, nichts anderes als Freiheit wollte er. Die letzte Etappe - wie ist sie leicht und schwer zugleich. Im Schatten des Berges musste er sich immer wieder aufraffen, um den Glauben an Licht und weitem Horizont nicht zu verlieren. Obwohl die Kraft Schritt für Schritt nachließ, feuerte ihn das Wissen eines baldigen Ende seines Schattengangs an. Er, der Nachtgänger im Schatten Anderer, eben diese Dunkelheit war es die seine Sehnsucht nährte. Noch weiß er nicht um das Glück einen Schritt vor der Freiheit, einen Schritt vor den tausend Möglichkeiten! Wüsste er vom Alptraum der Freiheit, vom nahendem Taumel und Schwindel in diesen Höhen, er hätte diese Schritte in unendliche Länge gezogen und statt krankhaft aufs Gipfelkreuz zu blicken - kurz inne gehalten!

Woher kommt dieser Wanderer und wer ist er?

Er ist eine Erfindung und verkörpert als Metapher, einen Seelenzustand den wir Paradoxie der Freiheit nennen. Manche von uns kennen dieses Gefühl, ahnen es oder kämpfen schon dagegen an. Andere kennen den Wanderer aus ihren Freundeskreis oder erkennen ihn in ihrem Innersten wieder. Einige haben das Gefühl des inneren Freiheitskampfes schon überwunden, doch viele gehen an ihm zu Grunde - irren und taumeln herum, verzweifeln, erbrechen, verletzen sich selbst - wollen sterben. Nirgends ist Verantwortung größer und selten erstarrt man stärker als in der Freiheit. Die wahre Last der Unfreiheit trifft den, der die Ketten sprengt.

Jene Leser die mit diesem Satz nichts anfangen können, haben entweder den großen Taumel und die Furcht überwunden und sind durch innere Befreiung der Äußeren gerecht geworden, an ihnen liegt es ihre Weisheit mit Hilfesuchenden zu teilen. Andere, welche noch in einer Scheinfreiheit leben, genießen noch den letzten Schritt des Wanderers > Sie seien gewarnt! Die Metapher des Wanderers ist für jene gewidmet, die an der Fülle des Lebens erkrankt sind, denen die Last der Verantwortung für ihre Existenz zu groß wurde. Ihr Alptraum wird hier niedergeschrieben.

Der letzte Schritt ist vollbracht, noch geblendet vom Licht blinzelt der Schattengänger in sagenhafte Weiten. Kein Berg erblickt sein Auge, sondern unendlich leerer Raum. Noch unscharf sieht er, denn seine Augen sind diese Entfernungen schon entwöhnt. Unruhig ist sein Herzschlag, denn diese Stille und Rast ist seinem Herz schon unbekannt. All seine verlorenen Kräfte kehren langsam zurück, und übermannt vom Großen ahnt der Wanderer sein Glück. So setzt er sich nieder und blickt in die Ferne, als betrachte er ein aus fremder Hand gezeichnetes Gemälde. Wie lange saß er so am Boden, waren es Stunden, Tage, Monate oder sogar Jahre? Sein an Routine und Fremdbefehle gewöhntes Gemüt wird aus Zeit und Raum geworfen, sitzend vor unendlicher Weite erkennt er keine Konturen eines Raumes und verliert langsam das Gefühl von Zeit. Die Sonne scheint nicht unterzugehen, denn ab jetzt entscheidet er wann der Tag für ihn beginnt. Ohne dem Weckruf einer Tätigkeit verliert der Wanderer sich im Rausch der Zeitlosigkeit

Erst nach einiger Zeit - wer weiß schon wie lange er dort weilte, erkannte sein Auge, dass sich feinädrig tausende Wege durch die Leere zogen. Manche führten in Bibliotheken, Konzertsäle, Museen und andere mündeten in Universitäten, fremde Länder, in Menschen Getümmel und Einsamkeit. Er sah Kirchen, den gekreuzigten Christus, er hörte ferne Klänge aus dem Orient und ahnte Krishna auf seiner Bambusflöte spielen - oder war`s Orpheus? Sogar Zarathustra sah er seine Jünger suchen und am Fluß unter einem Feigenbaum saß Siddhartha Gautama und entband sich dem ewig Wiederkehrenden. Er hörte Cäsars Todesschreie als 23 Dolchstiche ihn durchlöcherten, die Gesänge der Marseillaise wie sie im Chor über die französischen Armeen hinweg erklang. So viele Wege.... doch wohin zuerst?
Umso tiefer er blickte desto mehr Richtungen erkannte er: Politik und Weltgeschichte, Kunst und Sinneslust, Natur- und Sozialwissenschaft, die heroischen Symphonien der Musikgeschichte und den Lockruf der Theologie. Lebende und Tote vereint in Vergangenheit und Zukunft, große Würfe Einzelner und Menschen die im Schatten leben - doch wohin gehöre ich? Und hinter jeder dieser Pforten wieder neue Türen, nirgends ein Ende in Sicht! Es war wie die Suche nach einzelnen Tönen in einer berauschenden Symphonie...

Anfangs blickte er auf die Wege mit Achtung und Freude, dann packte ihn langsam die Furcht und Überforderung, langsam fieberte sein Bewusstsein. Er musste doch nur eine Türe öffnen, doch wären da nicht neue Türen gewesen, hätten dort nicht neue Entscheidungen ihr Recht auf Beachtung eingefordert? Das Labyrinth der Freiheit umgarnte ihn. Unbewegt sitzend überfielen ihn Tagträume, er sah sich vor einem unendlich großen Bankett mit unausdenklich vielen Gaumengenüssen stehen, er hielt einen leeren Teller in der Hand und niemand der ihm ein Menü zusammenstellte, denn in diesem Saal war er ganz mit sich alleine. Er hatte Angst sich an den Speisen Tod zu essen, denn in der Fülle verliert man sich oft im Maßlosen. So blieb er mit leeren Teller vor vollgedeckten Tische stehen und verlor sich im Hunger, den er jederzeit stillen konnte. Schwer fiel es ihm schon zwischen Realität und Tagträumen zu scheiden, immer stärker fühlte er in sich Hunger, doch niemand der ihm Essen reichte. Umnachtet war sein Verstand, seine Gedanken zirkulierten wie ein Motor der immer heißer läuft, als s
ehnte er sich die Explosion herbei. Seine Ermattung nahm immer stärker zu, ganz bleich und abgemagert verlor er sich.

Vergnügen! wie schön war es doch im Tal vor warmen Ofen und etwas Unterhaltungsprogramm gewesen, es gaukelt so glitzernd einen Blick auf die Welt. Doch nun ist es zu spät, er fühlte keine Kraft mehr in seinen Beinen. Eine starke Hand! Wie schön war es doch im Tal einen Führer zu haben, der gebietet und entscheidet - lass doch die Last einen anderen tragen.

Seine Augen ermüdeten und brannten vor irren Starren ins Nichts, statt in die Fülle blickte er nur mehr in sich!

Viele Wanderer erlegten demselben Schicksal, sie verloren sich in Geisteskrankheit oder flüchteten zurück ins Tal. Nur bei geschulten Blick auf die vielen Wege dort in der Weite erkennt man, dass man in der Freiheit nicht ganz so einsam ist, einige Gestalten öffnen heiter die Türen und summen ihre Melodien, solche die in der Freiheit ihr Zuhause gefunden haben und auf ihren Gesichtern liegt ein Glanz des Glücks!

Text:
Jeremias J.
am 15.10.2013

Gewidmet meinen Freunden, manche von ihnen durchwandern diesen Alptraum, ihnen wünsche ich sich von der Erstarrung zu lösen und sich ins "freie" zu wagen. "Existieren ist fakt, leben ist Kunst" (anonymes Zitat)
Auch ich kann es nicht verbergen diesen Alptraum selbst immer wieder erlebt zu haben.