1. #1
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    Frage zur Lyrik

    Liebe Mitglieder,

    gerne stelle ich mich hier in einem passenden Forum zu gegebener Zeit ausführlich vor.
    Nun brennt mir eine Frage in der Seele, die ich sehr gerne beantwortet hätte, soweit
    dies möglich ist.
    Mein väterlicher Freund Richard schreibt seit vielen Jahrzehnten Gedichte, die in kleinen
    Auszügen auch schon als Buch und Hör CD veröffentlicht wurden.
    Obwohl ich mich seit vielen Jahren mit seinen Werken beschäftige, kann ich seine "Lyrik"
    noch immer keiner Kategorie zu ordnen.
    Aktuell bin ich mit einer Sängerin im Studio um drei/vier Liedtexte aufzunehmen.
    Ich bitte Euch, um Eure Einschätzung, um welche Art von Lyrik handelt es sich am Beispiel
    dieses Gedichts.

    Vielen Dank!

    PS: Der Verfasser ist heute 81 Jahre, hat mehr als 40 Jahre als Lehrer und Erzieher in
    Justizvollzugsanstalten gearbeitet. In- und nach dieser Zeit hat Richard seine Gedichte
    geschrieben.

    Katzenkind

    Such Dir so ein Katzenkind
    so ein Seidenhaarmädchen
    Kose um die Welt mit ihr
    dreh dich Kreiselrädchen

    Surre schurre – eijaijai
    kaum begann ’s schon ist’s vorbei

    Bau Dir aus ein Katzenhaus
    aus zwölf Seidenkissen
    folge blind dem Katzenkind
    und vergiss das Müssen

    Surre schurre eijaijai
    kunterbunt versüßt den Brei

    Tausch für einen Katzenmund
    ein Dein fades Leben
    gib Dich aus in einer Stund
    ohne aufzuheben

    Surre schurre eijaijai
    pfeif auf’ s satte Einerlei

    In einem Tag in einer Stund’
    vertrink den ganzen Wein
    wer alles setzt auf einen Punkt
    den quält nicht Vaters Hein

    Surre schnurre eijaijai
    nichts verliert wer einmal frei
    Ein zerbrochenes Gefühl
    zum Schaden geleimt
    greint nach seinem Sprung
    mit dem es auch nicht leben konnte.

    Copyright: Richard Köhler

  2. #2
    biddy Guest
    Hallo ausgeträumt,

    Eine brennende Seele braucht zuallererst Löschwasser! Alles andere kommt später ...

    Aber wenn du schon fragst: Das hier scheint mir ein Liedtext zu sein, in dem ein Refrain vorkommt, der immer wieder leicht abgeändert wird. So ähnlich haben die Spinnerinnen früher in der Stube gesungen, denkbar wäre auch (im Hinblick auf die Vita des Autors) ein Knastbruder, der in der Näherei arbeitet und zur Arbeit singt (oder sich das Lied denkt).

    Auch wenn‘s nicht um ein konkretes Mädchen geht, das hier bedacht wird, sondern um Gefühle, die entstehen können, wenn man sich berührt: Es ist ein Liebeslied, in dem die Sehnsucht vorherrscht und das am Ende in der Melancholie absäuft. Wobei das finale Abhandenkommen des Metrums nicht nur ein „aus dem Leim Gehen“ symbolisieren könnte, sondern wohl auch einer geänderten Melodieführung am Schluss des Stückerls geschuldet sein dürfte.

    Das Metrum ist nicht stringent, das Reimschema unregelmäßig und unrein. Ich würde den Text als „Arbeiterpoesie“ oder „Proletarierlyrik“ bezeichnen, ganz gleich, ob er gezielt so „gestrickt“ wurde oder nolens volens zustande gekommen ist. Vielleicht auch „Knastlyrik“?

    Gruß

    biddy

  3. #3
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    Hallo ausgeträumt.

    da bietest du uns einen sehr, sehr schönen Text an. Viele kleinen, aber feine Perlen auf einen schlichten roten Faden gefädelt.

    Zunächst: Reine Gedichtformen sind Schablonen, mit deren Hilfe ein Dichter lernen kann, den Fluß der chaotischen Gedanken und Gefühle in ruhigere Kanäle zu leiten. ABER: Der Umgang mit reinen Gedichtformen kann sowohl in Erleuchtung wie auch Erstarrung enden. Eine reine und metrisch wie reimtechnisch sauber durchgeführte Gedichtform kann ich nicht eindeutig erkennen. Wohl aber mindestens einen sehr schönen Liedtext, der hier und da etwas aus dem Mieder quillt

    Von der Form und Inhalt erinnert es mich zunächst an ein Kinderlied. Vierhebige Ballade mit Strophen und einem variierenden Refrain, würde ich dazu sagen. Die ersten 3 Strophen (außer S1Z2) auf jambischen Versfüßen. Die vierte Strophe auf trochäischen.

    Die 5. Strophe ( gehört da nicht noch eine Leerzeile nach "frei" eingefügt?) fällt völlig aus dem Rahmen. Dort wechselt das Metrum zwischen beiden Versfüßen. Dazu kommt, dass auf den dominierenden Kreuzreim der vorherigen Strophen verzichtet wurde. Die Strophe ist gänzlich reimlos. Vielleicht ließ da die Konzentration des Dichters nach...

    .... Vielleicht aber auch nicht. Diese 5. Strophe fungiert nämlich inhaltlich nicht wie in den vorherigen als Ratschlag ( zum Beispiel für die Tochter), sondern mehr als Erklärung für die Notwendigkeit dieser Ratschläge. Die Änderungen im Metrum und der Verzicht auf den Reim könnten als bewusste Stolpersteine eingearbeitet worden sein, um Aufmerksamkeit für die Moral von der Geschichte zu erhöhen.

    Also mich berührt dieser Text wirklich sehr! Ich verstehe ihn als sehr wirkungsvolles Plädoyer für ein "lebe Deinen (Kindheits-)Traum und verzage nicht". Die Katzen und Puppen stehen mMn für ein gefühlsbetontes Leben. Aber auch für Zärtlichkeit und Rücksichtnahme. Der vertrunkene Wein eher für Spontanität und Geselligkeit. Sehr schön auch die Quintessenz der letzten Strophe: Versuche mit der Widersprüchlichkeit zu leben! Keine Lösung ohne neue Probleme.

    Richte dem Autoren meinen Dank und Respekt aus

    lg
    Geändert von Artname (15.08.2014 um 09:14 Uhr)

  4. #4
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    > Bänkelgesang
    nix Ballade
    nix Moritat


    Gruß aus dem Taunus
    gitano
    "Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit in der Kritik."
    feiner Satz von M. Reich-Ranicki

  5. #5
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    Danke biddy für deinen aufschlussreichen Kommentar. Gruß ausgeträumt


    Herzlichen Dank, Artname, dass Du das Gedicht (Liedtext) so treffend analysiert hast. Ich richte dem Autor deinen Gruß aus. Beste Grüße ausgeträumt


    Gruß aus der Hauptstadt in den schönen Taunus und besten Dank. Gruß ausgeträumt
    Geändert von Nachteule (20.08.2014 um 14:59 Uhr) Grund: Dreifachposting

  6. #6
    biddy Guest
    Hallo ausgeträumt,

    das Ding ist selbstverständlich kein Bänkelsang - dazu fehlt ihm die Handlung und die Dramatik.

    Gruß

    biddy

  7. #7
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    Hallo ausgeträumt,

    mich interessiert noch immer, ob sich bei der 5. Strophe in Deine Schreibweise 1,2 kleine Fehler eingeschlichen haben. Fehlt da eine Leerzeile nach dem 2. Vers? Und heißt es in der ersten Zeile wirklich "schnurre" und nicht (wie in den vorherigen Refrains) "surre"?


    Zitat Zitat von ausgeträumt Beitrag anzeigen

    Surre schnurre eijaijai
    nichts verliert wer einmal frei
    Ein zerbrochenes Gefühl
    zum Schaden geleimt
    greint nach seinem Sprung
    mit dem es auch nicht leben konnte.

    Copyright: Richard Köhler
    Habt ihr DIESEN Text im Studio aufgenommen? Wenn ja, würde mich das Lied interessieren.

    Lg

  8. #8
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    Welche Handlung und Dramatik muss für Bänkelsang erfüllt sein, biddy?

    UND

    Artname, ja da fehlt eine Leerzeile. Deine Beanstandung erste Zeile: schnurre, sehe ich nicht. Oder habe ich deine Frage nicht verstanden? Mir ist aufgefallen dass Tippfehler enthalten sind, ja! Ich habe Schurre, statt schnurre geschrieben.
    Ja der Text ist im Studio aufgenommen. Allerdings kann ich das Lied nicht veröffentlichen, weil die Musik dazu zwar Gema frei, aber nur eine private Lizenz hat- Das Lied ist sehr schön geworden, nicht zu Letzt - weil eine fantastische Sängerin zu einer ansprechenden Musik, ei tolles Lied daraus gemacht hat.

  9. #9
    biddy Guest
    Welche Handlung und Dramatik muss für Bänkelsang erfüllt sein, biddy?
    Wenn jemand tatsächlich mit einem Seidenhaarmädchen eine Seidenkissenburg bezogen hätte und für eine einzige Stunde mit diesem Freudenmädchen seine Existenz ruiniert hätte wie weiland Professor (Un)Rath, dann wäre der Gesang darüber ein Bänkelsang.

    So aber sind‘s lyrisch verbrämte Sehnsüchte hinter einer Näh- oder anderen Maschine. Knastlyrik.

    Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass der Dichter von der "feschen Lola" sehr beeindruckt war und sich ein wenig davon beeinflussen ließ.

    Gruß

    biddy
    Geändert von biddy (21.08.2014 um 07:25 Uhr)

  10. #10
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    Sorry ausgeträumt, hab deine Antwort übersehen.

    Also Lyrics sind echt etwas Anderes als Lyrik.

    Im Ernst: Für Dichter hat jedes Leerzeile, jedes Komma und jeder Punkt eine viel größere Bedeutung als die Lyrics in einem Leadsheet für Musiker. Ist ja auch logisch: Die Musiker orientieren sich an notierten oder abgesprochenen Pausen. DIESE werden im Gedicht u.a. durch Leerzeilen und sonstige Satzzeichen angedeutet. - Auch Tippfehler sind im Gedicht verhängnisvoller als im Liedtext. Denn das Gedicht lebt (viel stärker als der Songtext) von Feinheiten und manchmal von extrem leisen Anspielungen. Und so gesehen verströmen "Schnurre" oder "Schurre" unterschiedliche Sinneinheiten.

    Zitat Zitat von ausgeträumt
    Ja der Text ist im Studio aufgenommen. Allerdings kann ich das Lied nicht veröffentlichen, weil die Musik dazu zwar Gema frei, aber nur eine private Lizenz hat-
    Die GEMA ist ja nur ein Inkassounternehmen. GEMA-frei bedeutet also nur, daß NICHT die GEMA für Euch Tantiemen kassiert und weiterleitet. "Lizenz" bedeutet in der Praxis meist, daß man einmalig pauschal abgefunden wird.(Immer ein riesiger Nachteil, wenn das Lied Hitqualitäten verspricht.)

    Aber das Inkassoverfahren und die Nutzungsrechte sind zwei sehr verschiedene Schuhe. Ich lese heraus, daß ihr den Song nicht selber veröffentlichen dürft. Aber das private Verschicken einer Kopie zwecks Feedback ist noch keine Veröffentlichung. - Naja, wenn Du magst, melde dich mal per Postfach.

    Lg
    Geändert von Artname (29.08.2014 um 14:32 Uhr)

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