1. #1
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    Hüll dich in Schweigen

    .
    Traumgetüncht im rosigen Ton des Lächelns
    zieht das Grauen heimlich ins Kinderzimmer.
    Stickig wirds, wenn Zauberers Stimme flüstert:
    Hüll dich in Schweigen.

    Nachtgebet: Erlöse uns von dem Bösen.
    Schlaf, Prinzessin, Teddybär hält die Wache.
    Schau nicht in die Kammer der Hirngespinste.
    Nichts ist geschehen.

    Vor dem Fenster bauschen sich Schamgardinen.
    Leute gehn vorüber: gepflegter Rasen,
    Rüschenkleidchen säuberlich auf der Leine.
    Lügengebäude.

    .
    com zeit - com .com

  2. #2
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    Hallo Kakadu

    ein text, der (mich) nicht nur formal fast perfekt dünkt.
    er ist verdammt nahe an der Wirklichkeit, wie ich sie in verschiedenen fällen aus der nähe sehen "durfte".

    Schamgardinen vor dem gepflegten Rasen
    Rüschenkleidchen als flatterndes Lügengebäude

    das sind sehr, sehr starke bilder.

    nicht so recht stilmässig passen wollen mmn
    a) "traumgetüncht" (empfinde ich als zu sehr interpretationsbedürftig, verglichen mit dem rest. und auch semantisch nicht sauber: mit traum übertüncht? oder in traum getüncht? dann aber wieso "im Lächeln"...). nur: mir gefällt die idee des tünchens hier sehr gut...
    b) "zieht das Grauen heimlich" (das Grauen lieblich? ein Grauton heimlich? ein Pesthauch? ein Nebel?) das personifizierte grauen (handelnde person, subjekt) nimmt mir zu viel vorweg.
    c) eine Ode spricht im normalfall für sich. als form. das ist auch bei deiner so. deshalb nervt mich die klammer im titel

    lg wilma27

    kennst du "olga arbellina" von andrej makine? die wahnsinnige szene mit den jalousien vor dem fenster? "schamgardinen".
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  3. #3
    biddy Guest
    "Traumgetüncht" ist eine großartige, adverbiale Alternative zum geläufigen "hinter der Maske" oder "verkleidet als". Ich sehe hier keinerlei Verständnisprobleme: Das Grauen kommt im bonbonrosa Kleidchen heimlich (nicht heimelig!) ins katholische Zimmer geschlichen (bei den Protestanten heißt das Böse Übel), während das "Kindchen" schläft.

    Toll geschriebene, bedrückende Impression, Kakadu!

    Gruß

    biddy

  4. #4
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    Lieber Biddy, du selber bist und bleibst die großartigste Alternative zu allem!

    Traumgelacht im Ton von freundlichen Grüssen
    wilma27

  5. #5
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    @kakadu


    Grüße.

    Also, sapphische Ode, habe ich noch nie zelebriert. Hab mir grade erstmal das metrische Muster eingezogen, (die Mathematik der Lyrik), müsste alles passen.

    Inhaltlich:

    Eine Fata Morgana des Glücks, oder des Anstandes, so die Richtung.

    Metapher:
    Unangefochten gut.
    Bis später.

  6. #6
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    Hallo in die Runde! Ui, hier ist ja schon ganz schön was los!

    Wilma,

    "traumgetüncht" fällt schon eine Spur aus dem Rahmen, das muss ich zugeben. Aber ich hab mich irgendwie in dieses Wort vernarrt. Und wenn Biddy es gut findet, gibts noch einen Grund, es beizubehalten. Das Grauen, ja. Mit diesem Wort hab ich am meisten gerungen. Aber nicht wegen der Vorwegnahme. Es war so gedacht, dass dem Leser dieses Grauen gleich am Anfang begegnen soll und er dann von der Nahaufnahme schrittweise zur Perspektive eines unwissenden Außenstehenden geführt wird, damit er vergleichen kann. "Wenn ich nicht gewusst hätte, wär mir die Fassade harmlos vorgekommen."

    Der erklärende Zusatz im Titel nervt mich jetzt selbst. Ich werde ihn löschen lassen. Ne, die Olga kannte ich nicht, aber ich hab mal gegoogelt.


    Biddy,

    Du hast Deine eigene Interpretation bzgl. der Details. Passt genauso. Das Kleid gehört bei mir allerdings dem Opfer und das Lügengebäude steht gleichermaßen für das Haus und die Fassade des Täters. Ach ja, "Übel" ist nur das veraltete Wort. Die Evangelischen sagen auch: "Erlöse uns von dem Bösen."


    Horst,

    die Metrik stimmt zwar, aber inzwischen habe ich gelernt, dass der Text zeilenübergreifend typischer gewesen wäre, besonders zwischen V3 und V4. Aber hier fand ich die resümierenden Schlussverse so abgetrennt eigentlich ganz stimmig. Inhaltlich s.o.


    Danke Euch allen für Eure Kommentare!

    LG Kakadu
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  7. #7
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    Hallo Ferdi,

    Dein Kommentar war mir eine große Hilfe!

    da ich finde, dein Vers klingt in der Menge ein wenig eintönig. Das liegt wohl daran, dass du in der Versmitte, wenn die doppelt besetzte Senkung ansteht, auf immer dieselbe Art vorgehst? Ich nehme als Beispiel die erste Strophe:
    Stimmt. Jetzt, wo Du es sagst, sehe ich es auch. Irgendwie kriege ich erst durch Deine Anmerkungen eine Vorstellung von der Strophe. Die Idee mit den Zäsuren wäre mir von alleine gar nicht gekommen.


    Diese Strophen haben die Zäsur in allen sechs möglichen Versen nach der fünften Silbe; deswegen habe ich sie ausgesucht. Für gewöhnlich mischt man da sicherlich die Einschnitte, vielleicht ein wenig mit dem Gedanken, nach der Zäsur unbetont zu beginnen
    Ja, eine Mischung fände ich ideal. Ich sitze gerade an einer neuen Ode und werde das im Hinterkopf behalten.


    vielleicht kannst du damit ja etwas anfangen. Weinhebers Verse zeigen auch das Überfließen des Satzes von einem Vers in den nächsten, das du ja auch ansprichst; das ist eine Besonderheit der antiken Strophen, die man umsetzen sollte, der ganz eigenen, sonst kaum erreichbaren Wirkung wegen; aber selbstredend nicht umsetzen muss. Die Behandlung der Versmitte auf die angesprochene Art wird dadurch aber wohl einfacher?!
    Das stelle ich mir auch einfacher vor und bin sehr gespannt, ob ich es auch umsetzen kann.

    Vielen Dank fürs Beschäftigen mir meinem Werk und die guten Tipps!


    Liebe Grüße
    Kakadu
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  8. #8
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    Das Grauen im Kinderzimmer hat für mich gesellschaftliche Bezüge, weil es auch gut mit den Lügengebäuden korrespondiert.
    Besonders dieses Zitat möchte ich in seiner tieferen Austauschbarkeit hervorheben:

    Nachtgebet: Erlöse uns von dem Bösen.
    Schlaf, Prinzessin, Teddybär hält die Wache.
    Was ist Böse und was Erlösung und heißt die Prinzessin Beate und der Teddybär Robert?

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  9. #9
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    Hallo Claudi,

    Um meine Pauschalierung unter Richmodis "und im Discounter" etwas zu entschärfen: Auch das hier ist ein sehr guter Text zum Thema Kindesmissbrauch.

    Erstaunt hat mich die Ode-Strophe! Warum hast du diese Form gewählt. Das ist ja an sich ein Widerspruch in sich.

    Es passt aber mE trotzdem gut. Gerade die Eintönigkeit der Verse und das fehlenden Fließen (siehe #7), unterstützen hier den Inhalt. Dieser Versuch zeigt mE, dass manchmal die scheinbar mangelhafte Umsetzung der Form durchaus Sinn machen kann. Ich kann mir gut vorstellen, wie diese Verse von einer traumatisierten Betroffenen leise und gleichförmig, wie unberührt dahingesprochen werden und wie sie jeweils abbrechen will nach der Kurzzeile (Resumee), aber dann doch noch einen neuen Anlauf nimmt.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (17.10.2019 um 18:11 Uhr)

  10. #10
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    Das ist wirklich erstaunlich gut geworden.
    Es ist ja immer schwer, solche Themen anzupacken, ohne dass der Autor als aufdringlich oder gar moralinsauer befunden wird. Hier wird der moralische Gaul aber nicht geritten, obwohl der Text stellenweise nicht schildert, sondern erklärt, oder interpretiert. Auf eine Leise Art und Weise aber...gefällt mir sehr!

    L.G
    Patrick

  11. #11
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    Liebe Albaa,

    freut mich sehr, dass Du auch diesen Text zum Thema akzeptieren konntest. Die düstere Abteilung ist ja eigentlich nicht meine.

    Erstaunt hat mich die Ode-Strophe! Warum hast du diese Form gewählt. Das ist ja an sich ein Widerspruch in sich.
    Stimmt, dieser Widerspruch war das einzig Geplante an meinem ersten Versuch mit der sapphischen Strophe, sprich: Hinter der glanzvollen Fassade verbirgt sich ein düsteres Geheimnis.

    Dieser Versuch zeigt mE, dass manchmal die scheinbar mangelhafte Umsetzung der Form durchaus Sinn machen kann.
    Wie ich oben schon schrieb, wusste ich damals noch nichts von den Entfaltungsmöglichkeiten der Strophe und habe einfach stupide das Metrum bedient. Dass das Ergebnis in meinem Gedicht die Aussage so gut unterstützt, war wohl Anfängerglück. Wenn man so etwas absichtlich versucht, geht das aber schätzungsweise in mindestens neun von zehn Fällen daneben, was selbstredend auch lehrreiche Erfahrungen sind. Man muss sich allerdings darüber klar sein, dass auch ein befriedigendes Ergebnis nach so einem Eingriff nicht mehr viel mit der ursprünglichen Form zu tun hat und eigentlich einen anderen Namen bekommen müsste.

    Ich frage mich inzwischen auch, ob ich mir das Ergebnis nach all dem Lob nicht etwas schöngeredet habe. Mit dem Wissen von heute würde ich sicher einiges anders machen.

    Danke fürs Ausgraben und Kommentieren!


    Hallo Robert,

    wie die Prinzessin heißt, weiß ich nicht, der Teddybär kann selbstverständlich nur Robert heißen.


    Hallo Patrick,

    auch Dir besten Dank für die lobenden Worte!

    LG Claudi
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  12. #12
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    Liebe Claudi,

    ich will mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster hängen in meiner Trauerzeit - auf mich wirkt Dein Text ohne Nährwert, der von den Kommentatoren noch dazu verblödelt wird.

    Eine echte Traumatisierung erzeugt schärfere Tone - geh mal von AC/DC auf Slayer. Das kannst Du!
    Die Angst vorm Sterben ist die Angst vorm Leben. Ich bin der Nachfahre Eichendorffs, der Geld und Romantik versöhnt. Aron Manfeld

  13. #13
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    Herzliches Beileid, lieber Aron, und danke für Deine Rückmeldung! Slayer? Da müsste ich mir erst ein paar Texte angucken, keine Ahnung, ob das mein Ding wäre. Aber ich werde es mal im Hinterkopf behalten. Jedenfalls kriegste nen dicken Knutscha von mir!

    LG Claudi
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  14. #14
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    Sei mir net bös, Knuddelmaus - knutsch Dich ganz doll!
    Die Angst vorm Sterben ist die Angst vorm Leben. Ich bin der Nachfahre Eichendorffs, der Geld und Romantik versöhnt. Aron Manfeld

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