Geist Mozarts Im Jahr 1832 nach seiner großen Symphonie C-dur
Glücklich ist ein jeder Tag zu preisen, an welchem der Mensch wieder neue Gelegenheit findet, sich in den Äther der Schönheit, sei es auf eine oder die andere Weise, einzutauchen. Den heutigen, an welchem Mozarts große Symphonie C-dur vor mir, und in reiner, ruhiger Umgebung, gut aufgeführt wurde, nenne ich einen solchen. O, Mozart – das heißt einen Gedanken ausdenken. Da liegts ja eben, daß die Ewigkeit des Gedankens begriffen werde. Denn jeder Gedanke, wenn er diesen Namen verdient, deutet auf das Ewige; wie ein schönes Gewölk schwebt er in der Luft, die sich in den unendlichen Weltraum verliert. Aber wie hoch der Luftschiffer in diesen unendlichen Raum eintaucht, darin bewährt sich die Kraft des Fluges. Das aber vermag eben Mozart wie keiner sonst in Tönen. Wie einfach ist nicht der Grundgedanke dieser Symphonie, und welchen Baum mit herrlichen Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten hat er aus diesem Samenkorn erzogen! Freudig wächst es im ersten Satze empor und bewegt schon hier mit den mannigfaltigsten Regungen unsere Brust; dann senken sich in Fülle schmerzlicher Liebe die sich ausbreitenden Zweige im zweiten Satze, dem Adagio, abwärts – aber nun sprossen neue, freudige Triebe im dritten Satze, dem Allegro, gen Himmel, um im vierten Satze dann, in tausend Verschlingungen, in den zartesten Schwingungen und mit wunderschönen Blüten bedeckt, sich im reinsten Äther zu wiegen. Es ist etwas der Art doch so ganz allein der Musik erreichbar; denn wo möchten zum Beispiel sonst völlige Umkehrungen eines Gedankens, nicht nur seinem allgemeinen Sinne nach, sondern selbst nach seinen einzelnen Lauten, möglich und immer, wie hier, schön sein? Und so tut Mozart wirklich im Schlußsatze zuweilen: er läßt im Chore den Gedanken oder, deutlicher zu sagen, die Melodie fortklingen und gibt der leitenden Stimme dieselbe Melodie, aber in gerade umgekehrten Noten, sich fortwährend nach den künstlichsten Verschränkungen des musikalischen Gesetzes bewegend und nichtsdestoweniger immer in der heitersten Freiheit. Gewiß, ich wüßte doch auch nichts Edles und Wahres, nichts Schönes und Gutes, was nicht aus Klängen, wie denen jenes Adagios, widerhallte und tief sich mit ihnen uns einprägte.

Verlorene Heiterkeit neuerer Musik
Nach Mozarts ›Entführung‹ im Jahr 1833
Wenn, von neuem erweckt, die Kristallreinheit dieser Musik wieder an meiner Seele vorübergeht, wenn ich die unendliche Frischheit und Heiterkeit, die darin lebt, abermals recht innerlich empfinde, so wird mir dabei immer klarer, wie es doch nicht möglich zu sein scheint, daß in unserer jetzigen Zeit Werke eines solchen Charakters wieder entstehen können. Wie der Fieberhafte nicht mehr den ruhigen, gleichmäßigen Puls und Atem des Gesunden haben kann, so ist unserer Zeit nicht mehr möglich, Werke so durchaus heitern, unschuldigen Sinnes hervorzurufen. Giftig, einschneidend, gleichsam quetschend, und dann wieder üppig aufreizend fordert die fieberhaft angeregte Zeit ihre ästhetischen Leistungen, und Heil dem, der noch in stiller Seele mindestens die volle Empfänglichkeit sich bewahrte, die klaren Werke früherer Perioden rein auf sich wirken lassen zu können! Wunderbar bleibt es indes, daß Geister wie Mozart und Goethe, ganz einer andern Zeit angehörig als unserer politisch nervösen und gespannten, doch zugleich auch alles das tiefe Weh der neuern Menschheit in seinen schneidendsten Kontrasten, daß sie jene unselige innere Zerrissenheit, welche das Wirkende neuerer Kunstwerke bezeichnet, in ihren herrlichsten Werken ›Don Juan‹ und ›Faust‹ allerdings wahrhaft vorgeahnt haben. Mußte dies nicht eben deshalb so sein, weil schon in ihrer Zeit der Keim lag zu der stechend scharfen Frucht, welche erst die gegenwärtige Zeit reifen ließ? Ist es aber nicht schlimm, daß mich selbst, den die herrliche kindliche Lebendigkeit dieser ›Entführung‹ im Hören so ganz belebte (ich wüßte wirklich lange nicht, wann ich so reine Freude empfunden hätte als bei der Kavatine: ›Welche Wonne, welche Lust!‹), daß, sage ich, die Erinnerung des Gehörten selbst mich nun gerade auf den Gegensatz jener Heiterkeit zu führen Gewalt hat. Freilich, die Krankheit liegt zu nahe, als daß sie nicht überall sich fühlbar machen sollte. Indes auch hier gilt das

Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig-reichen Schöne!