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    Das etwas andere Schicksal

    Rumms.
    Mit einem lauten Knall fällt die Tür hinter mir zu.
    Ich erschrecke und drehe mich um, doch kann ich in dieser schwarzen Dunkelheit nichts sehen.
    Meine Finger, die ich vorsichtig ausstrecke, berühren nur das feuchte, modrig riechende Holz der Tür. Zaghaft suchen sie die Klinke und drücken sie herunter, als sie sie gefunden haben. Doch sie bewegt sich nicht. Das verdammte Schloss musste eingerastet sein. Meine letzte Fluchtmöglichkeit habe ich mir somit verspielt.
    Warum bin ich auch hierhergekommen?
    Als ich mich wieder dem Raum zuwende, den Ausgang hinter mir, läuft mir ein Schauer über den Rücken.
    Das letzte Mal, als ich mich in diesem Zimmer befand, ist meine Großtante Louise gestorben.
    Sie saß in ihrem Lieblingssessel an der mir gegenüberliegenden Wand, genau unter dem Porträt von Charles Mourage, meines, vor Jahrzehnten an Leberkrebs gestorbenen, mir unbekannten Großonkels, stieß einen lauten, überall im Raum als Echo zurückgeworfenen, Seufzer aus und sackte in sich zusammen.
    Allen war sofort klar, der Tod hatte sie geholt. Später stellte man fest, dass es ein Herzinfarkt mit Todesfolge war. Der Tod.
    Nur ein paar Meter von dem Fleck entfernt, auf dem ich immer noch vor Kälte und Angst zitternd stehe, hat er seine Hand nach ihr ausgestreckt.
    Und ich spüre, dass er immer noch hier ist. Er lauert hier.
    Doch ich musste trotz all meiner Ängste wieder hierher zurückkommen.
    Es ist meine Aufgabe. Es war der letzte Wunsch meiner Großtante Louise.
    Ich sollte hier in diesem Haus nach ihrem größten Geheimnis suchen. Ich sollte diejenige ihrer Angehörigen sein, die es entdeckte und bewahrte.
    Und nun, nach all den vielen Jahren der Tatenlosigkeit, bin ich endlich hier und rieche den Duft der Erinnerungen, als hätten sie ihn erst gestern ausgestoßen.
    Ein Teil von mir ist sogar froh, wieder hier zu sein, denn immerhin ist dieser Ort ein Teil meiner Kindheit und zum anderen hätte ich es nicht ertragen, ihrem Wunsch nicht wenigstens ein bisschen nachzukommen.
    Aber der eigentliche Grund war ihr Todestag. Sie ist seit zehn Jahren tot und, wie als wollte sie selbst mich anklagen, ist mir ihr Wunsch ausgerechnet bei dem Besuch an ihrem Grab wieder eingefallen, wo ich ihn doch lange Zeit erfolgreich verdrängt hatte, denn es ist trotz allem diese Erinnerung an ihren Tod, die ich mit diesem Haus verbinde.
    Vorsichtig löse ich mich also aus meiner Starre und mache einen Schritt nach vorn. Dann einen zweiten… Und schließlich einen dritten…
    Dabei pocht mein Herz so laut, dass es Geister aufwecken könnte. Brrrr! Bloß weg mit diesem Gedanken!
    Als nichts passiert, atme ich erleichtert aus und laufe mit schlafwandlerischer Sicherheit zu dem einzigen Lichtschalter in diesem Raum und schalte ihn ein.
    Als zunächst nichts passiert, bin ich der Panik nahe, doch dann flackert erst die mir am nächsten stehende Lampe, dann die anderen und schließlich strahlen sie alle in vollem Glanz ihr gedämpftes orangenes Licht aus.
    Es gibt den Blick frei auf einen schier endlosen Raum, dessen Größe nur diejenigen kennen, die hier einmal lebten.
    Direkt neben mir steht das Sofa, hinter dem ich mich beim Versteckspielen immer verkrochen habe. Nun ist es, einst makellos weiß, gelb angelaufen und verstaubt. Mein Blick wandert weiter, über den hässlichen grünen Teppich, bis hin zur Sitzecke genau mir gegenüber.
    Dort steht er. Der Sessel. Dort hatte sie ihr letztes Fünkchen Leben ausgehaucht.
    Es ist ein blauer, zur rosafarbenen und doch geschmacklosen Tapete passender, Ohrensessel, vor dem ich aufgrund seiner imposanten Erscheinung als Kind immer Angst hatte. Nun ist auch er verstaubt und modert vor sich hin.
    Neugier und Angst bekämpfen sich in meinem Kopf, als ich beschließe, ihn mir genauer anzusehen. Schließlich siegt die Neugier und ich stolpere förmlich auf den Sessel zu, an dem der Tod klebt.
    Als ich direkt vor ihm stehe, sehe ich, dass er an jeder nur erdenklichen Stelle mit Flecken übersät ist. Kaffee? Nein, nicht dunkel genug. Tee? Auch unwahrscheinlich. Und wer sollte außerdem diese, frisch aussehenden, Flecken darauf gekleckert haben.
    Schlagartig wird mir bewusst, dass es Schweißflecken sein müssen und das macht mir Angst.
    Wenn hier niemand außer mir, die ich den Schlüssel besitze, herein kommt, wer hat dann diese Flecken hinterlassen?
    Doch konzentriere dich lieber auf deine Aufgabe, Audrey!
    Ich suche den Sessel ab, fahre mit meiner Hand in jede Ritze, immer mit der Furcht kämpfend, irgendwelchem Getier zu begegnen. An Schlimmeres will ich gar nicht denken.
    Doch ich finde nichts.
    Nichts vor dem Sessel. Nichts dahinter. Nichts darauf. Nichts darunter. In den Ritzen nur Staub. Ja, selbst in den Kissen ist nichts versteckt.
    Enttäuscht sacke ich zusammen und sinke auf den Boden.
    Ich fahre die Muster des Teppichs nach und weiß nicht mehr, was ich jetzt noch tun soll.
    Ich hatte gedacht, dass meine Suche hier beginnen sollte, an dem Ort, wo Tante Louise die letzten Minuten ihres Lebens verbracht hat. Dem genauen Ort. Dem Sessel.
    Doch so ist es anscheinend nicht und ich fange an, zu verzweifeln.
    „Louise, wo soll ich nur zu suchen anfangen?“, flüstere ich schon leicht hysterisch vor mich hin und erschrecke so heftig, als hinter mir ein kehliges Kichern zu hören ist, dass ich augenblicklich auf zwei Beinen stehe, was mich so sehr ins Schwindeln bringt, dass ich mir an ihrem Sessel Halt suchen muss.
    Wie von fremden Seilen gezogen, drehe ich mich um und erblicke das wunderschöne Gesicht eines jungen Mannes. Nun, somit wäre wenigstens das Geheimnis der Flecken geklärt, auch wenn ich nicht weiß, wer er ist und wie er hier hinein kommt.
    Sein braunes Haar, in einer perfekten Linie geschwungen, scheint in einem unsichtbaren Wind zu wehen und dabei Geräusche, einem Glockenspiel gleich, von sich zu geben. Seine Augen, blauer als jeder Ozean, den ich kenne, ziehen mich zu ihm hin und ich bemerke nicht, dass ich mich auf ihn zubewege, bis ich plötzlich so nah vor ihm stehe, wie es nur ein Liebespaar tun würde.
    Er, den Gedanken wahrscheinlich ausführend, nimmt sanft mein Gesicht in seine Hände, neigt mir seinen Kopf zu und küsst mich leicht auf den Mund.
    Seine Lippen. So warm. So weich. So göttlich.
    Vor Überraschung kann ich mich nicht bewegen, nichts denken. Dann gibt er mich frei und ich kann endlich wieder einen klaren Gedanken fassen.
    „Wer… Wer bist du?“, frage ich diesen Unbekannten mit heiserer Stimme.
    Er lächelt, zeigt auf das Bild meines Großonkels, dann auf den Sessel von Tante Louise und dann auf mich.
    Ich schüttle den Kopf. „Ich verstehe nicht.“
    Er lächelt wieder, zeigt dann auf das Kreuz, dass ich um den Hals trage und dann nach oben.
    Oben…
    Was ist oben? Was hat mit einem Kreuz zu tun und ist oben?
    Der Himmel.
    Aber was…? Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
    Ich weiß, wer er ist. Er ist der Jenseitige, der allseits Gefürchtete, der Schöpfer der schlimmsten Albträume, der Lebensauslöscher. Er ist der Tod.
    Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag, doch bevor ich losschreien kann, legt er mir eine Hand auf den Mund und sagt: „Psst, Audrey! Ich bin nicht hier, um dich zu holen, sondern um dir auf deiner Suche behilflich zu sein.“
    Er lässt mich zwar nicht los, gibt aber auf mein Bitten wenigstens mein Sprechorgan wieder frei, nachdem er sich von mir versichern lassen hat, dass ich nicht schreien werde.
    „Aber… Aber du bist doch der Tod! Ich verstehe das nicht“, stammle ich mit schlotternden Knien.
    „Audrey, Louise wollte nicht, dass du das Geheimnis ganz allein herausfindest, denn das würde dich verrückt machen.“
    „Was?! Aber das ist doch totaler Blödsinn! Wie kann mir denn ausgerechnet der Tod helfen?“
    In dem Moment, als ich ihn lächerlich mache, fällt mir ein Stein vom Herzen und alle Angst weicht von mir. Dafür ist jetzt Platz für eine kaum zu steigernde Verwirrung.
    Vor mir steht der Tod und ich lebe noch, verdammt nochmal!
    „Ich bin dir ähnlicher, als du denkst.“
    Das macht mich wütend.
    Ähnlichkeit? Vergiss es!
    „Ähnlich? Jetzt komm mir bitte nicht mit ‚Ich bin doch auch nur ein Mensch‘, denn das wäre absolut absurd!“
    Es fühlt sich komisch an, sich hier in diesem alten, verlassenen Haus ausgerechnet mit dem Tod zu streiten, doch vor seiner (Derzeitigen? Ich weiß es nicht.) Jünglingsgestalt kann ich mich nicht fürchten. Eher mich in sie verlieben…
    Oh, schlag dir diesen Gedanken bloß schnell aus dem Kopf, Audrey!
    „Audrey! Hör mir doch bitte zu!“
    Oh, er ist höflich, dieser Tod.
    „Was ist denn?“
    „Ich habe nur gesagt, ich meinte nicht als Mensch, sondern als… Aber das wirst du schon noch herausfinden.“
    Was soll das denn jetzt?
    „Und wie genau sieht jetzt deine Hilfe aus?“
    „Ich helfe dir nicht, das Geheimnis zu suchen und zu begreifen, sondern damit zurecht zu kommen.“
    „Das verstehe ich nicht.“
    Er seufzt. Dann packt er mich und wirbelt sich mit mir in den Armen durch den ganzen Raum, als würden wir tanzen. Ich sehe nur Schemen an mir vorbeiziehen, bis wir plötzlich vor einer Zeichnung stehen, die mir nur allzu bekannt ist.
    Sie ist in einen Goldrahmen gefasst und hängt über Louise‘ Staffelei. Der Ehrenplatz. Die Zeichnung.
    Ich schlucke und Tränen treten in meine Augen.
    „Was soll das?“, doch er antwortet nicht, sondern zeigt nur auf das Bild.
    Es zeigt mich selbst, wie ich mich im Alter von fünf Jahren selbst vorgestellt habe. Es zeigt mein Bild von der Zukunft. Das ist jetzt 17 Jahre her.
    „Was bedeutet das?“, bringe ich mit verheulter Stimme hervor.
    „Es bedeutet, dass die Suche nach dem Geheimnis deiner Großtante Louise in Wahrheit die Suche nach deinem wahren Ich ist. Verstehst du? Die Zukunft (Er zeigt auf das Bild.) ist jetzt.“
    Ich lehne mich an ihn, denn das Ausmaß des Geheimnisses wird mir so schlagartig bewusst, dass ich einen Halt brauche. Er legt zärtlich seine Arme um mich und streicht mir die Tränen aus dem Gesicht.
    „Keine Angst. Ich bin ja da“, sagt er liebevoll.
    Ich lache leicht erregt. Wie kann der Tod nur so sexy sein?
    „Das ist auch nicht gerade hilfreich, wenn man bedenkt, dass du der Tod bist.“
    Er lacht mit, dann wird er nachdenklich.
    „Nenn mich Ambrosius.“
    „Wie bitte?“
    „Bitte nenn mich Ambrosius. Ich mag es nicht, mit ‚Tod‘ angesprochen zu werden."
    Ich lache. Soso, Ambrosius will er also heißen. Hmm, wenn ich mich recht entsinne, kommt dieses Wort aus dem Lateinischen und bedeutet unsterblich. Wie ironisch.
    „Okay.“
    Er dreht mich so, dass ich ihm in die Augen sehen kann. Und plötzlich sehe ich es. In seinen Augen. Das Geheimnis.
    Ich erstarre und er schaut mich fragend an.
    „Was hast du?“
    „Du… Du bist das Geheimnis!“
    Er zuckt zusammen, dann nickt er feierlich. Ich atme stoßweise aus.
    „Aber warum hast du mir das nicht einfach gleich gesagt?"
    „Weil ich wissen musste, ob du mir vertrauen kannst. Du musst dem Tod vertrauen. Und du hast mir gerade bewiesen, dass du es kannst. Du hast mir Gefühle entgegengebracht.“
    Ich schaue ihn aus großen Augen an. Woher weiß er denn das jetzt schon wieder?
    „Du weißt, wer ich wirklich bin, nicht wahr?“
    Er nickt. Dann spricht er endlich aus, worauf ich schon so lange gewartet habe, worüber ich mir tage- und nächtelang den Kopf zerbrochen hab. Das Geheimnis.
    „Deine Großtante, sowie deine Mutter und alle deiner weiblichen Vorfahren besaßen Gaben, Audrey.“
    „Gaben?“, flüstere ich mehr erschrocken als neugierig zurück.
    „Ja. Sie waren keine normalen Menschen. Sie konnten Gespenster wahrnehmen, Gedanken lesen, Menschen und Dinge durch bloße Telepathie beeinflussen, ja sogar durch Wände sehen. Und du…“
    „Was ist mit mir?“, unterbreche ich ihn, „Bin ich… Kann ich solche Sachen auch?“
    Er schaut mich an und die Ehrfurcht, die aus seinen Augen spricht, macht mir irgendwie Angst.
    „Du, liebe Audrey, bist mächtiger als sie alle zusammen. Du bist…“, er ringt mit Worten, „…eine Göttin.“
    Ich will lachen, doch sein Blick sagt mir, dass er es ernst meint. Ich? Eine Göttin?
    „Das ist… Wow!“, bringe ich hervor und treffe damit nicht einmal im Entferntesten das wahre Durcheinander der Gefühle, das in mir tobt.
    „Naja, keine Göttin“, korrigiert er sich selbst, „niemand ist so mächtig wie Gott höchstselbst, nicht einmal ich. Aber du kommst dem schon verdammt nahe.“
    Ich staune. Mein Mund will sich nicht mehr schließen.
    Was ist das hier? Ein Traum? Nein! Es muss die Realität sein, denn ich kann immer noch den modrigen Gestank des Hauses riechen. Und den bilde ich mir ganz bestimmt nicht ein.
    Dann verwandelt sich meine Miene in ein Abbild der Verwirrung. Wenn das hier die Realität ist, was redet der dann für einen Müll? Ich bin doch keine Göttin!
    „Aber… aber…“, stammle ich, „aber ich kann doch gar nichts. Ich bin völlig normal. Ich kann ja nicht einmal meinem Hund beibringen, dass er auf mich zu hören hat und nicht andersrum. Und dann kommst du daher und erzählst mir was von wegen ‚Audrey, du hast Gaben‘ und so. Mach dich doch nicht lächerlich. Und hör verdammt nochmal auf, mich anzulügen! Ich wage es ja noch nicht einmal, an der Aussage zu zweifeln, dass du wirklich der Tod bist, aber warum erzählst du mir diesen Unsinn? Sag es mir doch einfach. Sag doch einfach die Wahrheit! Warum kannst du nicht einfach sagen, dass meine Zeit nun gekommen ist?“
    Er zieht eine Grimasse.
    „So viel zum Thema Vertrauen… Verdammt, Audrey, ich lüge nicht! Du bist mächtig!“
    „Aber warum…?“
    „Deine Fähigkeiten sind nur noch nicht freigeschalten.“
    Ich zucke zusammen. Es benötigt also eine Art Startsignal…
    „Und wie? Wie kann ich sie freischalten?“
    „Es gibt eine Bedingung“, sagt er traurig.
    Ohje!
    „Was für eine Bedingung?“
    „Es ist dein Schicksal, diese Bedingung zu erfüllen – früher oder später. Stell dich also nicht dagegen!“
    Mir schaudert.
    „Was ist die Bedingung?“, versuche ich es sachlich.
    Er räuspert sich.
    „Die Bedingung für den Erhalt deiner Kräfte ist, dass du, um das unsterbliche, mächtige Leben zu erhalten, das dich erwarten wird, genau das werden musst. Unsterblich.“
    „Unst- Aber wie?“
    Er schaut mich mitleidig an und ich sehe eine Träne seine Wange hinunterkriechen. Ich will sie wegwischen, wie er es vorhin bei mir getan hat, doch er fängt meinen Arm noch in der Bewegung ab und schüttelt den Kopf.
    „Wie?“, frage ich drängend.
    „Du… Du musst…“
    „Was?! Was muss ich?“
    „Du musst sterben“, sagt er unter Tränen.
    Ich falle bei diesen Worten. Ich falle tief und wenn er mich nicht immer noch festhalten würde, wäre ich auf dem Boden aufgeschlagen.
    Sterben. Ich muss sterben. Natürlich.
    „Audrey?“
    Was? Wo? Wo bin ich? Da, ein Lichtstreif. Ich ergreife ihn und da kann ich ihn endlich wieder sehen. Die Dunkelheit weicht von mir und ich kann ihn sehen. Ihn. Den Raum.
    „Du… Du hast gelogen!“, bringe ich mühsam hervor.
    Ich bin selbst überrascht, dass ich in dieser Situation ausgerechnet Wut empfinde.
    „Was?“
    „Du hast gesagt, du bist nicht hier, um mich zu holen. Das war gelogen!“
    Er nickt, dann schüttelt er den Kopf.
    „Nicht so wie du denkst.“
    „Wie denn dann?“, fauche ich zurück.
    „Ich… Es ist meine Bestimmung.“
    „ACH, WAS DU NICHT SAGST“, schreie ich ihn an, „SAG MIR ENDLICH, WAS DAS HIER SOLL!“
    Er seufzt, dann umarmt er mich und ich merke, wie meine Wut gegen meinen Willen verraucht.
    „Bitte hör mir zu. Hör mir genau zu und bleib ruhig.“
    Er schaut mich an, wie um eine Bestätigung zu bekommen und ich nicke.
    „Du musst mit mir kommen, Audrey, weil es hier auf Erden viel zu gefährlich wäre. Du wärst zu gefährlich. Wir wissen nicht warum, aber du vereinst alle Kräfte in dir, die über Jahrhunderte auf mehrere Personen verteilt waren. Das macht dich gefährlich. Mächtig, aber gefährlich. Deshalb hat Gott, der Herr, beschlossen, dass du erst ein allzu mächtiges Wesen wirst, wenn du sozusagen unter seiner Aufsicht stehst. Er lädt dich in den Himmel ein. Und ich soll mit dir kommen, denn es ist meine Aufgabe, dich deiner Einsamkeit zu berauben, die dich dort oben befallen würde, wäre ich nicht bei dir.“
    Ich nicke. Zu mehr bin ich nicht mehr imstande.
    „Aber… Warum ausgerechnet du? Der Tod!“
    Er lächelt.
    „Ich kann nichts dafür, was mein Schicksal für mich vorsieht. Und genauso war es dein Schicksal, ausgerechnet mich zu treffen. Niemand kann seinem Schicksal entgehen.“
    „Und da hilft nichts?“
    „Gar nichts.“
    Er schaut mich flehend an.
    „Bitte komm mit mir, Audrey. Lass dich von mir in eine Welt entführen, die alles Übernatürliche in das Natürlichste überhaupt zu verwandeln versteht. Finde dich selbst in dieser Welt.“
    Und ja, ich nehme seine ausgestreckte Hand, ohne groß darüber nachzudenken, was dieser Entschluss bedeutet. Ich bin eine Göttin (also fast), da kann mich doch nichts mehr aufhalten oder? Und außerdem… Was will ich noch hier? Ich habe sowieso niemanden mehr. Um Sparky, meinen Hund, wird sich schon jemand kümmern.
    Ich denke nach, während er mich in den Arm nimmt und fest an sich drückt. Eigentlich hatte ich erwartet, Tante Louise‘ Geheimnis wäre ein Schatz oder etwas vergleichbar Banales, doch so etwas wäre mir beim besten Willen nicht einmal in meinen wildesten Träumen in den Sinn gekommen.
    Und endlich wird mir klar, dass sie es gewusst hat. Dass sie über mich und mein Schicksal Bescheid wusste. Deswegen war sie auch so erpicht darauf, dass ich mir selbst nicht allein auf die Schliche komme, sondern noch Ambrosius an meiner Seite habe.
    Da klingelt etwas in mir. Ah! Jetzt verstehe ich endlich die volle Bedeutung ihres letzten, an mich gerichteten Wunsches: >> Liebe Audrey, dir als meiner Lieblingsgroßnichte und noch dazu meinem Patenkind, trage ich auf, in meinem alten Haus nach meinem größten Geheimnis zu suchen. Mögest du es immer in deinem Herzen tragen und Ambrosius dir den Weg leiten. <<
    Und nun stehe ich tatsächlich hier, Ambrosius an meiner Hand. Das war wahrscheinlich Louise' Gabe. Über die Zukunft Bescheid zu wissen.
    Der Tod nickt und lächelt. Ich lächle zurück und verstehe endlich, was das ist, das uns nun für immer miteinander verbinden wird.
    Es ist nicht nur Schicksal. Es ist Liebe!
    Aus diesem Grund hat er auch vorhin geweint, als er mir sagen musste, dass es meine Bestimmung war, zu sterben. Jetzt zu sterben. Weil er mich liebt und mir nicht das Wertvollste am Leben nehmen wollte - das Leben selbst.
    Ich schaue ihm in die Augen und denke, dass es Schlimmeres gibt. Zum Beispiel nie aufrichtig geliebt zu werden. Dafür kann man schon mal sterben.
    Ich lache und er fasst meine Fröhlichkeit als gutes Omen und zieht mich hinaus, wo wir auf der mondbeschienenen und von Bäumen gesäumten Zufahrt stehen bleiben. Dort hat sich eine unendliche Treppe aus Wolken gebildet, die uns, wie ich nun weiß, ins Himmelsreich führen wird.
    Ambrosius lacht ebenfalls, küsst mich und steigt mit mir an seiner Seite hinauf in ein neues Leben. Und so gehe ich mit dem Tod.
    Dem Himmel entgegen.
    Geändert von Thrillermietze (27.09.2014 um 17:40 Uhr)
    Zeige denen, die dich fallen sehen wollen, dass du ohne Flügel fliegen kannst.


    Auf den Spuren der Krimikatze

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