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    Das Haiku - Eine Erklärung

    Das Haiku – Eine Erklärung



    Erstes Abteil: Dichtung in Japan allgemein


    Dichten heißt in Japan Uta = Gesang

    Japanisches Dichten bedeutet, sein Fühlen in rhythmischen Klängen auszudrücken!

    Japaner sind von Natur aus verschlossen. Sie sind sehr feinfühlig und leben in ständiger Zurückhaltung. Dichtung ist ein Ausdruck aus dieser menschlichen Verhaltenheit. Sie ist gewissermaßen ein Sicherheitsventil für aufbrechende, strömende Gefühle. Dichtung ist eine Weise, in der der Japaner sein Sehnen und Fühlen in Worte fast.

    "So können wir zum Beispiel Wörter mit gleichem Klang und verschiedener Bedeutung (Homonyme), Stimmungen unseres Inneren ausdrücken, wobei die gebrauchten Wörter keine eigentlich psychologische Bedeutung haben."
    T.Hasumi

    Homonyme sind immer doppelgesichtig, zweideutig, analog und komplementär. Diese Andeutung ist das Geheimnis der japanischen Dichtung!

    Erkärung Homonyme: Wörter, die mit anderen gleichlauten, aber in der Bedeutung unterschiedlich, oft gegensätzlich sind, z.B. Lerche – Lärche, Heide (Natur) – Heide (Mensch).

    Die zentralen Themen japanischer Dichtung sind:
    Jahreszeiten (Hierzu gehört das Haiku)
    Liebesgedichte
    Mitleid

    Das ursprüngliche Gedicht wurde gesungen, erst später geschrieben konsumiert. 5-7-5 oder 17 Silben ist die Länge eines Atemzuges. Die ganze traditionelle japanische Lyrik ist auf dem 5er – und 7er Silbenrhythmus aufgebaut.

    Sehr geschätzt wird in Japan das Verschmelzen von Natur und Gefühl als gemeinsamer Ausdruck:

    Haben meines Liebeskummers Tränen
    etwas gemeinsames
    mit der traurigen Stimmung des Herbstes?
    Die Luft wird feucht
    Wie mein Ärmel von Tränen.


    Unbekannter Dichter



    Zweites Abteil: Das Haiku


    Das Haiku ist ein Jahreszeitengedicht. Es ist eine literarische Aussage, bei der die Form vorgegeben ist. Das Haiku wird bestimmt durch seine klassische Prägung. Es unterliegt strengen Regeln, die für das Haiku unabdingbar sind.

    1) Eine lakonische Grundstimmung
    2) Shasei
    3) Der 5-7-5-Silben-Rhythmus
    4) Bezug auf eine Jahreszeit
    5) Das Jahreszeitenwort
    6) Auslassung und Nachklang
    7) Das Schneidewort


    Die lakonische Grundstimmung
    Lakonisch (grich.): schnörkellos, auf das Wesentliche konzentriert. Also eine Wortkarge Mitteilung, eine trockene Feststellung ohne jeden überflüssigen Kommentar – kurz und treffend im Ausdruck!

    Shasei
    Der Begriff Shasei stammt aus der chin. Malerei und bedeutet soviel wie - ohne Zusätze und Ausschmückungen. Der große Theoretiker des Haiku, Masaoka Shiki, machte Shasei zum zentralen Begriff seiner Haiku-Theorie: nur das, was mit den fünf Sinnen objektiv wahrgenommen wurde, darf im Haiku wiedergegeben werden. Nichts darf subjektiv eingefärbt sein. Also kein philosophieren, kein spekulieren und erst recht keine Schlußfolgerungen ziehen.
    Richtig sehen – richtig fühlen – richtig ausdrücken!
    Fassen wir Punkt 1 und 2 zusammen: Lakonisch mit Worten ein Bild malen.

    Der 5-7-5 – Silben-Rhythmus
    Wenn wir das Gleichnis mit der Malerei weiterspinnen, so ist das Silbengerüst die Leinwand. In Japan werden die 17 Silben des Haiku in einer Zeile wiedergegeben. Bei uns in Deutschland hat es sich so eingespielt, daß sich die Silben auf drei Zeilen verteilen:

    1. Zeile = 5 Silben
    2. Zeile = 7 Silben
    3. Zeile = 5 Silben

    Festzustellen ist noch, daß in immer mehr Haiku, die in deutscher Sprache abgefasst sind, von den 17 Silben abgegangen wird mit der Begründung, im deutschen Haiku herrsche mehr Freiheit dieser Regel gegenüber. Aber da es kein deutsches Haiku gibt (welch ein Unsinn), sondern lediglich ein deutschsprachiges, ist auch hier zwingend der Bezug zum japanischen Haiku und dessen Regelwerk gegeben.

    Bezug auf eine Jahreszeit
    Haiku – Inhalt ist immer eine Jahreszeit mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen: Natur, menschliches Handeln, Brauchtum, Pflanzen – und Tierwelt. Grundsätzlich drückt ein Haiku das Verhältnis des Wechsels der Jahreszeiten zum menschlichen Leben aus.

    Das Jahreszeitenwort (kigo)
    Durch das Vorhandensein des Jahreszeitenwortes wird das Haiku auf eine Jahreszeit festgelegt. Ein solches Jahreszeitenwort kann entweder direkt (Frühlingsregen, Sommerbäume, Herbstwinde, Winterstille) oder indirekt (Pflaumenblüte, Bauernrose u.s.w.) die Zeitlichkeit und damit die Stimmung des im Haiku dargestellten Bildes andeuten. Außerdem soll es vor allem die Bild – und Gedankenzusammenhänge (renso) wachrufen, die mit der betreffenden Jahreszeit einhergehen und dem Haiku in seiner Kürze Bedeutungstiefe verleihen.

    Auslassung und Nachklang
    Die Beschränkung auf 17 Silben erlaubt nur Andeutungen, so daß Unausgesprochenes die Phantasie des Lesers anregt (Nachklang). Durch diesen leeren Raum des Nicht – Ausgesprochenen (Auslassung) entsteht im Haiku ein Nachklang. Auslassung und Nachklang bilden eine untrennbare Beziehung. Eine wohlbedachte Auslassung läßt einen gewaltigen Nachklang entstehen. Der durch Auslassung entstandene Nachklang ist für das Haiku unentbehrlich.

    Das Schneidewort (kireji)
    In der japanischen Sprache verteilen sich die 17 Silben des Haiku – im Durchschnitt – nicht mehr als auf sieben Wörter, von denen eins, das sogenannte Schneidewort, inhaltslos ist und eine Interjektion darstellt. Aufgabe des Schneidewortes ist es, eine gravierende rhythmische Pause einzuleiten, meistens am Ende der zweiten Zeile ( bei uns in Deutschland wird diese Pause durch einen Bindestrich dargestellt). Diese rhythmische Pause entsteht durch Zusammenführung zweier kontrapunktischer Elemente oder besser gesagt, die Pause dient dazu, die zwei Kontrapunkte/Gegensätze zu betonen:

    Wo bei den Deutzien
    Die Lücke ist, will ich klopfen –
    Pforte im Dunkeln
    Kyorai

    Geheimnisvoll leuchtendes Weiß der Deutzien – undurchdringliches Schwarz der Nacht
    (aus den Erläuterungen zu diesem Gedicht von Ekkehard May, der auch die Übersetzung vornahm)




    Drittes Abteil: Dichterporträts


    Bevor ich auf die vier bekanntesten Haikai-Dichter eingehe, noch eine Vorbemerkung.
    Da der Begriff "Haiku" und alle Regeln und Mechanismen, die damit verbunden sind, erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt und festgelegt wurden, werde ich Basho und Co. nicht als Haiku-Dichter bezeichnen. Es ist zwar richtig, daß diese Dichter die Grundlage bilden, nach denen die Haiku-Regeln ausformuliert wurden, doch sollte man nicht vergessen, daß sie diese Regeln nicht kannten, also auch nicht danach handeln konnten. Ich erwähne das nur, weil gerade Basho nicht stets das 5-7-5-System verwendete und für seine Zwecke auch nicht immer verwenden konnte. Das nutzen heutzutage gerade die Haiku-Schreiber aus, die sich nur oberflächlich mit diesem Thema beschäftigt haben oder Jene, die das Haiku unterwandern oder aufweichen wollen, getreu nach dem Motto: "Wenn Basho sich schon nicht an die Regeln hielt, warum soll ich es dann." Dasselbe gilt auch und gerade für den Inhalt.
    Ich finde es etwas unglücklich, daß der Begriff "Haiku" in die Tiefen vergangener Jahrhunderte transportiert wurde, ohne auf die daraus entstehenden Mängel hinzuweisen. Das ist schade und ich kann manchmal nur den Kopf schütteln über die Ausgeburten dieses Versäumnisses.
    Hier nun die Portraits der Haikai-Dichter


    Matsuo Munefusa - genannt Basho
    1644-1694
    Munefuso wurde als Sproß eines alten Samurai-Geschlechtes geboren. Er verfaßte bereits im Alter von neun Jahren seinen ersten Dreizeiler. Während seiner Jugendjahre erlernte er zusammen mit Todo Yoshitado, dem er als Edelknabe diente, bei dem Renga-Meister Kitamura Kigin (1624-1706) die Kunst des Haikai-Renga. Nach dem plötzlichen Tod seines jungen Herrn und Freundes ging er 1666 für einige Zeit ins Kloster, um sich dem Studium des ZEN-Buddhismus zu hinzugeben. Bald danach widmete er sich dann bei seinem Lehrer Kigin dem Studium des Hokku (Aus der Zusammensetzung der beiden Wörter Haikai und Hokku entstand dann der Begriff Haiku).
    Um 1672 siedelt er sich in Edo (heute Tokyo) an, wo er sich unter sehr bescheidenen Umständen existierend, ganz der Literatur widmet und offenbar dem standesgemäßen Leben endgültig und bewußt entsagt. Munefusa schlägt sich recht und schlecht durch. Freunde verschaffen ihm Stellungen. Er soll als Hilfsmedikus und selbst beim städtischen Wasserwerk gearbeitet haben. Seine Erfolge liegen aber auf anderen Gebieten. Er dichtet, schreibt, lehrt, veranstaltet Dichtersitzungen und veröffentlicht seine Werke während der nächsten 22 Jahre bis zu seinem Tod. Nur seine Wanderungen bilden Unterbrechungen. Munefusas Ansehen steigt. Er ist jetzt mit maßgeblichen Haikai-Größen befreundet und nach nur sieben Jahren in Edo etabliert er sich als Haikai-Meister. Ein Jahr darauf schenkt ihm sein Gönner Sampu eine Hütte vor der eine Bananenstaude (Basho) steht, nach der er sich fortan nennt.
    Basho hat durch das Studium der taoistischen Philosophie, dem ZEN-Studium bei Meister Butcho und dem Studium der wichtigsten Werke der Chinesischen Literatur eine so souveräne Geisteshaltung gegenüber den Dingen des Lebens entwickelt, daß es ihm wohl nicht das geringste ausmachte, als seine geliebte Hütte 1682 völlig abbrannte. Während seine Schüler sie ihm wieder aufbauten, wohnte er bei Sampus Schwester und erlebte dort die Veröffentlichung seiner Haikai-Sammlung Minashi guri (Leere Kastanienschalen).
    Ab 1684 wurde sein Aufenthalt in Edo durch Wanderungen unterbrochen, von denen die Reise in den Norden die berühmteste werden sollte (Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland). Basho machte insgesamt fünf große Reisen, die jeweils in einem Reisetagebuch festgehalten sind. Die Notwendigkeit zu wandern ist bei einem Dichter wie Basho naheliegend, aber die Anläße für die einzelnen Wanderungen waren sehr unterschiedlich. Oft trieb ihn die Sehnsucht nach der Heimat, oft der Wunsch, die Kirschblüten oder den Mond an berühmten Orten zu schauen oder - auf seiner letzten großen Reise - eine abenteuerliche Fahrt in ein damals noch kaum bereistes Gebiet zu unternehmen. Sehr typisch für Bashos innerer Verfassung in jenen Jahren - zwischen der großen Nordreise und der Fertigstellung der "Sarumino"-Sammlung - ist seine Lebensweise, die Art der Unternehmungen und seines Tuns.
    Er ist trotz der Anstrengungen früherer Jahre noch gut zu Fuß und sehr aktiv. Er bleibt nicht lange an einem Ort, genießt nicht lange die Stille einer Hütte. Die kleineren Wanderungen in seiner Heimatgegend führen ihn zu seinen Freunden, seinen Schülern, mit denen er dichtet und Veröffentlichungen vorbereitet. Noch nie ist er mit so vielen Menschen zusammengetroffen.
    Bashos Leben in den Jahren nach seiner Sarumino-Veröffentlichung änderte sich nicht wesentlich. Er zog in seine Hütte in Edo zurück und machte keine größeren Wanderungen mehr, schrieb aber weiterhin brilliante Haikai und Haibun, lehrte und kompilierte Anthologien mit seinen Schülern und bearbeitete eigene Manuskripte.
    Bashos letzte Reise führt ihn in die Heimat und nach Nara. Von dort gelangt er, bereits kränkelnd, nach Osaka, wo ihm im Haus eines Freundes am 12. Oktober 1694 im Kreis seiner Schüler der Tod ereilt. Der Legende zufolge ist er an seinem Lieblingsessen, einem Pilzgericht, gestorben. Nach seinem Tod wurde seine sterbliche Hülle von den zehn Schülern, die an sein Krankenbett geeilt waren, in einem Kahn auf dem Jodo-Fluß von Osaka nach Otsu am Biwa-See überführt und dort am Yoshinaka-Tempel beigesetzt. Über dreihundert Personen, zumeist Schüler und Freunde, gaben ihm dort das letzte Geleit.

    Bashos Stil
    Seine Haikai und Haibun sind nicht Spiel wie bei seinen Vorgängern, sondern betonen den innerlichen Ernst, jedoch nicht in aufdringlicher, sondern in eindringlicher Weise. Bashos Anliegen war die Entfaltung der ästhetischen Kategorien aus der Senzai- und Shin- Kokin - Zeit. In den Gedichten Bashos pulsiert stets Ruhe, sie sind aber nicht etwa pessimistisch, sondern strahlen eine innere Fröhlichkeit aus. Der Wesenszug seiner Dichtung ist "sabi" - Stille und Einsamkeit.
    Bashos Dichtung ist von einer vornehmen Form. Das Schöne findet er im Alltäglichen und in der realistischen Darstellung der menschlichen Sitten. Trotz seiner klassischen und aristokratischen Art zu dichten, hat er das Haikai nie verlassen, um etwa im Waka-Stil zu dichten.

    Einige "Haiku"

    Der alte Teich.
    Ein Frosch springt hinein -
    Das Geräusch des Wassers

    Auf kahles Astwerk
    hat sich die Krähe gesetzt:
    Des Herbstes Abend

    Nichts als die Stille!
    Tief in den Felsen gräbt sich
    der Schrei der Zikaden

    Flöhe, Läuse -
    die Pferde pissen nahe
    bei meinem Kissen

    Komm in die Hütte
    und bring vom Winde mit,
    der durch die Fichtenzweige weht

    Der Herbst der Felder
    läuft durch die Gräser dahin
    als Windesrauschen

    Sogar den Pferden
    schaut man verwundert nach
    im Schnee am Morgen


    Taniguchi Buson - später Yosa Buson
    1716 - 1785
    Der nächste große Meister des Siebzehnsilbers war Taniguchi Buson, den die Japaner neben Basho zu stellen pflegen und als "zweite Säule" der Haikai-Dichtung bezeichnen.
    Buson wurde in Kema, einem Dorf in der Provinz Settsu, Kreis Higashinari, geboren. Kema war der Sitz einer wohlhabenden Bauernfamilie namens Taniguchi, deshalb wohl auch sein Vorname. Busons Vater war Dorfschulze, seine Mutter stammte aus der Provinz Yosa. Näheres weiß man nicht über die Familie.
    Nach einer bis zum Tod der Eltern (etwa 1726) glücklichen Kindheit geht Buson 20jährig nach Edo, ist dort für kurze Zeit Schüler von Udida Seuzan (? - 1758) und vor allem von Hajano Hajin (1677 - 1742) aus der Basho-Schule. In der Landschaftsmalerei läßt er sich von Sakaki Hyakusen (1698 - 1753) unterweisen und lernt auch bei dem Literatenmaler Hattori Nankaku (1683 - 1759), einem Kenner der chinesischen Dichtkunst. Als Hajin stirbt, beginnt für Buson ein etwa 10jähriges Wanderleben. Er wohnt abwechselnd zunächst bei verschiedenen Dichterfreunden und unternimmt kleinere Reisen in den Kanto-Provinzen, später auch längere in die Nordlanden.
    1744 erscheint sein erstes Haikai unter dem Namen Buson (vorher benutzte er das Dichter-Pseudonym Saicho). 1751 kehrt Buson in die Kansai-Gegen zurück und wohnt in Kyoto. Zwei Jahre später begibt er sich erneut auf Reisen, diesmal in die Provinz Tango (Kreis Yosa), gefolgt von einem etwa 3jährigen Aufenthalt im Kenshoji-Tempel von Mijazu. Dort vervollkommnet er seine Maltechnik. 1757 läßt sich Buson in Kyoto als Berufsmaler nieder,
    Von einer Reise bringt er einen neuen Namen mit: statt Taniguchi nennt er sich nunmehr Yosa ( Name des Bezirks, indem seine Mutter geboren wurde). Auch seine Frau Tomo - eine einfache Fischersfrau, die ihn um 31 Jahre überlebte - kam aus dieser Gegend. Aus der vorbildlichen Ehe stammt die einzige, von Buson abgöttisch geliebte Tochter Kuno.
    von 1764 - 1771 ist er vor allem als Maler tätig und unternimmt Reisen nach Shikoku. 1768 etabliert sich Buson endgültig in Kyoto. Sein Ruf verbreitet sich, sein Stil zeigt höchstes Raffinement. Er gehört zu den "Großen von Kyoto". Buson findet zu seinem eigenen Stil, sowohl in der Dichtkunst wie auch in der Malerei. Er übernimmt das Erbe seines Lehrers Hajin unter dem Pseudonym Yahantei und beginnt eine offizielle Laufbahn als Haikai-Meister. Damit wird er Haupt einer Schule mit einer gewissen Anzahl von Schülern und mit einem engeren Zirkel berühmter Dichter. Die Schule nennt sich Sankasha - "Gesellschaft der Drei Früchte" und hielt mehrmals im Monat Sitzungen ab. 1771 erscheint die erste Gedichtsammlung der Schule: Sono Yukikage - "Schneeschatten", danach Akegarasu - "Krähen im Morgenlicht". Die letzten 12 Jahre bis zu seinem Tod stellen den Höhepunkt seines Schaffens dar. Die wichtigsten Dichtungen, Bilder und Genre-Skizzen entstehen.
    Drei Jahre vor seinem Tod beginnt Buson ein Projekt, daß ihm alle Kräfte abfordert, nämlich seine Bestrebung, die Haika-Dichtung zum literarischen Rang der Genroku-Zeit zurückzuführen, in der auch Basho gewirkt hatte. Es entstand noch zu seinen Lebzeiten eine renaissanceartige "Zurück-zu-Basho-Bewegung", in deren Mittelpunkt er und sein Dichterkreis standen.
    Buson stirbt am 25 Dezember 1783 und wird beim Kimpuku-Tempel von Kyoto beerdigt.

    Busons Stil
    "In Busons Stil und in seiner geistigen Haltung äußert sich die chinesische Durchdringung seiner künstlerischen Persönlichkeit"
    G.S.Dombrady
    Das Ideal vieler Japanischer Dichter ist die Einheit von Dichten und Wandern. Buson gehörte auch zu diesen Dichtern. Er hielt seine Eindrücke in Wort und Bild fest. Zwar war er kein Wanderer durch ein ganzes Leben und kein so berühmter Verfasser von Reisetagebüchern wie Basho, aber die Landschaften, die er während seiner etwa 16 Wanderjahren erlebte, die erwanderten Bereiche seiner Innenwelt und der Vergangenheit sind nicht minder bedeutsam.
    Buson war Dichter und Maler in einer Person. Von bedeutenden Vertretern der aus China stammenden Südschule beeinflußt, fand er als etwa 50jähriger zu seinem eigenen Stil. Hierbei waren ihm die Ideale der Literatenmalerei von unersetzlichem Nutzen. Bei Buson kam es, seinen Neigungen entsprechend, dazu, daß Worte zu Bildern werden und Bilder zu Wortpoesie. Damit einher ging übrigens eine wesentliche Bereicherung der Haikai-Thematik. Hinter diesem ästhetischen Schleier qillt aber dennoch keine abweisende Kühle hervor, sondern ein unleugbarer Strom menschlicher Wärme, den aufzuspüren die Kunst des Einfühlens ist.

    Einige "Haiku"

    Im Frühlingsregen
    Geschichten sich erzählend
    gehen Schirm und Mantel

    Die Efeublätter
    Mit vorwurfsvoller Miene
    im feinen Regen

    Zerbrechlich ist sie,
    meine schöne Frau, aufrecht
    am Kotatsu sitzend

    Frühlingsregen
    Am Arm der Dame Tsuna
    eine kleine Laterne

    Die schöne Haustochter
    Wie sie mir so den Sake heißmacht
    Zum Verlieben...

    Fern und Nah, nichts als
    Pflaumenblüten! Wohin nur
    nach Norden, nach Süden?

    Sommerregen
    gluckert die Traufe herab
    Freude meiner alten Ohren



    Kobayashi Yataro, später Issa
    1763 - 1827
    Yataro kommt 1763 in Kashiwabara, einem Dorf der Shinano-Provinz, als Sohn eines armen, aber freien Bauern zur Welt. Als Yataro drei Jahre alt ist, stirbt seine Mutter, und obwohl seine Großmutter väterlicherseits ihn liebevoll betreut, hat er den frühen Tod seiner Mutter nie überwunden. Im Alter von sechs Jahren wird Yataro von seinem Vater in die Schule von Kashiwabara geschickt, wo ihn der dortige Schulmeister mit der klassischen Literatur Japans und Chinas bekannt macht und in dem verschlossenen, doch aufgeweckten Knaben so die Liebe zur Dichtung weckt.
    Als sich der Vater fünf Jahre nach dem Tod seiner Frau wieder verheiratet, bekommt Yataro eine Stiefmutter, die ebenso hartherzig wie arbeitsam ist und für den sensiblen, schon früh der Dichtung zugetanen Jungen nur wenig Verständnis aufbringt. Bald darauf wird sein Stiefbruder geboren und fast gleichzeitig stirbt seine Großmutter. Die häuslichen Verhältnisse unter der harten Hand seiner Stiefmutter werden immer unerträglicher. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht geschlagen wird. Schließlich kommt der Vater zu der Überzeugung, das es für Yataro besser ist, wenn er, um des lieben Friedens willen, das Haus für einige Zeit verläßt. Und so schließt sich der Junge im Frühjahr 1776 einem Zug Kaufleute an, die gerade über die Berge seiner Heimat nach Tokyo zieht. Obwohl er ein Empfehlungsschreiben seines Vaters bei sich trägt, worin die Verwandtschaft von Yataros Mutter gebeten wird, dem Jungen Unterschlupf zu gewähren, macht er davon keinen Gebrauch, sondern taucht in Tokyo unter, um sich dort elf Jahre lang als Stalljunge und später als Novize mehr schlecht als recht durchs Leben zu schlagen. Während dieser Zeit, so Issa später, waren Hunger und Kälte immer wieder seine steten Begleiter. Doch auch in dieser schwierigen Zeit hält er an seiner Dichtung, insbesondere dem Haikai stets fest.
    Eines Tages bricht Yataro plötzlich von Tokyo zu Fuß nach Kashiwabara auf, weil er geträumt hat, seinem Vater und seinem Stiefbruder ginge es nicht gut. Zu seiner großen Freude aber trifft er seinen Vater gesund und guter Dinge an. Ihm vertraut er seinen lang gehegten Wunsch, eine Wallfahrt in den Süden Japans nach Nagasaki machen zu wollen an. Da der Vater ihn zu diesem Vorhaben ermuntert, wandert er noch einmal nach Tokyo, um sich von seinen Freunden und Kollegen zu verabschieden. Als dies getan war, nimmt er die Tonsur und legt sich als Mönch den Namen Haikaiji Nyudo Issa-bo zu, was soviel heißt wie Bruder Issa, Laienpriester am Tempel des Haikai (den Begriff Haiku gab es noch nicht). Er wandert mit Pilgerstab und Hut und Schuh aus Stroh den Weg, den Basho einst wandern wollte, auf dem dieser aber nur bis Osaka kam, um dort im Haus der Sono-jo zu erkranken und zu sterben.
    Diese Pilgerfahrt, auf der Issa nach und nach viele Naturheiligtümer sowie der Religion und der Literatur Japans aufsucht, dauert mehrere Jahre und führt ihn kreuz und quer durch die japanische Hauptinsel Hondo und die Inseln Shikoku und Kyushu. Auf seinem Rückweg besucht Issa in Osaka den Haikai-Dichter Oemaru, einen Schüler Ryotas. Dieser ist von der völlig unkonventionellen Menschlichkeit Issas so beeindruckt, daß er ihn gleich für längere Zeit bei sich behält. So kehrt er erst 1798 wieder nach Tokyo zurück, wo seine Reisebilder und Haiku durch ihren lebensvollen wie geschliffenen Stil Bewunderung erregen.
    Als Issa 1801 in seinem Heimatdorf zu Besuch ist, erkrankt sein Vater an Typhus und stirbt. Obwohl dieser ihm den größten Teil seiner Hinterlassenschaft vermacht hat, gelingt es der Stiefmutter und dem Stiefbruder dennoch, sich in den Besitz des gesamten Erbes zu bringen. Erst dreizehn Jahre später, als Issa bereits zweiundfünfzig Jahre alt ist, überläßt ihm der Stiefbruder, nachdem er diesem mit Klage gedroht hat, die Hälfte des väterlichen Erbes. Issa heiratet darauf hin sofort eine achtundzwanzigjährige aus dem Nachbardorf, die ihm drei Söhne und eine Tochter schenkt, wovon die drei Söhne allerdings schon im Säuglingsalter sterben. Doch auch die kleine Sato stirbt mit zweieinhalb Jahren an Pocken und kurz darauf zu allem Unglück auch noch seine Frau. Um einen Erben zu haben, heiratet Issa ein zweites Mal, diesmal die Tochter eines Samuai, die ihn aber, weil sie sich in seinem Haus nicht wohlfühlt, schon ein paar Wochen nach der Hochzeit wieder verläßt. Kurz darauf heiratet er noch einmal, dieses Mal eine Amme, die ihm allerdings erst nach seinem Tod eine Erbin gebärt. Denn im Sommer 1827 brennt ihm, damit das Maß seines Schicksals vollendet wird, das endlich ererbte Vaterhaus in einer Feuersbrunst, die halb Kashiwabara in Asche legt, über dem Kopf ab, so daß er in einen alten Speicher, der das Feuer überstanden hatte, Zuflucht suchen muß. Als dann der Winter kommt, wird er bettlägerig und beschließt in einem notdürftig eingerichteten Raum dieses Speichers, der weder ein Fenster noch einen Ofen besitzt, im Dezember 1827 im Alter von 64 Jahren sein Leben. Als man das Sterbebett aufräumt, findet man unter seinem Kopfkissen sein letztes Haiku:

    Ach, welche Wohltat,
    der Schnee des Deckbetts sogar
    ist aus Elysium.

    Issa wird am Fuß eines Hügels seiner Heimatlichen Berge zwischen den Gräbern seiner Ahnen beigesetzt. Auf dem unbehauenen Stein seines Grabes steht der folgende, von ihm selbst verfaßte Dreizeiler:

    Dies ist nun einmal
    Der ungewollte Schlafplatz:
    Ein Schnee, fünf Fuß hoch.

    Issas Stil
    Daduch, das Issa viel gereist und sehr belesen war, und durch seine Gabe, offen und spontan zu äußern, hat er eine Themenbreite in seinen Werken, die ihresgleichen sucht. Wie kann dies bei einem derart rastlosen und abwechslungsreichen Leben auch verwunderlich sein? Ich halte es für unwahr, daß es, wie vielfach allzu einseitig behauptet wurde, nur Tiefen gehabt hätte: es hatte auch viele Höhen! Sein Lebensende wurde zwar vom Schicksal besonders hart getroffen: da war bis zuletzt der Stiefkindkomplex, Todesfälle, Krankheiten (Krätze, Pusteln, Ruhr und Paralyse), außerdem war er schon mit vierzig Jahren weißhaarig und zahnlos. Er genoß aber auch die Freuden des Lebens: ein Genußmensch, wußte er selbst seinem unsteten Wanderleben auch angenehme Seiten abzugewinnen. Er aß gerne, schlief viel, trank noch viel lieber und hielt sich genußreich lange im heißen Wasser der Quellbäder auf. Dies geht aus vielen seiner Dichtungen und anderen Werken hervor. Das zentrale Thema, besonders in seinem Alterswerk, waren die Benachteiligten der Gesellschaft und der Welt. Selbst ein großes Kind, weigerte er sich, einen Unterschied zu sehen zwischen hilflosen Kindern und wehrlosen Tieren oder verkrüppelten Pflanzen. Seine Zuneigung galt allen und allem, was in der Natur als schwach abgetan und verachtet wurde.
    Da Issa für alle literarischen Einflüße seiner Zeit offen war, ließ er sich durch mehrere Stilarten anregen. Die typischen Merkmale von Issas Stil fallen besonders dort auf, wo es um ichbezogene Themen geht: bei den Ich-Gedichten und der Ich-Prosa. Dieser Issa-Stil bedient sich vieler charakteristischer Mittel. Zunächst der „Vermenschlichung“: Issa sieht in allen lebendigen und „toten“ Wesen eine Person, wie er eine ist. Er personifiziert, spricht mit allen und allem auf gleicher Ebene, und sie sprechen als Personen mit ihm. Ein anderes Stilmittel ist die scharfe, geradezu dramatische Kontrastierung von Gegensätzen, um gewisse Wirkungen zu erzielen. Damit einher gehen seine Sprachmittel: er macht sich einprägsam verfremdende Ausdrücke und pointiert eingeworfene lautmalende Worte zunutze, sowie Dialekt- und Vulgärausdrücke diverser Sprachschichten. Der Humor ist ein organischer Bestandteil seiner Dichtart, nicht nur auf der Trivialebene: er schlägt sich in allen nur erdenklichen Schattierungen in fast allen Themenbereichen nieder. Der Filter dieses Humors führt letztendlich zu feinsten poetischen Verdichtungen. Er schließt Spott und Ironie, ja sogar beißende Selbstironie nicht aus. Issa ist fähig über andere und sich selbst schallend zu lachen.

    Einige „Haiku“

    Bei meiner Klause
    der Teichfrosch von Anfang an
    vom Alter quarrte.

    Im schönsten Vollmond
    steht da, als sei er gar nichts,
    die Vogelscheuche.

    Die Winterbäume
    aus alten, alten Zeiten
    ein Widerhall sind.

    Wie schön doch
    im Loch der Tür aus Papier
    der Strom des Himmels.

    Im jungen Grase
    ich und die Spatzenkinder
    nichts als nur spielen.

    Glutheiß der Mittag
    und vom Pirol am Bach nun
    auch nicht ein Laut mehr.

    Obwohl kein Buddha
    steht doch so selbstvergessen
    die alte Kiefer.







    Masaoka Tsunenori, genannt Shiki
    1867 – 1902

    Obwohl Shiki der große Theoretiker und Erneuerer des Haiku war, habe ich kaum Informationen zu seinem Leben und seinem Werk gefunden, weder in Büchern noch im Internet. Deshalb fällt das Porträt etwas schmal aus, doch werde ich es ergänzen, wenn ich auf weitere Informationen gestoßen bin.

    Shiki wird am 17.9.1867 in der Stadt Matsujama in der Provins Ehime auf der Insel Shitoku geboren. Als Elfjähriger soll er schon angefangen haben zu dichten. Mit 16 Jahren kommt er nach Tokyo, wo er sich zum erstenmal intensiv mit dem Haiku-Dichten befaßt. Die Schule besucht er nur unregelmäßig, da er schon seit frühester Kindheit kränkelt. Als er 21 Jahre alt ist, beginnen sich bei ihm die ersten Anzeichen einer Tuberkulose bemerkbar zu machen, so daß er erst mit 23 Jahren die Universität Tokyo besuchen kann. Doch muß er diese zwei Jahre später krankheitshalber wieder verlassen ohne sein Studium abgeschlossen zu haben. Danach tritt Shiki, inzwischen durch seinen glänzenden Stil aufgefallen, als Mitarbeiter in den Redaktionsstab der Zeitung Nihon Shimbun ein. Kurz darauf veröffentlicht er eine aufsehenerregende Kritik an Basho, in der er die Ansicht vertritt, daß nur ein kleiner Teil der Haiku Bashos vollkommen und mithin vorbildlich sind.
    Bei Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges im Jahr 1894 geht Shiki als Kriegsberichterstatter mit der Armee an die Front. Wegen seiner Tuberkulose muß er jedoch bald wieder nach Tokyo zurückkehren, wo er dann die Haiku-Zeitschrift Hototogisu (Kuckuck) herausgibt, die hauptsächlich der von ihm angestrebten Reform des Haiku dienen soll.
    Um der Haiku-Dichtung, die am Ende des 19.Jahrhunderts unter der Last der Überlieferung zu ersticken droht, neues Leben einzuhauchen, sieht Shiki sich gezwungen, den Kampf gegen die Vorherrschaft der bloßen Konvention aufzunehmen. Er tut dies, indem er in einer Reihe weiterer Artikel Basho angreift. Doch Shiki bleibt nicht bei der bloßen Kritik der Überlieferung stehen, sondern er geht, zumal er sehr schnell eine Gruppe gleichgesinnter Haiku-Dichter um sich zu scharen vermag, alsbald daran, eine neue Haiku-Schule, die sich Nihon-ha nennt, zu gründen, und für sie eine Reihe von Regeln aufstellt, die sich so zusammenfassen lassen: Schreibt einfach und natürlich. Der Haiku-Meister, der ihm dabei als Vorbild dient, ist Buson, den er wegen der hohen Objektivität seiner Bilder und der schlichten Eleganz seiner Sprache besonders schätzt und deshalb über Basho stellt. Dementsprechend findet man bei Shiki manches Haiku, das nach ähnlicher Sachlichkeit des Bildes und Schlichtheit des Wortes strebt.

    Um seiner Auffassung, die Haiku-Dichtung habe, wie sein Vorbild Buson zeigt, vornehmlich objektiv beschreibend zu verfahren und die Einmischung subjektiver Momente möglichst zu meiden, Geltung zu verschaffen, schreibt Shiki nicht nur für viele Zeitungen und Zeitschriften Artikel, sondern auch eine Unmenge Haiku. Zudem hat er, als Herausgeber seiner Haiku-Zeitschrift, Tausende von Dreizeilern zu prüfen um die besten zu veröffentlichen. Nebenbei hilft er noch bei der Gründung anderer literarischer Zeitschriften, indem er sie mit Beiträgen unterstützt. Diese Pflichten, denen er sich mit Ernst und Eifer widmet, zerrt schließlich an seiner nicht mehr festen Gesundheit, so daß er zuletzt diese Arbeiten nur noch vom Bett aus erledigen kann. Dennoch gelingt es ihm, die von ihm eingeleitete Reform der Haiku-Dichtung soweit voranzutreiben, daß er, bevor er am 18.9.1902 im Alter von fünfunddreisig Jahren stirbt, die Genugtuung hat, der von ihm so zäh verfolgten Erneuerung des Haiku endgültig zum Durchbruch verholfen zu haben.
    Wie es heißt, soll Shiki die Kritik, die er in jungen Jahren an Basho geübt hat, später revidiert haben. Das ist nicht weiter verwunderlich, hatte doch Basho sich, genau wie Shiki, mit den Epigonen der Haiku-Dichtung seiner Zeit auseinanderzusetzen. Und so könnte die Mahnung, die Basho einst den Haiku-Dichtern seiner Zeit zurief, auch von Shiki ausgesprochen worden sein: Sucht nicht nach den Spuren der Alten, sondern sucht nach dem, was die Alten suchten.

    Einige Haiku

    Nun Kahn und Küste
    wie ins Gespräch versunken
    am langen Tage.

    Die Pferdebremse
    geht doch vom Strohhut nicht weg
    bei dieser Hitze.

    Die üble Fliege,
    die ich so gern erschlüge,
    kommt doch nicht näher.

    Die Nebel kamen,
    die Berge schwanden langsam,
    allein der Turm blieb.

    Als leises Rieseln
    im Bambus ein Rauschen geht:
    der Schnee des Abends.

    O diese Kälte,
    im Loch der Steinlaterne
    die weite See dort.

    In Winterruhe
    das Werden und Vergehen
    mich finster anschaut.



    Viertes Abteil: Bücher

    Zum Thema Haiku habe ich nicht wenige Bücher gelesen, dabei aber viel Zeit vertan, denn empfehlenswerte waren kaum dabei. Hier aber ein paar wirklich gute Werke.

    Shomon – Das Tor der Klause zur Bananenstaude. Haiku von Basho´s Meisterschülern Kikaku, Kyorai und Ransetsu.
    Herausgegeben und aus dem Japanischen übertragen von Ekkehard May.
    Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung Mainz
    Die ungemein artifiziellen Vers-Miniaturen stehen in einer reichen literarischen Tradition. Den Originaltexten in Transkription und ihren Übersetzungen ist daher jeweils ein Sachkommentar und ein interpretierender Text beigegeben, wie er auch in modernen japanischen Textausgaben bei dieser Art von „alten Haiku“ üblich ist (Klappentext).

    Shomon II Haiku von Basho´s Meisterschülern Joso, Izen, Boncho, Kyoriko, Sampu, Shiko und Yaba.
    Herausgegeben und aus dem Japanischen übertragen von Ekkehard May.
    Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung Mainz
    Shomon II versammelt Haiku von sieben weiteren Schülern des großen Basho und komplettiert damit die Reihe der vorgestellten bedeutendsten Poeten aus seinem Kreis auf zehn.

    Basho – Sarumino, das Affenmäntelchen
    Herausgegeben und aus dem Japanischen übertragen von G.S.Dombrady.
    Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung Mainz
    Die Haiku des „Sarumino“ gelten heute als Prototyp ihrer Gattung. Sie sind, zumindest im Westen, zum typischen Basho-Stil geworden. In diesem Buch liegen die Dichtungen endlich vollständig in deutscher Sprache vor.

    Buson – Dichterlandschaften
    Aus dem Japanischen übertragen sowie mit einer Einführung versehen von G.S.Dombrady
    Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung Mainz
    Dombrady legt hier die erste, umfassende Buson-Anthologie in deutscher Sprache vor. Die Textauswahl offenbart die Vielseitigkeit Busons als Poet: Neben Kettengedichten und Haiku – die gleichermaßen ausführlich repräsentiert sind – stehen freie Rhythmen und dichterische Prosatexte.

    Haiku – Japanische Gedichte
    Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche.
    Deutscher Taschenbuch Verlag
    Eine wunderbare Anthologie, deren Haiku genau den Grundton der japanischen Originale treffen.

    Bambusregen – Haiku und Holzschnitte aus dem „Kageboshishu“
    Übersetzt und herausgegeben von Ekkehard May und Claudia Waltermann.
    Insel-Bücherei Nr. 1124

    Imma von Bodmershof – Haiku Mit Zeichnungen von Ruth Stoffregen.
    Mit einer Studie über das Haiku von Wilhelm von Bodmershof.
    Deutscher Taschenbuch Verlag
    Eine kleine Sensation für alle Freunde des Dreizeilers: die erste Taschenbuchausgabe der auch in Japan bewunderten Haiku der österreichischen Dichterin Imma von Bodmershof – kunstvoll begleitet von den Tuschpinselzeichnungen der Malerin Ruth Stoffregen.

    Matsuo Basho – Hundertundelf Haiku
    Ausgewählt, übersetzt und mit einem Begleitwort versehen von Ralph-Rainer Wuthenow – Mit Zeichnungen von Leiko Ikemura.
    Ammann Verlag

    Mitsu Suzuki – Dämmerung im Tempelgarten
    Zen-Haiku
    Werner Kristkeitz Verlag
    Dieser Band beinhaltet eine Auswahl aus Mitsu´s lyrischem Werk, das in lebendiger, authentischer Sprache eine Brücke bildet zwischen Zen-Erfahrung, Alltagsleben und der Verbundenheit mit der Natur im Lauf der Jahreszeiten.
    Ein ausführlicher Essay von Katzaki Tanahashi und Gregory Wood ergänzt das Buch mit einem Überblick über das Leben von Mitsu Suzuki, ihre Arbeit in den USA und einigen Erklärungen zur Entstehung dieser Zen – Haiku.


    Japanische Jahreszeiten – Haiku und Tanka aus dreizehn Jahrhunderten
    Aus dem Japanischen übertragen von Gerolf Coudenhove.
    Manesse Bibliothek der Weltliteratur.







    Weiter geplant: Essays

    [Geändert durch Expulsor am 26-09-2004 um 14:07]

  2. #2
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    Ich danke dir für dieses Post Expulsor

    Ich ahbe schon heimlich mit mir selbst wetten abgeschlossen, wie lange du noch warten würdest mit deinem grossen Haiku-erklärungsthread
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  3. #3
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    Ich hoffe, Du hast die Wette gewonnen satch

    Herzlichst
    E.

  4. #4
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    Komplette Überarbeitung des zweiten Abteils.

  5. #5
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    vielen dank expulsor,

    hab es gerade gefunden und gelesen und freue mich noch über weitere haikai dichter

    etwas zur silbenzahl, das mir noch einfällt. es wird nirgends als etwas besonderes gesehen, daß sich die silbenzahl aus der atemlänge erklärt. ist das nicht merkwürdig? du schreibst ja auch, daß ursprünglich garnicht gezählt wurde. es mußte also garkeine vorschrift der silbenzahl geben, da orientierung die atemlänge war.

    diese betonung des atemzugs als versmaß scheint mir ein wesentlicher unterschied zu westlicher dichtung zu sein:

    einatmen - ausatmen, damit ist alles gesagt



    grüßli
    es.ha
    rien ne va plus

  6. #6
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    Würdest du die Güte haben mir ein Haiku zu erklären,
    Ja?
    Siebzehn Silben,wer lesen lehrt kann zählen,
    Ja?
    -"""Oder warum
    hat
    Komm in die Hü tte und bring vom Win - de mit
    der durch die Fich ten zwei ge weht,
    neunzehn Silben,-
    zwei Zuviel""" ?


    Das Haiku ist eine wirklich nette Anregung
    ARTOFVOICE says NeveroddoreveN

    ich werde JAPANI(S)CH

  7. #7
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    Das von dir erwähnte Haiku hat 19 Silben weil es eine Übersetzung ist. Jede Übersetzung fällt unterschiedlich lang aus. Das japanische Original hat genau 17 Silben.

    E.

  8. #8
    königindernacht Guest
    Inzwischen, so lernte ich gerade in einem Lyrikworkshop, sind auch politische Haikus möglich. Ansonsten finde ich den oberen Beitrag zum Haiku exzellent- in kürzerer und klarerer Form kann man die Merkmale hier im Forum nicht zusammenfassen. Meine Anerkennung.

    Herzlichst, Kö

  9. #9
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    Danke für die Info Kö. Ich kann mir Politik zwar nur schwerlich in einem Jahreszeitengedicht vorstellen, will sie aber auch nicht vorschnell ablehnen. Ich werde diese Entwicklung genau verfolgen, so sie sich denn irgendwo abzeichnet


    Wie immer
    Expulsor

  10. #10
    zuckerschnäuzchen ist offline DroElfteEdeLyrikProstiStuTante
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    im deutschen heißt es 5-7-5
    aber jedes haiku das ich hier gelesen habe hält das nicht ein,liegt das an der übersetzung?
    glg pringles
    Oh,was das Verzeichnerisches?

    Für angehende Dichter und Kritiker Erste Schritte von Levampyre

  11. #11
    zuckerschnäuzchen ist offline DroElfteEdeLyrikProstiStuTante
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    warum denn?
    Oh,was das Verzeichnerisches?

    Für angehende Dichter und Kritiker Erste Schritte von Levampyre

  12. #12
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    Jetzt weiß ich wieder warum ich die alte Umschrift nicht mag - ich erkenne die ganzen berühmten Namen nicht.

    Bái Jūyì kann tatsächlich kaum Urheber von Haikus gewesen sein. Abgesehen davon hat Brecht meines Wissens keine Gedichte übersetzt, sondern wenn überhaupt adaptiert (Beispiel hierfür ist wohl "Me-ti: Buch der Wendungen" und "Legende von der Entstehung des Buches TAOTEKING - auf dem Weg des Laotse in die Emigration"). Mit Haiku oder Senryu hat das Ganze wenig zu tun.

  13. #13
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    Zitat Zitat von ferdi
    Was du da behauptest, ist, dass ein chinesischer Dichter des 8. Jahrhunderts Gedichte einer Gattung verfasst hat, die sich erst im 17. Jahrhundert in Japan entwickelt hat.
    Das stimmt, ich hab´s ja auch selbst hier stehen, wann der gelebt hat. Ich habe gelesen, der hätte auch Haikus geschrieben. Gibt´s da mehrere von?


    Soviel zu Brechts chines. Gedichten:

    Während seiner Emigration in Svendborg (1933-1939) hat Brecht etliche chinesische Gedichte, meist unter Benutzung der englischen Übersetzung “One hundred and seventy Chinese Poems” (...) wieder ins deutsche übertragen: “Die Freunde”, “Die große Decke”, “Der Blumenmarkt”, “Der Politiker”, “Der Drache des schwarzen Pfhuls”, ”Bei der Geburt seines Sohnes”, “Ein Protest im sechsten Jahre Chien Fu”, “Resignation”, “Der Hut, dem Dichter geschenkt von Chien Fu”, “Des Kanzlers Kiesweg”, “Ansprache eines toten Soldaten des Marschalls Chiang Kai-Shek”, “Gedanken bei einem Flug über die Große Mauer”(Im Original mit “Schnee” betitelt von Mao Tse-tung!). Die Angaben der benutzten Quellen zu der Anzahl der übertragenen chinesischen Gedichte sind widersprüchlich. In Jan Knopfs Brecht-Handbuch ist von 6 chinesischen Gedichten die Rede, Yun-Yoep Song dagegen schreibt von 12 Gedichten, von denen 7 von denen ursprünglich von dem größten Meister der chinesischen Lyrik: Po Chü-i (772-846) stammen. Brechts Übersetzungen der chinesischen Gedichte aus dem englischen ins deutsche kommen dem chinesischen Original erstaunlicherweise näher, als die englischen Übersetzungen. Die Rückkehr zum Ursprung wird mit der Ähnlichkeit der Eigenschaften von Brechts Gedichten und denen Po Chü-is erklärt. Nämlich deren aufrüttelnder Charakter und die Bemühungen gesellschaftlicher Veränderung, sowie der umgangssprachliche, einfache Ausdruck. Brechts Zuneigung zu Po Chü-i beruht auf seinem sozialen Engagement und Verantwortungsbewußtsein, die unter Benutzung von einfachen Wörtern zum Ausdruck brachte. Es geht die Sage, Po Chü-i habe viele seiner Gedichte einem alten Bauernweib vorgelesen, um festzustellen, wie verständlich sie waren. Po Chü-i behandelte in seinen Werken die Schattenseiten der damaligen Gesellschaft, indem er Anspielungen auf die Zeitverhältnissen machte. Brechts späte Gedichte sind ohne die Vorlage chinesischer Gedichte undenkbar. Die Umstände der Kriegszeit zwang die Sprache zu einer extremen Sachlichkeit, die sich in der deutschen Kriegsfibel zeigt. Auch Brechts Gedichte aus dem Exil bedienen sich einer einfachen, kargen Sprache, die sich der Realität, den gesellschaftlichen und politischen Zuständen ohne Schönmalerei zuwenden und Kritik üben.

    So sehr die Übersetzungen der Gedichte sich an der Vorlage von Arthur Waley halten und die Großschreibung am Zeilenanfang zugunsten des Ursprungs aufgegeben wird, so entsteht durch das Zusammenfallen der Syntax- und Versgrenze dennoch ein Brecht´scher Ton, der die Übersetzung von Waleys “rhythmisch bricht”.

    1935 begann Brecht mit der Konzeption des epischen Theaters. 1936 weist Brecht in dem Aufsatz “Vergnügungstheater oder Lehrtheater?” erstmals auf die chinesische Dramatik hin. Es folgten 1938 “Bemerkungen über die chinesische Schauspielkunst”, und die Erweiterung “Verfremdungseffekte in der chinesischen Schauspielkunst. Brechts dramatisches Schaffen ist deutlich vom japanischen und chinesischen Theater beeinflußt worden. Im chinesischen Theater fand Brecht wichtige Ansatzpunkte für die Entwicklung seines epischen Theaters. “In stilistischer Hinsicht ist das epische Theater nichts besonders Neues. Mit seinem Ausstellungscharakter und seiner Betonung des Artistischen ist es dem uralten asiatischen Theater verwandt.”

    Po Chü-i wurde 772 geboren und stammte aus einer Beamtenfamilie. Nach dem Tod des Vaters verarmte er, schaffte es aber sich in der Beamtenhierarchie bis zum Justizministers hochzuarbeiten. Die Erfahrungen der Armut des Volkes am eigenen Leibe müssen so eindrucksvoll gewesen sein, dass Po Chü-i sie auch als Regierungsbeamter nicht vergessen mochte. Brecht schrieb über Po Chü-i: “Er wurde zweimal ins Exil geschickt. In zwei langen Denkschriften, betitelt “Über das abstoppen des Krieges” kritisiert er einen langen Feldzug gegen einen kleinen Tatarenstamm, und in einem Zyklus von Gedichten satirisierte er die Räubereien der Beamten und lenkte die Aufmerksamkeit auf die unerträglichen leiden der Massen. Als der Kanzler von Revolutionären getötet wurde, kritisierte er ihn, weil er nichts getan hatte, die allgemeine Unzufriedenheit zu lindern, und wurde verbannt. sein zweites Exil verdankte er seiner Kritik des Kaisers, dessen Mißregierung er für die Umstände verantwortlich machte.” Po Chü-is Exilierung spiegelte Brechts derzeitige Situation wieder. Eine weitere Parallele zwischen Brecht und Po Chü-i war sein Mut zur Kritik, die - wenn auch nicht unmittelbar - doch die Welt veränderte. Die chinesischen Gedichte waren ein effektives Mittel, um hochbrisante politische Themen mit dem Amüsement allgemeiner, doppeldeutiger, naturnaher Bilder abzuwechseln und zu verpacken. So haben auch die Naturbilder in Brechts späterer Lyrik zwei Ebenen und verweisen oftmals auf politische Bilder.

    *Song, Yun-Yeop: Bertolt Brecht und die chinesische Philosophie, Bouvier Verlag, 1978.
    *Knopf, Jan: Brecht Handbuch, Lyrik, Prosa, Schriften, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1984.
    *Bertolt Brecht- Gesammelte Gedichte, Suhrkamp- Verlag, 1976.

  14. #14
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    Jahreszeitenwort

    Zitat Zitat von Expulsor
    Das Haiku – Eine Erklärung



    Bezug auf eine Jahreszeit
    Haiku – Inhalt ist immer eine Jahreszeit mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen: Natur, menschliches Handeln, Brauchtum, Pflanzen – und Tierwelt. Grundsätzlich drückt ein Haiku das Verhältnis des Wechsels der Jahreszeiten zum menschlichen Leben aus.

    Das Jahreszeitenwort (kigo)
    Durch das Vorhandensein des Jahreszeitenwortes wird das Haiku auf eine Jahreszeit festgelegt. Ein solches Jahreszeitenwort kann entweder direkt (Frühlingsregen, Sommerbäume, Herbstwinde, Winterstille) oder indirekt (Pflaumenblüte, Bauernrose u.s.w.) die Zeitlichkeit und damit die Stimmung des im Haiku dargestellten Bildes andeuten. Außerdem soll es vor allem die Bild – und Gedankenzusammenhänge (renso) wachrufen, die mit der betreffenden Jahreszeit einhergehen und dem Haiku in seiner Kürze Bedeutungstiefe verleihen.

    (...)

    Da der Begriff "Haiku" und alle Regeln und Mechanismen, die damit verbunden sind, erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt und festgelegt wurden, werde ich Basho und Co. nicht als Haiku-Dichter bezeichnen. Es ist zwar richtig, daß diese Dichter die Grundlage bilden, nach denen die Haiku-Regeln ausformuliert wurden, doch sollte man nicht vergessen, daß sie diese Regeln nicht kannten, also auch nicht danach handeln konnten. Ich erwähne das nur, weil gerade Basho nicht stets das 5-7-5-System verwendete und für seine Zwecke auch nicht immer verwenden konnte. Das nutzen heutzutage gerade die Haiku-Schreiber aus, die sich nur oberflächlich mit diesem Thema beschäftigt haben oder Jene, die das Haiku unterwandern oder aufweichen wollen, getreu nach dem Motto: "Wenn Basho sich schon nicht an die Regeln hielt, warum soll ich es dann." Dasselbe gilt auch und gerade für den Inhalt.

    Einige "Haiku"

    Der alte Teich.
    Ein Frosch springt hinein -
    Das Geräusch des Wassers

    Auf kahles Astwerk
    hat sich die Krähe gesetzt:
    Des Herbstes Abend

    Nichts als die Stille!
    Tief in den Felsen gräbt sich
    der Schrei der Zikaden

    Flöhe, Läuse -
    die Pferde pissen nahe
    bei meinem Kissen

    Komm in die Hütte
    und bring vom Winde mit,
    der durch die Fichtenzweige weht

    Der Herbst der Felder
    läuft durch die Gräser dahin
    als Windesrauschen

    Sogar den Pferden
    schaut man verwundert nach
    im Schnee am Morgen


    Taniguchi Buson - später Yosa Buson
    1716 - 1785
    Der nächste große Meister des Siebzehnsilbers war Taniguchi Buson, den die Japaner neben Basho zu stellen pflegen und als "zweite Säule" der Haikai-Dichtung bezeichnen.


    Einige "Haiku"

    Im Frühlingsregen
    Geschichten sich erzählend
    gehen Schirm und Mantel

    Die Efeublätter
    Mit vorwurfsvoller Miene
    im feinen Regen

    Zerbrechlich ist sie,
    meine schöne Frau, aufrecht
    am Kotatsu sitzend

    Frühlingsregen
    Am Arm der Dame Tsuna
    eine kleine Laterne

    Die schöne Haustochter
    Wie sie mir so den Sake heißmacht
    Zum Verlieben...

    Fern und Nah, nichts als
    Pflaumenblüten! Wohin nur
    nach Norden, nach Süden?

    Sommerregen
    gluckert die Traufe herab
    Freude meiner alten Ohren





    [Geändert durch Expulsor am 26-09-2004 um 14:07]
    Ich habe mich einmal durch diesen sehr schönen Aufsatz zum Haiku durchgearbeitet. Nun habe ich eine Frage zum Jahreszeitenwort. Der Autor Expulsor hat sich ja kritisch dazu geäußert, die Haikuregeln bei deutschen Übertragungen mit fadenscheinigen Begründungen, namentlich der Gattungsfreiheiten der klassischen Dichtern zu umgehen. Abgesehen davon, dass uns das zu Epigonen macht, dürfen wir natürlich jede Gattung weiterentwickeln. Ich habe allgemein festgestellt, das etwa 50 Prozent der Äußerungen zu den hiesigen Haikus sich an der Gattunsgfrage abarbeiten. Aber das ist nicht mein Punkt. Ich vermisse das Jahreszeitenwort bei ganz vielen der hier angebotenen Haikus. Ich frage auch deshalb nach, weil mein bisher einziger Haiku deshalb kritisiert wurde, weil Nebel nicht eindeutig genug sei. Das mag ja sein, aber mir scheint, dass mit Jahresezeitenwort nicht so eine eindeutige Bezeichnung, die ganz klar auf eine Jahresezeit weist, gemeint ist. Der Frosch im alten Teich, das sagt doch gerade Mal, das wir nicht tiefsten Winter haben... oder?
    Wie eine Klippe sollst du unbekannte und ungewöhnliche Wörter meiden (Julius Caesar de analogia)

    Neu: Drum halte still
    Die volle Schale (Werkverzeichnis)

  15. #15
    Registriert seit
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    Danke, ferdi, für die Information zu den Fröschen als Jahreszeitenwort!

    Der Einwurf von Expulsor ist gewiss wichtig. Was ich insgesamt nicht ganz nachvollziehen kann, warum die Literaturwissenschaft einerseits den Haiku nach Gattungsregeln des späten 19. Jh.s beschreibt, andererseits die wichtigsten Autoren, die immer wieder zitiert werden - so ja auch von Expulsor - vor diesem Zeitpunkt geschrieben haben. Das macht es mir schwer, mich nach den Beispielen zu richten!
    Grüße
    LordJim
    Wie eine Klippe sollst du unbekannte und ungewöhnliche Wörter meiden (Julius Caesar de analogia)

    Neu: Drum halte still
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