1. #1
    Registriert seit
    Feb 2012
    Beiträge
    378

    Über rassistische Metaphern

    Erst bei der Arbeit an der letzten Strophe vom unten stehenden Gedicht (Wie ich den "bösen schwarzen Mann" umbringen wollte) realisierte ich, dass der Text als rassistisch interpretiert werden kann. Das war nicht meine Absicht. Der Text kann nun lediglich als Beispiel dafür gelten, dass nicht alle Metaphern ethisch einwandfrei verwendbar sind. Dass Licht etwas Gutes ist und Dunkelheit etwas Schlechtes oder Böses, dem würden vielleicht einige zustimmen. Möglicherweise aus dem Grund, dass sie Angst vor der Dunkelheit haben.
    Als Kind, wenn man "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" spielt, realisiert man den rassistischen Beiklang dieser Phrase nicht, doch als Erwachsener muss man wohl die Verantwortung wahrnehmen und sich von solchem Gedankengut distanzieren. Daher weiss ich nicht, ob es klug ist, diesen Text hier überhaupt zu veröffentlichen, in dem einige stereotype schlechte Eigenschaften auf diesen "bösen schwarzen Mann" projiziert werden.

    Wie ich den "bösen schwarzen Mann" umbringen wollte

    In der Schule lauschte ich
    Vom dreimalbösen schwarzen Mann.
    Und schon damals wünschte ich,
    Dass man diesen töten kann.

    Manche Tat sprach man ihm zu,
    Manches Leid machte er breit,
    Manchen stahl er ihre Ruh,
    Wohl gab er Geld, doch stahl er Zeit.

    Das Geld hat niemals ihm gehört,
    Doch tut er so, als wär' es seins,
    Er kreuzt die Finger und er schwört,
    Die Erde, sie sei sein Daheim.

    Irgendwann stellte ich fest,
    Dass dieser Mann mein Schatten ist
    Und mich niemals mehr verlässt.
    Wie Sonnenlicht ist er gewiss.

    So ging ich in die dunkle Nacht,
    Und dachte mir, da sei er nicht.
    Ich fühlte dort der Sterne Macht,
    Wo Dunkel ist, da ist auch Licht.

    Lange dauerte mein Streit
    Gegen diesen schwarzen Mann,
    Doch lernt' ich, dass man mit der Zeit
    Den Weg in sich so gehen kann.

    Der schwarze Mann war lang mein Feind,
    Vielleicht schon bald ist er mein Freund,
    Und an manchen Tagen scheint's,
    Als hätte ich ihn nur geträumt.


    Es gibt auch Texte, in denen Licht und Dunkelheit wertneutral auftauchen und vor allem deren Zusammenspiel untersucht wird, so in folgendem Gedicht von Novalis.

    Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

    Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
    sind Schlüssel aller Kreaturen,
    wenn die, so singen oder küssen,
    mehr als die Tiefgelehrten wissen,
    wenn sich die Welt ins freie Leben
    und in die Welt wird zurückbegeben,
    wenn dann sich wieder Licht und Schatten
    zu echter Klarheit werden gatten
    und man in Märchen und Gedichten
    erkennt die wahren Weltgeschichten,
    dann fliegt vor einem geheimen Wort
    das ganze verkehrte Wesen fort.


    Einen weiteren Text, den ich hier anbringen wollte, ist der Anfang des Johannesevangeliums, bei dem Licht und Dunkelheit ganz klar gewertet werden als Wissen bzw. schadende Unkenntnis.

    Im Anfang war das Wort,
    und das Wort war bei Gott,
    und das Wort war Gott.
    Im Anfang war es bei Gott.
    Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
    In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.
    Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.


    Als Parodie könnte man bei diesem Johannesevangelium-Text einfach mal Licht und Finsternis vertauschen…

    Im Anfang war das Wort,
    und das Wort war bei Gott,
    und das Wort war Gott.
    Im Anfang war es bei Gott.
    Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
    In ihm war das Leben und das Leben war die Finsternis der Menschen.
    Und die Finsternis leuchtet im Licht und das Licht hat sie nicht erfasst.

    Vielleicht sollten Schreibende in Zukunft solche rassistisch interpretierbare Metaphern zu meiden versuchen. Es gibt ja auch die Bewegung, dass man bei verschiedenen Wörtern, die von gewissen Personengruppen sprechen, mehr und mehr auch die weibliche Form derselben hinzufügt. Ob es bei "rassistischen Metaphern" zu einer ähnlichen Entwicklung kommt, ist wohl eher unwahrscheinlich, da es sich dabei vermutlich um eine Spitzfindigkeit handelt, die von mir jetzt ins Rampenlicht gestellt wird. Es handelt sich dabei vermutlich um eine ähnliche Dimension wie die Frage, ob der Fussgängerstreifen nicht in Zukunft als Fussgänger- und Fussgängerinnenstreifen bezeichnet werden soll. Wenn man alle Menschen in allen Fragen berücksichtigen möchte, so stösst man zum Teil auf Hindernisse, die nicht ohne weiteres umgangen werden können. Aber man kann es versuchen!
    Geändert von Ali (18.12.2014 um 16:19 Uhr)

  2. #2
    Kohlräble Guest
    Hallo Ali,

    dass der Text rassistisch
    nein ist er nicht aber

    rassistisch interpretierbare Metapher
    falls der Leser böswillig was hineinlesen will.

    Ausflüge nach Absurdistan gibt's in der BRD ja zur Genüge, allein wenn du an das Dortmunder Ampelmädchen denkst oder an den Veggie-Day, den die Grünen apostrophiert haben, dann siehst du wohins gehen kann.

    Wusstest du, dass man in Gaststätten kein Zigeunerschnitzel mehr anbieten darf? Das heißt richtigerweise nun Sinti-und-Roma-Schnitzel.

    Ein bissel Augenmaß macht den Unterschied

    quoth the raven

  3. #3
    Registriert seit
    Feb 2012
    Beiträge
    378
    Hallo Kohlräble

    dass der Text rassistisch ist
    Ich habe das jetzt umformuliert.

    Man muss mit Worten halt schon etwas vorsichtig umgehen, da nicht alle Leute gleich ticken und nicht aufs Gleiche sensibilisiert sind. Vielleicht führt das irgendwann dazu, dass die Alltagssprache so wertfrei ist wie die Wissenschaftssprache, was man sich aber heute wohl kaum vorstellen kann. Worte wie "gut" und "schlecht" müssten dann auch aus dem Wortschatz gestrichen werden und ich denke, dass wir Dichter- und Dichterinnen dann zusätzlich herausgefordert wären.

    Danke für den interessanten Kommentar!

    Gruss

    Ali

  4. #4
    Registriert seit
    Jan 2013
    Ort
    OWL
    Beiträge
    1.199
    Guten Abend Ali,

    ich finde es gut, dass du das mal thematisiert hast.


    An der Dresdner Universität sind alle männliche Professoren in Professorinnen umbenannt worden.
    So steht es auf Ihren Briefbögen.

    Herr Professorin Peter Müller!

    Ich kann dazu nur sagen: In Deutschland ist die Kacke am dampfen. Sorry und
    schönen Abend.

    lg manehans
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2012
    Beiträge
    378
    Hallo manehans

    Das mit den Professorinnen ist doch wohl ein Versehen.

    In Deutschland ist die Kacke am dampfen.
    Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen.

    LG

    Ali

  6. #6
    Registriert seit
    Nov 2009
    Ort
    Neu Paris, Exberlin, Virtualondon
    Beiträge
    9.533
    Vielleicht sollte man einfach das Wort Rassismus nicht mehr benutzen. Bitte viele empörte Aufschreie deswegen.

    MFG
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  7. #7
    Registriert seit
    Jun 2008
    Ort
    Im wilden Süden
    Beiträge
    4.167
    wozu? bei der herkunft dieser aussage muß keiner mehr aufschreien. aber weinen, das darf man selbstredend.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Tipps für spezielle Metaphern...
    Von wuppertaler im Forum Spezielles und Wissenswertes
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 21.12.2010, 20:16
  2. Metaphern in Form
    Von Metapher im Forum Werkeverzeichnisse
    Antworten: 10
    Letzter Beitrag: 16.11.2006, 17:14
  3. Ich mag Metaphern ;)
    Von cythara im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 11.11.2006, 19:10
  4. Rassistische Vorurteile im England der 50er
    Von TroNiC im Forum Allgemeines
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 01.06.2006, 14:22
  5. variable Metaphern
    Von Metapher im Forum Archiv
    Antworten: 11
    Letzter Beitrag: 02.04.2003, 20:44

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden