1. #1
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    Die Augenblicke des Glücks

    Ich hatte Urlaub genommen, ich musste einfach heraus aus der Enge der Stadt, aus dem Getriebenwerden durch das vermeintliche Muß des täglichen Einerlei. Ich war lufthungrig, einmal wieder ohne Schlips und Kragen die Füße vertreten, die Freiheit der Natur spüren die frische Bergluft in tiefen Zügen atmen können, den Luft der Latschen, der Alpenrosen, der frischen Almen zu spüren, zu erleben - aufzuleben.
    Ich hatte gepackt nur das Notwendigste in meinen Rucksack gestopft, die alten ledernden Bundhosen angezogen, das Wollhemd, das karierte, die Windjacke, den alten Filzhut genommen, der mich schon so viele Jahre begleitet hat und war mit dem Auto in meine geliebten Berge gefahren.

    Hier gab es noch Täler, jenseits aller Hektik, verwunschene Märchenbereiche, die sich der liebe Gott offenbar vorbehalten hatte, um von dem Ärger auszuruhen, den ihm seine Welt macht. Ich war von der Hauptstrasse abgebogen, und über einem Feldweg bis zum Waldrand gefahren. Hier parkte ich meinen Wagen, nahm den Rucksack und marschierte los. Der Weg ging sanft bergan und führte am Waldessaum und einer satten saftigen Wiese entlang. Das Gras war schon das zweite Mal gemäht worden und stand auf dem Hocken zum Trocknen. Sein Duft füllte die Luft. Es war schon später Nachmittag, und die Sonne schickte sich an, blutrot hinter den Bergen zu versinken, und tauchte alles in ein goldiges warmes Licht, als ich um eine Waldecke bog und vor mir ein kleines Bergdorf sah.

    Es waren vielleicht fünfzig oder sechzig Häuser, die sich um die Kapelle wie die Küken um dien Glucke scharten, eng aneinander geschmiegt, aus dem Holz der bergigen Wälder gezimmert, das im Laufe der Jahre dunkel und fest geworden war, hier und da verzogen. Man hatte den Eindruck, dass ein Haus das andere abstützte. Es sah aus, als wenn alle Häuser sich untereinander einhakten um nicht umzufallen.
    Aber vor den Fenstern hingen Blumenkästen mit bunten Blumen in üppiger Pracht, die einen seltsamen Kontrast bildeten und dem Ganzen einen versöhnlichen Liebreiz verliehen.

    Ich war durch die kleine Gasse gegangen, die auf die Mitte des Platzes vor der Kapelle fuhrte. Hier plätscherte ein Brunnen und spendete köstliches kaltes, kristallklares Bergwasser. Ich genoss es in vollen Zügen zu trinken, und ließ die Romantik der Stunde tief in mich eindringen. In solchen kleinen Tiroler Ortschaften, die es hier und da noch unbeleckt von der Zivilisation gibt, reizt es mich immer, in die Kapelle zu gehen, da sich hier eine Stimmung tiefer Verinnerlichung offenbart, eine Art der Ruhe
    und des Friedens, die sich harmonisch einbindet in die Landschaft mit ihren Menschen und mit ihrer Art zu leben, in tiefer Frömmigkeit, in stetem Zwiegespräch mit ihrem Herrgott. Auf dem Weg zum Eingang zur Kapelle musste ich durch den kleinen Friedhof, der vor der Eingangspforte lag. Unwillkürlich blieb ich stehen und schaute auf die Tafeln und die Kreuze mit den Bildern und den Inschriften. Es ist für mich immer ein eigentümliches Gefühl, auf einen Friedhof zu stehen, den Blick über die Gräber schweifen zu lassen, ein seltsames Gefühl der Verwunderung, der Verwunderung darüber, wie dicht das Diesseits mit dem Jenseits zusammenliegen.

    Als ich hier nun stand, und die Inschriften las, war ich erstaunt, dass zwischen den dort eingelassenen
    und vermerkten Geburtsdaten und den Todestagen immer nur ganz kurze Zeiträume lagen. Beim einen waren es acht Stunden, beim anderen drei Tage, bei wieder einem anderen zwanzig Stunden, dann wiederum vier volle Tage, bei einigen aber nur einige Minuten und bei einem war sogar die Geburtsstunde mit der Todesstunde gleich.In der Verwunderung versuchte ich meine Gedanken zu ordnen, als ein kleines Mädchen kam, das in der Hand einen Strauß Blumen hatte, um ihn auf einen der Gräber zu legen. Ich ging auf dieses Mädchen zu und fragte: Was ist hier eigentlich passiert ? Wie kommt es, dass all die Menschen, die hier liegen, so jung gestorben sind ? Hat es hier eine schwere Krankheit gegeben, ein großes Säuglingssterben, eine Hungersnot, oder wie kommt es, dass alle nicht alt geworden sind??
    Das Mädchen guckte mich zunächst verwundert an, dann lächelte es fein und sagte: Nein was Sie annehmen
    stimmt alles nicht! Es ist keine Krankheit gewesen, es war auch kein Säuglingssterben, es ist nur dass
    wir alle hier in unserem Ort nicht unser wirkliches Alter auf das Kreuz und Stein schreiben.
    >Nicht euer wirkliches Alter<, fragte ich verwundert: Was schreibt ihr dann ?

    Sie guckte zu Boden und sah mir dann mit großen dunklen Augen ruhig und gelassen ins Gesicht und antwortete: Wir schreiben hier auf unsere Kreuze und Steine nur die Augenblicke des Glücks, die wir in unserem Leben erlebt haben. Dann machte sie einen Knicks und ging leise davon.

    Ich war völlig konsterniert, und ich wiederholte leise vor mich hin: Nur die Stunden des Glücks?
    Wie viele Stunden habe ich dann gelebt, was würde auf meinem Kreuze stehen? Ich schaute mich um, erfasste mit einem schier hungrigen , verschlingenden Blick alles um mich herum, die Landschaft, den Ort, die kleine Kapelle, den Friedhof, die nun untergehende Sonne, die Farben, das Grün, das sanfte rot, die Wärme des Tages, die belebende Kühle, die in den Abend überging, und wusste, diese Stunde war eine Stunde des Glücks, eine Stunde, in der ich begriffen hatte, was wirklich im Leben zählt.
    Lieber ein eckiges Etwas,
    als ein rundes Nichts.

  2. #2
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    hallo almebo,
    mit immer größer werdender Spannung las ich deine Geschichte!Und dann diese Pointe! Dachte darüber nach und kam zu folgenden Ansichten
    (Einsichten):Wir erleben Zeiten des "relativen Glücks", man könnte sie auch Zeiten der Zufriedenheit nennen.Und auch ihrer werden wir
    manchmal erst dann ganz bewußt gewahr,wenn sie bereits vergangen sind.Und dann gibt es die Momente des Glücks ,die so beschaffen sind,dass wir bitten :"Verweile doch, du Augenblick !Dubist so schön!"Dieser Momente sind wir uns sehr deutlich bewußt.Nur sind es leider
    immer nur kurze Zeitspannen!
    Unsere Einstellung zum Leben spielt eine entscheidende Rolle ,ob uns längere Phasen der Zufriedenheit und auch zahlreiche Momente
    des Glücks gegeben werden.
    Aber,in der Theorie hört sich das so einfach an.In der Praxis hat man es oft mit so zahlreichen Widrigkeiten zu tun ,dass die positive
    Lebenseinstellung arg schwächelt!

    Habe deine Geschichte gern und mit großem Interesse gelesen!
    Mit nachdenklichem Gruß,Cara 1963

  3. #3
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    Hallo lieber Almebo,

    ich habe deine Geschichte gelesen und wurde von ihr sehr gut unterhalten.

    Du hast im ersten Teil wunderschön geschildert, wie der L1 hungrig in die Natur gestartet ist und dies auch bildgewaltig ausgedrückt. "Lufthungrig" zu sein, ist dabei nur ein Wort, was mir sehr gut gefällt.

    Dies:
    "Hier gab es noch Täler, jenseits aller Hektik, verwunschene Märchenbereiche, die sich der liebe Gott offenbar vorbehalten hatte, um von dem Ärger auszuruhen, den ihm seine Welt macht."

    ist eine Stelle, wo man förmlich von der oben beschriebenen Hektik den Wandel in die Losgelassenheit und Entspannung durch die Natur, geführt wird, was du dann auch wieder sehr eindrucksvoll schilderst.


    Eine kleine Anmerkung von mir, du schreibst: "Auf dem Weg zum Eingang zur Kapelle musste ich durch den kleinen Friedhof, der vor der Eingangspforte lag."
    Sagt man nicht besser "über"?

    Das Bild, was du dann zeigst und durch das Mädchen erklären lässt, dass nur die glücklichen Momente im Leben eines Menschen gerechnet werden, was so auch auf den Grabsteinen wiederzufinden ist, finde ich wirklich Klasse gemacht.
    Ich als Leser habe nicht damit gerechnet, dass die Geschichte diese Wendung nimmt und war nach kurzem Nachdenken sofort von der Idee angetan.

    Und du unterstreichst das alles auch noch in deinem letzten Satz:
    "Ich schaute mich um, erfasste mit einem schier hungrigen , verschlingenden Blick alles um mich herum, die Landschaft, den Ort, die kleine Kapelle, den Friedhof, die nun untergehende Sonne, die Farben, das Grün, das sanfte rot, die Wärme des Tages, die belebende Kühle, die in den Abend überging, und wusste, diese Stunde war eine Stunde des Glücks, eine Stunde, in der ich begriffen hatte, was wirklich im Leben zählt."

    indem du hier noch mal alles Schöne, was du eingangs in der Geschichte erzählt hast, fast schon gierig zusammengefasst hast.

    Sehr schön und gerne gelesen!

    LG
    Die Minos
    Falschen Menschen kann man nichts Falsches sagen

  4. #4
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    @Cara

    Die Pointe war wohl die Intension, mich auf diese - möglichst mit Spannung vorzubereiten. Wollen wir doch ehrlich sein, wir sind ausschliesslich in unserem Leben darauf bedacht, dem Glück nach zu hecheln, anstatt uns mit jeder Genugtuung an glückliche Gegebenheiten zu erfreuen. Und diese Gelegenheit in unserem Leben sind äußerst selten. Und darüber sollten wir denken und uns mehr der Zufriedenheit widmen, als nur dem Glück hinterher zu rennen. Die Idee es auf einem Grabstein zu dokumentieren, ist natürlich eine Fiktion. Aber sie könnte tatsächlich dafür herhalten, dem Menschen es plausibel zu machen, worauf es im Leben überhaupt ankommt. Auf der anderen Seite sind wir Menschen so unterschiedlich von Glücksmomente beseelt worden, dass man zu der Meinung kommen könnte, es sei alles ungerecht. Aber ich habe viele Menschen in meinem Umfeld sterben sehen, denen ihr Leben nichts geschenkt hat. Und wenn man ihnen das Fehlende an Glück in Abzug bringt, verkürzt sich die Lebenszeit, während andere nicht im geringsten davon betroffen waren.

    Wenn es Dir gefallen hat darüber nachzudenken, dann hat es mich gefreut!
    Lieben Gruß
    almebo




    @Minos

    Ich bin auf einem kleinen Bauerndorf während des Krieges aufgewachsen. Dort gab es auch einen kleinen Friedhof, mit den eisengeschmiedeten Grabkreuzen
    und Bild der Verstorbenen, mit den obligaten Sprüchen und Redewendungen in bayerischer Mundart, die mir immer gut gefallen haben.
    Möglicherweise hat mich das zum Nachdenken angeregt. Und dieser Gottesacker war so klein, dass ich das "durch" beibehalten möchte.
    Bei einem Zentralfriedhof hätte ich das "über" verwandt. Ha,ha....

    Dein Gefallen an dieser nachdenklichen Erzählung, hat mir Freude bereitet.

    Mit freundlichem Gruß
    almebo
    Geändert von almebo (21.12.2014 um 16:16 Uhr) Grund: Doppelpost
    Lieber ein eckiges Etwas,
    als ein rundes Nichts.

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