Thema: Zwischenzeit

  1. #1
    Registriert seit
    Nov 2014
    Ort
    Dorf im Nordschwarzwald
    Beiträge
    1.027

    Zwischenzeit




    Zwischenzeit


    Strandwärts wintermüde Schritte,
    Schattenblässe an der Seite,
    rückwärts windzerriebne Spur.
    Wogendünung zischt in Sand,
    Rieselsalz auf meiner Haut.
    Möven werfen Messerschreie.
    Sonnenflecken hecheln über See.
    Landwärts ausgebleichte Wiesen,
    ahnungsvoll vor dem Erwachen,
    Felder, abgekämmt und ohne Duft
    wartend auf den Furchenpflug.

    Leer und offen steh ich,
    schau ich, träume mir
    mein Wolkenboot, steige ein
    und gleite schauend, staunend
    über aufgewühlte Wellenfelder,
    über windzerrissne Böen,
    steige auf in flugbereite Himmelshöhen.
    Stets auf Windkurs, schäumend,
    pflügend durch das Wolkenmeer
    bis zum Horizont im Endlosgrau,
    wo die See mit mir und meinem Boot
    hinter ihrem Krümmungshorizont
    im Unendlichen verschwindet.
    Geändert von Carolus (27.02.2015 um 21:33 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Sep 2014
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    1.189
    hallo,Carolus,
    ein Gedicht von dir,bei dem ich mich-jedenfalls im ersten Teil -in Gedanken an der See sah und alles,was du durch gekonnt
    gewählte Worte ausdrückst,nachempfinden konnte.Vor allem "hörte" ich die Schreie der Möwen und "sah" die Brandung.
    Ja,und die Frühlingserwartung,die nun überall in der Luft liegt.Stimmungsvoll auch die phantasievolle Reise in der 3.Strophe!

    Bitte erlaube mir einige Änderungsvorschläge!Vielleicht kannst du davon etwas verwerten!

    °Sonnenflecken über See.°

    "Leer und offen stehe ich,
    schau ich,träume mir
    mein Wolkenboot,steige ein, hier könnte man vielleicht ein "und"zwischen Wolkenboot und steige einfügen !Bin mir aber nicht sicher!
    gleite schauend staunend
    über tiefe Wellenfelder,
    über windzerrissne Böen,
    steige auf in Himmelshöhen.
    Stets auf Windkurs,schäumend,
    pflügend durch das Wolkenmeer
    bis ins Endlosgrau am Horizont,
    wo die See mit meinem Boot
    im Unendlichen verschwindet."

    LG,Cara

  3. #3
    Registriert seit
    Nov 2011
    Beiträge
    1.017
    Hallo Carolus,

    ich hätte spontan gesagt, "Möve" bitte mit w; oder ist's mit v eine regionale Variante, die mir bislang unbekannt war? Eben aus dem Schrank geholt, Duden nennt auch nur die mit w.
    Aber nur ne Kleinigkeit.

    Insgesamt sehr gern gelesen. Hab mich freudig eingelassen auf den Kontrast zwischen Reizflut in der Dichte und Verwchwinden in der Weite. Ich sehe also zwei Teile: S 1+2 & S3, würde sogar überlegen die ersten beiden entsprechend zu einer Strophe zu machen.
    Im ersten Teil packen viele lange Wörter, Komposita, Aufzählungen, Satzreihen viele Eindrücke dicht zusammen, fast wie genannt zu einer Reizflut; die Eindrücke kommen aus verschiedensten Bereichen, sind sichtbar, hörbar, spürbar und treffen sich schließlich in Synästhesien. Zudem wird hier schon betont, wie groß die Natur ist: Da ist die See, dann geht's standwärts zu Sand und Dünen, dann landwärts über Wiesen und Feldern. Langgezogene Streifen und Flächen weit weit in die Weite hinein. Schließlich gibt es hier Metaphern, Personifikationen, die die Natur lebendig machen. Auf großem, reinen Gebiet noch viel an Natur, die noch lebt und aktiv ist. Hier gibt's noch pure Natur. (Traurig, wie oft ich dazu "noch" schreibe.)
    Im zweiten Teil kommt das lI, das im ersten nur durch "Schritte" und "meine[] Haut" angedeutet war, konkret dazu. Eine schöne klassische Trennung: erst Naturbeschreibung und dann Eindruck, Gefühlszustand des lI. Es wird daher nicht besonders aktiv, sondern es geht vor allem um Sinne (schauen) und Gedanken, Geistesprozesse (zB träumen, staunen). Das lI geht auf in seiner Vorstellung, Fantasie, zu der er von der Natur angeregt wurde bzw zu der er die Natur macht im klassischen Motiv der Naturidealisierung, -poetisierung, indem im "Wolkenmeer" Himmel & Erde (als Planet, unterer Ort; sonst müsste man es von Wasser differenzieren) miteinander vereinigt werden, die zwei blauen Ebenen, unendlichen Weiten werden eine, die Grenze verschwimmt und das lI dazwischen lässt sich von der Natur völlig einnehmen; der eine, einzelne, kleine, unbedeutende von der großen, weiten, mächtigen, erhabenen, wenn man will sogar göttlichen.

    LG BS

    Ps: Auf sehr ähnliche Weise habe ich letztens die berühmte Mondnacht in einer Uniklausur analysiert. Es gibt überraschend viele Ähnlichkeiten, wenn man sich die bewusst macht.

    Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit
    Vergil: Aeneis III, 48

    Ich erstarrte, meine Haare standen zu Berge.
    Und die Stimme blieb stecken mir im Hals.

  4. #4
    Registriert seit
    Nov 2014
    Ort
    Dorf im Nordschwarzwald
    Beiträge
    1.027


    Hallo, Cara,

    ich hab mich arg gefreut über deine Resonanz meiner Zeilen. Ganz herzlichen Dank! Sehen, hören, nachempfinden, "in Gedanken an der See". Kann ich von meinem Gedicht viel mehr erhoffen? Wohl kaum und dazu noch eine detaillierte Auseinandersetzung mit Änderungsvorschlägen.
    Im Folgenden möchte ich kurz darauf eingehen. "Sonnenflecken über See". Das Bild vor meinen Augen:
    Die bei starkem Wind über die See getriebenen Wolken lassen hier und da Lücken für das Sonnenlicht. Die gleißenden Sonnenflecken auf dem Wasser hasten windgetrieben mit.
    "Leer und offen stehe ich, schau ich…". Ich finde "steh", "schau" rhythmisch passender und vom Aussageton nachdrücklicher.
    "zwischen Wolkenboot und steige ein" deine Version ist kompositorisch möglich, setzt man danach ein Komma und streicht das nachfolgende "und".
    "über tiefe Wellenfelder". Der Blick von oben auf die zerwühlte See erfasst m. E. eher die Oberfläche als die Tiefe. Ich würde hier "aufgewühlte" Wellenfelder stehen lassen (Kontrastbild zu den Feldern an Land, die "abgekämmt und ohne Duft auf den Furchenpflug" warten.
    Die letzten drei Zeilen verstehe ich inhaltlich weitreichender. Der Horizont im Endlosgrau" ist jene Linie auf Grund der Erdkrümmung, bei der Wasseroberfläche und Wolkendecke (Erde und Himmel!) zusammenfallen. Dahinter verschwindet mein Wolkenboot mit mir gleichsam wie ein Eintreten in unendliche Weiten.

    Nochmals meinen herzlichen Dank. Ich empfinde die Tage gegen Ende Februar als "Zwischenzeit". Immerhin haben sich direkt neben dem Schnee vor dem Haus sechs Schneeglöckchen aus der Erde gewagt. Erste Signale für Kommendes.

    Liebe Grüße

    Carolus






    Hallo, Blobstar,

    einen guten Abend und eine sanfte Landung des Tages - mein Wunsch für dich!
    Wenn ich mich auf eine Stellungnahme freue, dann auf deine; sie ist reflektiert, von hohem Sachverstand, differenziert und intensiv einfühlend.
    somit fühle ich mich bzw. mein inhaltliches Anliegen voll verstanden. Vgl. dazu deine letzten sechs Zeilen, in denen du interpretierend die Grenze zur Transzendenz nicht nur wahr nimmst, sondern auch deutend überschreitest und weitest wie im Staunen eines Sandkorns über die Unendlichkeit des Meeres.
    Lese ich deine wohltuenden Ausführungen, wird mir klar: Hier schreibt einer, der Qualität vor Quantität, Weniger vor Mehr sucht und mir auf seine Weise zu verstehen gibt, dass man bzw. ich nicht auf jeden poetischen Erguss reagieren, sondern in Muse und Geduld seine/meine Vorstellungen ausreifen lassen muss. Somit ist die Freude bei mir wie beim Leser größer als der bescheidene Beifall im lyrischen Tagesgeschäft bzw.an der lyrischen Novitätenbörse. (Ich hab mich in der Freude, einen Ort des Gehörtwerdens gefunden zu haben, zu mancher überflüssigen Schreibe hinreißen lassen.). Wirkliche Anerkennung wird in deinen Worten "Insgesamt sehr gern gelesen.Hab mich freudig eingelassen…"deutlich. Dafür ein dickes Dankeschön! Das erste Anemonensträußchen für dich.

    Dein Vorschlag, S1 und S2 zusammen zu legen, ist inhaltlich überzeugend. Ich hab die optische Trennung beider Strophen im Hinblick auf derzeitige Lesegewohnheiten vorgenommen.


    Carolus
    Geändert von Dr. Üppig (04.03.2015 um 02:01 Uhr)

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Zwischenzeit
    Von Carolus im Forum Natur und Jahreszeiten
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 05.03.2016, 21:12
  2. Zwischenzeit
    Von Elektra im Forum Natur und Jahreszeiten
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 16.09.2013, 10:21

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden