1. #1
    Registriert seit
    Jun 2015
    Beiträge
    1

    Question Der Rauch, der einen vorgetäuschten Körper bildet/ El humo que formó cuerpo fingidoH

    Hallo liebe Lyrikprofis,

    ich würde gerne Eure Expertenmeinung zu diesem Gedicht hören. Einmal auf semantischer, pragmatischer und rhetorischer Ebene. Was haltet ihr von diesem Gedicht? Jeder Ideenansatz würde mir ungemein helfen. Ich komme einfach nicht weiter. Ich wäre euch sehr dankbar!
    Das Gedicht ist Teil des Theaterstücks ,,La discreta Venganza`` von Lope de Vega aus dem Jahre 1620. Es wurde in der Zeit de Siglo de Oro geschrieben.

    Rauch, der einen vorgetäuschten Körper bildet,
    der, wenn er am dichtesten ist, zu Nichts wird;
    Wind, der mit kühner Macht wehte,
    und der nicht im Netz gefangen werden konnte;

    Staub, überm Land vergangen
    durch die erste geschwellte Wolke;
    Schatten, der, die Form dem Körper gestohlen,
    aufhörte zu sein, wenn er vorüberging;

    das sind die Worte einer Frau. Kommt
    etwas Neues, erstaunt es sie so,
    dass sie weder Treue noch Liebe noch Glaube behält.

    Unbeständigkeit also,denn Frau kann man sie nicht nennen,
    wer sie besitzt, und wähnt sich ihrer noch so sicher,
    besitzt doch nur Rauch, Staub, Nichts, Wind, Schatten.


    IM SPANISCHEN

    El humo que formó cuerpo fingido,
    que cuando está más denso para en nada;
    el viento que pasó con fuerza airada
    y que no pudo ser en red cogido;

    el polvo en la región desvanecido
    de la primera nube dilatada;
    la sombra que, la forma al cuerpo hurtada,
    dejó de ser, habiéndose partido,

    son las palabras de mujer. Si viene
    cualquiera novedad, tanto le asombra,
    que ni lealtad ni amor ni fe mantiene.


    Mudanza ya, que no mujer, se nombra,
    pues cuando más segura, quien la tiene,
    tiene polvo, humo, nada, viento y sombra.


    VIELEN DANK IM VORAUS AN EUCH!

  2. #2
    Registriert seit
    Mar 2010
    Beiträge
    610
    Meiner Meinung nach ist die Übersetzung nicht so toll...
    Dies zeigt sich schon in der ersten Zeile beim Adjektiv fingido das etwa dem Wort fingiert entspricht und damit eben NICHT nur "Vortäuschung".
    sondern auch vorgauckeln, erfunden, erlogen, vorgeben, vormachen, schauspielern, mimen, bis hin zu ersinnen...

    Von diesem einem Wort wird der weitere Sinn des ganzen Textes abhängen. Es empfielt sich also etwas mehr Sorgfalt auf das zu verwenden, was wirklich gemeint ist, m.M.n. keine Vortäuschung sondern eher eine Art "Geist", etwas was man nicht zu fassen bekommt und immatriell ist und bleibt.

    Eine ganze Reihe von Verben und Adjektive sind unzureichend übersetzt. kein Wunder dass man da nicht rein findet.
    z.B. ist mir aufgefallen dass "la forma... hurtada" und "cogido" sehr zweifelhaft übersetzt (für diesen Sinnzusammenhang) sind.
    la forma hurtada wäre eine "flüchtige Form" ...."cogido" heißt in der Nennform "zufassen, zugreifen...etc. im in der Adverbialform ergriffen, erfasst etc.

    Ich empfehle eine möglichst genaue Linearübersetzung inklusive Einbeziehung des Thesaurus.
    Danach Ausschau halten welche Wörter "Symbolik" transportieren.


    Die Metrik im spanischen ist nach meinen Infos einfach nur Silbenzählend und auf den Klang hörend.

    Rhetorisch ist das schon ein Kabinettstückchen, aber eher nach typisch südländischer Fasson (emotionalisierend). Mitteleuropäer finden solche Texte eher schwülstig, weil sie zu weit entfernt von ihrem Erleben stehen. In den südlichen Ländern ist dies aber anders....dort ist die Grenze zwischen leben und Symbolismus ineinander fließend.....Und im Urlaub lieben dies sogar Mitteleuropäer.
    Eigenschaften des "Frau-Geist-Phänomens" werden konstrastierend männlichen Erwartungshaltungen gegenübergestellt, bzw. Erfahrungswerten.
    Das Frau-Geist-Phänomen wird somit mystifiziert - es steht aber auch als Symbol für persönliche Freiheit und Selbstbehauptung, das ich einer Frau ist also stark und nicht einfangbar, einsperrbar und schon gar kein Besitz und wem es sich zuordnet ist freiwillig ohne Garantie für Zeiten etc.
    Also die Freiheit ohne jegliche Fänge Verpflichtungen etc.
    Bei dem konservativen Frauenbild um 1620 in einem streng katholischen Land war dies sicher eine starke Provokation. Derlei Verse begegneten mir bisher fast nur im Flamenco, wo Frauen eine expressive Rolle durchaus zugestanden wurde ....wenn sie gute AkteurInnen waren.

    Cui gitano
    Geändert von gitano (30.09.2015 um 20:22 Uhr)
    "Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit in der Kritik."
    feiner Satz von M. Reich-Ranicki

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. In memento an einen Frühling und an einen Großvater
    Von frischfisch im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 27.04.2014, 14:31
  2. Einen Koller, das Leben hat einen, kriegt einen Koller.
    Von hoeyo im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 04.06.2006, 03:55
  3. An einen Freund den ich durch einen Unfall verloren hab
    Von Schatzibabe im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 20.06.2005, 20:14
  4. Rauch
    Von nomad im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 10.04.2005, 18:04
  5. Rede raus vs. Rede raus formt Sprache & bildet einen Satz
    Von dimitri_74 im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 10.07.2001, 00:24

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden