1. #1
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    Der Greis und der Löwe

    Es lebten einmal arme Menschen in einem Tal, die litten großen Hunger.
    Doch was sie auch taten, es kam nicht mehr Essen auf ihre Holzteller. So
    beteten sie zu den Göttern.

    Schickt uns Hilfe! Schickt uns Brot!
    Schickt uns den Retter in der Not!

    Doch weder regnete es Brot vom Himmel, noch ließ sich der ersehnte
    Retter blicken. Die Götter erhörten sie nicht! Die Talbewohner hungerten
    weiter, husteten Staub und verdämmerten den Tag.

    Eines Tages suchte ein hungriger Jüngling in allen Ecken der Hütte
    nach Essen. Er fand aber nur einen alten Wanderstab, der
    seinem Urgroßvater gehört haben mochte. Er nahm ihn mit nach
    nebenan, wo seine Familie gerade ein Nickerchen machte.

    Er klopfte mit dem Stab dreimal auf den Boden und räusperte sich. „Hört
    mal alle her! Ich mache mich jetzt auf die Suche nach den Göttern, um
    ihnen zu sagen, daß wir dringend Essen brauchen! Wenn alles klappt,
    haben wir bald alle wieder volle Bäuche! Wir werden uns nie mehr um
    etwas zu kümmern brauchen, denn selbst die gebratenen Tauben
    werden uns mit einem Fingerschnippen in den Mund fliegen!“

    Seine Verwandten fanden die Idee grundsätzlich gut, fingen aber sogleich
    zu klagen und zu jammern an, weil sie zu ihrem Unglück nun noch einen
    geliebten Sohn verloren. Als er aber weder mit guten Worten noch mit
    angedrohten Prügeln aufzuhalten war, wünschten sie ihm viel Glück und
    gaben ihm eine doppelte Ration Baumrindensuppe mit auf den Weg.

    Der Jüngling wanderte viele Tage und Nächte. Auf der Suche nach den
    Göttern überwand er unermeßlich hohe Berge und durchschritt
    abgrundtiefe Täler. Da kam er plötzlich in einen dichten Nebel. Als er
    diesen hinter sich ließ, stand er plötzlich in einem wunderschönen
    Garten.

    Überall hörte man das fröhliche Geplätscher von Springbrunnen und alle
    paar Schritte lockte ein Obstbaum mit verführerischen Früchten. Der
    Jüngling trank von dem kühlen Wasser und aß soviele Früchte, bis er
    zu platzen drohte. Dann kam er an ein großes Haus. Sein Dach war aus
    glänzendem Gold und die Wände waren mit bunten Edelsteinen übersät.
    Der Jüngling lachte freudig, denn das mußte der Sitz der Götter sein.

    Er klopfte ans Tor. Das Tor sprang auf und er betrat eine mächtige Halle.
    In der Mitte der Halle saßen drei uralte Götter auf steinernen Stühlen,
    die allerdings bequem mit Fellen gepolstert waren.

    Der erste Gott schlief, der zweite redete wirr, nur der dritte Gott machte
    einen freundlichen Eindruck. An den wandte sich der Jüngling und sank
    auf die Knie. „Hört Ihr Götter! Mein Volk ist arm und verhungert. Ich flehe
    euch an, schickt uns Essen!“

    Der freundliche Gott legte sein Buch beiseite und berührte tröstend des
    Jünglings Stirn. „Schlaf heute Nacht in unserer Halle, morgen früh sollst du
    den Weg kennen…“

    Der Jüngling bekam sogleich leuchtende Augen und quasselte vor Aufregung
    sogar dazwischen. „…ins Land, wo Milch und Honig fließen?“

    Der Gott sah kurz zu seinen Mitgöttern rüber und nickte bestätigend.
    „So sei es.“

    Der Jüngling weinte vor Glück. „Vielen Dank, Ihr gnädigen Götter! Ich
    gehe zurück zu meinem Volk und führe es in die Freiheit von Hunger und
    Not!“ Dann wünschte er gute Nacht, warf sich aufs Bett, das in einer
    Ecke der Halle für Notfälle wie ihn bereit stand, und fiel sofort in tiefen
    Schlaf.

    Am nächsten Morgen erwachte er frisch gestärkt. Vor seiner
    Rückreise trat er nochmals vor die Götter. Der freundliche Gott nickte
    ihm wohlwollend zu. „Schön, mal wieder Besuch zu haben. Du
    scheinst jetzt auch recht zufrieden zu sein.“

    Dann wurde er ernst. „Doch sieh dich vor. Wer bei den Göttern ruhte,
    erhält große Macht. Gehe sorgsam damit um. Und noch eins. Meine
    beiden Göttergefährten hier… nun ja, ich mußte mich zu einem kleinen
    Eingeständnis bereit erklären, bevor du wieder zurückkehren kannst.“

    Der Jüngling lachte mädchenhaft hell auf. „Was ist es? Wird es keine
    gebratenen Tauben geben, die einem von selbst in den Mund fliegen?“

    „Ich habe das Menü gerade nicht im Kopf. Aber ensthaft. Seit gestern
    sind genau Hundert Jahre vergangen, und niemand aus
    deinem Volk wird dich mehr erkennen. Verstehst du? Denn entweder
    sind alle, die dich kannten, bereits gestorben oder altersdement. Doch
    habe Geduld und folge dem Pfad der Erleuchtung, dann erkennst du
    deine wahre Bestimmung!“

    Der Jüngling verabschiedete sich unter vielen Dankesworten und trat
    den Rückweg an. Nach drei Tagen erreichte er wieder seine Heimat. Es
    war soweit! Er würde dem Elend seines Volkes endlich ein Ende
    setzen! Zum Dank würde es ihm vielleicht ein Denkmal setzen…

    Er bestieg einen nahen Hügel und rief aus voller Kehle. „Seht her! Ich
    war bei den Göttern und komme, um euren Hunger zu stillen! Folgt mir,
    ihr Darbenden, denn ich führe euch in das Land, wo Milch und Honig
    fließen!“

    Doch die Leute waren viel zu beschäftigt mit ihren Alltagsdingen. Das
    wirre Geplapper des klapprigen Greises kümmerte sie nicht. Denn wie
    der freundliche Gott vorhergesagt hatte, war der Jüngling um Hundert
    Jahre gealtert, und niemand erkannte ihn.

    Doch so leicht gab der Jüngling nicht auf. Also ging er zu ihnen ins Tal
    herab. Er schritt von einem zum andern und malte ihnen das sagenhafte
    Land aus, das so greifbar nah vor ihnen lag. „Wißt ihr denn nicht, wer ich
    bin? Wer mir folgt, wird es auf alle Zeiten gut haben! Milch und Honig,
    Milch und Honig! Wie oft muß ich es denn noch wiederholen? Seid Ihr
    alle dumm geboren?“

    Die Leute aber sahen in ihm nur einen gebrechlichen Alten in erbärmlich
    zerrissener Kleidung, der sie noch dazu beleidigte. „Du tattriger Narr,
    geh deiner Wege und laß uns in Frieden!“

    Doch der Jüngling gab nicht auf. Immer wieder redete er auf die
    Menschen ein und erzählte ihnen von dem Land, wo Milch und
    Honig nur so in Strömen fließen, in Bächen, Flüssen, Meeren… auch die
    leckeren, fertig zubereiteten Speisen an den Bäumen ließ er nicht
    unerwähnt, wenngleich er die gebratenen Tauben vorsichtshalber
    ausließ (diesbezüglich hatten sich die Götter etwas undeutlich
    ausgedrückt).

    Doch sein unermüdlicher Redeschwall hatte sie nur anfangs vielleicht
    noch belustigt, zuletzt jedoch nur wütend gemacht. Sie fühlten sich
    für dumm verkauft – sah er denn nicht, daß sie für solche Späße viel
    zu arm waren?

    Schließlich hatten sie genug. Sie fingen an ihn zu schlagen und zu treten,
    und er fiel in den Staub. In seiner Geistesgegenwart aber reckte er den Stab
    gen Himmel und ein gleißender Blitz zuckte daraus empor in den Himmel.

    Schwarze Wolken ballten sich tief über der Erde, ein dumpfes Grollen
    ertönte, und im nächsten Moment regnete es Hagelkörner groß wie
    Hühnereier. Die Strohdächer der Hütten gingen in Fetzen. Ein grausiges
    Geschrei erfüllte das Tal, und seine Bewohner stoben in Panik
    auseinander, um nicht von den Hagelkörnern erschlagen zu werden.

    Schließlich ging das Gewitter vorüber. Das Tal verharrte in atemloser
    Stille. Da trat einer aus seinem Versteck hervor und richtete das Wort an
    den greisen Jüngling. „Wofür strafen uns die Götter, die dich schickten?“

    Der konnte lange nicht sprechen. Sein Entsetzen war groß, peinlich war
    es obendrein. Irgendwann erhob er sich, den Blick zu Boden gerichtet.
    „Ich war mal einer von euch. Doch jetzt erkenne ich mich selbst nicht
    mehr.“

    Er ging fort aus diesem Tal, dem er zu dem vorhandenen noch so viel mehr
    Leid zugefügt hatte. Tagelang irrte er umher und wußte nicht wohin mit
    seinem Schmerz. Schließlich kam er in eine heiße Wüstengegend. Das war
    ihm gerade recht: weder Schatten noch Wasser gab es hier, nur
    Sonne, die sein Gesicht verbrannte, und Hitze, die seine Kehle ausdörrte.
    So konnte er endlich qualvoll sterben, ganz wie er es verdiente!

    Da erblickte er in der Ferne einen einzeln stehenden Baum. Auf den ging
    er zu, denn er wollte es plötzlich lieber kurz machen und sich nur erhängen.
    Als er aber bei dem Baum anlangte, sah er, daß in seinem Schatten ein Löwe
    schlief.

    Der greise Jüngling zuckte verächtlich mit den Schultern. „Soll der Löwe mich
    doch fressen, so haben beide was von meinem Tod!“

    Der erwachte von dem Lärm, schreckte hoch und starrte den Jüngling aus
    goldgrünen Augen überrascht an. Doch statt sich auf ihn zu stürzen, rannte
    er davon! Darüber mußte der greise Jüngling so lachen, daß er weinen mußte.

    Der Abend nahte, es wurde kühler. Der greise Jüngling sah ein, daß es nun
    zu spät zum Erhängen war und verschob es auf später. Er war müde, seine
    Knochen schmerzten, doch mit Mühe schaffte er es hinauf in die Baumkrone,
    wo er übernachten wollte.

    Aber sein schrecklicher Durst würde ihn kaum einschlafen lassen.
    Haßerfüllt reckte er die Faust gegen den dunklen Abendhimmel.
    „Nur eine Schale voll Wasser, um den schlimmsten Durst zu stillen! Doch
    nicht einmal dazu seid Ihr Götter fähig!“

    Da glitt seine Fingerspitze zufällig in ein kleines Baumloch. Er zog den
    Finger heraus und sah, daß er naß war. Er leckte ihn ab. Es war wohl der
    Abendtau, der sich im Loch sammelte. Nie zuvor hatte er etwas so
    Herrliches getrunken, er schöpfte noch viele Tropfen aus dem Baumloch,
    und jeder war ihm eine kostbare Perle.

    Und wie es Nacht wurde und die Sterne einer nach dem andern sanft
    über ihm aufleuchteten, rollten bittere Tränen über seine Wangen. So
    schlief er ein.

    Als er wieder erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Er
    rutschte vom Baum, hielt nach allen Seiten Ausschau nach dem Löwen
    und machte sich schnell auf den Weg.

    Die Wüste lag bald hinter ihm und das Land wurde grün und freundlich.
    Schließlich kam er an einen großen Wald, in den ein holpriger Pfad
    führte. Er folgte ihm, pflückte unterwegs süße Beeren von den
    Sträuchern und erfreute sich am Gesang der Vögel, die so vergnügt und
    lieblich zwitscherten, als hätten sie nie ein Leid gekannt.

    Der Pfad endete unversehens an einem Fluß, der unüberwindlich schien,
    denn es führte keine Brücke hinüber, und ein Fährmann mit seiner Fähre
    war auch nicht in der Nähe. Der greise Jüngling wollte sich wegen seines
    übergroßen Unglücks schon in die Fluten stürzen, um jämmerlich
    unterzugehen, als ihnen ein junges Mädchen entstieg, schöner als alles,
    was er je zuvor gesehen hatte.

    Das Mädchen trat wortlos auf ihn zu und küßte seinen Greisenmund.
    Wie süß und köstlich waren ihre Lippen! Milch und Honig! Im selben Moment
    gewann der Jüngling seine alte Gestalt zurück und er schaute sich verwundert
    an. „Was hast du mit mir getan?“

    Das Mädchen lächelte, und ihre goldgrünen Augen glänzten vor Liebe.
    „Ich träumte, ich wäre ein Löwe, der unter einem Baum lebt und jeden
    frißt, der mir zu nahe kommt. Da stand plötzlich ein Greis vor mir, grau
    und gebeugt und ohne Furcht! Ich bekam es selbst mit der Angst und
    lief davon. Doch ich schwor mir, ihn zum Dank zu küssen, falls ich ihm je
    wiederbegegnen würde. – Du hast mich erlöst, schöner Jüngling.“

    Da erbebte der Jüngling, sein Blick wurde feucht und er drückte das
    Mädchen ans Herz. Sie küßten sich wieder, gingen zusammen fort und
    lebten noch lange glücklich miteinander.
    Geändert von skyzerot (05.07.2016 um 16:28 Uhr)

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