1. #1
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    Im nächtlichen Wald
    Beiträge
    9.169

    Die Villanelle

    Nötige Grundlagen: Keine
    Ziel: Kennenlernen der Villanelle und erlernen der Grundlagen, um selbst eine schreiben zu können
    Unterstützende Links: Keine
    Quellen: eigenes Wissen
    Folgende Lektion: Keine

    1. Die Form


    Die Villanelle gehört bei mir in die Kategorie "Wiederholungsgedichte". Das heißt, ähnlich wie beim Pantum werden Teile des Gedichts innerhalb des Gedichts wiederholt. Das Schema dieser Wiederholung ist bei der Villanelle eigentlich einfach, ist aber dennoch nur bedingt einfach umzusetzen.
    Zuerst einmal besteht sie, wie ihr am Beispielgedicht unten sehen könnt, aus 5 Terzetten und einem Quartett. Die äußeren Verse der Terzette enthalten den A-Reim, während die inneren den B-Reim enthalten, das Quartett hingegen ist im Schema ABAA gereimt. Das Metrum ist ein 5-hebiger Jambus, wobei die Kadenzen frei gewählt werden können.
    Die Wiederholungen bestehen lediglich aus den ersten beiden A-Versen (A1 und A2), die abwechselnd das Ende der Terzetten darstellen und gemeinsam in der Ursprungsreihenfolge das Gedicht auch beenden.

    Da das alles jetzt sehr theoretisch ist und sich das ganze besser am Beispiel eines Gedichtes zeigen lässt, bekommt ihr natürlich auch eins. Um das Urheberrecht zu umgehen stelle ich hier eine Villanelle aus meiner Feder ein:

    Ohne Wiederkehr

    A1 Wir sangen einst gemeinsam schönste Lieder,
    B1 Das schützte meist vor aller Welt Getöse.
    A2 Jedoch, ich kehr zu keiner Zeit mehr wieder.

    A3 Ich wünsche dir noch einen neuen Flieder,
    B2 Das Lila übermalt der Lilie Größe -
    A1 Wir sangen einst gemeinsam schönste Lieder.

    A4 Und sei es dir auch noch so sehr zuwider,
    B3 Du findest keine rettende Souffleuse;
    A2 Jedoch, ich kehr zu keiner Zeit mehr wieder.

    A5 Verwöhn ein letztes Mal noch mein Gefieder
    B4 Und bitte sei nicht allzu lange böse;
    A1 Wir sangen einst gemeinsam schönste Lieder.

    A6 Die Schmerzen fressen sich durch meine Glieder,
    B5 Ach bitte, hilf mir, wenn ich uns erlöse!
    A2 Jedoch, ich kehr zu keiner Zeit mehr wieder.

    A7 Mein Brustkorb wölbt sich sachte auf und nieder,
    B6 Dies hier sind meine letzten Atemstöße…
    A1 Wir sangen einst gemeinsam schönste Lieder -
    A2 Jedoch, ich kehr zu keiner Zeit mehr wieder.

    Wie man an der Farbe erkennen kann, kommen die Verse A1 und A2 jeweils 4 mal vor, während die übrigen Verse jeweils einmalig sind.

    2. Was bei einer Villanelle zu beachten ist


    Eine Villanelle hat das gleiche Problem, wie jedes andere Wiederholungsgedicht auch: Die von mir sogenannte "Wiederholungsgedichtkrankheit". Das bedeutet, dass Gedichte, deren Verse sich wiederholen (müssen) häufig keine sauberen Nahtstellen haben und darum abgehackt/angeklebt wirken. Das zu verhindern ist nicht immer einfach, aber meist möglich. Wie gut das geht, hängt von der Art und Weise der Wiederholungen ab, wozu ich später noch etwas sagen werde.
    Die Villanelle ist ein altes Bauerngedicht. Wer also gerne darauf achtet, dass Form und Inhalt harmonieren sollte hier eher einfache Themen behandeln, die den Landmann interessieren.
    Die Inhalte, die allgemein zu einem Wiederholungsgedicht wie der Villanelle passen sind alle, bei denen eine Wiederholung einzelner Verse eine Eindringlichkeit unterstützen. Am besten kann ich mir hier aufbauende und hoffnungsvolle Gedichte vorstellen, die durch eine Wiederholung sagen wollen, dass alles schon wird oder bereits gut ist, traurige Gedichte, bei denen durch die Wiederholung die melancholische Stimmung unterstützt wird, Liebesgedicht, deren Liebeserklärung sich erneuert oder humorvolle Gedichte, bei denen Pointen oder Begebenheiten immer wieder aufgegriffen werden. Es geht natürlich auch bei anderen Themen, aber diese habe ich für mich als am Effektivsten herausgearbeitet.

    3. Wie schreibt man am besten eine Villanelle


    Eigentlich gilt hier wie immer: So wies euch am besten liegt. Die Villanelle hat allerdings zwei Besonderheit, die bei freien Formen nicht gegeben sind und sich erheblich auf das Gedicht auswirken:

    1. Die Länge des Gedichts ist vorgegeben
    2. Wenn ihr die erste Strophe geschrieben habt, habt ihr gleichzeitig das Ende und fast das halbe Gedicht fertig.

    Daraus ergibt sich, dass es sinnig ist, nach der ersten Strophe gleich das Ende aufzuschreiben. Was ich auch machte war, das Schema der Villanelle aufzuschreiben und die A1 und A2 Verse gleich an ihre Stelle zu setzten, damit ihr wisst, auf was ihr in der entsprechenden Strophe zusteuern müsst, wenn ihr den Vers an die übrigen beiden anschließen wollt.
    Wie ihr sicherlich seht, braucht ihr von den A-Reimen 7 unterschiedliche und von den B-Reimen immerhin noch 6. Das ist ziemlich viel, wenn man noch nicht viel Übung mit derlei Gedichten hat. Darum solltet ihr zu Beginn noch häufige Reime suchen oder zumindest einmal schauen, ob ihr genug für das Gedicht zusammen bekommt, die ihr auch verwenden könnt.
    Die Wiederholungen sollten sich, wie bereits erwähnt, an die übrigen Verse anschließen lassen, ohne dass sie zu Brüchen führen. Außerdem müssen die Wiederholungen genauso gut für den Anfang des Gedichts, wie auch für das Ende passen. Darum empfehle ich auch, die letzte Strophe gleich nach der ersten fertig zu schreiben. So könnt ihr einschätzen, ob ihr es schafft, aus dem Anfang auch ein Ende zu machen und ob euch der Platz, den die enge Korsage der Villanelle vorgibt, genügt, um den Bogen zu spannen. Anders als beispielsweise bei einem Pantum ist die Läge des Gedichtes ja vorgegeben. Schaut ihr das erst ganz zum Schluss, müsst ihr unter Umständen das gesamte Gedicht neu schreiben, weil ihr neue Wiederholungsverse braucht, die dann nicht mehr zu den Strophen passen wollen. Dafür ist notwendig, dass sie nicht als Wiederholungen auffallen.
    Am besten haltet ihr ein Gedicht "gesund", indem die Verse in ihrem Inhalt beliebig aber auch Aussagekräftig genug sind, um sich in unterschiedliche Strophen/Sachverhalten einzugliedern. Auf diese Weise lässt sich sicherstellen, dass durch die Wiederholung keine Langeweile aufkommt und gleichzeitig ist es ein Impfstoff gegen die Wiederholungskranheit. Wenn ihr dann noch, das Schema aufgeschrieben habt und gezielt auf die Wiederholungen zusteuert und sie trefft, dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Aber auch hier gilt: Übung macht den Meister! Das erste Mal muss noch nicht perfekt sein.
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  2. #2
    Kohlräble Guest
    Hallo Eule,

    die Villanelle ist im Englischen auch in der neueren Zeit von namhaften Dichtern umgesetzt worden (Dylan Thomas, Wystan Auden, Sylvia Plath, Elizabeth Bishop, T.S.Elliot usw..).

    Bei uns ist sie nicht ganz so gebräuchlich geblieben. Das strenge Korsett der Wiederholungszeilen kann auch aufgelockert werden, dann ists halt eine Villanelle light

    Die von dir in diesem Zusammenhang erwähnte "Kreuzschleife" (es gibt innere wie äußere) wartet übrigens noch auf ihren Eingang in die tradierten Formen. Sie ist eine Erfindung von Hans Plonka, den diejenigen, die länger hier im Forum sind, wohl noch kennen.


    qtr

    Soll es mal richtig rund geh'n auf die Schnelle
    so wie bei einem alten Leierkasten:
    Denk nicht zuviel, schreib eine Villanelle.

    Das spart viel Zeit, denn jede dritte Welle
    von Zeilen wird beim Reimen Dich entlasten,
    so kann es richtig rund geh'n auf die Schnelle.

    Ob Herz, ob Schmerz, ob Schelle, ob Kapelle
    drück auf die Tube und vergiss zu tasten,
    denk dran, du schreibst nur eine Villanelle.

    Das rauscht beinahe wie die Wasserfälle,
    da gilt kein faules Ruhen, müdes Rasten
    es soll ja richtig rund geh'n auf die Schnelle.

    Und zieht Kritik dir übers Ohr die Felle
    weil weder Reim noch Sinn so richtig passten:
    denk dir , es war nur eine Villanelle.

    Schäl dir ein neues Werk aus deiner Pelle,
    dein Motto häng an alle Forenmasten:
    Soll es mal richtig rund geh'n auf die Schnelle
    Denk nicht zuviel, schreib eine Villanelle.
    Geändert von Kohlräble (09.07.2015 um 07:33 Uhr)

  3. #3
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    Im nächtlichen Wald
    Beiträge
    9.169
    Hallo Kohlräble,

    ich finde die Gedichtform sehr spannend, auch wenn sie etwas mehr einengt, als das bei anderen Formen, die sich nicht wiederholen, der Fall ist. Deine Kritik in Gedichtform an der Gedichtform sind natürlich auch berechtigt. Wobei es auch auf die Anwendung des Dichters ankommt. Eine Villanelle mit guter Aussage zu schreiben ist schwerer als ein Gedicht, bei dem sich nichts wiederholt, eben weil die Übergänge passen müssen. Da hakt es bei vielen noch. Auch bei den genannten Kreuzschleifen jenen Dichters. Dass dieser die Form erfunden hat, wusste ich nicht, habe ich aber nachrecherchiert. Das erklärt allerdings, warum nur im Zusammenhang mit ihm die Form geschrieben wird. Auch ich wurde einmal dazu genötigt... Durch diesen Umstand ist sie natürlich weder zitierfähig noch zitierwürdig und ich werde sie aus der Beschreibung löschen. Danke für diesen Hinweis!

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  4. #4
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Bremen
    Beiträge
    2.157
    Hallo zusammen,

    Zitat Zitat von Nachteule
    Daraus ergibt sich, dass es sinnig ist, nach der ersten Strophe gleich das Ende aufzuschreiben.
    ich würde sogar sagen: Schon für S1 sollte man wissen, wo genau es hingehen soll. Arbeitet also zuerst die letzte Strophe aus, so dass das Gedicht von hinten aufgerollt wird. So kann man am besten auf das gewünschte Ziel hinarbeiten.

    LG Claudi
    com zeit - com .com

  5. #5
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    Im nächtlichen Wald
    Beiträge
    9.169
    Hallo Claudi.,

    das hängt sicherlich davon ab, wie man selbst am Besten arbeitet. Ich hätte vermutlich Probleme gehabt, das Gedicht rückwärts zu schreiben, sondern kam mit dem Rahmen schaffen und dazwischen normal schreiben, gut klar. Aber wie gesagt wird das davon abhängen, wie man es für sich selbst als am Besten ausmacht. Andere schaffen es vielleicht, erst einmal die B-Verse zu schreiben und die As dann einzufügen.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. die landpartie (villanelle)
    Von kaspar praetorius im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 26.02.2018, 15:13
  2. Erkenntnis (Villanelle)
    Von Hans Plonka im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 14.02.2018, 14:44
  3. aaa-Villanelle
    Von norbert im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 16.02.2016, 23:17
  4. UHU-Villanelle.
    Von Guenter Mehlhorn im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 01.07.2010, 13:38

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden