Für Marcus Brühl (1975-2015)

Der Fuchs hat ein rotes Fell, das am Bauch und Hals weißlich ist. Der spitz zulaufende Kopf hat kräftige, spitze Zähne. Die kleine Körpergestalt des Fuchses befähigt ihn nicht zu Gewaltstreichen, ist ihm aber auf seinen Schleichwegen dienlich. Unter den körperlichen Eigenschaften des Fuchses wird besonders sein rascher Gang hervorgehoben.

In der Stadt Siegen lebte einmal solch ein junger Fuchs. Sein Name war Marcus Brühl. Alternativ wurde er Penelope, Herzogin von Wustermark oder schlicht der Fuchs genannt.

Er war ein wahrhaft schöner junger Fuchs. Sein glänzendes Fell schimmerte rot-braun-golden in der Sonne, ein prächtiger Schweif schmückte ihn, und seine Brust war warm und weich. Kühn ragte seine Nase hervor. Die listigen Äuglein und die spitzen Zähne blitzten auf, wann immer er lachte.

Er war ein großer Liebhaber des Waldes. Hier fühlte er sich geborgen, hierher zog er sich zurück, wenn er verfolgt wurde.

Ganze Tage streifte er durch den grünen Wald und badete im kühlen See. Nachts huschte er lautlos über den Friedhof, durch die Gassen der Unterstadt und hinauf zum Oberen Schloss, wo Nobel, der König der Tiere, Hof hielt.

Im Ballsaal erschien unser Fuchs in feinem Mantel und Hemd, jedoch mit ausgetretenen Schuhen. Er verstand es, charmant und geistreich in mehreren Sprachen zu parlieren, war von ausgesuchter Höflichkeit und machte auch beim Tanzen eine ausgezeichnete Figur. Vor allem aber war er von offener und gutmütiger Natur, weshalb ihm alle Herzen zuflogen.

Dass er keck, exaltiert und ein wenig eitel war, wurde in der Regel schmunzelnd zur Kenntnis genommen.

In der Höhle der Familie Fuchs spielte sich ein idyllisches Familienleben ab, denn Marcus der Fuchs war ein Wunschkind.

Wenn er von seinen Streifzügen heimkehrte, wurde er von seinen lieben Eltern schon sehnsüchtig erwartet. Nach einer äußerst herzlichen Begrüßung wurde er von Mutter Fuchs mit den köstlichsten Speisen verwöhnt.

Wie alle Füchse war auch Marcus der Fuchs ein ausgesprochener Fleischfresser. Saftiges Sahneschnitzel zählte zu seinen Lieblingsspeisen. Schon beim bloßen Anblick von Sahneschnitzel begannen seine Barthaare zu zittern. Aber er fraß auch zeitlebens extrem viele Tiefkühlpizzen.

Der Winter war für ihn eine schlimme Jahreszeit. Nur die äußerste Not trieb ihn ins Freie. Am liebsten verkroch er sich dann in seinen Fuchsbau, um zu lesen und zu schreiben. Denn Sprache und Literatur waren seine Passion.

Deshalb hätte ihn König Nobel gern zum Hauslehrer seiner Prinzen berufen, hätte es nur nicht den dummen Zwischenfall gegeben, jenen skandalösen Maskenball, auf dem der verwegene Fuchs zur Empörung der ehrenwerten Gesellschaft im extravaganten Fummel erschienen war.

Als es wieder Frühling wurde, trabte Marcus der Fuchs gedankenversunken durch den Wald. Unweigerlich fragte er sich: „Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?“ Dies sind die Fragen nach der Existenz, und die wollen natürlich beantwortet sein.

Wo aber sollte er die Antworten finden?
Auf der Suche nach ihnen hatte er bereits das gesamte Siegerland durchmessen, hatte jeden Stein umgedreht, jeden Grashalm herausgerissen und jeden Hühnerhof erschnüffelt (was ihn bei den Bauern sehr berüchtigt machte), alles jedoch ohne Erfolg.

Und je länger er suchte, desto mehr plagte ihn der Hunger. Der Hunger nach Wissen, nach Leben und nach Liebe. Ein Hunger, der niemals zu stillen war.

Höchste Zeit also, sich auf große Pilgerfahrt zu begeben!

Aber wohin?

Dumme Frage, natürlich nach Berlin!

Denn war nicht einst Voltaire eigens aus Paris herbei gereist, um unter den preußischen Perücken die Flamme der Aufklärung zu entzünden?

Waren nicht im literarischen Salon der Rahel Varnhagen am Gendarmenmarkt alle großen Geister versammelt, von Schlegel bis Tieck, von Wilhelm von Humboldt bis Clemens von Brentano? (Und auch der schöne Graf von der Marwitz durfte nicht fehlen und blieb sogar über Nacht.)

Und hatte nicht Anita Berber in den verrauchten Kabaretts der zwanziger Jahre verruchte Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase getanzt, berauscht von französischem Cognac und Kokain, mit nichts bekleidet als mit einem Nerz?

Auf nach Berlin, in das sagenumwobene Metropolis!

Gleich am nächsten Morgen nahm der junge Fuchs tränenreich Abschied von seinen Eltern und von den Tieren des Waldes, verließ den väterlichen Bau und stakste auf meterhohen Stöckelschuhen entschlossen über die sieben Berge hinweg bis in das ferne Berlin.

Dort angekommen machte er sich sogleich an die Arbeit. Wie ehemals die Schriften Voltaires erzählten nun die Werke Marcus Brühls von Sehnsucht, Aufruhr und Zuversicht, und die Tiere der Stadt kamen alle herbei, um ihm zu lauschen.

Den Beruf des Lehrers konnte er nun problemlos ausüben. Denn anders als in Siegen hat in der Weltstadt Berlin kein noch so schräger Fummel jemals Anstoß erregt.

Wie Rahel Varnhagen empfing Marcus der Fuchs in seinem hochherrschaftlichen Salon unweit des Hackeschen Marktes viele interessante Gäste. Da wurde gesungen und getanzt, geherzt und geküsst, geschlemmt und philosophiert, dass es eine Lust war.

Er war ein vollendeter Gastgeber, stets freundlich und aufmerksam und zumeist gut gelaunt. Mitunter jedoch war schon von weitem sein wütendes Schnauben zu vernehmen und eine Art lustiges Gebrüll. Sein schallendes Lachen wurde oft von Hustenanfällen unterbrochen, denn er war ein Kettenraucher.

Einige Gäste blieben sogar über Nacht.
Und wenn einer länger blieb, dann hielt ihm der Fuchs unverbrüchlich die Treue, denn in seiner Brust schlug ein goldenes Herz (wenngleich in erbitterten Zweikämpfen zuweilen die Fetzen flogen).

In der Rattenbar hatte einst ein süßer Junge ein Auge auf den Fuchs geworfen. Als er zögerte, ihn anzusprechen, ermunterte ihn seine Freundin: „Komm, wir gehen hin!“ und stellte die beiden einander vor. Da küsste der freche Fuchs kurzerhand den süßen Jungen, und dieser war fortan sein kleiner Schatz, den er hütete, auch als sie schon längst kein Liebespaar mehr waren.

Schon bald gründete er seine eigene Familie, die sich aus einer bunten Schar von Wahlverwandten zusammensetzte: aus der Ofenkatze, dem Wiesel, dem Hahn, dem Nilpferd, dem Waschbären, der Ente, dem Hamster, dem Faultier, dem getreuen Grimbart und dem kleinen Schatz.

Weil er seine Familie über alles liebte und genauso verwöhnen wollte wie einst seine Mutter ihn, mauserte er sich zum Küchenmeister. Nach mütterlichem Rezept bereitete er den legendären Heringsstipp zu und tischte allerlei Delikatessen auf: Coq au vin, Tomaten-Eier-Salat, Gurken-Orangen-Salat, Spinatkuchen, Braten und vieles mehr.

Wie Anita Berber tanzte Marcus der Fuchs Tänze des Lasters, berauscht von russischem Wodka und Amphetamin, mit nichts bekleidet als mit einem Tanga und einem Collier aus glitzerndem Strass.

Selten nahm er die Pferdedroschke oder den Drahtesel. Lieber streifte er auf Schusters Rappen im Großstadtrevier umher. In Vollmondnächten sah man ihn manchmal ruhelos um den Märchenbrunnen kreisen.

Feinden und Beutetieren gegenüber wendet der Fuchs eine besondere List an: Er stellt sich einfach tot, um sie auf diese Weise zu überraschen oder abzulenken. So fand man einmal Renart, den Fuchs aus der Fabel, schwer verwundet mit gähnendem Rachen im Graben. Eine Krähe und ein Rabe bemerkten den scheinbar toten Fuchs und wollten sich an seinem Leichnam gütlich tun. Ahnungslos flogen sie auf den vermeintlichen Leichnam zu. Der Rabe hackte schon in das Fleisch des Fuchses, da schnappte dieser nach ihm und fraß ihn.

Auch Marcus der Fuchs stellte sich manchmal tot, und immer gelang ihm diese List. Bis auf ein einziges Mal, als nämlich sein Erzfeind, der grimmige graue Isegrim, des Weges kam, sich auf den vermeintlichen Leichnam stürzte und ihn gierig verschlang. Eine Aaskrähe machte sich über die Reste her.

Der getreue Grimbart, der ihm schon so oft tapfer gegen den Isegrim beigestanden hatte, kam diesmal leider zu spät.

Sämtliche Tiere des Waldes und der Stadt taten sich zusammen und verprügelten den bösen Isegrim.

Die Familie und alle Freunde von Marcus dem Fuchs weinten ein Meer von Tränen und legten weiße Lilien auf sein Grab.

Sein Lebenslicht brannte sehr hell und erlosch allzu schnell. Jetzt leuchtet ihm ungleich heller das ewige Licht in seinem behaglichen Fuchsbau im Garten Eden.

Dort schätzt man ihn als klugen, frommen und liebenswerten Gesellen, der auch hin und wieder ungestraft von den verbotenen Früchten kosten darf.