1. #1
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    Solange das Wasser fließt

    Wieviele Worte muss ich kotzen,
    auf dein frisch- gestärktes Hemd,
    bevor dich eines davon berührt?
    Vielleicht bin ich dir noch fremd?!
    Nun, ich kann ja die Tinte wieder abtupfen.
    Sieh, schon ist wieder gut.
    Ist doch nichts geschehen,
    es sind nur Worte gewesen.
    Das Leben hat immer Recht,
    mit seinen Berührungen und Gefühlen.
    Es ist sein Spiel,
    wenn das Leben mit uns tanzt.

    Ich beobachte dich,
    wenn du dich sonnst,
    und ich weiß,
    dass du dieses aufregende Kribbeln
    auf deiner Haut spürst.
    Ich werde dir noch alles
    ganz ohne Belehrung erklären.
    Wir werden noch viel Zeit miteinander haben.
    Denn dafür habe ich schließlich dem stolzen Adler
    eine Feder herausgezogen,
    im Fluge!
    Er stürzte zu Boden, und, na ja, Pech.
    Sein greller Ton...
    Entschuldige, aber an diese Stelle
    gehört nun mal ein Punkt.
    Das sind die ehernen Gesetze der Interpunktion.

    Die blaue Tinte spritzt,
    doch es ist nur ein Pünktchen,
    als ich dir den Federkiel
    zwischen die Rippen ramme.
    Ich reiße dir
    die verdammten Korken aus dem Ohr
    und fessele dich
    mit dem Sinn meiner Darstellung.
    Spürst du es?
    Spürst du die Erleichterung,
    das Nachlassen
    deiner ständigen und sinnlosen Gegenwehr?

    Aber noch zuckst du,
    und ich ich peitsche dich
    mit meinen Sätzen,
    sie schreien dich an
    und verhöhnen dich.
    Kannst du ihn jetzt spüren,
    den tiefen Sog
    und den Strudel meiner kindlichen Wunden?
    Hörst du mich jetzt besser, ja?
    Verstehst du auch
    den Klang meiner Zwischentöne,
    und kannst du mich endlich fühlen?

    Ich schreibe weiter,
    denn ich habe die Grenzen
    schon längst verloren und überschritten
    ich schreibe,
    bis du vor den Spitzen meiner Worte
    um Gnade winselst,
    bis du mich keuchend
    um Vergebung bittest.
    und mich bettelnd
    zur Umkehr bewegen willst.
    Ich schreibe,
    bis du die Scham in dir spürst,
    dich mir auf so törichte Art
    verweigert zu haben.
    Bis du mir deine Liebe gestehst.
    Erst dann haben alle meine Worte
    ihren Sinn verloren.


    Ich durchbreche
    deinen lächerlichen Schutzpanzer,
    kratze an deiner Seele
    und löffele die Weichheit deiner Unschuld.
    Das Salz deiner Tränen
    durchmischt sich
    mit deinem aufregenden,
    adrenalingeschwängerten Schweiß.
    Welch betörendes Aroma.
    Endlich habe ich alles überwunden,
    sind angekommen,
    und bereits in der Ankunftshalle
    erleben wir unser Festmahl.
    Ich habe dich nicht erwählt,
    wir wurden hierfür ausgesucht.
    Unsere Gäste lassen noch auf sich warten,
    doch wir fangen schon an.

    Ich bin aufgewacht von dem Aufprall
    und dem Zerbrechen deiner Knochen.
    Ich habe ich dich berührt,
    vielleicht auch berühren dürfen.
    Egal, du hast es zugelassen,
    und ich lasse sofort von dir ab,
    lasse dich raus aus meinem Käfig,
    heraus aus dem Keller meiner tiefen Abgründe.
    Du darfst fliegen, meinetwegen,
    oder bleiben. Fühle dich frei.
    Denn nun bist du ein Stück von mir,
    mit meinem Schriftzug auf deinen Narben,
    Und ich kann beruhigt sterben.
    Ich gehorchte und diente stets dem Willen
    meines strengen Lebens.

    Lass uns weiter spielen,
    will dich erhaschen.
    Fliege weg, solange du noch kannst,
    solange ich dich noch nicht berührt habe,
    und achte auf jeden Windzug
    im Flaum deines dichten Gefieders.
    Schütze dich
    vor meiner grenzenlosen Gier
    vor meinem grausamen Wahn,
    und fliege,
    denn ich liebe dich, nur solange du frei
    und so scheu bist,
    solange du dich noch
    in dem dünnen Strahl deines Selbstvertrauens
    sonnen kannst,
    und solange das Wasser fließt.
    Jetzt flieg schon los,
    komm, steh endlich wieder auf!
    Geändert von Anjulaenga (12.09.2015 um 17:22 Uhr)

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