Thema: Heaven

  1. #1
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    Post Heaven

    Diese Geschichte ist schon etwas länger, als andere. Ihr könnt sie euch ja ausdrucken und bei einem Teechen gemütlich durchlesen- würde mich wirklich sehr freuen, wenn ihr euch die Zeit dazu nimmt!
    Sisty



    Die kleine Amelie strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Ihre weißen, knochigen Finger schoben sich in ineinander. Das kleine Mädchen betete, und angestrengt starrte sie aus dem Fenster raus zum Himmel, der sich wie eine Glaskuppel über ihr wölbte. Vögel bewegten sich wie Schatten darin, so schnell flogen sie, dass Amelie ihnen mit ihren hellblauen Augen gar nicht folgen konnte. Sie seufzte, tief und fest, als könnte das den Knoten in ihrer Brust lösen. Wie gerne wäre sie jetzt da oben, so frei und unbeschwert. Eine Stimme holte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Ihre Banknachbarin Pia, ein schmächtiges Mädchen mit dunkelbraunen, bis zur Hüfte reichenden Haaren trat ihr energisch auf den Fuß und murmelte beschwörend: „Amelie, du bist dran!“ Amelies Augen wanderten zu ihrer Lehrerin, die vor ihrem Platz stand und sie fest ansah. Amelie senkte ihre Augen, sie konnte dem Blick nicht mehr länger standhalten. Mit zitternder, nervöser Stimme murmelte sie vor sich hin: „E- e- Entschuldigung Frau Meisner, ich habe nicht zugehört.“ „Amelie, Amelie, Mädchen, wohin soll das führen?“, sagte nun Frau Meisner mit seltsam bedrückter Stimme. Noch einmal seufzte Amelie. Sie war keine Leuchte in der Schule. Bis auf... Ja, wenn die kleine Russin einen Aufsatz schreiben dürfte, flog ihre Hand nur so über das Papier. Aber nur allzu oft verfehlte Amelie das Thema. Denn was hatte der Himmel mit einem Maisfeld zu tun, über dass sie eigentlich hatten schreiben sollen? Gebannt blickte das Mädchen auf ihre Lehrerin, diese hatte nun einen großen Stapel Papier in der Hand, der eigentliche Grund, weshalb Amlie zitterte und betete... ihr Aufsatz. Amelie hörte schon die Stimme von ihrem Vater vor sich, wie er mit traurigen Augen meinte: „Ach Amelie, wohin soll dass nur führen?“ Ja, seit dem ihre Mutter gestorben war, hatte das Mädchen nur noch einen Wunsch: Fliegen, dort hoch in das Paradies, wo ihre Mutter war, wo es keine Mädchen gaben, die sie wegen ihrer schlechten Schulleistungen piesackten... Früher war Amelie sogar sehr gut in der Schule gewesen... Früher, wie lange war das her? Inzwischen war Amelie in der 5. Klasse, und als sie 7 Jahre gewesen war, war ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen, ihr Vater war seitdem gelähmt. Und gerade deswegen wollte sie ihn doch nicht enttäuschen, sie, das einzige, was ihm noch geblieben war! Plötzlich sah sie ein weißes, engbeschriebenes Blatt auf ihren Pult segeln. Das Mädchen presste die flache Hand darauf, um dann vorsichtig auf das Blatt zu lugen. Was sie allerdings da sah, trieb ihr die Tränen in die Augen. „Thema verfehlt“ stand da groß und dick mit einer stechend roten Farbe geschrieben. Tränen kamen aus den Augen der 11jährigen, tropften auf das Blatt und vermischten die Tinte mit dem Salzwasser. Einzig Pia kümmerte sich darum, sie legte die Hand auf Amelies Schulter und flüsterte ihr leise zu: „Kopf hoch, das wird schon wieder!“ Aber als es nur eine Sekunde später läutete, war Pia schon wieder auf und davon, und überließ Amelie ihrem Schicksal. Amelie packte ihre Schulsachen so langsam ein, wie nur möglich, zog sich den kratzenden, dunklen Mantel über und schulterte ihre Schultasche. Schon bald waren nur noch sie und die Lehrerin im Klassenzimmer. „Amelie, du machst mir Sorgen.“, begann diese auch sogleich,“ gibt es denn Probleme zu Hause?“ Wut stieg in Amelies Magen hoch, machte sich in ihr breit. Was ging diese Frau das an? „Nein!“ schrie sie, so laut sie nur konnte, und während abermals die Tränen in ihren Augen hochkamen, stürmte sie auch schon aus der Tür hinaus und raus aus der Schule, nur weg, weit weg. Außer Atem hielt sie erst 10 Minuten später an. Sie wusste nicht, wo sie war. Blind war sie losgerannt. Keuchend sah sie sich um. Die Häuser um sie herum sahen alt und schäbig aus, und sie waren so dicht aneinander gebaut, dass es aussah, als wollten sie Amelie erdrücken. Alleine diese Tatsache brachte die Kleine wieder zum Weinen, und diesmal floßen die Tränen nur so. Doch mit Einmal hörte sie Stimmen, lautes Jungengelächter, und lange Sätze in einer Fremden Sprache. Dann, plötzlich, bog ein Junge in ihre Seitengasse ein. Er hatte schwarzes, verstrubbeltes Haar und war braungebrannt. Und er musste mindestens 3 Jahre älter sein als sie selber. Obwohl es Herbst war, trug er bloß eine alte Jeans und ein T-Shirt, auf dem in knallroter Schrift „Peace“ stand. Diese Farbe erinnerte Amelie wieder an ihre Schulaufgabe, und deswegen weinte sie schon wieder. Doch diesmal presste sie beide Fäuste gegen ihre Augen. Bloß nicht weinen, dachte sie. Bloß nicht vor diesem Jungen lächerlich machen. Aber es war zu spät. „Hey du, warum du bist traurig?“ fragte der Junge sie in einem nicht ganz perfekten Deutsch. Amelie überlegte. Ob er auch Russe war? Nein, dazu müßte er schon ganz anders aussehen. Oder Afrikaner? Wäre ja spannend. Vor lauter Grübeln vergaß Amelie sogar zu weinen, und so sagte sie, wenn auch mit leicht zitternder Stimme: „Are you German?“ So gut konnte sie nämlich schon Englisch! Der Junge lachte und warf den Kopf zurück. „Nein“, sagte er,“ ich bin ein Türke. Aber ich wohne schon immer hier, zumindest seit dem ich denken kann!“ Er kann also doch Deutsch, dachte Amelie. Als hätte er ihre Gedanken erraten, sagte der Junge nun:“ Aber leider bin ich nicht so gut in Deutsch. Obwohl ich gut sprechen können.“ Ja, man merkte, dass er noch Fehler machte, und er zögerte auch vor jedem Wort, aber trotzdem hörte sich sein Deutsch sehr gut an. Das konnte sie ja beurteilen, sie hatte, trotz ihrer fremdländischen Abstammung schon immer in Deutschland gelebt: „Doch, ich finde, du sprichst schon sehr gut Deutsch!“, meinte sie, und diesmal hörte sich ihre Stimme schon wieder fester an. „Oh, da müßtest du mal meine Deutschaufsätze anschauen!“ rief der Junge, fuhr sich durch seine verstrubbelten Haare und lachte. Aber da kamen in Amelie wieder die Tränen hoch, Tränen der Verzweiflung, denn wieder musste das kleine Mädchen an ihren Aufsatz denken. „Was ist?“ hörte sie den Türkenjungen fragen, und wortlos setzte sie ihre Schultasche ab und kramte den Aufsatz hervor. Er sah ihn sich an, legte seine rauhe Hand auf ihre Schulter und meinte:“ Oh, das Gefühl ich kennen!“ Da er diese Worte so falsch und doch so mitleidig aussprach, musste Amelie einfach wieder lächeln. Und noch mehr musste sie lächeln, als der Junge weitersprach:“ Aber ich lieben den Himmel auch! Ich bin faszi...fasi...“ „Fasziniert.“, wisperte Amelie und wischte sich die Tränen weg. „Ja, genau, fasziniert!“ bestätigte der Bursche begeistert. „ Ich bin fasziniert von dem Himmel, und würde am liebsten dort hoch fliegen, dort wo auch mein Bruder ist, wie gerne wäre ich dort. Ich fühle mich, als wäre ich ein Engel, ein Engel der sich danach sehnt, wieder zurück in seine Heimat zu kommen. Mein Bruder sagte immer, ich wäre es auch.“ Mit leuchtenden Augen hatte Amelie ihm zugehört. „Dann, meinst du,...“stotterte sie. „Meinst du, ich bin auch ein Engel?“ „Könnte schon sein, zumindest siehst du so aus wie einer!“ entgegnete ihr dieser. Doch dann sah er hoch zum Himmel und mit einmal rief er aus:“ Oh, schon so spät! Entschuldigen du mich, ich müssen gehen!“ Amelie sah ihn an und hätte beinahe wieder geweint, sie wollte doch so gerne länger mit ihm zusammen sein. Er schien zu merken, wie die bitteren Tränen wieder in ihr hochkamen, denn mit seiner schönen, tiefen Stimme flüsterte er ihr ins Ohr:“ Und denk dran, Engel weinen nicht!“ „Aber... aber... aber wieso musst du gehen?“ stammelte Amelie. „Wir könnten doch Freunde sein!“ „Für jeden Engel kommt einmal die Zeit, zu gehen.“ sagte er. Amelie stockte, sie sah ihn an und überlegte, ob sie ihm glauben konnte, ob er sie nicht veralberte. Aber irgendetwas in seinem Gesichtsausdruck sagte ihr, dass er es ernst meinte. Und so fragte sie nur noch: “Meinst du, für mich ist es auch bald Zeit?“ Und wieder sah der Junge sie aus seinen rehbraunen Augen an. „Ich denke, noch nicht. Du hast noch eine Aufgabe, Amelie.“ Erst viel später sollte sich Amelie fragen, woher er ihren Namen gewusst hatte, in diesem Augenblick schniefte sie einfach bloß und sagte mit fester Stimme: „Auf bald!“ „Auf bald, Mädchen, und vergiss nicht, erst wenn du deinen Vater glücklich gemacht hast und erst, wenn du versuchst, den Himmel zu vergessen, damit du niemanden von deiner wahren Identität verraten kannst!“ Auch erst viel später sollte sich Amelie darüber wundern, dass der Türke mit einmal so gutes Deutsch sprechen konnte. In diesem Moment aber schloß sie bloß feste die Augen und murmelte vor sich hin:“ Ich verspreche es.“ Und als sie die Augen wieder öffnete, war der Junge verschwunden.
    Amelie wollte es sich nie eingestehen, dass es alles mehr als ein Traum gewesen war. Und trotzdem, seitdem sie an diesem Tag endlich wieder durch die Häusergassen heimgefunden hatte, schrieb sie die besten Aufsätze von allen und erwähnte nie, nie wieder das Wort Himmel in irgendeiner Art und Weise. Ach ja, und sie nannte sich ab dann nicht mehr Amelie. Ihr neuer Name war „Angel“.
    >>Maktub<<, sagte endlich der Händler.
    >>Was ist das?<<
    >>Um das zu verstehen, muss man Araber sein<<, antwortete er. >> Aber die Übersetzung wäre ungefähr so: >Es steht geschrieben.< << (aus: Der Alchimist, Paulo Coelho)

    Maktub.
    ~kratzbeere~

  2. #2
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    hab mir die zeit genommen und gelesen...und ich muss sagen: toll. mir gefällt diese geschichte total gut.

    sisty, ich muss sagen, du schreibst einfach super!!

    alles liebe,
    sternentraum
    Stir of time, the sequence
    returning upon itself, branching a new way. To suffer pain, hope.
    The attention
    lives in it as a poem lives or a song
    going under the skin of memory.

    "Heavy" by Denise Levertov

  3. #3
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    dankeschön... ich schreibe einfach drauf los, egal, ob geschichten oder gedichte... danke... ich kann allerdings das kompliment nur zurückgeben...
    Alles, alles Liebe,
    deine

    Sisty
    >>Maktub<<, sagte endlich der Händler.
    >>Was ist das?<<
    >>Um das zu verstehen, muss man Araber sein<<, antwortete er. >> Aber die Übersetzung wäre ungefähr so: >Es steht geschrieben.< << (aus: Der Alchimist, Paulo Coelho)

    Maktub.
    ~kratzbeere~

  4. #4
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    danke *rotwerd*

    alles liebe!!
    Stir of time, the sequence
    returning upon itself, branching a new way. To suffer pain, hope.
    The attention
    lives in it as a poem lives or a song
    going under the skin of memory.

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  5. #5
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    b i t t e s c h ö n... hast es verdient...
    Dir auch alles, alles Liebe,
    deine

    Sisty
    >>Maktub<<, sagte endlich der Händler.
    >>Was ist das?<<
    >>Um das zu verstehen, muss man Araber sein<<, antwortete er. >> Aber die Übersetzung wäre ungefähr so: >Es steht geschrieben.< << (aus: Der Alchimist, Paulo Coelho)

    Maktub.
    ~kratzbeere~

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