1. #1
    Registriert seit
    Oct 2015
    Ort
    Nantes (Westfrankreich)
    Beiträge
    2

    DIE FLAMINGOS - RAINER MARIA RILKE

    Hallo,
    schwierige Übung, da ich es noch nicht gemacht habe.
    Ich habe versucht, dieses Gedicht vorzulese. Und so würde die Metrik bei mir aussehen. Was meint Ihr ?
    Danke für die Hilfe.

    "In Spiegelbildern wie von Fragonard
    ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte
    nicht mehr gegeben, als dir einer böte,
    wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

    noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne
    und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,
    beisammen, blühend, wie in einem Beet,
    verführen sie verführender als Phryne

    sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche
    hinhalsend bergen in der eignen Weiche,
    in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

    Auf einmal kreischt ein Neid durch die Voliere;
    sie aber haben sich erstaunt gestreckt
    und schreiten einzeln ins Imaginäre."


    x x́xx́x x́x x́xx
    x x́ xx́x x́ x x́x x́x
    x́ x́ xx́x x x́ x́x x́x
    x x́ xx́x x́x x́ x́x

    x x́ x x́ x́ x́x x́x x́x
    X x́x x x́x x́x x xx́
    Xx́x x́x x x x́x x́
    xx́x x xx́xx x x́x

    x́ x́x x x́ x́x x́x x́x
    x́xx x́x x x x́x x́x
    x xx x́ x x́x x xx́


    X x́x x́ xx́ x x xx́x
    x́ xx x́x x xx́ xx́
    x x́x x́x x xxxx́x

  2. #2
    Registriert seit
    Oct 2015
    Ort
    Nantes (Westfrankreich)
    Beiträge
    2
    Hallo,
    vielen Dank für die Hilfe. Bei anderen Gedichten ist es einfacher finde ich.
    Ich bin schon gespannt, wann sie uns im Kurs sagen.
    Sylvette

  3. #3
    Registriert seit
    Aug 2013
    Ort
    Wolke 7 3/4 oder 9 1/2, je nach Wetterlage
    Beiträge
    621
    Hallo Sylvette,

    vielleicht bin ich schon zu spät dran. Aber ich finde eine Kleinigkeit noch erwähnenswert, sei es auch nur für künftige Gelegenheiten oder auch für andere Leser hier.

    Es geht um zwei betonungstechnisch sehr schwierige Wörter:

    Voliere und Imaginäre.

    Wie diese Wörter zu Rilkes Zeiten betont wurden, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber für heute gilt, dass Rilke da die Betonungen durch das sogenannte 'Gewohnheitsmetrum' zurechtgebogen hat. Diese Wörter kommen erst am Ende bzw. fast am Ende des Gedichts. Da ist ein Leser bereits im 'Leserhythmus' drin.

    Das ist der Fall bei 'nicht-deutschen' Wörtern. Diese betonen sich eigentlich anders.

    Voliere wird korrekt eigentlich Vo-li-e-re (xxXx) betont, die Betonung liegt also tatsächlich auf dem einzelnen Buchstaben 'e'. Und, wie es fast immer (auch hier: nicht immer, nur fast ) der Fall ist, liegt die Betonung auf der dritten Silbe. Es klänge für mich auch richtig, wenn ich es Vo-li-e-re (XxXx) betonen würde. Vo-li-e-re klingt für meine deutschen () Ohren irgendwie nicht richtig bzw. eher schief: xXxX. Verkürze ich auf drei Silben, dann hätte der Vers 11 Silben, passend zum letzten. Aber eigentlich ist 'Voliere' ein Wort mit 4 Silben, was dann 12 Silben ausmacht. Verkürzt klingt es aber auch wesentlich besser: Vo-lie-re. (Wörter auf diese Art zu verkürzen, das wird 'Silben verschleifen' genannt. Rilke nutzt also hier m. E. die Umgangssprache für sich.)

    Ein ganz spezieller Fall: Imaginäre. (Imaginär ist ein Wort, das tatsächlich ohne Steigerung gesprochen wird - xxxx.) Auch das klingt für meine deutschen () Ohren irgendwie richtig(er), wenn ich es als Adoneus betone, also I-ma-gi--re - XxxXx.
    Betone ich es aber, so wie Rilke möchte, klingt auch das für mich etwas schief: I-ma-gi--re (xXxXx)

    Im Vortrag lässt sich das alles viel leichter 'kaschieren' als beim Lesen, das möchte ich auf jeden Fall erwähnen. Verkürzen, dehnen - rein schriftlich ist das nicht machbar, aber gesprochen (oder gesungen) kann's gut funktionieren. Das sieht man besonders gut an Liedtexten.

    Allerdings nahm sich Rilke da oft viele Freiheiten.

    Und ich möchte noch ganz deutlich sagen, dass ich überhaupt nichts gegen Freiheiten habe - die nehme ich mir auch selbst. ^^ Zudem bieten solche Wörter viele zusätzliche Möglichkeiten, wenn man mit ihren 'Betonungsbesonderheiten' ganz bewusst arbeitet.

    Daher zum Abschluss: Keine Krittelei (außerdem: Wer bin ich denn, verglichen mit Rilke? ), sondern nur ein bisschen Info.



    LG,

    Melete
    Geändert von Melete (13.10.2015 um 14:54 Uhr) Grund: Ergänzungen.
    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Ich habe jetzt genau das richtige Alter. Muss nur noch herausbekommen, für was.

  4. #4
    Registriert seit
    Jan 2011
    Ort
    schweiz/bw
    Beiträge
    8.861
    Hallo Melete

    Lass mich deinem "deutschen Ohr" widersprechen.

    1823 teilte Abbé Burat in seinem Wer über Rhetorik der Leserschaft mit, dass die Endung -ier nur bei Verben zwei Silben habe. Demnach hat das Wort volière genau drei Silben und nicht mehr. Da hat Rilke nichts verschliffen, sondern wahrscheinlich in seiner Zeit einfach mehr das Ohr nach Frankreich gerichtet.

    Das Wort imaginär leitet sich von lateinisch imago ab. Rilke dürften das auf der zweiten Silbe betonte itelienische immagine und das gleichmässig betonte französische image mindestens so bekannt gewesen sein wie das englische image.

    Deinen Ausführungen kann ich akso vor allem betr. volière nicht folgen. Bei imaginär ist es gut möglich, dass die zweite Silbe keine Rolle mehr spielte (Molières "Le malade imaginaire" dürfte damals in Deutschlanfd gut bekannt gewesen sein, oder? Und da ist die lateinische Betonung schon weg.)
    Alles in allem aber: Das zur Diskussion stehende Rilkegedicht zeigt in diesen beiden wie in andern Stellen, dass Rilke stets bereit war, mit Worten Musik zu machen, einen metrischen Rahmen nicht einfach anzufüllen, sondern zu gestalten. Dass er das besser als viele andere konnte, macht einen guten teil seines Ruhms aus.

    LG wilma27

  5. #5
    Registriert seit
    Aug 2013
    Ort
    Wolke 7 3/4 oder 9 1/2, je nach Wetterlage
    Beiträge
    621
    Hallo wilma27,

    dann bleibt mir nur zu sagen: Alle Angaben ohne Gewähr - aber aus 'bestem Wissen und Gewissen'. Tut mir leid, wenn ich fehlerhafte Informationen hatte.

    Daher zunächst an eventuelle Leser gerichtet: Bitte wilmas Ausführungen lesen. Ich habe mich da offenbar geirrt.

    Obwohl ich zu meiner, wenn auch zaghaften, Entschuldigung sagen kann, dass sich dann wiktionary auch irrt.

    Nach dem Lesen deines Beitrags, wilma27, ging ich ganz bewusst im Web auf die Suche. Mir bleibt nur zu sagen: 'Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin nicht so klug, sondern weniger klug als wie zuvor.' Oder so ähnlich. Ich fand, wie gesagt, eine Quelle, die besagt, dass das Wort 'imaginär' keine Steigerung hat. Duden und noch eine andere Quelle geben eine Hebung auf der letzten Silbe an. Und, um das Ganze zu krönen, stieß ich zufällig noch auf BEOLINGUS (TU Chemnitz), die meint, imaginär hätte nur drei Silben: ima-gi-när.

    Jetzt weiß ich nicht, ob ich mich künftig noch trauen soll, überhaupt etwas zu glauben zu wissen, oder so.

    Auf jeden Fall: Danke, wilma27. Ich lasse mich gerne belehren, dabei lerne ich etwas.

    Und offenbar kam nicht rüber, dass ich deutlich sagte, es läge mir fern zu kritteln. Hast du das vielleicht falsch aufgefasst? War jedenfalls durchaus ernst von mir gemeint. Jaja, mir wurde schon gesagt, dass mein Humor leider manchmal etwas gewöhnungsbedürftig ist - fast wörtlich zitiert.

    Ich wollte Rilke kein Haar krümmen, nur um das ausdrücklich festzustellen. Kann ich auch gar nicht, als kleine Forenschreiberin, das wäre absurd.

    LG,

    Melete
    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Ich habe jetzt genau das richtige Alter. Muss nur noch herausbekommen, für was.

  6. #6
    Registriert seit
    Jan 2011
    Ort
    schweiz/bw
    Beiträge
    8.861
    als kleiner forenschreiber amüsiere ich mich damit,
    a) äusserungen anderer kleiner forenschreiber zu kommentieren, welche mMn aufgrund von missverständnissen bezüglich der rolle des metrums in einem metrischen gedicht zustandekommen
    b) äusserungen derselben zu kommentieren, welche mMn aufgrund von missverständnissen bezüglich Wörtern aus romanischen sprachen entstehen (besonders wenn es jemand wie Rilke betrifft, welcher selbst im romanischen Sprachraum lebte).
    sollte ich als kleiner forenschreiber in einem oder beidem dieser punkte deiner meinung nach nicht unrecht haben, würde mich das freuen.

    ich hatte keinesfalls den eindruck, du hättest rilke ein haar gekrümmt. ich fand deinen ansatz, ihm zur seite zu springen, falsch. sein gedicht hat das gar nicht nötig. es lebt, finde ich, zu einem guten teil von des dichters freiem umgang mit dem "metrischen korsett".

    am rande: bezüglich "beolingus" erliegst du leider einem weiteren missverständnis.
    beolingus gibt lediglich an, dass imaginär orthografisch am zeilenende so getrennt werden kann: ima-gi-när. dies folgt der regel, dass man bei der silbentrennnung am zeilenende keine einzelnen vokale (hier i) oder doppelvokale auf einer zeile haben soll. und hat nichts mit der anzahl silben zu tun, welche 4 beträgt, was in beolingus aber nicht das thema ist.

    lg wilma27
    Geändert von kaspar praetorius (14.10.2015 um 07:03 Uhr)

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Rainer Maria Rilke - Abend
    Von Insania im Forum Bibliothek - Interpretationen und Gespräche
    Antworten: 14
    Letzter Beitrag: 03.05.2009, 10:09
  2. Rainer Maria Rilke
    Von Little one im Forum Bibliothek - Interpretationen und Gespräche
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 15.10.2006, 11:43
  3. Rainer Maria Rilke - Abend
    Von mrsmerian im Forum Bibliothek - Interpretationen und Gespräche
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 04.03.2006, 13:38
  4. An Rainer Maria Rilke
    Von Lyroholiker im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 25.02.2006, 14:22
  5. Der Tod der Geliebten - Rainer Maria Rilke
    Von Persephone im Forum Bibliothek - Interpretationen und Gespräche
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 21.05.2003, 13:36

Stichworte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden