1. #1
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    Frankfurt 2015





    Sie schlendern wieder auf und ab in engen Gassen,
    ganz intellektuell (um Schultern hängt das Tweedjackett),
    und tragen ihre Eitelkeit hinüber zum Bankett.
    Jetzt heißt’s: den Journalisten nicht verpassen.


    Der tippt das Interview auf einer digitalen Leitung
    direkt zum Feuilleton bei seiner Presse,
    die halbe Kraft fährt, denn schon bald ist Totenmesse.
    Wer liest denn heutzutage noch die Zeitung?


    Noch stehen Bücher x-fach aufgereiht im Hauptregal.
    Der Geistschweiß tropft herunter von den Seiten.
    Er wird vom Sektglas aufgefangen, und es streiten
    sich die VIPs nur übers Reader-Futteral.


    Die Messe stirbt. Verlage gehen unter, Existenzen.
    Der Staub liegt zentimeterhoch auf dem Papier.
    Noch hält die Panik sich in Grenzen im Revier.
    Doch morgen schon verliert sich alles in Frequenzen.


    Autoren werden in den übergroßen Äther fallen,
    in dem man sie nur zufallsweise noch erklickt.
    Und durch die Spiele, Infofetzen, Werbung blickt
    die Wehmut, bettelt drum, dass noch mal Korken knallen.



    Nur Kinderbücher – die mit vielen bunten Bildern –
    erzählen bald davon, wie es mal früher war.
    Bedruckte Seiten blättert nur noch eine kleine Schar.
    Elite soll sie sein – und wird im Zeitlauf doch verwildern.



    Ein blasser Herr schleicht sich verhalten bis zum Stand.
    Er habe immer schon den Duft der Bücher gern gerochen,
    gesteht er, tränenhaltend, denn vor ein paar Wochen
    schloss er sein Buchgeschäft. Finanzen. Nöte bis zum Rand.


    Ich fülle ihm ein Sektglas voll mit einer feinen Lese.
    Wir witzeln: Es enthält das allerletzte Geistesgut,
    das seinen Wert behält in dieser digitalen Flut,
    wo Worte schnell verderben, Geist, Synthese.

    Der Herr zieht fort, besucht noch andre Stände,
    wo er sich einst den Arbeits-, Lebenssinn versprach.
    Und zwischen Zeilen liegen schon die Seelen brach,
    so reduziert und sprachberaubt. Sie strecken ihre Hände

    aus.

    Zuhaus nehm ich, verklärend, mir ein Buch aus dem Regal.
    Und wie ich’s aufschlag, rieselt daraus feiner Sand.
    Ein Eselsohr, der Fettfleck. Es war Helgoland,
    wo ich den letzten Krimi las ganz ohne digital.





  2. #2
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    Liebe Honigblume,

    traurig, traurig.

    Wenn man allerdings bedenkt, dass der Marktanteil von eBooks auf dem Buchmarkt weniger als 6% beträgt und dabei deutlich weniger stark ansteigt als vermutet, darf man sich die Tränen ruhig noch ein bisschen aufsparen. Das gedruckte Buch ist nach wie vor Vorreiter, entgegen aller Unkenrufe mancher Kulturpessimisten. Bibliotheken wissen das. Hier ist das Buch noch das mit Abstand meist gefragte Medium. Bibliotheken wissen aber auch, dass sie in ihrer Raumgestaltung, Bestandspräsentation und -vermittlung attraktiv bleiben müssen. So sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe moderner Orte hoher Aufenthaltsqualität entstanden, an denen das Buch nach wie vor die unumstrittene Hauptrolle spielt und sich nach wie vor gegen die ebenfalls dort angebotenen digitalisierten Medien locker behauptet.

    Die meisten Menschen haben also immer noch Mut zum Buch - und meinen damit etwas anderes als einen Urlaubskrimi mit Fettfleck und Eselsohr.

    Liebe Grüße
    rosenrot
    Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
    und mal es auf Goldgrund und groß,
    und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
    löst es die Seele los...
    (Rainer Maria Rilke)

  3. #3
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    Hallo rosenrot und Ferdi,

    habt ganz herzlichen Dank für euren Besuch hier! Ich werde euch der Reihe nach antworten.

    @ rosenrot
    Das Gedicht schrieb ich bereits im Herbst 2010. Es war (und ist ) mir selbst nie klar genug in seiner Aussage. Ich wollte zu viele Aspekte unterbringen. Wen oder was wollte/will ich denn kritisieren:

    Die für mich oftmals zu eitlen, eingebildeten Autoren, die sich dem Wandel in der Buchbranche noch nicht stellen woll(t)en, dass ihre guten und wichtigen Gedanken im Zuge der zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens immer mehr unterzugehen drohen?
    Oder wollte ich meine Kritik doch eher auf die E-Book-Welle richten? Ein Buch, das nicht mehr riecht, keine Seiten zum Anfassen, keinen Umschlag zum Abnehmen mehr hat, ein Buch, dessen inhaltlicher Wert, die intensive Arbeit daran, zunehmend verkannt wird, weil wir inzwischen ständig vor dem Bildschirm sitzen und irgendwelches Geschreibsel kostenlos konsumieren?
    Oder wollte ich beklagen, dass die Zahl der Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftenleser immer mehr abnimmt, weil die modernen Medien dazu führen, dass sich viele Menschen gar nicht mehr auf das Lesen längerer – nicht kostenloser! - Texte einlassen, sogar mitunter das Lesen verlernen und viele Kinder gar nicht mehr richtig lesen lernen?

    All dies trieb mich um, als ich damals das Gedicht schrieb. Ich weiß nicht mehr, ob ich 2010 auf der Buchmesse war und damals sozusagen von meinen direkten Erlebnissen zu diesem Gedicht animiert wurde. Ich selbst arbeite in der Buchbranche und kann deshalb die Entwicklungen dort recht gut mitverfolgen.

    Du hast aus dem Gedicht in erster Linie den Aspekt „E-Book“ herausgelesen.

    Aus heutiger Sicht gebe ich dir Recht: Das E-Book wird das gedruckte Buch nicht gänzlich verdrängen. Es wird Menschen geben, die beide Medien nutzen, die also z. B. einen Schmöker für den Urlaub auf den Reader laden, aber ein für sie ganz hochwertiges Buch, das man nicht mal schnell liest, sondern immer wieder gern in die Hand nehmen möchte, weiterhin in ihrem Regal stehen haben möchten. Ein schön gestaltetes Buch birgt auch eine gewisse Ästhetik (Umschlag, Papier, Layout, Schriftart, Einbandmaterial, die sogenannte Haptik …), mit der ein E-Book wohl niemals mithalten könnte. In den USA gehen in diesem Jahr die E-Book-Geschäfte sogar leicht zurück. Mich treibt jedoch die Angst, wie viele Menschen zukünftig überhaupt noch Bücher, Zeitungen, Zeitschriften kaufen werden, egal ob sie nun digital oder gedruckt sind. Zeitungs- und Zeitschriftenverlage haben in den letzten Jahren schwer mit zurückgehenden Abonnementzahlen zu kämpfen. Fachverlage wie Brockhaus haben das Rennen gegen Wikipedia und Co. längst verloren, Verlage, die Land- und Straßenkarten, Atlanten entwickelten, gehen „dank“ GPS und Navi unter. Kochbuchverlage stehen dagegen trotz Millionen von Online-Kochrezepten in Deutschland immerhin noch ganz gut da.

    Gestern dann, als ich dachte, dass ich das Gedicht nun doch posten will, habe ich dem Gedicht noch die Strophen mit dem Buchhändler hinzugefügt, weil ich noch einen weiteren (ja, noch einen!) Aspekt ansprechen wollte: Viele Buchhandlungen haben in den letzten Jahren die Segel gestrichen. Zunächst gaben viele kleine Buchhandlungen unter dem Druck der großen, aggressiv auftretenden Buchhandelsketten auf, dann gerieten selbst die Buchhandelsketten zunehmend unter Druck wegen gestiegener Mieten, zu groß bemessener Verkaufsflächen – und dem zunehmenden Online-Buchhandel; der Leser/die Leserin bestellt ein Buch heutzutage zu gern beim Online-Buchhändler, allen voran amazon (wobei dort die Bücher inzwischen ja nur noch einen Teil des inzwischen riesigen Gesamtsortiments bestreiten). Ich möchte an dieser Stelle gerne mal einen Aufruf setzen:

    BITTE KAUFT EURE BÜCHER BEIM ÖRTLICHEN BUCHHÄNDLER! IHR ZAHLT DORT DANK DER BUCHPREISBINDUNG DENSELBEN PREIS WIE BEIM ONLINE-BUCHHÄNDLER, ABER IHR HELFT MIT, DASS UNSERE INNENSTÄDTE LEBENDIG UND VIELFÄLTIG BLEIBEN.

    Neben all den negativen Entwicklungen in der Buchbranche gibt es zum Glück auch immer wieder erfreuliche, positive Entwicklungen im Kleinen. Es gibt immer noch Menschen, die es, einem Idealismus anhängend, wagen, einen eigenen Buchladen zu eröffnen, und es schaffen, sich zu halten, weil sie genügend Stammkundschaft gewinnen konnten oder mit interessanten Veranstaltungen die Menschen in ihren Laden locken.

    Die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage haben es da wesentlich schwerer, da sie keine Läden führen, also nicht einmal im Auge des Konsumenten, des Lesers, beim Bummeln durch die Stadt präsent sind. Da muss der Wille nach Information über die Geschehnisse in der Welt vorhanden sein. Doch diesen Willen erkenne ich bei vielen Menschen leider nicht mehr.

    Zusammenfassend: Geistiges Gut verliert immens an Wert in der heutigen Welt. Man will es kostenlos im Internet konsumieren oder verzichtet halt darauf, wenn es nicht kostenlos ist. Es wird der Menschheit auf Dauer nicht gut bekommen, wenn man geistiges Gut einem Paar Turnschuhe oder einem Online-Game gleichsetzt.


    @ Ferdi

    Ich habe nicht vor, das Gedicht irgendwem vorzutragen. Es muss also schon beim stillen Lesen funktionieren Du hast vollkommen Recht, dass ich insbesondere bei den drei Strophen, die ich gestern noch dem Buchhändler widmen wollte, ziemlich geschludert habe: Die von dir rot markierten Stellen in einer dieser Strophen sind tatsächlich nichts weiter als Füllsel, weil mir gestern Abend auf die Schnelle nichts Besseres einfiel und ich das Gedicht dann doch endlich mal posten wollte. Ich habe nicht einmal mehr die einzelnen Verse durchgezählt, ob sie hinsichtlich der Zahl der Hebungen zu den anderen passen. Diese Schlampigkeit in der Formulierung ist dir – du bist ein Experte, den ich sehr schätze in diesem Forum! - natürlich aufgefallen

    Weißt du, ich bin keine besonders gut organisierte Dichterin. Wenn mich etwas umtreibt, ein Gedanke oder ein Gefühl, schreibe ich oftmals die ersten Verse einfach mal so auf und schaue, was in mir weiter passiert. Es geht mir zunächst um das Festhalten dieser ersten Idee oder eines Gedankens, der sprachlich (und metrisch) gut klingt. Erst danach mache ich mir Gedanken darüber, ob daraus überhaupt ein Gedicht wird und wie ich das Gedicht metrisch aufbauen möchte. Bleibe ich bei der „Ordnung“, die ich für die ersten Verse wählte, oder ändere ich diese Ordnung um? Sind die ersten Zeilen für mich schon perfekt, oder brauche ich noch Spielraum, die Verse anders zu formulieren, weil die nächsten Gedanken (vorausgesetzt, dass da überhaupt welche kommen) sich dem Muster dieser ersten Zeilen nicht einfügen wollen? Viel zu oft geht mir leider die Luft aus, entweder bei den weiterführenden Gedanken oder bei der Kreativität.

    Aber es ist auch so, dass mir die Lust, der Trieb, Gedichte zu schreiben, ein wenig abhanden kam. Grundsätzlich lässt sich ja alles bedichten, wenn man nur die geeigneten Worte und eine darüberstehende Idee dafür findet. Und die Auswahl, etwas zu bedichten, ist beinahe unendlich. Aber es braucht dazu immer einen Impuls, ein Gefühl oder einen starken Gedanken und den Willen, in all der Flut der bislang geschriebenen Worte noch einmal etwas Neues, etwas Anderes zu schreiben, das nicht nur einem selbst (was durchaus legitim ist), sondern vielleicht auch anderen etwas sagt.

    Themengedichten wie diesem „Frankfurt 2015“ bietet sich ganz sicher immer ein weites Feld. Gedichte, die sich einem Gefühl widmen oder beispielsweise der Natur in ihrer steten Wiederkehr, haben es in dieser Flut der Mitteilungen, die wir heute an andere richten, sicherlich schwerer.

    Ich danke dir für deine berechtigte Kritik und werde mir das Gedicht nochmals vorknöpfen.


    Euch beiden danke ich nochmals sehr für eure Kommentierungen, auch weil sie bei mir ein erneutes Nachdenken auslösten

    Herzlich
    Honigblume

  4. #4
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    Liebe Honigblume,

    der Hauch von Wehmut und Nostalgie kommt bei mir gut an, vielleicht auch, weil es das letzte Bild ist, welches den Gesamteindruck i.d.R. prägt.

    Die Bilder der einzelnen Aspekte sind durchaus nachhaltig,
    dort der kalte Verkäufertypus, den mit dem Produkt nur noch die Verpackung und der Verkauf verbindet ( 5 Strophen)
    dann die Kinderbücher irgendwie dazwischen gesetzt, ( 1 Strophe)
    Der Nostalgiker, welcher durch eine veränderte Bücherwelt ,,irrt" ( 3 Strophen)
    und zum Schluss besonders das Bild mit der sandig- rieselnden Urlaubsimpression des Li's ( 1 Strophe)

    Wahrscheinlich gäbe dies sogar den Stoff für vier Gedichte her, und ich will auch begründen, warum ich hier drei oder vier Gedichte vorgezogen hätte.

    Die Themen stehen durchaus in einem gewissem Spannungsverhältnis, welches den Leser vielleicht zur inneren Diskussion anregen soll.
    Es erinnert mich an die lange Einleitung zum Faust, mit der Parteinahme für den geistigen Urheber von Werken.

    Goethe lässt in seinem Prolog zum Faust seinen Dichter, die lustige Person und den Theaterdirektor auflaufen, die das Verhältnis von Dichtung und Publikum aus drei unterschiedlichen Perspektiven thematisieren. Dabei hat der Direktor natürlich Interesse daran, dass das Geschäft funktioniert. (Goethe war auch Theaterdirektor in Weimar, und trägt diese Seele in seiner Brust)
    Der Dichter betont den eigenständigen und eigengesetzlichen Wert der Kunst, außerhalb weltlicher Interessen.
    Der Schauspieler (Lustige Person) ist auch nicht am Ideal der Kunst orientiert, und sucht in seiner Eitelkeit nur nach Möglichkeiten, sich so präsentieren zu können, dass das Publikum ihn liebt.
    Jetzt geht es beim Faust nicht um das Gefühl, welches beim Besuch einer Buchmesse entstehen kann, aber dennoch ist der verbindende Gedanke der ,,Geistschweiß", welcher ins Gehirn der Konsumenten tropfen soll, und dabei nun mal auf kommerzielle Vehikel angewiesen ist.(Presse, Verkäufer, Messe, Mäzene, Buchhändler etc.)
    Auch Goethe hat das geistige Elaborat immer wieder an die Spitze gestellt, was bei einem Verkäufertypus eine andere Gewichtung erfahren dürfte, wenn er denn seinen Job gut machen will. Wie auch rosenrot andeutet, sind Bibliotheken mittlerweile auf ein raffiniertes Marketing angewiesen, die sich in einer Präsentation und äußerlichen Konzeption um das Reader- Futteral bemühen müssen, damit sie das geistge Gut an den Mann/ die Frau bringen können.
    Das Spannungsverhältnis der Interessenlagen scheint also natürlich und unüberwindbar zu sein.
    Für meinen Geschmack hätte ich die Gewichtung und die Themenpräsenz etwas anders gewählt, und auch weniger Themen angeschnitten, um eine größere dialektische Spannung zu erzielen.
    Die vielen Themen von
    Verkauf
    Aufgabe der Presse,
    Präsentation
    Leseverhalten von Kindern
    Geschichte eines gescheiterten Buchhändlers
    Verhältnis des Li's zu digitalen Medien
    ist eher dazu geeignet eigene Beobachtungen und persönlichen Gewichtungen zu präsentieren, als eine Spannung zu erzeugen. Die vielseitigen Impressionen auf einer Buchmesse hätten jenes Gefühl besser treffen können, wenn sie sich mir in ihrer Flüchtigkeit gezeigt hätten, die in dem rieselnden Sand ein ausdrucksstarkes Ende gefunden hätten. Vielleicht ist dem ,,Verkauf " diese optische und quantitative Dominanz geschuldet gewesen, um dem nostalgischen Bücherwurm an den Rand zu drängen.
    Hier sind mehrere Themen ,,aufgebaut" worden, und zwar nicht flüchtig, sodass drei pointierte Gedichte konzentrierter gewesen wären.
    Wenn man es so belässt, wäre für die Erzeugung eines Spannungsfeldes die Reduktion der Anzahl der Themen sicherlich von Vorteil.
    Kurzum, etwas kürzer und weniger hätte den ,,Leseeffekt" bei mir zumindest noch steigern können.
    Ansonsten gerne gelesen, L.G.A.

  5. #5
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    Liebe Anjuleanga,

    ich bin dir seit Monaten eine Antwort auf deinen so netten und durchdachten, geistreichen Kommentar schuldig! Bitte entschuldige vielmals, dass ich es nicht früher auf die Reihe brachte, mich zu melden. – Aber ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut und ihn nicht vergessen!

    Du bringst es nochmals fein dargestellt auf den Punkt, was diesem Gedicht fehlt: die Fokussierung. Wie ich in meiner Antwort an rosenrot bereits zugab, wollte ich zu viele Aspekte unterbringen, blieb zwar dabei in einem übergeordneten Kontext, aber lasse den/die Leser/in durch diese verschiedenen Blickwinkel irren, die sich allzu schnell abwechseln. Ein roter Faden ist zwar vorhanden, aber er splisst sich zu sehr auf.

    Deine Idee, aus diesem Gedicht mehrere zu bilden, halte ich deshalb für sehr gut (und das war auch ein Grund, weshalb ich so lange nicht antwortete: Ich bekomme derzeit die Kurve einfach nicht hin, mich nochmals an diesen „Frankfurter Text“ zu setzen und ihn in eine bzw. mehrere neue Formen zu bringen); diese Gedichte sollten ja dann aber auch irgendwie zusammengehören. Ich müsste also nochmals eigenen Geistschweiß produzieren. Aber die Geistschweißporen sind bei mir derzeit verstopft.

    Dass dir bei der Lektüre dieses Gedichts Goethes Faust in den Sinn kam, beeindruckte und rührte mich gleichermaßen.
    Ja, damals, als es noch keine Filmkunst, kein Fernsehen, Radio, kein Internet und kaum Zeitschriften gab, war das Theater für die meisten der Ort, wo sie sich (selten!) unterhalten lassen konnten, sich in eine andere Gedanken- und Erlebniswelt führen lassen konnten. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer bei einer Theateraufführung war insgesamt wahrscheinlich höher als heute. Ein Theaterbesuch war etwas Besonderes. Was man dort erlebte, konnte länger nachwirken in den Köpfen der Zuschauer als heute, wo man nach dem Theaterbesuch schnell noch seine Daily Soap im Fernsehen anschaut, seine What’s-app-Mitteilungen checkt …

    Heute muss man beinahe zwangvoll den jungen Menschen in unserer Gesellschaft das Lesen beibringen. Man muss darum werben, dass sie lesen! (Das gilt allerdings nur für unsere übersättigte westliche Welt. In bildungsarmen Ländern wünschen sich viele Kinder, zur Schule zu gehen und zu lernen, damit sie aus ihrer Armut herausfinden und ein besseres Leben führen können.) Zu sehr werden hierzulande die Menschen ständig verführt und abgelenkt durch die modernen Medien (Fernsehen, X-Box, Internet …), die zwar auch mitunter kognitiven Aufwand erfordern, aber die Fähigkeit des Lesens und die eigene Vorstellungskraft, aus der Reflexion und Kreativität entstehen, kaum oder gar nicht mehr fördern. Unterhaltungen in den sozialen Medien beschränken sich auf Kurzmitteilungen und das Setzen von Emoticons, Daumen rauf und runter, Likes und Dislikes. Rechtschreibung? Egal. Die modernen Medien und digitalen Spielwiesen eröffneten und eröffnen viele neue Möglichkeiten (auch Gedichte.com und Co.!), aber sie verleiten nach meinem Eindruck bei der Mehrheit zur gedanklichen (und emotionalen, mitunter auch moralischen) Schluderei. – Ja, das fürchte ich, es mag ja vielleicht aber ganz anders sein.

    Einen Ansporn zum intensiven Lesen bietet in den auf punktuelle Leistung getrimmten Gesellschaften allenfalls noch das Verlangen des Einzelnen, materiell voranzukommen. Man vertieft sich notgedrungen in Fachliteratur, um bei Prüfungen persönliche Erfolge zu erzielen, die sich irgendwann auszahlen in einem „besseren“ Leben, das auch daran orientiert wird, was man sich persönlich leisten kann.

    Aber zurück zum Thema. Wie viele Gedichte sollte man vernünftigerweise „basteln“ aus diesem „Frankfurter Konvolut“? Vielleicht sollten es nicht nur vier, sondern fünf sein:

    1. Autoren
    2. Buchmesse und Buch- und Zeitungs-/Zeitschriftenverleger
    3. Buchhändler
    4. Leser
    5. Quintessenz

    Oder vielleicht gar sechs:

    1. Buchmesse und Buchverleger
    2. Autoren
    3. Buchhändler
    4. Zeitungs- und Zeitschriftengewerbe
    5. Leser
    6. Quintessenz

    (Anmerkung zu meiner Antwort an rosenrot: Die Kochbuchecke hat 2015 entgegen meiner vorigen Aussage an Umsatz eingebüßt. Es wäre ehrlich gesagt auch verwunderlich, wenn sich die Kochbücher noch hielten angesichts der Flut kostenloser Kochrezepte im Netz.)

    Ich habe neulich einen E-Book-Reader gekauft und darauf die ersten zwei Bücher heruntergeladen. Das ging wirklich leicht. Ich kann nun auf einen etwas zu kleinen Bildschirm glotzen, der alles in Schwarzweiß zeigt: Der Buchumschlag ist auch nur schwarzweiß. Ich kann durch die Seiten scrollen, ich kann mir die Schriftgröße einstellen, ich kann mir ein Lesezeichen setzen auf der „Seite“, wo ich aufhöre zu lesen. Ich habe ein paar Euro weniger bezahlt für die „Bücher“, die ich mir nun auf einem Bildschirm anschaue, als wenn ich mir die Bücher in gedruckter Form gekauft hätte. Besitzen diese virtuellen Bücher noch denselben Wert wie ein Buch, das ich anfassen, zerknittern, neben mein Bett legen, auf dem Beistelltisch stapeln oder (in der Not) verfeuern kann? Werde ich ein „Buch“, das ich nur auf dem Bildschirm lese, noch ebenso wertschätzen wie ein Buch, das ich mir ins Bücherregal stelle? Diese neue Leseoberfläche wirkt auf mich seltsam leblos. Als hätten auch bereits die Verlage die Liebe an das, wovon sie leben, verloren.

    Liebe Anjulaenga, auch wenn ich dir nun erst so spät antworte (und nun mein Gedicht unberechtigterweise nach Monaten des Schweigens nach oben pushe), will ich dir sagen, dass dein Kommentar (und mein schlechtes Gewissen wegen meines langen Zögerns) in mir intensiv gearbeitet hat. Vielleicht finde ich irgendwann den Schwung, aus diesem zu sehr komprimierten Gedicht mehrere eigenständige Gedichte zu bilden, die dann zusammen eine aktuelle Beschreibung der Situation der geschriebenen Welt werfen.

    Ich danke dir nochmals herzlich für deinen Besuch bei diesem Gedicht und die differenzierte Auseinandersetzung mit seinem Inhalt! Und dafür, dass es dir gefiel

    Herzlich
    Honigblume

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