1. #1
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    Wie der Wind seine Tochter verlor und die Vögel entstanden

    Wie der Wind seine Tochter verlor und die Vögel entstanden

    Dem Winde war einst eine wunderbare, wunderschöne Tochter, ein Geist geboren. Sie war schnell wie der Wind, geschmeidig wie das Wasser, fruchtbar wie die Erde, stark wie das Feuer und ungreifbar wie der Geist Gottes. Sie wuchs heran und ward wunderschön, stark, ausdauernd und geschmeidig, sie hatte eine Stimme, wie ein Sonnenstrahl so hell, wie der Glanz des Mondes so klar. Der Wind war sehr stolz auf seine Tochter, den seinen Geist. So stolz, wie ein jeder Vater es ist. Er beschützte sie vor allem Unheil und sie hatte keine Sorgen.

    Nach vielen Jahren war ihr Körper gereift, ihr Verstand gebildet und ihre Stimme trainiert. Ihr fehlte es an nichts Materiellem, aber sie war sehr einsam. Denn ihr Vater, der Wind, ließ sie nicht mit anderen Geistern reden, noch die Welt erkunden.
    Eines Tages beschloss sie, dass sie genug von der Einsamkeit habe uns fragte ihren Vater, wann sie denn nun die Erlaubnis bekäme wenigstens die Erde zu besuchen. Der Wind jedoch reagierte wütend und enttäuscht. Wütend über die empörende Frage seiner Tochter, enttäuscht über die Unzufriedenheit dieser, der er alles gegeben hatte, jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hatte. Er verbot ihr, je die Erde zu besuchen und umschloss sie für längere Zeit mit einer Mauer aus Luft, die selbst von einem Geist nicht durchdrungen werden konnte.
    Während dieser Zeit wurde die Tochter immer wütender auf ihren Vater und als sie schließlich ihr Gefängnis aus Luft verlassen durfte, war ihre Wut über und über gewachsen, sodass sie zu glühen begann. Das Glühen machte sie noch schöner wie schon davor war und so dachte der Wind nicht viel mehr, als, dass sie wieder zu Vernunft gekommen sein müsse, und aus diesem Grund so strahle. All sie Zeit über schmiedete die Tochter einen Plan, wie sie aus dem Herrschaftsgebiet des Vaters entfliehen könne.
    Sie versprach sich jedoch auch, dem Wind davor eine letzte Chance zu geben. In Folge dessen trat sie ein weiteres, wie aber auch ein letztes Mal an ihren Vater heran. Wie schon beim letzten Mal erbat sie, die Erde besuchen zu dürfen. Der Wind reagierte, zu ihre Enttäuschung, wütend und verständnislos. Erneut wollte er seine Tochter in eine Zelle aus Luft sperren. Doch dieses Mal sollte es ihm nicht gelingen.
    Schnell wie sie war, entkam sie der Luft, die sie umschließen sollte. Als nächstes schickte der Wind Hände aus, denen sie jedoch geschmeidig wie sie war, immer entgleiten konnte. Zornig schickte ihr Vater nun Fesseln aus, die sich aus dem Nichts um ihre Knöchel legten. Durch sie Stärke, die ihr in die Wiege gelegt worden war, konnte die Tochter jene jedoch ohne Mühe brechen. Dem Wind war es somit unmöglich seine Tochter aufzuhalten. Diese blieb nicht stehen , bis sie nicht die Erde erreicht hatte und verschmolz mit der selben. Aus ihr wurde so ein wunderschönes, geschmeidiges, schnelles , ungreifbares und starkes Erdengeschöpf.

    Und somit ward der erste Vogel geboren.

    Dieser schwang sich erhaben in die Luft, die nach altem Erbrecht auch die seine war und vermehrte sich. Der Wind musste dem Geschehen fassungslos zusehen. Er konnte den Vogel, der einst seine Tochter war, und dessen Nachkommen nicht aus der Luft verbannen, die durch Geburtsrecht auch die ihre war, noch brachte er es über sein Herz die Kinder seiner einzigen Tochter zu verletzen. Je mehr es jedoch wurden, desto wütender wurde er.
    Eines Tages konnte er es nicht mehr ertragen seine Tochter so ungehalten Leben zusehen, nicht allein die Inzucht war in jener Zeit zu einem Problem geworden.
    Kochend vor Zorn schickte der Wind eine gewaltige Böe zur Erde nieder, die den größten und schönsten Vogel, seine Tochter, vom Himmel holte und auf dem harten Boden zerschellen ließ. Als ihr unsterblicher Geist nun aus seiner sterblichen Hülle glitt, hauchte sie ein letztes, schmerzerfülltes Mal aus und zerbarst in unendlich viele Teile. Diese Bruchstücke suchten sich alle einen Vogel und verschmolzen mit dessen Geist, sodass in jedem Vogel nun auch ein Stück der Windestochter inne ward.
    Als der Wind nun sah, dass sein Kind aus Liebe zu ihren sterblichen Kindern, ihren Geist aufgespalten hatte, war die Zahl der Vögel schon in das Unzählbare gestiegen. So wurde der Wind über seinen Verlust über alles traurig, da er nie wieder den Antlitz seiner geliebten Tochter sehen konnte. Er hatte ihren Geist für immer verloren.
    Das Einzige was ihm noch von ihr blieb, waren die fliegenden Geschöpfe auf Erden, die Vögel, und er fand gefallen an ihnen. In den größeren Tieren erkannte er ihre Stärke, in den Kleineren ihre Geschmeidigkeit. In anderen wiederum ihre Schnelligkeit und allesamt waren sie wunderschön und fruchtbar. So wurde diese Geschöpfe auf Erden die Liebsten des Windes und er versprach ihnen einen ewigen Platz am Himmel.




    Dies war die Geschichte, wie der Wind seine einzige Tochter verlor, die Vögel entstanden und der Herr der Lüfte diesen ein ewiges Anrecht auf ihren Platz am Himmel zuwies. Leser, Niemand verlangt von dir dies zu glauben, doch lass die Vorstellung nur für einen Augenblick deine Sinne erquicken und erfreue dich daran.
    "Darkness does not always equate to evil, just as light does not always bring good" -

    aus "House of Night 'Marked' " von P.C. und Kristin Cast

  2. #2
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    Eine schöne Geschichte - mir gefällt sie.
    Danke

    Eselsohr

  3. #3
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    Beim Lesen dieser Geschichte fühlte ich mich wieder fasziniert in die Zeit meiner Kindheit versetzt.
    Sie erreicht mich Heute genau so real wie Damals.
    Wirklich gelungen!

    Gruß Charisma!

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