1. #1
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    Lightbulb Gernhardts "Sonett von dem jungen Amerika und den alten Europäern"

    Hallöchen Liebhaber der Gedichte,

    Ich beschäftige mich derzeit intensiv mit Robert Gernhardts "Sonett von dem jungen Amerika und den alten Europäern".
    Gestern erst, habe ich hier im Gedichte.com Forum einen Beitrag von 2007 über die Interpretation des Sonetts gelesen, der mich sehr gefasst hat. Dabei ging es vorallem um den Bezug zum Nationalsozialismus, insbesondere um das Horst-Wessel-Lied und den, sehr drastischen, Vergleich Gernhardts von Bush und Hitler. Insofern fühle ich mich eigentlich relativ informiert über Gernhardts Sonett, allerdings muss ich, da ich noch zur Schule gehe, einen Bezug zu Franz Kafkas "Amerika" bzw. "der Verschollene" ziehen.
    Dem stehe ich ein bisschen ratlos gegenüber. In Kafkas "Amerika" (ja ich habs gelesen) wird hauptsächlich die Utopie des Amerika Bildes behandelt ("Vom Tellerwäscher zum Millionär" etc.), was eine massive Kritik am kapitalistischen System nach sich zieht. Die Frage ist nun, wie ich die beiden Themen miteinander sinnvoll verknüpfen kann? Heute ist Amerika natürlich immer noch Kapitalismus pur, dazu noch weitaus patriotischer als Deutschland. Da Gernhardt das Sonett 2004 geschrieben hat, bin ich mir hierbei unsicher und würde mich über einen kleinen Stoß in die richtige Richtung freuen.

    Liebe Grüße,
    Dexter


    P.S.
    Der Beitrag von 2007
    https://www.gedichte.com/showthread....gung-Gernhardt

  2. #2
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    gernhardt "entlarvt" das "junge amerika" mit seinen "jungen adlerschwingen", welches vom alten europa dafür bewundert wird (und sich selbst dafür bewundert), dass es a) die menschenrechte und die demokratische verfassung als erstes land stabil über sich gesetzt hat sowie b) europa von den sängern des horst-wessel-liedes befreit hat...
    er entlarvt dieses amerika, den amerikanischen traum der auswanderer, jenen der europäischen intellektuellen abweichender rasse oder nationalität (wie z.b. kafka), den traum amerikas von sich als vorkämpfer der "freien westlichen welt", indem er dieses amerika selber das horst-wessel-lied singen lässt und indem er den amerikanischen einmarsch im irak dem nazi-einmarsch in polen nicht nur vergleicht, sondern gleichsetzt. und indem er beifügt, was eh schon alle wussten: Es geht (zumindest auch) ums irakische Öl.
    Man kann sich fragen: Ist eine derartige Verkürzung oder (sorry!) Verdichtung mehr als ein Propagandagedicht? Wusste Gernhardt beim Schreiben schon, dass das irakische Öl bald einmal keinen in den USA mehr interessieren würde? Wie stark ist die inhaltliche Logik des Gedichtes von der Reimstruktur geprägt worden?
    passt ein drachentöter-lied wie das vorliegende, mit diesme ganzen pathos (naja, der drache lebt noch, aber immerhin mit gernhardts speerspitze irgendwo im panzer...) überhaupt zu einem sonett? meine antwort: ja, sicher, aber nur, wenn wir darin nicht mehr als ein romantisches drachentöter-lied sehen wollen.

    kann ein zeitgeschichte-gedicht bestand haben, welches einen mystischen "am'rikan'schen adler" gegen einen menschen wie du und ich (Saddam) kämpfen lässt? ichb glaube nicht (ich hoffe es nicht).

    hat dir das was geholfen? den text von kafka will ich mir besorgen. bin gespannt, was für einen mythos er seinerseits mit amerika verbindet.

    gute nacht
    wilma27

    nun noch was zu Kafka:
    sein held scheitert an amerika, wie gernhardt an amerika scheitert.
    sein onkel aus amerika bietet ihm jede möglichkeit, aber wer wie kafka, gernhardt oder karl rossmann für seinen gerechtigkeitssinn zu unterliegen bereit ist, kann aus diesen möglichkeiten nichts schöpfen, er muss daran scheitern.
    kafka "entlarvt" den mythos von freiheit und gleichheit noch auf dem deutschen schiff, aber im hafen von new york angesichts der freiheitsstatue. und das geht so weiter, nachdem sein held amerikanischen boden betreten hat.
    man darf vielleicht sagen, dass kafka und gernhardt beide dasselbe "monster" (den bürgerlich-liberalen, wirtschafts-expansiven staat) bekriegen, wobei es irgendwie den eindruck macht, dass gernhardt eigentlich an den "am'rikan'schen adler" glaubt oder geglaubt hat, während kafka diesen adler materialistischer sieht, mechanischer, als maschine, die keiner wirklich unter kontrolle hat, weder kapitän noch heizer.
    Geändert von kaspar praetorius (23.11.2015 um 23:17 Uhr)

  3. #3
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    Hallo Wilma27,

    Vielen Dank für deine Antwort! Geholfen hat es mir auf jeden Fall sehr, genau so etwas wollte ich hören!
    Besonders den Aspekt des Frackings, den du aufgreifst, ist sehr interessant. Ähnlich, wie er Syrien in "Sonett vom Lehrmeister Krieg" erwähnt.

    "Amerika" ist auf jeden Fall lesenswert. Es unterscheidet ist sehr von Kafkas sonstigen Texten. "Amerika" könnte man auch Kindern zum einschlafen vorlesen. Was bei z.B. "Der Prozess" ja eher unmöglich wäre.

    LG
    Dexter
    Verdränge die Grundsätze der Menschheit, speziell die Überbewertung von materiellem Besitz
    - Tyler Durden

  4. #4
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    oh, da haben wir uns an der kreuzung getroffen.
    ja, kafkas amerika scheint wirklich originell zu sein, nach dem ersten leseeindruck. (s.o.)
    viel spass beim weiter forschen.
    w.

    und das sonett vom lehrmeister krieg hab ich auch grad gefunden. das weist doch einige starke unterschiede zum andern auf. ein vergleich der beiden könnte für deine arbeit durchaus noch was hergeben, meine ich.

  5. #5
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    Gibt es da irgendwo Analysen? Interessiert mich sehr! ich nehme als Basis immer Google Books: https://books.google.de/books?id=JlY...%A4ern&f=false

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