...ist literarisch, im Plauderton oder auch humorvoll gehalten. Er bedient sich rhetorischer Figuren sowie Wortfiguren, Metaphern, Epiphern, Antithesen, Klimax, Hyperbel, Ironie.

ein Meister des Feuilletons war " Amadeus Siebenpunkt"
geboren als Hubert Doerrschuck 1910 verstorben 1999 in Karlsruhe
schrieb (datiert vom 4.3.1961)

Umgang mit Pudeldame

Cosi geht durch sämtliche Betten. Das ist ihr morgendliches Ritual, an dem sie mit pedantischer Strenge festhält.
Sobald ein Bett leer wird, zieht sie um ins nächste. Sie schläft nicht gern allein, aber gern in den Tag hinein und
teilt mit dem Hausherrn den Zweifel daran, dass Morgenstunde Gold im Munde habe. Andererseits ist Cosi rücksichtsvoll
und bescheiden. Ihr genügt ein schmales Ende. Das heißt, denen, die sie liebt, liegt sie gern zu Füßen. Von wievielen
liebenden Frauen kann man das rühmend behaupten? Freilich handelt es sich bei Cosi um eine Hundedame. Um eine
Pudeldame zudem.
Man kann noch so anspruchslos beginnen, mit einem Wellensittich etwa oder einem Goldhamster, eines Tages kommt
man doch auf den Hund. Es muß eine tiefe Übereinstimmung zwischen ihm und dem Menschen bestehen, daß man so
leichtfertig seine Seelenruhe und die Sofakissen preisgibt. Möglicherweise hängt es mit unserer Eitelkeit zusammen,
denn wer fühlte sich nicht geschmeichelt, daß er von einem Geschöpf Gottes so leidenschaftlich umworben wird?
Hunde sind schließlich wahre Genies an Demut und insofern innerhalb der Familie verderbliches Vorbild der Unterordnung.
Man kann sie noch so schlecht behandeln, ihre Liebe höret nimmer auf.
Selbstverständlich ist keine Rede davon, daß Cosi schlecht behandelt wird. Ehe sie mit freudig bewegtem Hinterteil über
die Türschwelle gekugelt kam, hat der (weibliche) Familienverband zwar heilige Eide geschworen, daß er bei Tisch keine
Leckerbissen erhält, auf keinen Fall auf die Couch oder in einen Sessel gehört und überhaupt jene solide Erziehung strenger Liebe erfährt, die sich an der männlichen Minderheit so glücklich bewährt hat. Aber niemand hat den Charme einkalkuliert,
den junge Hunde unwiderstehlich auszustrahlen pflegen, ehe sie noch richtige Hunde sind. An ihm zerbrechen alle guten
Vorsätze.
Und außerdem auch daran, daß Frauen selbst nicht wissen, wie dringlich sie stets eines Objektes liebender Fürsorge bedürfen,
um glücklich zu sein. Zuerst verwöhnen sie ihre Männer, dann die Tochter, und wenn diese eben anfangen, sich ihrerseits von
Freunden verwöhnen zu lassen, wenden sie sich, um ein Vakuum auszufüllen, der Politik oder jungen Hunden zu. Davon also
profitiert Cosi. Und da sie nicht nur mit seelenvollem Augenaufschlag ausgestattet sondern auch an echter Liebenswürdigkeit
und Lady-Anmut ungemein begabt ist, bezaubert sie die ganze Familie, und nur ihr verträglicher Charakter verhindert es, daß
sie sie auch tyrannisiert.
Natürlich bleiben vorübergehende Krisen nicht aus, weil auch Pudeldamen, so kultiviert sie scheinen mögen, einen Hang zur
Gosse haben und den Duft eines alten Limburger Käses aufregender finden als Chanel Nr.5. So etwas stört das gute Einver-
nehmen zwischen Herrin und Hund, und beide begreifen einander nicht mehr. Ein vornehmer Hund tut so etwas nicht, meinen
die Damen. Indessen hält Cosi von Standesbewusstsein gar nichts oder nicht sehr viel, weshalb sie auch in jedem Straßen-
köter ein Obkekt ihrer Zuneigung sieht. Offenbar ist ihr moralischer Sinn für mögliche Folgen überhaupt nicht ausgeprägt.
Wenn die bösen Hundebuben sie locken, so folgt sie nicht unbedingt aufs Wort. In diesem Falle kommen Verstimmungen auf.
Doch dauern sie nicht an, denn weder das Pudelherz noch die der weiblichen Familienmitglieder halten es lange aus einander
gram zu bleiben. Pudel müßte man sein!
Hunde die bellen, beißen nicht, heißt es. Cosi tut das eine zuweilen, das andere überhaupt nicht. Von einem Schutz- oder
Wachhund, wovon ursprünglich die Rede war, kann nicht mehr gesprochen werden, nachdem Cosi der Umwelt und den
Menschen ein grenzenloses Vertrauen entgegenbringt, daß sie gut und liebenswert sein. Radfahrer nimmt sie freilich aus
und verfolgt sie mit hysterischem Löwenmut, als ob sie Inhaberin eines Führerscheins der Klasse 3 wäre. Zuweilen hat sie
auch etwas gegen den Briefträger, wie man überhaupt nie sicher ist, wem sie kläffend oder wem sie mit dem Schwanzstummel
wedelnd begegnet. Wir werden in Zukunft unsere Freunde neu unterteilen müssen, in die, für die Cosi Sympathie empfindet,
und die anderen, die sie nicht leiden kann.
Übrigens ist das Problem Hund nicht so sehr ein Problem beißender als vielmehr spielender Hund. Die Überrumpelungstaktik
seiner ungestümen Liebesbeweise wäre noch zu ertragen, legte sie wenigstens Pausen ein. Permanente Liebe geht immer
auf die Nerven. Aber davon wissen Hunde nichts. Wenn sie nicht mit Schlafen oder Fressen beschäftigt sind, fällt ihnen
nichts Besseres ein, als sich mit dem Menschen und den Menschen mit sich zu beschäftigen. Wie sollten sie sich auch mit sich selbst beschäftigen? Sie brauchen stets Mitspieler, und wo es der Mensch nicht ist, ist es der Bettvorleger, der zerkaut,
die Vorhangschnur, an der gezerrt oder Sabines Schuhe, an denen genagt wird. Hunde lieben wahnsinnig intensiv. Aber sie
lieben mit den Zähnen!
Solchermaßen. so meint man, könnte der Vierbeiner als ordnungsförderndes Element im Haushalt wertvolle Schrittmacherdienste leisten. Bei drohender Gefahr totaler Vernichtung sollte die Leichtfertigkeit, mit der die Tochter intime
und weniger intime Kleidungsstücke liegen lassen, wohin sie fallen, in Disziplin umschlagen. Durch Schaden zur Ordentlichkeit.
Doch das trifft nur zum Teil zu. Was früher auf dem Boden herumlag, liegt jetzt auf Tischen, Schränken und Kommoden kurze-
hand eine Etage höher. Aber es liegt immer noch herum. Cosi hat zwar den Boden leergefegt, indessen doch nur eine Verlage-
rung erzwungen. Erweckung von häuslichen Tugenden (der Teenager) ist nicht des Pudels Kern!
Was in ihm steckt, möchte ich eher den Zauber eines sanften Eigensinns nennen, den man respektieren muß. Cosi ist zwar
eine Dame aber eine mit Gentlemanmanieren. Wenn sie nachgibt, gibt sie aus Einsicht nach und wohl auch, weil ihre Ausgeglichenheit keine Spannungen mag. Ohnehin läßt ihre selbstverständliche Artigkeit keine Tyrannengelüste aufkommen.
Hundebesitzer zu werden, ist zunächst ein freiwilliger Entschluss. Später stellt sich dann heraus, daß es sich umgekehrt verhält: der Hund ist Menschenbesitzer geworden!