1. #1
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    Plitter, platter

    Dichter Nebel wickelt kühle
    Wickel rings um unsre Stadt,
    die im nebligen Gewühle
    ihr Gesicht verloren hat.

    Blinzelnd kriech ich unter allen
    Decken aus dem Schlaf hervor,
    lausche, während Tropfen fallen,
    deren engelgleichem Chor.

    Plitter, platter, plitter, plotter,
    trommelt‘s stetig auf das Dach...
    Plötzlich wird daraus Gestotter
    und da werd ich doch noch wach.

    Fange an, mich zu bewegen,
    huste kurz und setz mich auf.
    Leiser wird der schöne Regen
    und der Tag nimmt seinen Lauf.

    Wird ein Tag wie alle Tage,
    munter, hektisch, ausgefüllt,
    voll Getriebe, voller Plage,
    unbenebelt, unverhüllt.

    Wär ich doch im Bett geblieben!
    Pflöge selig meiner Ruh!
    Aber hätt dann nichts geschrieben,
    und nun liest‘s wer, und zwar: Du.

    Hörst du dort den Regen klopfen?
    Auf dem Dach, da über dir?
    Nun, aus jedem dieser Tropfen
    platzt ein lieber Gruss von mir.

    Dichter Nebel wickelt warme
    Schals um unsre stille Stadt,
    die mit ihrem trüben Scharme
    dich und mich umschlungen hat.
    Geändert von kaspar praetorius (07.01.2016 um 15:33 Uhr)

  2. #2
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    Lieber Wilma,

    bald bin ich das ungeahnte Gewicht der Ehre eines "Kritiker des Monats" los und darf dann wieder unbeschwerter schreiben. Dann fällt es mir sicher noch leichter zu zu geben, dass mich dein Gedicht begeistert.

    Anfangs stolperte ich über die gewickelten Wickel. Aber dann erinnerte ich mich an meinen Urlaub in Südtirol. An den allgegenwärtigen Nebel. Und deine Eingangsstrophe weckte in mir Flachländer Detail um Detail meines einstigen Erwachens in Dorf Tirol. Was will ich mehr! Ich weiß, dass dir die Doppelungen bewußt sind. Ob nun als unvollkommener Kompromiss oder als besonders gelungen, interessiert mich in so einem Falle höchstens am Rande.

    Ich bin ein bekennender Ohrenmensch. Lautmalereien ziehen mich magisch an... und wenn ich sie als stimmig empfinde, möchte ich klatschen wie in einem Konzertsaal! So, ich schreibe gerade in der Küche. Mein Wasserhahn tropft. Wie auf Kommando, möchte ich tippen... und weiß doch, dass das Kommando deinem sensibilisierenden Gedicht entsprang! Auch das treffend formulierte Stottern der Regentropfen kenne ich. Nur dass ICH trotzdem liegen bleibe. - Aber das liegt daran, dass ich gern im Liegen schreibe und es auch darf. Und somit nehme ich MEIN spätes Aufstehen recht bewusst wahr. Und deins nun ebenfalls. Interessante Filmsequenz über dein...ähm ... das Aufstehen deines Lyrischen Ichs.

    Und da ich deiner Sprachbeherrschung inzwischen vertraue, googelte ich im Vorgefühl einer sprachlichen Entdeckung nach dem Wort "Pflöge". Aha, Präteritum, Aktiv, Konjunktiv II. Werde ich vermutlich nie benutzen. ABER: Ich bleib lange genug an der Zeile hängen, um dein Ruhebedürfnis fast selig mit zu genießen. Jedenfalls seliger, als dies ein gemeines "pflegte" jemals vermocht hätte . Auweia, jetzt geht mein Sprachgefühl langsam auf das Glatteis... Aber ich würde trotzdem in S5V1 eine Doppelpunkt hinter Tage setzen. Naja, was ist das für ein Kritiker, der kein Haar in der Suppe findet... oder wenigstens erfinden kann.

    Egal. Ich kann nun mit ruhigem Gewissen schließen: Ich danke Dir für den lieben Gruß und grüße gern zurück.

    Halt, doch noch eine Nachbemerkung: Ich habe bei Euch Dichtern viel mehr über die Form der Sprache gelernt, als das unter Musiktextern möglich, oder einfach auch nur nötig war. Immerhin spielen wir Musiktexter ja immer im Duett mit fremden Melodien und Rhythmen. Die Begegnung mit reinen Lyrikern ist für mich so lehrreich wie spannend. Manchmal empfinde ich Mitleid mit Eurem einsamen Ringen.
    Ich schreibe nun sicherer und diskutiere noch selbstbewußter mit Musikern und Produzenten - Aber bei all meiner sprachlichen Wißbegier: Schöner ist es eben doch, gelungener Sprachmusik einfach nur vertrauensvoll zu lauschen, ohne den Hang, sie analysieren zu müssen, um sich einen eventuell ungewohnten Beigeschmack erklären zu können!
    Geändert von Artname (07.01.2016 um 23:38 Uhr)

  3. #3
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    Nun, ich fühle mich von so viel Mitgehen im Parkett fast geschleißt!
    Aber wir verstehen uns: Die Message interessiert uns erst, wenn die Musik stimmt. Und so ist auch dieses Verslein nach und nach aus dem echten Regengeräusch entstanden. Gibt zwar vor, einen Sinn zu haben, aber du fragst nicht danach, sondern hörst einfach hin. Und das von dir zu hören, äh lesen, macht mir grosse Freude.
    Was ich nicht selber erfunden habe: Dieses Strophenschema, welches in Wilhelm-Busch-Manier den Schwung aus dem Trochäus und aus der Volksliedstrophe holt. Da steckt der Drive einfach schon drin.
    Danke fürs Reinschauen und
    Gute Nacht!
    wilma27

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