Thema: Li und Ein

  1. #1
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    Li und Ein

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    Li und Ein


    Li Ebe und Ein Sam waren Geschwister. Sie lebten in einem verborgenen Haus inmitten eines dunklen Waldes. Ihr Vater war Zu Kunft und ihre Mutter Ver Gangen. Li und Ein hatten den ganzen Tag über Hunger, doch das Brot war stets eingeschlossen. Erst wenn der Vater nach Hause kam, gab es zu essen. Wenn sie aber den Schrank von der Wand wegrückten, konnten sie von der Rückseite, wo Mäuse genagt hatten, zu den Brotkrumen gelangen. Li schaffte es nie den Schrank alleine zur Seite zu schieben. Ein schlief immer länger und sie musste warten bis auch er half, ans Frühstück zu kommen. Gemeinsam schoben sie jeden Morgen den Schrank beiseite, bis das Mädchen dahinter kriechen konnte. Lis dünne Finger reichten weit tiefer in das Mauseloch, als Eins grobschlächtige Glieder. Er nötigte sie mit derbem Zupfen am Haar, alles was sie mühsam hervor pulte an ihn abzugeben und Li verblieb nicht viel mehr, als das was sie sich unter den Fingernägeln versteckte.

    Eines Tages fand Li einen Draht. Den bog sie sich zurecht und sie schaffte es, ohne den Schrank zur Seite zu schieben, an das Brot zu gelangen. Als Ein ausgeschlafen hatte, war der Tisch gedeckt und auf den halb vollen Tellern, lag für Ein sogar ein Stück Kruste bereit. Er setzte sich aber nicht an den Tisch, sondern warf Li erstmal von ihrem Stuhl, verschlang ihre Krümel und ass danach im Stehen auch seinen Teller leer, wobei er die Kruste genüsslich kaute. Li hatte gewusst, dass er die besonders mag und sie durfte lächeln, denn Ein hatte dabei die Augen geschlossen.

    Erst am Mittag, bei Eins Lieblingsbeschäftigung, als er das Mädchen beim Erdeessen störte, erinnerte er sich daran, dass sie nicht wie sonst gefrühstückt hatten. Er schlug sie immer wieder auf den Kopf, trat sie mit den Füssen zurück in ihr Lehmloch, schrie sie an und wollte wissen, woher sie die Kraft gehabt hatte, den Schrank alleine beiseite zu schieben. Völlig erschöpft und durchnässt von dem Schlamm am Grunde, gab Li schließlich auf und erzählte ihm vom Draht. Sofort zog er sie an den Zöpfen aus dem Loch und prügelte sie bis zum Holzhaufen, wo sie den Draht versteckt hatte. Er riss ihn sofort an sich und lief ins Haus, während sie ihm langsam folgte.

    Er hatte den Schrank schon beiseite geschoben, so weit wie noch nie, lag auf dem Boden und fluchte da er offensichtlich mit dem Draht nicht viel anfangen konnte, ihn völlig verbog und fast wäre er ihm in die Öffnung entglitten. Obwohl sie diesmal nicht gelächelt hatte, bekam er einen Wutanfall, schlug sie und trat auf sie ein, bis sie am Boden lag und er müde wurde. Danach warf er ihr den zerknäulten Draht ins Gesicht und herrschte sie an, ihm Brot zu besorgen. Immerhin wartete Ein bis sich ihre zitternden Hände beruhigten und sie den Draht wieder richten konnte. Li fand dies sehr barmherzig. So etwas hatte er schon lange nicht mehr für sie getan. Sie begann das Brot zu angeln, versorgte den gierigen Bruder - ja selbst für sie selber fielen ein paar Brösel zwischendurch ab - und sie vergass die Zeit.

    So überraschte sie der Vater als er Abends zur Tür eintrat. Er warf gleich, mit aller Wucht, den Rucksack und die Stiefel nach ihnen und stürzte sich rasend vor Zorn auf die beiden, schlug den Jungen, der weglaufen wollte, mit zwei Faustschlägen nieder, riss Li den Draht aus den Fingern und hieb ihr damit blutige Striemen auf Hals und Rücken, während sie schon gewohnheitsmässig mit erhobenen Händen in der Ecke, auf den Maiskörnern, kniete.
    - Wer - war - das - wer - hat - die - I - dee - ge - habt, schrie er im Takt der Schläge, aber Li antwortete nicht.
    Nur Ein lispelte fortwährend wegen der ausgeschlagenen Zähne und den blutigen Lippen am Boden:
    - Li, Li war’s, Li ...
    Erst als er aufhörte das Mädchen zu schlagen und wieder über den Jungen herfallen wollte, da rief sie laut:
    - Ich war’s! Ich hab ihn angestiftet!

    Dann nahm er ein Blech und nagelte das Mauseloch an der Rückwand des Schrankes zu. Li schickte er Wasser holen. Die Hammerschläge dröhnten dumpf von der Wut des Vaters im Zimmer. Er hiess sie, das Blut aufzuwischen und schnell Essen vorzubereiten bis die Mutter käme. Aber der Alte Zu aß immer allein. Die Mutter kam nie.

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    Geändert von Alcedo (17.01.2016 um 16:45 Uhr)

  2. #2
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    Li und Al


    Prinz Al le Insam Kait war auf der Suche nach dem Keiler mit den silbernen Hauern, tief in die Wälder vorgedrungen. Li hörte die Jagdhörner um die Mittagszeit aus der Richtung des Bärlauchtales. Kurz darauf waren Rufe und Hundegebell zu hören, welches sich aber zunehmend ostwärts entfernte.

    Weil danach nichts fremdartiges mehr zu hören war und weil auch die zwei Raben, die in die Richtung ausflogen, nicht wiedergekehrt waren, traute sie sich am Nachmittag frischen Lauch sammeln zu gehen. Am lichten Talhang angekommen, konnte sie den noch unbelaubten Wald gut überblicken und sie begann die jungen saftigen Triebe in ihrem Korb zu häufen. Bis sie sich fürchterlich erschrak: hinter der nächsten dicken Buche ragte ein Stiefel aus dem trockenen Laub in ihr Blickfeld. Ihr erster Impuls war Flucht.
    Aber ihr Bruder wäre sicher erfreut über die guten Lederstiefel - so pirschte sie sich um den Hartriegel herum, um bessere Sicht zu haben und erschrak noch mehr, als sie erkannte, dass der Stiefel nicht verwaist dalag, sondern noch an einem Männerbein steckte. Am Stamm der großen Buche lehnte im Liegen ein bleicher Mann mit geschlossenen Augen und blutüberströmten Gewand. Auf seinem verkrusteten Handrücken saßen einige Fliegen. Es war nicht zu erkennen, ob er noch atmete. Seine Lippen waren blau.

    Li trat näher. Die andere Hand lag offen und kraftlos im Laub. Er trug keine Waffe. An seinem Daumenballen klebte ein blutiges Blatt und Bucheckern hatten sich zwischen den Ringfingern verklemmt. Er hatte die Wunde am Schenkel zu stillen versucht und war wohl verblutet. Li schaute sich um. Von der Jagdgesellschaft war nichts zu vernehmen. Ein stückweit oberhalb, an einer flachen Hangstelle, war das Laub aufgewühlt, wie von Wildsauen. Sonst waren keine Spuren zu entdecken. Die Sonne stand im Westen schon dicht über der Hügelkuppe. Bachaufwärts wechselte ein Sprung Rehe entspannt auf die andere Hangseite. Ein Häher emste sich gegenüber den rechten Flügel. Ein Zaunkönig sang hinterm Steinhang.

    Da nahm Li ein Stück Reisig und stieß die Sohle des einen Stiefels. Der Fuß schnellte weich wieder zurück. Die Totenstarre war also noch nicht eingetreten. Lebte er gar noch? Als sie sich hinkniete um ihm besser ins Gesicht schauen zu können, schlug er die Augen auf.

    - Wer bist du? fragte er mit überraschend fester Stimme.

    Li warf sich herum und rannte so schnell sie konnte den Hang zurück, bis sie beim oberen Wildwechsel zum stehen kam und keuchend einen Blick hinunter wagte. Ein Stiefel und sein Bein waren von hier aus immer noch zu erkennen. Der Mann hatte seine Position nicht geändert. Der Rehbock von vorhin schimpfte und die Ricken schauten erschrocken in ihre Richtung. Der Häher war auch aufgeflogen. Ihr Korb lag umgefallen neben der Buche. Was sollte sie tun? War das grade ein Stöhnen?

    Zuerst wollte sie bloß ihren Korb wieder holen, aber dann lief sie doch einen kleinen Umweg bis zur Brache vom letzten Sturmschlag, riss dort eine langgezogene Wurzel vom Großen Wiesenknopf aus, und biss von den stärksten Stellen, begann sie zu kauen, während sie langsam zur Buche zurückkehrte. Erst stellte sie den Korb wieder auf und legte die restliche Wurzel zum Lauch. Dann spuckte sie den fasrigen Brei aus ihrem Mund in ihr Tuch und faltete es zusammen. Der Mann lag immer noch unverändert da, hatte aber die Augen geöffnet und beobachtete sie.

    Sie kniete wieder an der gleichen Stelle nieder und sagte:

    - Ich bin Li Ebe, Herr. Soll ich ihre Wunde versorgen?

    - Nein, …

    Seine Augen waren von der Farbe des Bärlauchs im März, mit goldenem Blütenstaub besprenkelt. So weiße Zähne hatte sie noch nie gesehen. Auch das Fell, am Kragen seines Umhanges, war von einem, ihr unbekannten, Tier.

    - … ich möchte sterben, kam diesmal, viel kraftloser, über seine Lippen. Auch rutschte jetzt sein Blick zum Horizont, nach Westen.

    - Die Sonne steht tief, Herr, noch nie wurde gefragt, wer ich bin.

    Die Augen waren schnell wieder bei ihr. Auch blinzelte er scheinbar schneller. Sie wischte den ganzen Unrat aus seinem Schoß und legte die langgezogene Fleischwunde frei, aus der immer noch Blut sickerte. Als sie sein Bein zur Seite drückte, wollte er es mit beiden Händen festhalten und gar nicht mehr sterben. Während sie versuchte an dem Beinkleid zu reissen, klaffte die Wunde bis auf den Knochen. Sie wrang das Tuch und tröpfelte den Saft des Wiesenknopfes auf die schlimmsten Stellen. Anschließend legte und wickelte sie das gesamte Tuch auf und band es mit Stoffstreifen von ihrem Hemd fest. Dann holte sie ihm mehrfach Wasser aus dem Bach und hieß ihn trinken. Er setzte sich von alleine aufrechter hin. Seine Augen wurden wacher und er ließ zu, dass sie auch seine Hände wusch. Eine Fliege auf seiner Augenbraue versuchte er selbst zu verscheuchen. Da küsste sie ihn, damit seine Lippen Farbe bekämen. Er weinte. Aus seinem reglosen Gesicht rollten Tränen. Er griff nach ihrer Hand und wollte sie halten. Sie ließ es zu und lächelte. Zum ersten Mal in ihrem Leben lächelte jemand zurück. Die Buche schwankte, ihre Knie zerrannen mit dem Erdreich. Farben verschwanden. Tränen lösten seine Zähne auf, Bärlauch schoß aus seinen Augen. Schwindel ergriff sie. Ein gellender Pfiff schmerzte in ihren Ohren.

    Das Pfeifen war wirklich. Sie wurde wach davon. Er hatte ein gelbes Metallstück im Mund, welches durchgehend aufschrie wenn er hineinblies. Hundegebell ließ sie zusammenfahren. Unbändige Angst stieg in ihr hoch. Er versuchte auf sie einzureden, aber sie floh.

    Zu Hause merkte sie, dass sie den Korb erneut vergessen hatte und im gleichen Atemzug wurde ihr schrecklich bewusst, dass sie den Hunden, ihre über all die Jahre verborgen gebliebene Hütte verraten hatte.

    Als der Jäger mit den angeleinten Bluthunden durchs Dickicht brach, hatte sie sich längst ins Baumhaus geflüchtet und die Leiter eingeholt. Der Jäger blies in sein Horn und wartete geduldig. Während er seine Pfeife stopfte, erschoss ihn der alte Zu mit seiner Armbrust am Fuße der Eiche, bei der Bank, auf der Li immer gesessen war um ihr langes Haar in der Abendsonne zu trocknen, und er erstach alle Hunde nacheinander mit seinem langen Speer.

    Bis die Nachhut eintraf, hatte er Lis Esche bereits zur Hälfte gefällt. Noch ein paar Axthiebe und Li hätte die Strickleiter ausgerollt. So aber wurde der alte Zu von zwei weiteren Männern überwältigt, nachdem er den ersten mit der Axt erschlagen hatte. Der vierte ritt mit einem gescheckten Hengst davon, um Verstärkung zu holen.

    Ein Sam schlich sich erst nach Mondaufgang aus seinem Versteck am Holzhaufen, legte den beiden schlafenden Jägern Schlingen um die Gliedmaßen und zog sie mit ihren eigenen Pferden in Stücke. Er aß von der rohen Leber des einen Mannes, urinierte auf seinen toten Vater und fällte danach Lis Esche. Li konnte sich gerade noch aus der fallenden Krone retten und verletzte sich am Bein. Als er sah dass sie nur leicht hinkte, holte er sie schnell ein und brach ihr vollends, mit dem stumpfen Ende der Axt, den Knöchel. Dann warf er sie auf den Sattel des kleineren Pferdes, nahm es am Zügel und sie ritten unter dem Halbmond davon.

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