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    Reif für die Insel

    Was würdest du auf eine Insel mitnehmen? Mein Buchtipp: Ein Buch zum Stricken. Bei den Staus musst du anfangen, um etwas zu verändern. Kannst du mir kurz deine Schuhe leihen?


    Ich habe eine Vorliebe für Stricken. Hier oben auf dem Schrank ist das Denken einfach etwas völlig anders als sonst.

    Von hier aus kann ich z.B. zu den Nachbarn direkt ins Badezimmer und im ersten Stock gar auf den Teller schauen.

    Ich rufe ihnen am geöffneten Fenster schon morgens einen fröhliches ,,Hallöle!" entgegen, in deinen Schuhen

    und wünsche ihnen viel Glück für den gesamten Tag. Es ist alles eine Frage der Perspektive und der inneren Haltung.

    Meine Erzfeindin werde ich heute übrigens mit Blumen beglücken, und ich werde sie dabei anlächeln:

    ,, Madam!" werde ich sagen ,, wissen Sie was? -Sie sehen einfach bezaubernd und umwerfend aus! Diese Blumen habe ich alleine für

    Sie gestrickt, voila!"



    Gefühlt müsste ich mit dieser Geste nun etwa auch deine Größe erreicht haben, die Größe von einem Schranktyp.

    Eine ganze Woche laufe ich dann in deinen viel zu großen Schuhen herum,

    natürlich nur, wenn du es mir erlaubst, und du sie für mich eine Woche lang entbehren kannst. Ich brauche dich für den Anfang.

    Ich laufe deine üblichen Wege ab, und singe dein Lieblingslied wie ein Mantra vor mich her.

    Anschließend umspanne ich meinen Kopf mit unbeschriebenem Toilettenpapier und taste mich vorsichtig vor, noch etwas umnachtet und blind.

    Dann wickele ich auch dich ein und übernehme dein Dreilagiges... ganz einfache Rollenspiele mit Rollentausch, ich bin noch im Lernmodus,

    höchst effektiv übrigens. Verrücktes entrückt, macht wieder sehend, frei, und öffnet den Käfig.



    Für mindestens ein Jahr verzichte ich nicht nur auf Kaffee, Zigaretten, Alkohol, Kaugummi und das übliche,

    sondern vor allem auf meine Krankenkasse, ich schwöre dir, das mache ich!

    Barfuß werde ich meine Gesunderhaltung durch äußerste Achtsamkeit wieder erlernen. Barfuß sind immerhin die Schuhe von Diogenes.

    Das dadurch ersparte Geld stecke ich in das Insel- Projekt: die Reise ins Innere, keine Flucht, wo denkst hin?

    Dazu zählt auch Frühförderung von Andersartigkeit, Mut, Beweglichkeit, Achtsamkeit und der eisernere Wille zur absoluten Wahrheitssuche.

    Daran werde ich reifen für Wege, die noch nie jemand beschritten hat, du wirst schon sehen! Reifen mit quietschenden Reifen. Ich beginne

    mit Blech und arbeite mich zur goldenen Wahrheit vor.



    Mein Weg führt zu einer grauen und unscheinbar zubetonierten Verkehrsinsel, direkt dort unten am Knotenpunkt Köln Süd im Sonntagsanzug.

    Dort werde ich fortan unbeschränkt Denken. Jeden Tag um Punkt drei Uhr begebe ich mich für drei Stunden auf Sichtbeton,

    umgeben von einer neunzigprozentigen Stauwahrscheinlichket. Ich werde meine Yoga- Haltung den Jahreszeiten anpassen.

    Als ewig lächelnder Buddha mach ich den Kranich mit Sonnenbrille, auf stabilem einfachen Holzstuhl, mit Schirm gegen Sonne und Regen.

    Dort stricke ich mir einen Blumenreif, bunte Blumen und Pullover für Menschen, die frieren. Ich verteile gestrickte Blumenbotschaften.

    Dort schreibe ich auch an einem Aussteiger- Roman über meine neu gewonnen Insel -Erfahrungen. Du wirst in Staus Gelegenheit finden

    meinen Roman zu lesen. Nein, es werden Staus entstehen, weil die Fahrer ihn lesen. Und dann gerät die Welt wieder in Fluss, ,,Flow" würde

    man heute dazu sagen.



    Autofahrern werde ich so zu einer verlässlichen Größe werden. Sehnsüchtig kurven sie an meiner Insel vorbei.

    Mit der Zeit werden sich so etwas wie ,,persönliche Beziehungen" von ganz alleine ergeben.

    Vertraute Gesichter winken mir jetzt schon zu, oder sie hupen kurz im Vorbeifahren, geben leise Zeichen.

    Diese haben meine Botschaft im Vorfeld verstanden. Ich lerne ihre Hupen zu unterscheiden. Einige tragen einen Blumenreif im Haar.

    Manche machen für mich einen Umweg, und Erst- Betrachter fahren wieder ungläubig zurück und an mir vorbei, sie gaffen.

    Zuhause werden sie Unglaubliches zu berichten wissen: ,,Stellt euch vor, da sitzt jemand im Blumenmeer auf einer Insel an der Autobahn ..."



    Streifenbeamte werden die allerersten vor Ort sein und von mir wissen wollen, was ich dort überhaupt suche.

    Freundlich werde ich ihnen Auskunft geben, und sie fragen warum sie mir in der Sonne stehen. Die Dialoge sind alle gut vorbereitet.

    Ich werde den Streifenpolizisten einen quergestreiften Pullover schenken für den Winter.

    Beeindruckt werden sie laut hupend von dannen ziehen. Für solche ungewöhnlichen Fälle fehlt ihnen eine Amts-Schublade, das weiß ich.

    Die Presse und das Internet werden oft über das Insel- Projekt zu berichten haben. Sie brauchen heutzutage die andere Sicht auf die Welt.

    Nach spätestens zehn Jahren werde ich zu einem Wahrzeichen geworden sein . Schon versucht die Filmindustrie sich diese Idee

    einzuverleiben. Wie leicht ist es doch anders zu sein in einer Welt der großen Herdentriebe und genormten Gemeinschaften .

    Es bedarf nur der Hilfe eines Schrankes, einer unscheinbaren hässlichen Betoninsel und deiner Schuhe.


    Meine bunte Blumen- Insel wird nach und nach zu einem Meer werden und weltweit Erwähnung und überall ihre Nachahmer finden.

    Es geht bei allem jedoch längst nicht mehr um mich! Die Idee mit den selbstgestrickten Blumen wird zu einer Bewegung werden, ein

    Selbstläufer. Irgendwann wird man über die Anfänge spekulieren, und sie nicht in deinen Schuhen vermuten,

    bis alles vollkommen normal für alle geworden ist, so normal wie einfache Strickpullover und Strickblumen nun mal sind.

    Heute habe ich es seit langem wieder hinauf auf den Schrank geschafft, mein vertrautes ,,Oberstübchen", um an der Insel Vision weiter

    zu basteln. Hier brauche ich deine Schuhe schon nicht mehr.


    Die Nachbarn lassen ihre Rolladen jetzt auch tagsüber herunter, und hören sich dahinter mein ,,Hallöle" an, da bin ich mir ganz sicher,

    sie hören mir aufmerksam zu. Hier oben ist alles arg staubig geworden. Morgen werde ich verlegt, in einen ,,schranklosen Raum", wie

    sie sagen. Mein Denken funktioniert mittlerweile aber schon von alleine. Die schranklose neue Umgebung kommt mir da gerade recht.

    Gefühlt bin ich vor Wochen den Schrank schon los geworden, quasi schrankenlos.

    Es wird alles zur Selbstverständlichkeit werden, da bin ich mir jetzt schon ganz sicher. Aber nicht so naiv wie früher.

    Ich habe große Zuversicht. Blumenkinder von einst sind längst welk und überholt, die sind auch heute viel zu alt für solche Eskapaden.

    Nur wenige sind wirklich gereift und haben dazugelernt. Sie mögen ihre wertvollen Früchte zu dem Projekt hinzusteuern und verteilen.


    Die Insel, ist ja zunächst nur eine Idee, musst du wissen, die Zelle eines sich schnell ausbreitenden ,,Antikrebses". Die Bastion der

    Ruhe inmitten des Geschwürs von aggressiver Rushhour irgendwo in Köln Süd, dort wo die Staus angefangen haben.

    Bald schon werden sich Käfigtüren öffnen. Überall werden Strickblumen blühen und zur Begegnung einladen, Tee wird ausgeschenkt,

    ein unaufhaltsamer Dauerfrühling steht an, zumindest aus anderen Blickwinkeln, oben, barfuß auf dem Schrank oder sonst wo,

    irgendwo in deinem Kopf.


    Vielleicht werde ich bald sogar in den Schuhen von Sokrates laufen.

    Die nennen mich hier zumindest alle schon so, selbst das Pflegeteam. Und alle sind darauf mächtig gespannt.

    Heute Morgen hat sich mir eine neue Pflegerin sogar als ,,Xantippe" vorgestellt, sie wäre ab jetzt für mich zuständig .

    Ich hatte das für einen groben Scherz gehalten, glaube aber, die ist da oben ein bisschen krank, wenn du verstehst, was ich meine? Auf jeden

    Fall ist sie hier schon richtig. Ich lasse ihr gegenüber nichts anmerken. Aber erzähl ein bisschen über dich. Bist du jetzt öfters hier, oder nur für eine

    Buchsignatur? Lass mal deinen Reif sehen!
    Geändert von Anjulaenga (25.04.2016 um 14:19 Uhr)

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