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  1. #1
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    Goethes Glocke

    Hallo Leute
    Ich suchte im Internet vergeblich eine brauchbare Interpretation von Goethes letzter "Ballade" "Die wandelnde Glocke".
    Die Aussage des Gedichtes ist alles andere als eindeutig, zumindest von heute aus betrachtet.
    Einzelne Zitate von Literaten und Psychiatern zum Text ergeben kein Ganzes oder sogar Widersprüche.
    Wer kann mir Sekundärliteratur nennen, die sich damit befasst?
    Merci!
    w27

    vgl. https://www.gedichte.com/showthread....Ein-Jagd-Lied)
    Geändert von kaspar praetorius (22.06.2016 um 17:29 Uhr)

  2. #2
    Dr. Üppig Guest
    Ich habe bei einer schnellen Suche auch nichts konkret dazu gefunden...
    Hast du es schon mit den Goethe-Handbuch probiert (1996, von Witte, Buck, Dahnke und Otto)?
    Ansonsten habe ich bei bdsl einen Aufsatz "Das wackelnde Über-Ich" von Rainer Kirsch gefunden (erschienen 1991 in der Frankfurter Anthologie, Jahrgang 14), kann aber nicht sagen, inwiefern er sich mit dem Gedicht beschäftigt - der Titel des Gedichts ist als Anmerkung eingetragen.

    mfG

  3. #3
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    Herzlichen Dank!
    Mit Kirsch komme ich nur teilweise weiter, nach dem, was ich gesehen habe.
    Das andere werde ich suchen.
    Schönen Abend!
    w27
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  4. #4
    Dr. Üppig Guest
    Hab noch was gefunden:

    Zur Allegorie der Glocke : zwischen Disziplin und Ritual ; Goethes Ballade "Die wandelnde Glocke" / Kodjio Nenguie, Pierre. - In: Rumänisches Goethe-Jahrbuch, ISSN 2069-9956, Bd. 1 (2011), S.49-68

    Vielleicht hilft das ja.

    mfG

  5. #5
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    Ob es hilft? Könnte an der Zugänglichkeit scheitern. Die empfohlenen Werke scheinen nicht in jeder Bibliothek rumzustehen.
    Hat einer von euch so ein Hand- oder Jahrbuch zu Hause?

  6. #6
    Dr. Üppig Guest
    Ja, ist vielleicht etwas problematisch, wenn man keine Universitätsbibliothek zur Verfügung hat. Viele größere Bibliotheken bieten aber einen Fernleiheservice an, der dir da helfen könnte. Außerdem kann man einige Aufsätze im Internet finden bzw. auf etwaigen Bibliotheksseiten auch herunterladen. Ansonsten kann ich noch die Seite medimops empfehlen, da gibt es oft Bücher, die sonst nicht zu finden sind.

    mfG

  7. #7
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    Hallo wilma,

    ich weiß nicht, warum du so auf Fremdinterpretation aus bist, denn die eigene ist doch die wichtigste und ich halte sie bei diesem Gedicht für gar nicht so schwer. Grobe Richtung: Die Glocke ist die des schlechten Gewissens, der Kirche fernzubleiben, die in diesem Kind installiert wurde. Das Kind ist Goethe selbst, der sich fragte, was ihn denn an der Kirche festhielt, wenn es nicht der Glaube an Gott war. Das in das Feld hinausgehen steht für die Wissenschaft, die dem christl. Dogma gerade zu Goethes Zeiten der Aufklärung entgegensteht. Der Wissenschaftler kapituliert letztendlich vor seiner christlichen Prägung und stellt seine Erkenntnisse daraufhin infrage, verleugnet sie sogar.

    Letztendlich steht die Obrigkeitshörigkeit insgesamt am Pranger, da selbst der Freigeist sich daraus nicht vollständig befreien kann, auch wenn er den Sinn des Befolgens nicht zu erkennen vermag. So passt es auf jeden Vers, und es gibt m.E. nichts darin, dass diesem Verständnis zuwiderläuft.
    Aus meiner Sicht ein eher einfach zu verstehendes Werk Goethes.

    VG
    Geändert von Arkadier (19.06.2016 um 10:47 Uhr)
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  8. #8
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    Danke, Taras Bulba
    Mit medimops habe ich auch schon mir wertvolle vergriffene Büchlein gefunden, die man sonst kaum fände.
    Aber zuerst werde ich es mal über die Unibibliothek versuchen, jemand mit Benutzerkarte habe ich schon mal aufgetrieben.

    Danke, Arkadier
    für deine detailreiche Hilfe.
    Die Rolle der Mutter scheint mir ambivalent zu sein, ihr "fackeln" wird dementsprechend unterschiedlich in moderne Sprache übersetzt.
    Ebenso zweideutig kommt mir die letzte Strophe vor, vor allem Zeilen 3/4.
    Rätsel gibt mir nebenbei auch das "Die Glocke, Glocke" auf. Obwohl ich es durchaus begründen könnte.
    Also am meisten Zweifel kriege ich bei der letzten Strophe. Deine Interpretation in Ehren (anstelle von "Gott" haben andere auch schon Herder genannt), aber es fehlt mir die rein kriminalistische Beschreibung des "Tathergangs" in moderner Sprache.
    (Das Problem geht übrigens auf eine Kommentarserie unter einem von meinen Texten im Forum zurück, in welchem dieses Goethe-Gedicht seiner Sprache wegen zitiert wurde.)

    Schönen Sonntag euch beiden
    w27

  9. #9
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    "Die Glocke Glocke tönt nicht mehr, - Verdopplung Versmaß
    Die Mutter hat gefackelt. - "Ich fackle nicht mehr lang, ich handle jetzt" vs. Ich fackle, ich lasse gewähren" Er strengte die Umgangssprache an.
    Doch, welch ein Schrecken! hinterher
    Die Glocke kommt gewackelt." Auch wenn die Mutter aufgegeben hat, das christliche Gewissen holt ihn langsam wieder ein.


    "Und jeden Sonn- und Feiertag
    Gedenkt es an den Schaden,
    Läßt durch den ersten Glockenschlag, -Er folgt jetzt wieder der ersten Aufforderung
    Nicht in Person sich laden." - Er braucht jetzt keine persönliche Vorladung mehr, er hat sich gefügt, aufgegeben.
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  10. #10
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    Riecht ein wenig nach Beweisführung mit Hilfe des zu Beweisenden.
    Aber war interessant, deine Lesart zu erfahren.
    Redlichen Dank!
    w27

  11. #11
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    Ich sach ma so: Wenn das "fackeln" der Alte so gemeint hat, wie ich es verstehe, wäre es dann schlüssig ?
    Von "fackeln" abgeleitet ist das schwäbische Wort Fackeler „unruhiger Mensch“, das auch im Luxemburgischen in der Bedeutung „unbeständiger, unentschlossener Mensch“ existiert. Andere Begriffserklärung bezieht sich auf die Flamme einer Fackel, die heiß aber unruhig auf dem Fackelstock tanzt, was auch wieder Unentschlossenheit und daraus Untätigkeit beschreibt. Ich würde dahingehend Goethe keine kryptische Botschaft unterstellen, sondern es genauso verstehen. Dies ist vll. in Goethes Zeit ein noch oft verwendetes Alltagswort gewesen. Heute wird es nur noch in der gegensätzlichen Variante " nicht lange fackeln" gebraucht.
    Ich bin zu etwa 99, 9 % sicher, dass man es so verstehen kann.
    Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.
    Henry van Dyke

  12. #12
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    wackeln und fackeln haben nicht von ungefähr praktisch den gleichen wortstamm.
    ich muss nicht unbedingt von einer interpretation überzeugt werden, ich bin offen und interessiert für möglichkeiten.
    wie schon gesagt, bin ich in diese geschichte hineingerutscht, weil einer unserer kollegen hier goethes ballade als beispiel für schlechten umgang mit sprache anführte. als ich goethes text gefunden hatte und las, fiel mir auf, dass die beschriebenen ereignisse nicht von jedem interpreten gleich verstanden wurden. unter anderem sah unser literat und moderator nachteule in der letzten zeile eine unschickliche inversion, die ich nicht erkennen konnte. gerne hätte ich das grosse vorbild mit schlagkräftigen argumenten verteidigt gegen den verdacht, beim schreiben von gedichten fehler gemacht zu haben, deshalb suchte ich sekundärliteratur.
    schönen tag
    w27

  13. #13
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    Oh, die wandelnde Glocke!

    Es war das erste Gedicht, das wir in der Grundschule ("Katholische Bekenntnisschule") lernen, uns gleichsam hinter die Ohren schreiben mussten. Und ich kann es immer noch auswendig, wohl, weil es mir damals einen gehörigen Schrecken versetzte, ebenso wie das gruselige Bild im Lesebuch.

    Meine Freundin musste ja sonntags immer in die Kirche, und ich schwänzte aus Solidarität mit ihr mit. Doch Goethe hatte gefackelt, wie wir bald feststellten.

    Nach allem, was ich heute über den Freigeist Goethe weiß, würde ich der Interpretation von Arkadier zustimmen. Goethe ist anscheinend von der Obrigkeit fehlinterpretiert und für ihre Zwecke eingespannt worden.

    "Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr" - Durch die Verdoppelung wirkt die große Glocke einerseits noch bedrohlicher, andererseits schwingt ihr beständiges Bim-Bam mit.

    "Fackeln" ist/war zumindest im süddeutschen Raum gebräuchlich. "Es wird nicht lang gefackelt" z.B. bedeutet "es wird nicht lang drum rum geredet".

    Bei redensarten.net habe ich folgende Erklärung gefunden:

    nicht lange fackeln

    Bedeutung
    nicht zögern/zaudern - keine Umstände machen - kurz entschlossen vorgehen - nicht lange nachdenken/überlegen, sondern rasch handeln

    Herkunft
    Das in Vergessenheit geratene Verb "fackeln" (vackelen) meinte in erster Linie brennen wie eine Fackel, aber auch sich unruhig hin und her bewegen wie die Flamme einer Fackel, die hin und her lodert. In alten Wörterbüchern wird für "fackeln" scherzen als weitere Bedeutung angegeben. In diesem Sinne kann man die Redewendung "nicht lange fackeln" auch so verstehen, dass nicht lange gescherzt, sondern sogleich ernst gemacht wird.


    Das Kind denkt also, die Mutter hätte gescherzt. Ein Trugschluss, wie sich später herausstellt.

    Sprachlich ist Goethes Gedicht doch in Ordnung?

    Liebe Grüße
    Halbe Frau
    Geändert von Halbe Frau (22.06.2016 um 14:54 Uhr)
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    En el corazón del sueño

    Camarón de la Isla

  14. #14
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    Damit bringst du erstens eine willkommene Geschichte aus dem wirklichen Leben ins Spiel und zweitens eine mMn wiederum andere Interpretation des Gedichtes. (Das Kind denkt, die Mutter habe gescherzt.) Irre ich mich und deine Sicht deckt sich zu 1000 % mit derjenigen Arkadiers?

    Danke für den aufschlussreichen Beitrag
    w27

  15. #15
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    Ja. Aus meiner Sicht kann sich Arkadier seiner Interpretation zu 100 % sicher sein.

    Das Gedicht ist leicht zu verstehen, könnte man als Kind und zukünftige Untertanin meinen. Und auch, wenn man später feststellt, dass es gar nicht stimmt, was sie uns erzählten, und dass das Gedicht eine Allegorie ist, das Bild von der wandelnden Glocke lässt einen wohl nie mehr los.

    Ob Gott, Göttin, Götter oder Weltgeist, der Mensch strebt nach dem Höheren. Das nutzt die Obrigkeit für ihre Zwecke aus. Armer Goethe, arme Kinder.

    Liebe Grüße
    Halbe Frau
    Geändert von Halbe Frau (22.06.2016 um 15:26 Uhr)
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    Camarón de la Isla

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