1. #1
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    Wogendes Glück im Reigen der Geigen

    Zertanze, du Schöne, die duftende Wiese!
    Den federnden Rasen bestreich mit den Füßen
    vibrierenden Schrittes! Zertanz und genieße,
    wenn wenige Tage dein Glück sein müssen!

    Durchflieg ohne Zaudern die blühenden Stunden
    und schraub dich verwegen zu luftigem Reigen
    in schwindlige Höhen! Dann lass mich von unten
    den Himmel behängt sehn mit jubelnden Geigen!

    Beeil dich, die Winde drehn plötzlich nach Norden,
    verwirble die Hüften zu rauschenden Läufen!
    Mach schnell, denn das Glück ist nicht einfach zu horten,
    ist leicht und vergänglich, unmöglich zu äufnen!
    Geändert von kaspar praetorius (19.06.2016 um 23:25 Uhr) Grund: 3 Kommentare

  2. #2
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    Hallo, wilma
    der Daktylus mit seinem schon tänzerisch anmutenden Takt passt sehr schön zu dem wogenden Glück Deiner Verse. Wie wäre es, wenn Du den vierten Vers der ersten Strophe
    wenn wenige Tage dein Glück sein müssen xXxxXxxXxXx auch komplett in den Daktylus bringst? Dass Füßen/müssen nicht der optimale Reim sind, weißt Du selbst am besten.
    Das Ende der letzten Strophe gibt mir ein Rätsel auf: Kenne ich das Wort "äufnen" nicht oder ist es ein Tippfehler? Dem Sinn der Verse folgend, könnte der letzte Vers bedeuten, dass man Glück nur durch die Befolgung Deiner Aufforderungen horten kann, dass es schrecklich vergänglich und unmöglich zu häufen ist.
    Ich bin bei meiner Suche nach Gedichten der besseren Art auf jeden Fall fündig geworden.
    Gruß,
    Festival

  3. #3
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    Hallo wilma,

    dem Gesamturteil von Festival schließe ich mich an, Dein „luftiger Reigenfedert und vibriert. Dass S1Z4 nicht "komplett im Daktylus" ist , hat mich jedoch nicht gestört, im Gegenteil finde ich es einen Marker und rhythmisch eine gelungene Variation, etwa wie ein Schönheitpflästerchen auf einem hochgeschminkten Gesicht.
    So auch die „nicht optimalen“ Reime: nicht nur bei „Füßen/müssen“, sondern auch bei „Wiese / genieße“, „Stunden / unten“, „Norden / horten“ und „Läufen / äufnen“, also bei allen außer einem: „Reigen / Geigen“, und der ist so abgelutscht, dass sich die Tanzwiese biegt. Wie sollen auch die Reime hier glatt sein, wenn die Geschichte in der S2 so außer Rand und Band gerät, da wird’s ja surreal.

    Dein schweizerisches äufnen schließlich ließe sich leicht übersetzen, wahrscheinlich willst Du aber auch hier den Reim vermeiden.

    Auch „ich bin bei meiner Suche nach Gedichten der besseren Art auf jeden Fall fündig geworden“ - da schließe ich mich Festival wieder an

    Michael
    Geändert von Michael Domas (19.06.2016 um 10:30 Uhr)

  4. #4
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    Guten Morgen, ich schließe mich Festival und Michael an - sehr gern gelesen. Da dein Gedicht stilistisch doch eher Klassikern folgt, mag ich deinen Umgang mit den Reimen, auch rhythmisch - alles gelungen. Mich irritiert eher das fast schon banale "Mach", zumal du es wiederholst und ja - "äufnen" kommt in meinem Sprachschatz nicht vor und zerstört etwas das innere Nachklingen. Ein Hoch der Leichtigkeit. Schönen Sonntag wünscht TinaH
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  5. #5
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    Hallo ihr drei
    Schönen Dank für eure Kritiken.

    Dass "äufnen" laut Duden "schweizerisch" ist und klar dem Mittelhochdeutschen zugeordnet, wusste ich nicht. Ich hielt es für typischen Wortschatz rückwärtsgewandter Etepetete-Poeten. Gerne nehme ich MD's Begründung an für das Beibehalten dieses Verbs.

    Dass ihr nun hier von Daktylen schreibt, wo ich das doch nur geschrieben habe als vermeintlichen Beitrag zur Diskussion um den Amphibrachys... Tja, da sieht man wieder: Gut gemeint ist nicht gut gelungen.
    Die "Schönheitsfehler" im Metrum sind tatsächlich absichtlich gesetzt worden, weil ein so schmaler Grat besteht zwischen Fehler und eben Schönheitsfehler, was zwischen MD und mir und anderen in letzter Zeit öfters Thema war.
    Nun freut es mich doppelt, wenn MD mir den Gedanken an ein Schönheitspflästerchen auf einem Gesicht übermittelt.

    Die "nicht optimalen Reime" sind ja eigentlich fast noch mehr Reim als Anklang. Aber klar, sie fallen auf. Wenn sie nicht gefallen sollten, ist das kein Unglück. Anlass dazu war ein schmökern in den Gedichten von Jan Wagner, der dieses Ungeschickt-Reimen teilweise zu einem neuen Formalismus erhebt.

    Das erste "Mach schnell, denn" könnte man ersetzen durch "Beeil dich? Ginge von mir aus. Aber das "Mach schnell" stört mich selber nicht, weil der Text eine profane Aufforderung eines LI an ein LD darstellt, dem Hedonismus hier und jetzt statt zu geben.

    Der "Reigen" muss bleiben, weil es entfernt auf ein Gedicht des Kollegen Walther Bezug nimmt und eine andere Sichtweise auf ein amphibrachisches "Zwei Schritte links, zwei rechts"-Tänzchen eröffnen möchte.
    Weisst du mir eine Alternative für die Geigen?

    Tja, so viel "Versuch" und "möchte" und dann doch was, das euch gefallen hat... Da habe ich euch gerne in mein Spracharbeitszimmer schauen lassen.

    Schönen Sonntag
    w27


    so, jetzt liest es sich evtl. leicht anders, leicht kohärenter? (siehe oben)
    Geändert von kaspar praetorius (19.06.2016 um 23:28 Uhr)

  6. #6
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    Hallo wilma27
    Zwei Dinge gefallen mir hier auf Anhieb:
    das maßvoll Schwärmerische ohne völlig überzogenem Pathos UND er Text wirkt in sich stilistisch geschlossen....Metrikholperer hin oder her.
    Was nur wenigen Autoren gelingt, wenn sie das Ansinnen hegen in dreisilbigem Metrum zu schreiben, ist der Sprachfluß...und der läuft m.M.n. in diesem Text sehr gut....trotz einiger Wörter, die man natürlich als metrikorieniert "verdächtig" wahrnimmt...

    Auch ich habe bei "äufnen" gestutzt...müßte nachschauen..

    Sehr schön erlebe ich die sehr genau gesetzten Assonanzen und Binnenreime (sehn/drehn)

    inhaltlich mag ich gar nicht so viel herumkritteln....wegen der inneren Geschlossenheit, möchte aber nochmal die "vibrierenden Schritte" zu bedenken geben.

    Ein paar Körnchen noch zu meiner metrischen Ausdeutung (die mir aber gar nicht so wichtig erscheint):
    Meiner Meinung wechseln in diesem Text Amphys mit Daktyleen nebst einigem anderen Versfüßen:
    In den meisten Metriklehrwerken gibt es einen wichtigen Satz, der immerwieder zu wenig präsent ist:
    Silben und Versfüße werden in der deutschen metrik durch ihre versumgebung bestimmt (...und nicht absolut!).
    Und deshalb lese ich so:
    Zertanze, du Schöne, die duftende Wiese! ( v -v / v - v/ v - v v - v//) Amphy+Amphy+ Daktyl+Trochi
    Den federnden Rasen bestreich mit den Füßen ( [v] - v v - v/ v - v v - v/) Auftakt + Daktyleen + Trochi
    vibrierenden Schrittes! Zertanz und genieße, ( [v] - v v - v/ v - v v - v /) Auftakt+ Daktyl+Trochi/
    wenn wenige Tage dein Glück sein müssen!( [v] - v v - v/ v - v - v//) Auftakt+ Daktyl+Trochi/

    In den Zeilen 2, 3 , 4 steht mitten in der Zeile eine Zäsur. Silben die vor oder nach der Zäsur stehen, können weder rhythmisch noch metrisch zu einem Versfuß zugehörig verstanden werden. Diese Zeilen beginnen mit Auftakt. nach der Zäsur steht abermals eine weniger betonte Silbe, die abermals als Auftakt für den zweiten Halbvers verstanden werden kann. Damit sind bis auf Z1 die Zeilen daktylisch-trochäisch im Metrum, was man beim lauten Lesen auch hört. Die Zeilen sind durch die Zäsur in zwei fast identische Halbverse geteilt...fast spiegelbildlich.

    Wer weiß, vielleicht klang Dir noch der Alexandriner von Meister Gryphius rhythmisch unterbewußt im Ohr...vieles spricht dafür...

    In den weiteren Strophen gibt es ein paar metrische Variationen. Aber im Grundgestus ist es wie in S1 auch eher daktylisch-trochäisch.
    Soweit ein erster Blick
    gitano
    "Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit in der Kritik."
    feiner Satz von M. Reich-Ranicki

  7. #7
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    @wilma


    Grüße.

    Hier bricht dein Amphibrachys.
    Zitat:
    wenn wenige Tage dein Glück sein müssen!

    Vorschlag:



    Den federnden Rasen bestreich mit den Füßen

    Genieße den Duft, lass von Kräutern dich Grüßen?

    Für Kräuter kann man Blumen nehmen.

    Der Text gefällt, finde ihn gelungen.

  8. #8
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    Hallo gitano

    Erst mal herzlichen Dank fürs Lesen und Kommentieren.

    Ich stimme bezüglich Metrik in vielem mit dir überein.
    Und ich hatte sowohl G‘s Gedichte wie „Walthers“ Hummel-Reigen (und seine anderen „Amphibrachen“) im Kopf.
    Besonders beim einen Vorbild zerfällt die schöne Vase nach meinem Eindruck zu stark in Scherben, weil nur mit Einsilbern und Trochäen vermeintlich „echte“ Amphibrachen (ohne Daktylen und Anapäste oder Iamben) dominieren können. Was zum Resultat führt, dass ein zerhacktes Gedicht fast ohne Bindungen über den xXx-Berg hinweg entstehen kann.
    So habe ich das gesehen und wollte es anders versuchen.

    Alles in allem bin ich auch nach deiner Kritik einigermassen zufrieden mit dem Ergebnis, obwohl ich zugebe, selber nur wenige echte Amphibrachen verwendet zu haben.
    Immerhin ist mein Schema xXxxXx / xXxxXx durchaus symmetrisch (wie der A.), egal, ob darin Daktylen und Trochäen und sogar Iamben vorkommen.

    O.k., sagen wir: „Operation misslungen, aber Patient erstaunlicherweise gesund“?

    Hallo horstgrosse2

    Die Stelle, welche du anstreichst, ist mir eine der liebsten und ich gebe sie ungern auf. Ich habe versucht, rhythmische Akzente zu setzen, das ist einer davon. Ich denke, dass es nicht besser klingt, wenn ich dort das motorisch-automatische Rattern der Verse bis ins Letzte einhalte.

    Dein Vorschlag mit "Lass von" passt übrigens nicht ins Metrum, wenn du meine Meinung lesen willst.
    Euch beiden ein schöne WE
    w27

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