Thema: Der Honigdieb

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    Der Honigdieb

    In einem Wald lebte einmal ein König, der hatte sieben schöne Töchter. Da keine
    von ihnen heiraten wollte, schenkte er jeder ein liebliches Schlösschen. Der
    Jüngsten aber, die von allen die Schönste war, gab er das allerschönste und
    allerprächtigste Schloss. Es hatte sogar goldene Türmchen, auf denen ausgelassen
    die weißen Fähnchen tanzten, und so war jeder Tag ein freudiges Fest voll heiterer
    Spiele und fröhlichem Gelächter.
    Die anderen Schwestern aber spürten es wie Dornen im Fleisch, daß der König
    nur seine jüngste Tochter wirklich liebte. Zwar verbargen sie ihren Neid aus
    Angst, den König zu bekümmern. Doch wenn sich die Sechs heimlich trafen,
    geiferten sie in grenzenloser Verachtung gegen die selbstsüchtige Schwester.
    Eines Morgens wußte der König, daß er sterben würde. So rief er ein letztes Mal
    seine Töchter zu sich ans Bett. Und sie eilten herbei, alle bis auf die Jüngste, denn
    der rasch entsandte Bote lebte nicht lang genug, um ihr Schloß zu erreichen.
    Und wie der König jede Tochter zum Abschied küßte und endlich nach seiner
    Jüngsten fragte, bekam die Älteste einen tobsüchtigen Blick. „Da seht, wie böse
    Eure jüngste Tochter ist! Wie sie es wagt, Euch in dieser Stunde nicht
    beizustehen! Sie hat Eure Liebe wahrlich nicht verdient!“
    Ihre Schwestern stimmten aufheulend mit ein, doch der König hob gebietend die
    Hand. „Schweigt. Eine jede von Euch wohnt in meinem Herzen, und meine
    Lieblingstochter wird Gründe für ihr Fernbleiben haben. Ich bitte Euch nur, so Ihr
    mich liebt: nehmt sie an als eine von Eures Vaters Blut, denn nur gemeinsam
    könnt Ihr die schweren Zeiten durchstehen, die da kommen werden.“
    Dann schloß der König für immer die Augen. Die Töchter fingen an zu klagen und
    zu weinen, und hätte man sie nicht von der Totenstatt fortgeschafft, hätten sie in
    ihrem Schmerzensleid den Leichnam wohl zerrissen. Trauer lag über dem Reich,
    und tränenreich war die Trauer.

    Rauchsäulen standen über dem Wald, überall brannten Dörfer. Die Menschen
    flohen in die dunklen Tiefen des Waldes mit nichts als ihrem Leben. Es hieß, eine
    böse Königin versuche, mithilfe einer großen Armee von Rittern in schwarzen
    Rüstungen die Herrschaft über den Wald zu erlangen. Die Königin selbst sei eine
    Zauberin und würde jeden Widersacher mit einem todbringenden Fluch belegen.
    Auch die sechs Schwestern mußten aus ihren Schlössern fliehen, wollten sie nicht
    ermordet werden. Doch wo sollten sie Unterschlupf finden? All ihrer Reichtümer
    beraubt, wußten sie keinen besseren Ort als das Schloß ihrer Schwester.
    Als sie erschöpft aus dem Wald auf die Schloßwiese traten, sahen sie es auf
    wundersame Weise heil und unversehrt vom Krieg - es strahlte und funkelte wie
    ein verwunschener Ort der Unschuld. Da wurden die Schwestern sehr zornig und
    beschlossen, es der Jüngsten endlich heimzuzahlen.
    Die öffnete arglos das Tor und weinte vor Freude, daß alle mit dem Leben
    davongekommen waren. Die Schwestern aber setzten sich ohne Umschweife an
    die Tafel in der Halle. Sie verlangten nach den besten Speisen und dem süßesten
    Wein und wollten wie Königinnen bewirtet werden.
    Die Jüngste brachte nur vom Besten, doch die Schwestern beäugten alles voller
    Mißtrauen und wähnten Gift in den Speisen, sodaß sie ihre Wirtin zuerst von
    allem kosten ließen.
    Als es Zeit zu schlafen war, wurden die Schwestern zu ihren Zimmern geführt.
    Obwohl ein jedes mit den weichsten Kissen und wärmsten Decken ausgestattet
    war, beklagten die Schwestern die unwürdige Unterbringung. Und da sie nicht
    einsehen wollten, daß sie es bequemer haben sollte als sie selbst, hießen sie die
    Jüngste wie eine Magd in der Küche schlafen.
    Mitten in der Nacht, das Schloss lag ruhig da im bleichen Glanz des Mondes,
    zerrissen scheppernde und klappernde Geräusche die geisterhafte Stille. Aus dem
    Waldesdunkel traten zahlreiche Schatten, die das Schloss von allen Seiten zu
    stürmen versuchten. Da unterbrach ein wütendes Tiergebrüll den Angriff. Ein
    schlimmer Schlachtensturm begann, begleitet von krächzenden Lauten und
    ersterbenden Schreien. Die unheimliche Stille, die danach folgte, war noch
    furchterregender als der Schlachtenlärm zuvor. Keiner der Schlossbewohner tat in
    jender Nacht ein Auge zu.
    Am Morgen danach lagen viele schwarze Rüstungen ums Schloß verstreut. Die
    schwarzen Ritter der Königin waren glücklicherweise aufgehalten worden, doch
    wovor sie geflohen waren und weshalb sie ihre Rüstungen zurückgelassen hatten,
    blieb allen ein Rätsel.
    Die fürchterlichen Ereignisse verstärkten den Haß der Schwestern, und so
    fesselten sie die Jüngste, zerkratzten ihr unter höhnischem Gelächter das Gesicht
    und warfen sie in den dunklen Keller, wo sie Hungers sterben sollte.
    Die Jüngste weinte sehr vor Angst und sprach in ihrer Einsamkeit sogar mit den
    abgeschnittenen Köpfen der gemeuchelten Diener, welche die Schwestern unter
    höhnischem Gelächter in ihr dunkles Verlies herabwarfen. Letztere tanzten in
    grausamer Ausgelassenheit umher, ohne das Schloss je zu verlassen, plünderten
    die gut gefüllten Speisekammern und leerten die Fässer, bis nichts mehr übrig
    geblieben war.
    So kam es, daß sie schließlich großen Hunger litten und in Angst gerieten,
    jämmerlich in dem erbärmlichen Schloss zu sterben. In ihrer Not flehten sie sogar
    den Himmel um Hilfe an, und tatsächlich trat tags darauf eine seltsame Gestalt
    vors Schloss, nicht Mensch, doch mit einem großen Korb auf dem Rücken, der
    randvoll mit Brot und Käse und Wurst gefüllt war. Die sechs Schwestern riefen
    der Gestalt näherzukommen. „Wer oder was du auch bist, gib uns von dem Essen!
    Deine Herrinnen befehlen es dir!“
    Die Gestalt näherte sich, beäugte die winkenden Weiber und kratzte sich
    nachdenklich am pelzigen Kopf. “Ich bin ein Bär und gebe Euch gern, wonach Ihr
    verlangt. Doch ebenso verlange ich etwas von Euch!“
    Die Älteste sprach nun sehr majestätisch. „Was es auch sei, wir geben es dir, so du
    uns den ganzen Korb überläßt!“
    Der Bär stellte den Korb vor sich ab. „Dann gebt mir, worauf Ihr am ehesten
    verzichten könnt“.
    Die Schwestern kamen schnell überein, daß sie auf ihre jüngste Schwester am
    ehesten verzichten konnten. Daraufhin führten sie zwei aus dem Keller, zwei
    andere schleiften den Korb herein und die fünfte verriegelte schnell wieder das
    Tor. Die Verstoßene jedoch hämmerte verzweifelt dagegen und flehte ihre
    Schwestern an, wieder eingelassen zu werden.
    Die Älteste hatte oben den Bären im Blick behalten, jetzt wies sie die Jüngste
    zurecht. „Du hast uns immer nur Leid und Kummer bereitet, uns den geliebten
    Vater genommen und dafür gesorgt, daß wir im Elend leben müssen statt wie
    richtige Königinnen. Geh nun und opfere dich dem Bären, das ist noch das
    Geringste, was du zur Wiedergutmachung leisten kannst!“ Auch die anderen
    riefen gellend nur „Hinaus! Hinaus mit dir für immer! Das ist die gerechte Strafe
    für deine Schandtaten!“ und schüttelten ihre Fäuste.
    Da zerriß ein greller Schmerz das Herz der Jüngsten, und sie schrie auf wie ein
    waidwundes Tier. „So werdet endlich glücklich ohne mich!“ Bleich und
    schluchzend überließ sie sich den großen Tatzen des Bären, der sie mit sich in den
    dunklen Wald nahm.

    Nach einem halben Tagesmarsch gelangten sie an einen hohen Felsen. Das
    Mädchen mußte an ihm hochklettern und fand auf halbem Weg eine Öffnung zu
    einer Höhle. Der Bär war dicht hinter ihr geblieben, schob sie hinein und
    entzündete eine Fackel.
    Die Höhle war geräumig wie ein Haus, doch statt Tisch und Stühlen und
    Schränken standen dort nur grob behauene Holzklötze. Das Mädchen fing an zu
    weinen und breitete flehend die Arme aus. „Wenn du mich nun fressen willst, so
    tu es gleich! Keinen Moment länger will ich an diesem Ort bleiben!“
    Der Bär brummte erstaunt. “Ich habe nicht vor, dich zu fressen. Hier wohne ich,
    und du ab jetzt auch“.
    Da weinte das Mädchen noch mehr und sie flehte mit weher Stimme. „Wenn du
    mich nicht fressen willst, so lass mich doch gehen, zurück zu meinen Schwestern!
    Ich könnte niemals mit einem Bären zusammenwohnen!“
    Da lachte der Bär hämisch. „Du lebst lieber in einem finsteren Kerker als in
    Freiheit? Viele Nächte hörte ich dich weinen in deinem dunklen nassen Loch,
    während deine Schwestern in Saus und Braus lebten und sich über deine
    Verzweiflung lustig machten und dir zuriefen, wann du endlich sterben willst. Ich
    habe dich vor ihnen gerettet. Meinst du nicht, daß du mir etwas Dank schuldest?“
    Das Mädchen näherte sich langsam dem Höhleneingang. „Lieber sterbe ich im
    Kerker bei meinen Schwestern als mit einem häßlichen Vieh wie dir zu leben!“
    Und sie sprang aus der Höhle, rutschte den Fels hinunter, rappelte sich unten
    wieder auf und rannte in den Wald hinein.
    Stunde um Stunde rannte sie, bis sie nicht mehr konnte und bitterlich schluchzend
    aufs grüne, weiche Waldmoos fiel, wo sie völlig erschöpft einschlief.

    Als das Mädchen wieder erwachte, lag sie in einem einfachen, doch behaglichen
    Bett. Lächelnd meinte sie, von guten Leuten gefunden und in ihrer Bauernkate
    untergebracht worden zu sein. Da war ein einfacher Tisch mit Stühlen, darauf
    lagen Teller aus Holz und Krüge aus Ton. In der Ecke glühte ein kleiner Ofen, und
    das Mädchen war dankbar für die heimelige Wärme, die er verströmte. Was sie in
    den Tagen und Wochen zuvor Schreckliches erlebt hatte – das konnte nur ein übler
    Traum gewesen sein.
    Frohgemut sprang sie aus dem Bett, um ihren Rettern zu danken. Sicher waren sie
    gute Menschen, die sich auch in schlechten Zeiten um ein armes Mädchen
    kümmerten. Da hörte sie im Dunkel der Hütte ein unheimliches Geräusch. Wie
    erschrak das Mädchen, als sie über die Schulter blickte und den gräßlichen Bären
    auf sich zukommen sah! Sofort schossen verzweifelte Tränen in ihre Augen - was
    für ein Unglück, der böse Traum war noch immer nicht vorbei!
    Der Bär brummte mürrisch und legte einen braunen Sack auf den Tisch. Dabei
    musterte er das Mädchen. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Jedenfalls hast du
    sehr lange geschlafen.“
    Das Mädchen wich vor dem Untier zurück. „Wie soll ich gut geschlafen haben,
    hier, als deine Gefangene?“
    „Hast du keinen Hunger?“
    Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Warum läßt du mich nicht gehen, siehst du
    denn nicht, wie unglücklich ich bin?“
    Der Bär deutete auf den Sack.„Da, für dich. Es ist Honig darin. Honig von den
    garstigen Waldbienen, die mir beim Sammeln immer die Schnauze zerstechen.“
    Das Mädchen lachte bitter. „Das ist kein Wunder. Die Bienen strafen dich zurecht,
    denn du bist ein Dieb, ein böser Honigdieb! Mich hast du auch geraubt, den
    Armen meiner Familie entrissen! Ist denn die ganze Welt so schlecht geworden,
    daß die guten Menschen immer so leiden müssen? Wieso kann es nicht schön sein
    wie früher, als mein Vater noch lebte und meine Schwestern gut zu mir waren? Du
    widerliches Scheusal hast mich ins Unglück gestürzt, nur weil es dir Freude
    bereitet mich zu quälen!“
    Där Bär lachte schallend. „Ja, ich bin wohl ein Dieb, doch willst du wissen, wer
    noch einer ist? - Dein Vater!“
    „Oh nein!“
    „Oh doch, oder glaubst du etwa, er wäre allein durch gute Taten an sein
    Königreich gelangt? - Vielleicht weißt du es nicht oder willst es nicht wissen,
    doch ein Bauernbursche wie er könnte niemals ohne Raub den Reichtum
    anhäufen, um seinen sieben Töchtern sieben Schlösser zu bauen.“
    Das Mädchen weinte und schrie aus Leibeskräften, denn die Worte des Bären
    waren das Schlimmste, was sie je gehört hatte. „Du elender Lügner! Mein Vater
    war ein guter Mann, ein großer König! Der beste von allen, und niemand kann
    jemals neben ihm bestehen, noch in Hundert Jahren nicht! Wenn ich könnte,
    würde ich dir eigenhändig den Kopf abschlagen!“
    Der Bär sprach unbeirrt weiter. „Nein, kleine Prinzessin, das sind keine Lügen.
    Ich kenne seine Geschichte. Er kam als armer Tagelöhner in dieses einst so
    wundervolle Waldreich, machte der Königin schöne Augen und stahl ihr Herz,
    sodaß sie ihn heiraten mußte gegen ihren eigenen Willen, den Willen ihrer Berater
    und des ganzen Volks. Und wie dankte er es ihr? Nachdem sie nur Töchter gebar,
    scheuchte er sie davon wie einen ausgedienten Hund ohne Zähne. Wer ist jetzt der
    größere Dieb? Und du bist kein Stück besser, denn du bist mindestens so
    undankbar wie dein geliebter Herr König.“
    Das Mädchen hielt alles für schreckliche Lügen, war jedoch zu schwach, um
    weiter aufzubegehren. Sie kroch zurück ins Bett und verbarg das Gesicht unter der
    Bettdecke. Fest drückte sie die Augen zu und wünschte sich an einen andern,
    besseren Ort, ohne Bären und Lügen und Bitternis. Als lange nichts geschah,
    öffnete sie ein Auge und spähte durch die Höhle. Der Bär war fort.
    Jetzt, wo sie allein war, spürte sie großen Hunger. Auf dem Tisch lag der Beutel
    mit dem Honig. Sie stand auf und blickte sich vorsichtig um, ob der Bär vielleicht
    nicht doch in einer dunklen Ecke nach ihr lauerte. Dann griff sie in den Sack und
    brachte ein paar Bienenwaben zum Vorschein, aus denen verführerisch der
    glänzend goldene Honig tropfte. Gierig leckte sie sich die klebrigen Finger ab -
    der Honig schmeckte wie süßer Traum, wie heiterer Gesang, wie geflügelte
    Unbeschwertheit vergangener Tage.
    Als nichts mehr übrig war, entschloß sie sich erneut zur Flucht. Sie starb vor
    Sehnsucht nach ihren Schwestern, die ihr bestimmt schon vergeben hatten.

    Vor der Höhle traf sie den Bären, Feuerholz an ein Seil befestigend, um es zur
    Höhle hinaufzuziehen. Als er sie erblickte, verdüsterte sich sein Gesicht. „Wohin
    willst du?“
    Das Mädchen lächelte fein. „Ich möchte mich waschen, verrate mir doch, wo sich
    der nächste Bach oder Fluß befindet?“
    Der Bär schüttelte den Kopf. „Es steht frisches Wasser im Krug auf dem Tisch, ich
    habe es erst heute morgen aus dem Bach geholt. Nimm das, um dich zu waschen.“
    Das Mädchen kam näher und strich dem Bären über den Nacken. Der wich
    erschauernd zurück, bleckte wütend die Zähne und fürchtete wohl erwürgt zu
    werden. Das Mädchen lachte hell. „Du brauchst keine Angst zu haben, jetzt, wo
    du mir die Wahrheit über alles erzählt hast. Ich werde nicht mehr ausreißen,
    versprochen!“
    Der Bär wies knapp mit der Schnauze in eine bestimmte Richtung. „Da geht’s
    lang. Doch bleib nicht zu lang. Ich rieche von überall den Gestank der schwarzen
    Ritter. Sie streifen umher und töten jeden, den sie zu fassen kriegen.“
    Das Mädchen lächelte zufrieden. „Vielen Dank, lieber Bär. Ich bin bald zurück.“
    Als sie am Bach angelangt war, schlüpfte sie aus ihren Kleidern und wusch sich.
    Dabei hielt sie heimlich Ausschau nach dem Bären, denn sie traute ihm nicht.
    Nach einer Weile zog sie sich wieder an und machte sich auf den Weg zum
    Schloss.
    Diesmal wollte sie sich nicht verlaufen. Sie orientierte sich am Stand der Sonne,
    versuchte sich an bestimmte Wegmarken zu erinnern, stille schmale Täler, die sie
    und der Bär auf dem Hinweg durchschritten hatten, vorbei an verkohlten Resten
    verlassener Hütten oder einer stumm klagenden Trauerweide am Wegesrand.
    Irgendwann sah sie das geliebte Schloss am Horizont, und das Herz schlug ihr
    umso freudiger in der Brust. Bald wäre sie wieder bei den geliebten Schwestern
    und alles wäre so, wie ihr Vater es sich gewünscht hätte.
    Die Sonne stand tief, als sie endlich vor dem Schloss stand. Wie verlassen lag es
    in der rötlichen Dämmerung, das Tor verrammelt. Als auf ihr Klopfen niemand
    antwortete, rief sie nacheinander die Namen ihrer Schwestern.
    Die ließen sich bald blicken und waren sehr überrascht, als sie ihre jüngste
    Schwester im schwummrigen Dämmerlicht erkannten. „Die? Warum hat sie der
    Bär nicht gefressen? Warum lebt das nichtsnutzige Ding noch? Was haben wir nur
    getan, daß uns die Plage immer noch verfolgt?“
    Das Mädchen aber wollte die Hoffnung nicht aufgeben. „Aber ich bin es doch, ihr
    lieben Schwestern, nehmt mich wieder auf, ich bin doch eine von euch!“
    Die Schwestern lachten höhnisch. „Pah! Hast du denn immer noch nicht erkannt,
    wie sehr wir dich von Anfang an verachtet haben, die du die Liebe unseres Vaters
    gestohlen hast? Glaubst du wirklich, daß unser Haß gegen dich jemals gestillt
    werden kann? Spürst du nicht, wie er jetzt von neuem aufflammt, da wir dich
    noch immer am Leben wissen? - Schwestern, tötet sie, ein für alle mal!“
    Und die anderen erschienen mit Bögen auf der Mauer und schossen Pfeile auf die
    Jüngste, die sich gerade noch in den Wald retten konnte, während die spitzen
    Geschosse an ihr vorbeizischten.

    Sie rannte lange ziellos durchs sperrige Dickicht bis zur Morgendämmerung, und
    als die Sonne eben zaghaft durch den Morgendunst und die Äste der Bäume
    schien, stand sie plötzlich wieder vor der Höhle des Bären.
    Das Mädchen horchte und hoffte, daß der Bär fort wäre, denn sie wollte sich nur
    etwas zu essen holen und dann weiterwandern, so lange, bis sie einen besseren Ort
    gefunden hätte.
    Leise erstieg sie den Fels. Am Eingang zur Höhle schlich sie auf Zehenspitzen
    hinein.
    Die Höhle lag verlassen. Sie ging sie zur Vorratskammer und legte so viel Essen
    in einen Beutel, wie sie tragen konnte. Dann bemerkte sie ein liebliches
    Himmelbett mit Decken und Kissen aus himmelblauer Seide. Sie spürte, wie
    erschöpft sie war. Das Bett war verlockend, sie wollte sich eine Weile ausruhen.
    Aber nicht zu lange, dem bösen Tier wollte sie nie wieder begegnen! Sie legte
    sich hin, weinte stumm und fiel bald in einen tiefen Schlaf.
    Es wurde Nacht, und der Mond warf sein silbernes Netz durch den
    Höhleneingang. Das Mädchen erwachte. Gleich am Eingang krächzte ein
    schwarzer Vogel, der sie mit häßlichem Blick beobachtete. Sie nahm ihren Schuh
    und warf nach dem Vogel, und da zerfiel er in Tausend summende Fliegen, die
    sich in der Nacht verloren. Dann hörte sie von draußen Geräusche von rieselnden
    Steinchen und Felsbröckchen. Voller Angst steckte sie den Kopf unter die
    Bettdecke, sodaß sie nur mit einem schreckgeweiteten Auge drunter vorstarrte.
    Im silbrigen Glanz erschien eine Gestalt – ein nackter, schöner Jüngling mit
    leidenschaftlichen Augen. Wortlos legte er sich zu dem Mädchen und sie liebten
    sich bis zum ersten Sonnenstrahl.
    Plötzlich sprang der Jüngling aus dem Bett. Das Mädchen erbebte vor Grauen und
    Abscheu, als der Jüngling von Schmerzen gepeinigt auf die Knie fiel, dickes
    schwarzes Fell aus seinem Rücken sproß und sein schönes Gesicht in die
    Schnauze eines Bären verwandelt wurde.
    Bedrohlich tappste er auf sie zu, und sie glaubte, jetzt sei der Moment zu sterben
    gekommen. Ihr verzweifelter Schrei hallte durch den Wald und die Eulen und
    Rehe, die Wildschweine und Eichhörnchen reckten erschrocken die Hälse. „Bin
    ich denn wirklich so schlecht? Ich wollte doch niemals stehlen!“
    Doch der Bär setzte sich mit hängendem Kopf auf die Bettkante und starrte traurig
    auf seine breiten Tatzen. „Ich liebte dich seit dem Augenblick, als ich dich zum
    ersten Mal sah. Ach würde mich der Fluch nur nicht so grausam entstellen, dann
    könntest du mich ebenso lieben.“
    Das Mädchen beruhigte sich etwas und wurde neugierig. „Von welchem Fluch
    sprichst du?“
    „Ich war ein Ritter der Königin, trug die schwarze Rüstung wie all die anderen,
    die sich um sie geschart hatten, um die Gefolgsleute des Königs und alle fremden
    Bewohner aus dem Wald zu vertreiben. Sie schickte mich zu den sieben
    Schlössern, verlangte, daß ich alle Prinzessinnen töte. Doch ich brachte es nicht
    übers Herz. Zur Strafe verwandelte sie mich in einen Bären, und ihre Handlanger
    sollten mich zu Tode hetzen. Mit letzter Kraft konnte ich mich in diese Höhle
    retten. Jetzt muß ich so lange ein Bär bleiben, bis es mir gelingt, von keiner
    einzigen Biene gestochen zu werden, wenn ich den Honig aus ihrem Nest stehle.
    Denn jeder Stich soll mich dran erinnern, welchen Schmerz ich der Königin durch
    meinen Verrat zugefügt habe.“
    Das Mädchen streckte gähnend die Arme aus und berührte dabei wie zufällig
    seine pelzige Bärenschulter. „Ich habe Hunger. Gibst du mir etwas von dem
    Honig?“
    Der Bär stand auf, ging zum Eingang der Höhle und breitete die Arme aus. „Ich
    bringe dir den süßesten Honig des ganzen Waldes!“
    Das Mädchen warf ihr Kleid über und folgte ihm. „Ich gehe mit dir, denn die
    Vögel zwitschern so fein.“

    Nach einer guten Strecke machten sie endlich Halt. Die Sonne stand bereits hoch
    am Himmel, und das Mädchen konnte vor Hunger kaum noch laufen. Der Bär
    zeigte auf einen alten Baum, der so hoch war, daß seine grüner Wipfel den
    Himmel zu berühren schien. „Dort oben befindet sich der beste Honig, den ich je
    gekostet habe. Schade nur, daß die Bienen mich wieder so zerstechen werden.“
    Das Mädchen aber hatte auf ihrem Weg einen Strauß wild duftender Blumen vom
    Wegesrand gepflückt. Die flocht sie nun zu einem Kranz und setzte ihn dem
    Bären auf den Kopf. „Hab keine Angst. Solange du den trägst, sind dir alle Bienen
    wohlgesinnt.“
    Und der Bär erkletterte mit seiner bunten Blumenkrone den Baum, bis er im
    dichten Geäst nicht mehr zu sehen war. Nach einer Weile ließ er sich wieder
    blicken, doch als er hinunterklettern wollte, verschwanden plötzlich seine
    Bärenkrallen. Er verlor den Halt und stürzte zu Boden. Das Mädchen schrie
    verzweifelt und hoffte, daß ihr Liebster noch am Leben war. Als sie zu ihm kam,
    hatte sich der Bär in den schönen Jüngling von letzter Nacht verwandelt. Er lag im
    Gras und schien friedlich zu schlafen, neben sich den Honig, den er zuvor
    gesammelt hatte.
    Sie kniete sich neben ihn. Tränen liefen über ihre Wangen, denn sie bangte, daß er
    nie mehr die Augen aufschlagen würde. Als sie seine blutigen Kratzer bemerkte,
    überschüttete sie seinen geschundenen Körper mit heißen Küssen. Da öffnete er
    langsam die Augen. Als er sah, daß kein schwarzes Bärenfell mehr seinen Körper
    bedeckte, weinte er vor Freude über den gebrochenen Fluch. Und das Mädchen
    weinte glücklich mit ihm, denn mit dem Blumenkranz im Haar sah er aus wie ein
    Prinz. Sie küßten sich seufzend und schworen sich ewige Treue.
    Doch das Mädchen hatte noch einen Wunsch auf dem Herzen. „Ein letztes Mal
    will ich zu den Schwestern gehen, allein, um mich für immer von ihnen zu
    verabschieden.“
    Die sanften Lippen des Jünglings erbebten ängstlich bei ihren Worten. „Geh nicht
    zu ihnen. Ich spüre, daß wir sonst nie wieder vereint sein werden.“
    Sie küßte ihn zärtlich. „Schlage mir diesen Wunsch nicht ab, mein Liebling. Ein
    letztes Mal muß ich sie sehen, die armen Geschöpfe, die nie einen schönen Tag
    erlebten. Danach will ich für immer dir gehören.“
    Der Jüngling nickte widerstrebend. „Aber nimm dich vor ihnen in Acht. Sie sind
    schlimmer als Tiere.“
    „Sie sind, was sie sind.“
    So trennten sie sich unter vielen Küssen und das Mädchen ging mit Honig auf den
    Lippen zum Schloss.

    Zu ihrer Überraschung stand das Tor weit offen und sie ging hinein. Doch im
    Schloss war es totenstill. „Wo seid ihr, Schwestern? Ich möchte euch nur Lebwohl
    sagen!“
    Nach einer Weile hörte sie leises Wimmern und Jaulen aus den dunklen Ecken des
    Schlosses, und das Mädchen fürchtete, den Schwestern sei etwas Schlimmes
    zugestoßen. Da hörte sie plötzlich von draußen ein lautes Geschepper und
    blechernes Geklapper, und als sie auf die Mauer kam, sah sie ringsum eine
    Vielzahl schwarzer Ritter aus dem Wald treten und das Schloß belagern.
    An einer Stelle teilte sich der schwarze Ring, und eine hohe Gestalt trat nach vorn.
    Sie war ganz in schwarze Kleider gehüllt und trug ein mächtiges Geweih auf dem
    Kopf.
    Die seltsame Frau blickte das Mädchen aus finsteren Augen an. „Sieh an, kleine
    Prinzessin. Es war recht schwer dich zu finden, doch da bist du, Stern deiner
    verdorbenen Sippe!“
    Das Mädchen klammerte sich erregt an die Brüstung, doch ihre Stimme klang fest
    und wütend. „Laßt mich und meine Schwestern in Ruh! Ihr habt hier nichts
    verloren in unserem Wald!“
    Die Königin lachte hell wie eine mißtönende Glocke. „Der Wald gehört mir seit
    Anbeginn der Zeit, und nur durch eine List böser Menschen wurde ich aus
    meinem angestammten Reich vertrieben. Doch wenn ihr erst vernichtet seid, wird
    alles sein wie vorher. Kein Mensch wird sich je wieder in diesen Wald wagen.
    Komm herunter und erwarte deinen Tod!“
    „Du machst mir keine Angst! Geh und nimm deine blechernen Sklaven, Ihr gehört
    nicht länger hierher!“
    Die Königin verzog das Gesicht. „Deine Widerspenstigkeit nützt dir nichts, doch
    sie schadet denen, die du liebst. - Bringt den Jungen!“
    Zwei schwarze Ritter traten vor die Königin, sie schleppten einen Gefangenen bei
    sich – es war der schöne Bärenknabe. Dem Mädchen wollte das Herz
    zerspringen, als sie ihn so sah, denn blutende Wunden bedeckten Gesicht und
    Körper. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
    Die Königin lächelte überlegen. „Da siehst du, was du mit deiner törichten Art
    anrichtest. Willst du nicht endlich aufgeben, diebische Tochter einer diebischen
    Sippe?“
    Obwohl das Herz des Mädchens sich schwarz färbte vor sterbender Hoffnung,
    begehrte ihre Stimme trotzig auf. „Ich bin keine Diebin! Und du allein bist
    verantwortlich für das Unglück, in das du alle stürzt! Wer das nicht sieht, muß
    unendlich blind sein! Und jetzt laßt ihn frei, sonst töte ich Euch!“
    Die Königin nickte. „Sehr mutig, kleine Diebin. Darum mache ich dir ein
    Angebot. Gib mir das, worauf du am ehesten verzichten kannst, dann lasse ich
    deinen schönen Jüngling hier am Leben.“
    In dem Moment traten die Schwestern auf die Mauern, mit zerrissenen Kleidern,
    verzerrten Mündern - in ihren schreckgeweiteten Augen tobte der Wahnsinn. Sie
    alle waren gezeichnet wie Aussätzige, gebeugt von einer schandschwarzen Last,
    und sie jaulten wie geprügelte, verängstigte Hunde.
    Sie bedrängten die jüngste Schwester mit knurrendem Flüstern, faßten nach ihrer
    Kehle mit knöchernen Fingern. „Beende endlich unser Leid! Geh hin zur Königin
    und flehe um Gnade für uns, damit wir nicht so elend sterben müssen!“
    Die Königin verlor die Geduld. Sie hob eine Hand gegen die Prinzessinnen und
    begann in einer alten, grausamen Sprache zu sprechen, und daraufhin krümmten
    sich die sechs Schwestern in maßlosen Schmerzen und flehten um Gnade. „Nun,
    kleine Prinzessin, gibt es in deinem Leben nicht sechs Dinge, auf die du gut
    verzichten kannst?“
    Die Jüngste erkannte ihre einst schönen Schwestern kaum wieder, sie waren
    nurmehr verkrüppelte und gebrochene Wesen ohne menschliches Antlitz. Da
    sprang sie von der Mauer und trat vor die schwarze Königin. „Laßt den Jungen
    und meine Schwestern frei, dann ergebe ich mich.“
    Die Königin brach in Gelächter aus, und die schwarzen Ritter droschen mit den
    Schwertern auf ihre Schilde ein, daß der ganze Wald erzitterte. Dann ließ sie das
    Messer sinken, das bis eben an der Kehle des Jungen lag, und drückte es ihm in
    die Hand. Ihre Stimme knirschte wie erfrierendes Land in bitterkalter Nacht.
    „Töte sie, mein schwarzer Prinz, töte das räuberische Balg und seine Schwestern
    und heile die Welt von ihrer schlimmsten Krankheit.“
    Der Bärenjunge trat schwankend, wie in dunkle Träume versunken einen Schritt
    auf die Prinzessin zu. Er hob die dolchbewehrte Hand, wie um das Mädchen zu
    erstechen. Doch plötzlich drehte er sich herum und schwang das Messer gegen
    die Königin, traf sie am Hals, schwarzes Blut spritzte, das den Jungen besudelte
    und seine Haut verätzte. Die Königin schien nicht geschwächt durch den Angriff,
    denn sie schlug dem Jungen das Messer mit einer zauberischen Handbewegung
    gekonnt aus der Faust.
    Die Augen der Königin funkelten wie die alles verschlingenden eisigen Feuer
    einer schwarzen Sonne. „Wie armselig zu glauben, mich töten zu können. Hätte
    ich dich doch viel früher in den schwarzen Schlund der Erde geworfen. Selbst
    saure Milch wäre an dir verschwendet gewesen.“
    Ein Blitz schoß aus ihrer dürren Hand, ein grell leuchtender Feuerball, der seine
    züngelnden Arme wie die einer blutlüsternen Spinne nach dem Jungen
    ausstreckte, ihn mit seiner Hitze verbrannte und zu Boden warf. Reglos blieb er
    liegen.
    Das Mädchen schrie auf vor Verzweiflung, denn ihr Geliebter war reglos und sah
    aus wie tot. Sie beugte sich über ihn, küßte ihn – doch seine Lippen waren kalt,
    blau und blutleer. Ihre heißen Tränen fielen auf sein blasses Gesicht, das trotz der
    Wunden schöner schien als je zuvor.
    Die Königin machte währenddessen eine seltsame Verwandlung durch. Ihre
    Glieder schossen in die Länge, die Nase wölbte sich vor, der Rücken dehnte sich
    unter berstendem Knacken, ihr dunkles Gewand wurde zu seidig glänzendem
    Fell. Plötzlich stand eine schwarze Hirschin vor dem Mädchen, deren spitzes
    Geweih ihr gefährlich nahe kam.
    Die schwarzen Ritter waren vor Ehrerbietung auf die Knie gesunken und beugten
    die Häupter. Die Hirschin schnaubte und spie dunkle Aschewolken aus ihren
    Nüstern. „Noch kannst du ihn retten, wenn du willst, doch entscheide dich rasch.“
    Das Mädchen blickte auf, sah in das schwarze Antlitz und wußte zuerst nicht,
    wovon die Hirschin redete. Doch die grundlosen, schwarzen Augen der Hirschin
    zogen sie tief hinab und plötzlich fühlte das Mädchen eine nachtschwarze Blume
    im Leib erblühen. Eine neue, fremde Macht entfaltete sich in ihr, die stärker war
    als alles, was sie je gespürt hatte. Da ahnte sie, daß sie ihren Geliebten retten
    konnte. „Was muß ich tun?“
    Die Königin lächelte kalt. „Ich spüre, daß du seine Frucht in dir trägst. Doch wenn
    du ihn retten willst, darf er sich, wenn er erwacht, nie mehr an dich erinnern. Es
    wird sein, als hättest du nie in seinen Armen gelegen, als hättet ihr euch nie diese
    verderblichen Liebesworte abgerungen. Dein Geliebter wird ewig nach dir
    Ausschau halten, doch du wirst dich ihm nie wieder in deiner menschlichen
    Gestalt zeigen.“
    „Dann töte mich, denn das könnte ich nicht ertragen.“
    „Ich werde dich nicht töten, denn deine Strafe ist schlimmer als der Tod. Ewiger.“
    Die Königin berührte die Stirn des Mädchens mit einer Spitze ihres Geweihs, und
    kurz darauf sprossen Hörner daraus hervor. Das Mädchen schrie vor Schmerzen
    und wehrte sich mit aller Macht, versuchte die Hörner mit Gewalt abzubrechen,
    doch der Fluch war stärker.
    Doch kurz bevor sie sich ebenfalls in eine Hirschin verwandelt hatte, sprach sie
    einige seltsame Worte in Richtung des Schlosses. Die sechs Schwestern, die auf
    der Mauer ausharrten, verwandelten sich unter viel Geheul in schreckliche
    Kreaturen, Wölfen ähnlich, doch auf den Hinterläufen wandelnd, mit scharfen
    Klauen und dornspitzen Fängen. Sie sprangen sogleich von der Mauer und
    stürzten sich auf die schwarze Hirschin, noch ehe die schwarzen Ritter zu Hilfe
    eilen konnten. Schon schlugen sie die Zähne in ihre Peinigerin, die ihr Geweih
    wütend in die ausgemergelten Körper der Angreifer stieß, doch es waren zu viele.
    Sie wurde zerrissen und starb mit einem letzten donnernden, erstickenden Schrei,
    der den Wald für lange Zeit zum Schweigen brachte.
    Die Wolfsschwestern aber tranken gierig das Blut der toten Königin, doch weil es
    vergiftet war, starben sie ebenfalls. Die schwarzen Ritter verwandelten sich in Fliegen.
    In dicken schwarzen Schwärmen flohen sie aus ihren leeren Rüstungen und waren
    so zahlreich, daß sie eine geraume Weile den Himmel verdunkelten.
    Das Mädchen blieb allein zurück und betrauerte ihren Geliebten. Doch plötzlich
    schwirrten Bienen aus allen Teilen des Waldes herbei, und sie schoben sich unter
    den Knaben und bedeckten seinen Körper, bis von ihm nur noch die Umrisse zu
    sehen waren. Da wußte das Mädchen, daß er leben würde, und sie ging von ihm
    und allem fort in den Wald.

    Er war ein Holzfäller und lebte ein einfaches Leben mit seiner Frau, die im Krieg
    alle Verwandten verloren hatte. Doch sie konnten keine Kinder bekommen, und so
    war das einzige, was sie sich sehnlichst wünschten, ein Kind.
    Eines Morgens trat der Holzfäller vor die Tür, und da lag ein schlafendes Kind in
    einem Korb, der bestickt war mit einem Hirsch und einem Bären. Als er sich
    verwundert umsah, erblickte er in der Ferne einen weiße Hirschin, bevor sie
    wieder im Wald verschwand. Er brachte das Kind ins Haus, zeigte es seiner
    Frau, und vor Freude fielen sich beide tränenreich in die Arme.
    Die Frau, fast noch ein Mädchen, konnte kaum sprechen vor Freude. „Wer hat uns
    dieses schöne Kind geschenkt? Womit haben wir dieses Glück verdient?“
    Der Holzfäller küßte seine Frau, auch er konnte vor Freude kaum sprechen. „Wir
    werden das Kind aufziehen und lieben wie unser eigenes. Es wird sanft sein wie
    ein Reh und stark wie ein Bär. Wir werden ihm all unsere Liebe schenken. Denn
    es wird unseres sein.“
    Der Holzfäller blickte auf und strahlte wie ein junger Prinz. Da sah er eine Biene
    an der Decke kreisen. Es versetzte seinem Herzen einen Stich, seine Stirn
    schlug Falten, und er fragte sich plötzlich mit weher Sehnsucht, wohin seine
    Liebe gegangen war.
    Geändert von skyzerot (06.07.2016 um 23:05 Uhr)

  2. #2
    lächel, Du hast es nicht verlernt! Ein echtes Märchen, gerade so grauselig traurig, wie es noch sein darf, und voller Phantasie. Aber Hirschin? Wir wäre es stattdessen mit Vaia, das passt doch klanglich gut in so ein Märchen? Nun gut, es ist ein etwas entfernterer Verwandter dieser Hirsche, aber machte das etwas aus? Die Geweihe jedenfalls, die sind noch prächtiger...

    Was mir gut gefällt - und das ist etwas, das mir selbst meist Probleme macht und ich wohl daher auch oft bei fremden Texten häufig überlese - ist der Titel. Zumindest ist er hier für mich ein hint, was die Geschichte problematisch macht - und auch das ganze Leben: Wo hört gut auf, wo fängt es an und welche Grenzen gibt es?

    (und solch ich Dich jetzt wirklich skyzerot nennen?)

    Danke für die schöne Unterhaltung und das Erinnern und ... ja dafür auch
    Nina
    .
    .

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  3. #3
    Registriert seit
    Jan 2011
    Ort
    schweiz/bw
    Beiträge
    9.154
    voll heiterer spiele und fröhlichen gelächters?
    oder
    voll heiteren spielen und fröhlichem gelächter?
    oder
    voller heiterer spiele und föhlichen gelächters?
    oder
    voll mit heiteren spielen und fröhlichem gelächter?

    da kann man ins studieren kommen.

    gruss
    w27

  4. #4
    Registriert seit
    Dec 2008
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    129
    Hi Nina,

    danke für Deinen Tipp, bin mit "Hirschin" auch nicht sonderlich zufrieden, oder vielmehr zwiegespalten. Jedenfalls geht es um ein oder mehrere "weibliche" Tiere mit "männlichem" Geweih. Sie sind also mehr als nur weiblich oder nur männlich. Das Märchen sollte nicht zu fantasyhaft rüberkommen, aber vielleicht wären ein paar fantasy-eske Namen angebracht (Länder, Figuren, Gegenstände etc.). Unzwiegespalten freut es mich aber, daß es Dir gefallen hat. Ja, hab ein bißchen versucht, das märchenhafte gut und böse zu verwischen. Dazu kommen noch die Konflikte unter Geschwistern aufgrund (vermeintlicher) Bevorzugung durch Eltern(-teile) inklusive bedingungsloser Liebe bei bedingungsloser Ablehnung/Zurückweisung. Das Motiv des Königs mit seinen sieben Töchtern, denen er sieben Schlösser oder Häuser schenkt, entnahm ich einer baltischen (evt. lettischen) Sage (kann mich nicht mehr - erinnern). Das Mädchen flechtet an einer Stelle einen Blumenkranz, das ist schwedischer Brauch. Bin jetzt froh, daß ich den Titel beibehalten habe. Das Ende der Geschichte sollte diesmal (oder sie wollte es vielmehr) von der bitter-sweeten Sorte sein, also genau zwischen Tragik und Happy-End. Das sind manchmal die besten Enden, ich mag sie sehr

    Hallo w27,
    danke, hast die wunde Stelle getroffen, hatte hierbei größere Schwierigkeiten als sonst mit Formulierungen, und genau diese Stelle erfuhr viele Änderungen, bis es sich einigermaßen richtig angehört hat. Irgendwie empfinde ich immer noch alles wie hingestolpert. Das Jahr wird hoffentlich den nötigen Abstand bringen für ein paar Glanzpolituren

    Studiert weiter!
    Grüße
    skyz

  5. #5
    Hallo skyz,

    aber dann wäre die Vaia doch ideal, da die weiblichen Rentiere ein Geweih tragen. Und das ist keine Phantasiebezeichnung, sondern sie heißen eben so Siehe Wiki:
    "Die Geweihe sind stangenförmig und weit verzweigt; nur die tiefste Sprosse bildet am Ende eine kleine Verbreiterung, die auch als „Schneeschaufel“ bezeichnet wird, da man früher annahm, das Ren räume mit ihr den Schnee beiseite. Die Formgebung der Geweihe ist sehr unregelmäßig, asymmetrisch und bei jedem Tier unterschiedlich. Als einzige Hirschart trägt beim Ren auch das Weibchen ein Geweih."
    Lieben Gruß
    Nina
    .
    .

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