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    Beichte eines Poeten (gewidmet)

    Po: Die wollen mir absprechen, dass ich etwas von Poetik verstehe.

    Pf: Ja, weißt du, mein Sohn, nicht jeder kann unsere Phonetik verstehen. Aber jeder versteht, dass wir die Demokratie erfunden haben; und sie würde immer noch funktionieren, wenn wir das Frauenwahlrecht genauso verweigert hätten, wie den EU-Beitritt.

    Po: Ich glaube sie haben mich falsch verstanden, ich sprach nicht von unserer Sprache, sondern von Poetik.

    Pf: Ach, mein Sohn! Ja, die Poesie! Was wären wir ohne die Poesie! Wie unsere schöne Sprache, hat sie etwas Außergewöhnliches, etwas sich dem alltäglichen Sprachgebrauch Entziehendes, über das Gewöhnliche Hinausgehendes, etwas Erhöhendes und Tranzendentes, ja, etwas Göttliches!!

    Po: Das hätte ich mir ja denken können, dass sie an diesen abgehobenen, überkommenen Kitschvorstellung festhalten wollen. Poesie kommt aus dem Griechischen, sie sollten das wohl wissen: Es bedeutet „etwas schaffen, machen“. Hat das irgendetwas mit "über das Gewöhnliche Hinausgehend" zu tun? Man schafft Arbeitsplätze, Flüchtlingsunterkünfte, Kapital, macht aus Geld Zinsen, aus Lebensmitteln Bioabfall. Poesie macht aus Worten, Metrum und Reimen ein Sprachwerk, das wars.

    Pf: Mein Sohn, hast du vergessen, dass du eine unsterbliche Seele hast?
    Nähre deine Seele mit Wahrer Poesie und du wirst das Himmelreich finden, hier und nach deinem Tode, der dir gewiss ist wie das Amen im Gebet.

    Po: Welcher Moslem beendet sein Gebet mit Amen!?

    Pf: Wir reden hier vom Wahren Glauben mein Sohn!

    Po: Kommen sie mir doch nicht mit "Wahren Glauben" und "Seele", was ist das schon! Ein opiatöser Ersatz für den Verstand Gehirnamputierter, die nichts WISSEN. Sie sind auch nicht besser als diese Forendichter, die von einer "poetischen Seele" labern, wo es nach Klischee und Kitsch stinkt.

    Meine Nase trügt mich nie, Herr Pfarrer, ich rieche den Gestank, wenn mir da jemand mit Liebe, Verlust, Trauer, Tod, Gefühlstiefe, Empathie, Empfindsamkeit und mit all den anderen banalen Dramen des Lebens daherkommen will, nur weil ihm nichts besseres einfällt und er es darauf anlegt, auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten von dem ganzen Pack der falschen Schleimer belobhudelt zu werden.

    Ich rieche den Verrat an der Poetik in jedem Leierjambus, jedem hingeprügelten Reim, in jeder platzsparenden Partizipkonstruktion, jedem aufblähenden Adjektiv, jedem goldumrandeten Neben- und Schachtelsatz, in jeder aufpolierten Inversion, jedem glitzernden Zombiewort und jedem sprachherauswürgenden Neolügismus!

    Ich spüre die Abgründe zwischen den gekünstelt aneinandergereihten Silben bis tief in meine spröden Knochen, sie verursachen mir rheumatische Beschwerden, und diese unbeholfenen poetischen Koitussen bearbeiten wie ungeschliffene Jagdmesser meinen Schädel und wollen mir den Neokortex herausschaben.

    Hätte man jemals das Rad erfunden, würde man es Forendichtern überlassen haben!? Welcher Baumeister würde die Grundfesten weglassen und sich darauf verlassen, dass das Haus schon irgendwie schweben wird, Kraft seiner poetischen Seele!? Wer würde das Dach zuunterst setzen, wenn es oben reinregnet!? Sagen sie es mir! Erkennen sie das Problem nicht!?

    Pf: Die Moslems?...die sagen etwas anderes, genau. Ich kann mir dieses arabische Zeugs nicht merken. Der Imam von der Moschee nebenan benutzt es am Ende beinahe eines jeden Satzes; es muss also nicht unbedingt nur ein Gebet sein. Die haben uns eindeutig etwas voraus.

    Po: Er sagt "Inschallah"! ... Haben Sie mir überhaupt zugehört!?

    Pf: Inschalla? Was soll das heißen?

    Po: "So Gott will!"

    Pf: Was soll der wollen?

    Po: Das müssen sie den Imam fragen.

    Pf: ( ... )? Und was willst du eigentlich, mein Sohn?

    Po: Ich? Wieso?
    Geändert von albaa (18.07.2016 um 07:00 Uhr)

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