Thema: Drei Päng

  1. #1
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    Drei Päng

    Wie wohltuend steht die erholsame Kunst und die Natur dem täglichen Stumpf-
    und Wahnsinn gegenüber.
    Was wäre mein Leben ohne Museen, Konzerte und Parkanlagen? Ohne ausgleichende
    Ruhe? Für mich sind es die einzigen Orte einer geistigen Oase, an welchen ich
    für eine kurze Zeit in der Lage bin, den deprimierenden Herzschlag des Katastrophen- Alltags
    auszublenden. Hier verspüre ich für einen Moment den Ton oder einen zarten
    Pinselstrich tiefen Glücks, oder ich vertiefe mich in eine in steingemeißelte
    Leidenschaft eines mir unbekannten Künstlers. Menschen finden hier automatisch
    ihre innere Ruhe wieder und gehen ihren Tagträumen nach. Oft sind dort Frauen wie ich.
    Solche Orte geben Zuflucht, Kraft und stärken das Herz für bevorstehende und
    notwendige Veränderungen des Lebens.
    Vielleicht bedarf es gerade der Unerträglichkeit und der Gemeinheit von
    Mitmenschen, um die Sehnsucht für solche Orte zu wecken, um dabei immer wieder
    Neues zu entdecken in den bunten Gärten von Feinsinnigkeiten und Feingeist.

    Der wahre Homo sapiens unterscheidet sich vom Neandertaler durch seine ästhetischen
    Bedürfnisse, seinen Sinn für Kunst und die offensichtliche Fähigkeit eines
    kultivierten Zusammenlebens. Das glauben jetzt zumindest einige Wissenschaftler herausgefunden
    zu haben. Der Neandertaler weiß zwar erfolgreich seine Fress- und Fortpflanzungstriebe zu befriedigen
    und seinen Interessen körperlichen Nachdruck zu verleihen. Er huldigt vielleicht einem Totenkult,
    aber nicht einem sinnstiftenden Leben. Befriedigung anstatt Erfüllung.
    Er weiß den sinnlosen Krieg und die Schlachten gloreich mit der Keule zu führen,
    und ist zum Schluss trotzdem ausgestorben.
    Beide Kulturen begegnen sich jedoch heute noch, in unseren Genen,
    im ewigen Kampf oder im unerträglichen Nebeneinander.

    Wohnung heraus kann ich sehr anschauliche Studien betreiben
    und solche Forschungsergebnisse bestätigen.
    Ich will darüber berichten:

    Zuhause herrscht der Ausnahmezustand, Scheinfriede unter dem Dach eines alten Mehrfamilienhauses,
    Backstein, Altbau, welches mit der Zeit schleichend und nahezu unmerklich in einen chronischen
    Kriegszustand übergegangen ist, und die Fassade bröckelt gewaltig. Viele Öffnungen an den Wanden
    von diverser Insekten erinnern an Einschusslöcher.
    Der Wahnsinn ist längst Realität und hat ein Gesicht. Mit seiner fliehenden Stirn, den
    vorstehenden Wangenknochen und seine beidseitige Progenie kann er den Neandertaler in sich nicht
    mehr verleugnen. Er hat auffallend lange Eckzähne und lebt mit zerzaustem Haar direkt ein Stockwerk über mir,
    ein unheimlicher Rumpler.

    Ich habe ihn ,,Rumpler" getauft, weil er dauernd damit beschäftigt zu sein scheint,
    etwas hin und herzurumpeln. Wie einer, der ständig von seiner unbändigen Jagd auf Beute getrieben wird,
    die zerlegt werden will. Sonne scheint er nicht zu vertragen, und wenn er keine Sonnenbrille trägt,
    verschwinden die Augen in tiefen dunklen Höhlen, in denen es unruhig flackert.
    Dieses Exemplar ist offensichtlich ein typischer Nachtjäger. Es rumpelt und poltert jedenfalls oftmals mitten in der Nacht.
    Die hübsche Frau Growirotsk aus der Nachbarwohnung gegenüber ist seit Januar plötzlich verschwunden.
    Sie hatte erst drei Monate dort gewohnt.
    Sie verschwand genau zu dem Zeitpunkt, als ich sie zu einer Mitwisserin machen und einweihen wollte,
    denn sie hinterließ bei mir durchaus den Eindruck, meine Beobachtungen verstehen und teilen zu können.
    Das scheint dem Rumpler nicht entgangen zu sein.

    Meine Balkontüre bleibt seit dem auch nachts verschlossen,
    denn irgendwann wird er auch mich holen kommen, das weiß ich.
    Ich kenne das Knarzen seiner Dielenbretter, und das Klicken seiner Haustüre.
    Und ich spüre jedesmal diese zunehmende Beklemmung, wenn es danach wieder still wird im Haus.
    Es wird für ihn aus purer Langeweile geschehen, wenn er dann plötzlich vor mir steht,
    nur um seine sinnlose Zeit oder mich tot zu schlagen.
    Am Anfang habe ich ihm noch trotzig meinen Besenstil an die Decke entgegengeschlagen,
    doch jedes Mal ohne Resonanz, unbeeindruckt rumpelt es weiter, zermürbend und unaufhaltsam.

    Noch nie hat er ein Wort mit mir gesprochen, warum auch? Aber sein Lachen ist mir vertraut,
    das typische hämische Lachen eines Zynikers.
    In seiner Ignoranz scheint er überhaupt kaum sprechen zu wollen, und er hinterlässt nur abweisende Grimmigkeiten.
    Sein Blick, zumindest das, was man dafür halten könnte, ist kalt, eiskalt,
    feindlich und undurchschaubar. Wenn er durch das Treppenhaus gelaufen ist,
    bleibt seine unerträgliche Anwesenheit noch für mindestens zehn Minuten in der Luft hängen.
    Hier existiert keine unbeschwerliche, fröhliche Nachbarschaft, die sich jeder wünscht,
    und die das Leben so unendlich verschönern könnte. Hier ist die anonyme Kälte zuhause,
    und ihr Herrscher trampelt täglich ausgerechnet quer über meine Zimmerdecke.
    Die Nachbarn und sogar den Vermieter macht er sich zunehmend zu seinen Lakaien und Komplizen.
    Ich kann es deutlich an ihrer Reserviertheit verspüren, sie sind bereits alle infiziert.
    Früher wurde manchmal noch gelächelt, wenn man sich zufällig im Hausflur begegnete.

    Nur im Park treffe ich noch vereinzelt Freunde, die alten und geschwätzigen Rentner,
    singende unschuldige Vögel und die verspielten, unschuldigen Liebespaare zwischen den lieblichen Steinfiguren.
    Solch ein Rumpler erschafft alleine durch seine Existenz ein rauhes, feindliches Klima,
    er bestimmt es, und ich bin längst Bestandteil seiner kalten abgründigen Welt geworden.
    Innerer Friede und Ruhe haben in diesem Klima
    nicht den Hauch einer wirklichen Überlebenschance,
    und mein mahnender Besenstil kann hier rein gar nichts mehr ausrichten.

    Ständig kommen Frauen, Frischfleisch. Sie kommen und gehen,
    und immer dieses Rumpeln, dann sind sie plötzlich nicht mehr zu sehen.
    Oft dauert es nur wenige Tage, und schon kommt die Nächste.
    Obwohl keine Schreie zu hören sind, habe ich direkt bei seinem Einzug gemerkt, dass hier etwas nicht stimmen kann.
    Von schwarzbekleideten Helfern wurden etliche Holzkisten die Treppe hinaufbefördert,
    Kein Schrank, kein Fernseher, kein Bett.
    Irgendetwas passiert um mich herum, die Welt befindet sich am Abgrund,
    und der Höllenfürst steht direkt über mir am Fenster und raucht in die Nacht.
    Ständig rückt das Unheil mir ein Stückchen näher.

    Was macht dieser perverse Rumpler, wie lebt er, und wozu braucht er diese blutjungen, bildschönen Frauen?
    Zuerst hatte ich sie für gewöhnliche Prostituierte gehalten, aber solche sehen anders aus...diese hier sind unschuldig,
    manche nahezu kindlich, eine grenzenlose Naivität scheint von ihnen auszugehen es sind stille anmutige Schönheiten.
    Aber Gegensätze haben sich immer schon auf magische Weise angezogen, die Schönen und das Biest.
    Seit seinem Einzug nehme ich nun schon Beruhigungsmittel. Und solange er keine Macht über mich hat,
    kann ich weiterhin Verantwortung in dieser Welt übernehmen.
    Vielleicht kann sich jemand an täglichen Horror gewöhnen, der längst unsere friedlichen Städte erreicht hat.
    Doch auch wenn ich das Fernsehen anschalte oder Zeitung lese,
    so grinst mir immer wieder derselbe Wahnsinn von anderer Seite entgegen.

    Während ich oft fiebernd dasitze, und überlege, was in diesen Zeiten und dieser Situation zu tun ist,
    versuche ich vor allem einen ruhigen Kopf zu bewahren. Das ist die erste Bürgerpflicht.
    Großes wächst und bewährt sich erst in Kriesen.
    Mittlerweile trainiere ich. Ich trainiere täglich meinen Geist.
    Und wenn der ganze Sumpf und Wahnsinn irgendwann einmal aufgeflogen sein wird,
    wenn die Dämonen aus den Kellern und Speichern aufgescheucht sind,
    wenn die Sümpfe trocken gelegt sein werden,
    dann werde ich alle meine Beobachtungen und Aufzeichnungen melden. Ich weiß mich schon zu wehren.
    Ich wehre mich auf meine Weise und schreibe.
    Ich führe genau Buch und mir entgeht kein einziges Husten.
    Ich kontrolliere die Mülleimer und habe neulich einen überstehenden Brief aus seinem Briefkasten gezogen- Reklame.
    In mir steckt die Kraft einer mutigen und couragierten Bürgererin, die sich auf den genauen Zeitpunkt vorbereitet,
    um dann genau das richtige zu tun. Auf keinen Fall bloß wegducken und ängstlich wegschauen, wie die meisten anderen.

    Ich versuche hellwach zu bleiben, ich schaue genau hin und putze täglich meinen Spion.
    Der Tag wird kommen.
    Vielleicht reicht es momentan noch, wenn nur ich Bescheid weiß, wenn ich zumindest im Bilde bin,
    und er keinen Verdacht schöpft, dass ich längst durchschaut habe, was hier gespielt wird.
    Die anderen im Hause scheint er mittlerweile unter absoluter Kontrolle zu haben.
    Ich sammele scheinbar beiläufig all die kleinen unscheinbaren Indizien am Wegesrande,
    die zum Schluss das grausame Puzzle zusammenfügen werden.
    Die Polizei wird Beweise von mir verlangen, und sie wird sie bekommen, in akribischer Kleinarbeit zusammengesucht.

    Seit einigen Wochen steht mein Entschluss unumstößlich fest.
    Ich werde dem Horror selbst durch beherztes Eingreifen ein Ende bereiten.
    Lieber im aufrechten Kampf und in Achtung vor mir selbst als im Horror und in lähmender Angst gestorben.
    Irgendwann ist Eigenverantwortung und Tat gefragt. Untätigkeit ist nahezu fahrlässig und gleicht einem Selbstmord.
    Ich will nicht zu den Menschen gehören, die nur ihrer inneren Angst gehorchen und sich von ihr lähmen lassen.

    Heute habe ich den ganzen Tag für meine innere Zuflucht und Stärkung gebraucht und bin früher als gewohnt
    leise durch meinen Skulpturenpark nach hause geschlichen. Er soll nicht wissen, wann ich nach hause gekommen bin.
    Er soll sich sicher fühlen. Durch das Törchen vom Hof bin ich dieses mal
    die hinteren Stiegen auf Söckchen nach oben gestakst. Mein Licht bleibt ausgeschaltet.
    Leise lasse ich das Tür ins Schloss fallen, habe es sorgsam mit Filz beklebt und gut gefettet.
    Ich sinke aufs Sofa und lausche.

    Sie muss kurz hinter mir durch das Treppenhaus gekommen sein, denn
    deutlich höre ich ihre Absätze die Treppe hinaufklackern. Drei päng, drei päng,
    drei päng. Die Salve ihrer Absätze reißt mich jäh aus meinen Gedanken.
    Ich springe auf und schlage dabei versehentlich mit der Hand gegen den
    Porzellanengel auf dem Couchtisch. Sein Fall ist nicht mehr aufzuhalten, und ich
    greife nur noch in eine Scherbe. Sie bohrt sich sofort wie ein Pfeil in meine
    Hand. Der Kampf hat begonnen. Ein stechender Schmerz durchzieht meinen Körper,
    und ein Schauer und lässt mich sofort hellwach werden.
    Es brennt. Ich beiße mir feste auf die Unterlippe.
    Die rechte Hand blutet und meine Unterlippe vermutlich jetzt auch. Er kann mir nicht
    mehr zur Seite stehen, mein jahrelanger Begleiter, mein Schutzengel. Er liegt
    ím Dunklen in Bruchstücken auf dem Boden verteilt.
    Ein Erbstück meiner Mutter, Kollateralschaden. Sie schickt mir ein Zeichen !
    Dadurch hat sich jedoch etwas entscheidendes in mir verstärkt.
    Heute gibt kein Zurück. Vermutlich wird mich der Rumpler längst vernommen haben,
    und ich muss auf eine Überrumpelungstaktik ausweichen.
    Es schmerzt, Tränen werde ich mir für später aufheben.

    Es ist die Brünette. Durch den Spion kann ich deutlich erkennen, dass die Dame heute nicht mit
    Begleitschutz ihres Hunde gekommen ist. Wie leichtsinnig von dir, du schönes
    Wesen, weißt du denn nicht, was dir bevorsteht? Spürst du es denn nicht, was hier
    gespielt wird ? Riechst du ihn denn nicht, diesen ständigen Todesgeruch?! Ich will meine Wohnungstür
    aufreißen, um sie zu warnen, doch eine tiefe, beklemmende und mir wohl vertraute
    Macht hält mich noch gefangen. Von meiner Hand tropft es auf den Boden. Ich
    schmecke Blut. Vielleicht sind diese roten Tropfen erst notwendig, um uns an
    das Leben zu erinnern, um uns zu zeigen, warum wir überhaupt hier sind. Der eine
    fällt dabei in Ohnmacht, und der andere gerät in Rage, er wacht endlich auf, um
    sich und andere zu retten. Ich haste in die Küche und entscheide mich spontan
    für das große Fleischmesser.

    Drei päng, drei päng, drei päng.
    Es scheint im Rhythmus meines Herzschlages aus mir heraus auf den Boden zu
    tropfen. Etwas kämpft, trommelt, und setzt mich langsam in Gang, wie eine unaufhaltsame Maschine.
    Ein Gemisch von befreiter Wut und Zorn lässt mich willenlos meinem inneren Gefühl gehorchend
    aufs Schlachtfeld ziehen, mit der tiefen Gewissheit, nun genau das Richtige im richtigen Moment zu tun.
    Das Dröhnen der Trommeln hinter meinen Schläfen wird lauter.
    Angriff.
    Plötzlich begreife ich, die unbändige Kraft von Marschmusik und Kriegsgeschrei, die alle Ängste im Sturmlauf
    zur Seite schieben, die sie einfach überrennen. Solche Momente sind über jeden Zweifel
    erhaben, und lassen uns entschieden handeln.
    Eins, zwei, drei, vier, links zwei drei vier.
    Wie in Trance bewege ich mich nun, leichtfüßig. Die jahrelange bleiernde Lähmung ist endlich überwunden.
    Erstmals steige ich die Treppe hinauf, wie eine unaufhaltsame Maschine. Der Aufbruch und Weg in das unbekannte Terrain eines Frauenmörders, eines blutrünstigen Ungeheuers, eines menschenverachtenden Vampirs.
    Ich spiele in meinem eigenen Film, und ich spiele dabei die alles entscheidende Hauptrolle.
    Deutlich kann ich das Anwachsen der inneren Kräfte spüren. So also fühlt sich überwundene Angst an,
    die ich bei den Großen aus sicherer Entfernung stets bewundert hatte.
    Warum bin ich nicht schon viel früher einfach aus meinem Käfig herausgekrochen.
    Hier draußen ist jeder Schritt ein unendlicher Gewinn von Sinn und Freiheit.


    Auf der Hälfte der Treppe halte ich inne.
    Es gilt fünf Minuten zu warten, um die klare Vernunft walten zu lassen und
    überlegt zu handeln, fünf Minuten, um die Wirkung und Chancen einer Handlung
    deutlich zu erhöhen. Aber wenn Gefahr im Verzug ist? Gilt das dann auch noch?
    Der Nichtschwimmer wäre jedenfalls schon längst vor meinen Augen ertrunken.
    Auf dem Schlachtfeld gelten immer vollkommen andere Gesetze. Hier herrscht der
    Ausnahmezustand und das Kriegsrecht. Ich stocke. Kühles Krisenmanagement ist gefragt.
    Vier Minuten halte ich es aus, dann schleiche ich mich nach einer kurzen inneren
    Truppenbesprechung wieder durch das dunkele Treppenhaus weiter nach oben.
    Ich wage kaum zu atmen.

    Drei päng drei päng drei päng, vier päng, das Klopfen wird schneller.
    Es ist schwer auszumachen, ob die Schläge aus mir herauskommen, oder aus seiner
    Wohnung. Das Pochen hinter meiner Schläfe verstärkt sich. Seine Wohnungstüre
    steht leicht offen, und das leicht süßliche Parfum wird nur noch von dem
    penetranten Schweiß eines Frauenmörders übertroffen. Wie kaltschnäutzig von ihm,
    die Türe aufstehen zu lassen. Eine Einladung? Eine Falle? Er scheint mich jedenfalls zu erwarten.
    Solche kalten Bestien lauern und springen allzu gerne aus dem Hinterhalt auf.
    Es klopft irgendwo im hinteren Bereich der Wohnung, er ist offensichtlich beschäftigt.
    Ich taste mich leise durch den langen, engen Flur und wische mir mit der blutigen Hand eine
    Strähne aus dem Gesicht. Dann umfasse ich sofort wieder mit beiden Fäusten den
    kühlen Messergriff. Er gibt mir die nötige Sicherheit. Ich halte die Klinge
    vielleicht etwas zu zittrig mit leichtem Abstand zum Körper, aber bereit, sofort
    und bedingungslos zuzustoßen. Beinahe wäre ich über drei kleine Holzsärge
    gestolpert und stelze vorsichtig mit großen Schritten über den dicken schwarzen Teppich,
    der den Klang meiner Schritte unter sich begräbt.
    Ich vernehme gedämpftes Gegrummel und sein vertrautes, bestialisches Lachen.
    Ein fahler Lichtstrahl zwängt sich durch die leicht geöffnete
    Wohnzimmertür am Ende des Korridors. Meine Botschaft wird klar, unmissverständlich und
    unumstößlich sein: töten oder sterben. Auf jeden Fall: Befreiung.

    ,,Nicht bewegen !” höre ich seine kalten Anweisungen aus dem Innenraum. Sie
    lebt, er spricht sie an. Es muss ein Überraschungsangriff werden. Wilde Tiere
    schreien sich beim Überraschungsangriff in eine Überlegenheit und jagen das
    stärkere Tier damit in die Flucht. Und ich kann sehr laut schreien,
    das könnte jeder meiner Feinde sofort bestätigen.
    Ich werde sie einfach vor seinen Augen am Arm nehmen, und ganz ruhig herausführen.
    Mein Messer istein unschlagbares Argument, und mein geballter, zorniger Zustand
    wird nicht minder wirksam sein. Ich bin bereit zu töten, bedingungslos.
    Deutlich ist jetzt auch ihr nackter Rücken zu erkennen. Sie wagt es tatsächlich
    nicht mehr, sich zu bewegen. Ich scanne die Lage durch den Spalt. Sie sitzt
    splitternackt auf einer schwarzen Kiste. Es überrascht mich nicht. Halbseitenprofil.
    Warte, ich errette dich. Er ist nicht zu sehen, und müsste ihrer Blickrichtung nach zu beurteilen
    jetzt ungefähr in der Nähe des Fensters stehen.

    Tief Luft holen, drei päng, drei päng, drei...das dritte Päng warte ich nicht mehr ab,
    und stoße wildentschlossen wie ein Samurai mit entsetzlichem Kriegsschrei die
    Türe zum Wohnzimmer auf. Alle Dämonen, die sich in mir verborgen und
    eingenistet hatten schreie ich mit finsterem Blick heraus und erstarre kurz
    auf der Schwelle.

    Die Situation ist sofort erfasst.

    Den endlosen Bruchteil einer Sekundelang schweigen alle.

    Dann folgt die Antwort. Ob der entsetzte Rumpler, oder ob
    die schöne Dame lauter geschrien hat, kann ich rückwirkend nicht mehr beurteilen.
    Ihrem Gesicht entnehme ich aber sofort, dass der Schreck und das Entsetzen durch meinen
    Überraschungsangriff tiefer gesessen haben muss, als die Erleichterung über ihre
    bevorstehende Rettung. Sie schreit. Sie schreit den überzeugenden permanenten Schrei
    in einem Horrorfilmszenario, hoch, schrill und unerträglich. Und er steht da, um
    kurz verstummt nach Luft zu schnappen, bewaffnet mit Hammer und Meißel,
    weitaufgerissenen Augen und angstvoll einen Fluchtweg vor einem blutigen
    Rachengel suchend.

    ,, Die Wahnsinnige von unten! " stößt er entsetzt hervor, um mich seiner Dame
    vorzustellen. Dabei stößt er hektisch gegen einen kleinen Tisch mit einer
    Steinfigur, sie kippt. Ich stürze ohne Vorwarnung in seine Richtung, fliege,
    falle, fasse, fange und halte, halte diese kleine Figur fest. Halte sie, rette
    sie, halte sie in meinen beiden blutigen Händen, schreiend, weinend.
    Überglücklich, wiege ich sie in meinem Arm, halte sie hoch wie ein Kind. Der
    Krieg ist aus, mein Friede ist gerade geboren. Figuren, für die über vierzig
    Frauen Modell stehen mussten, liegen überall säuberlich verpackt in kleinen
    Kisten herum, die vertraute in steingemeißelte Leidenschaft auf dem Schlachtfeld
    eines mir ab heute bekannten Künstlers, keine Ängste, nur noch Lachen,
    endlich angekommen im Reich der primitiven Faustkeile.
    Geändert von Anjulaenga (11.04.2017 um 14:11 Uhr)

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