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  1. #1
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    Versmaß in der modernen Lyrik

    Hallo!

    Ich mache zurzeit ein Lyrik-Fernstudium. Ich habe mich dabei gerne mit den Versmaßen beschäftigt (und versucht Gedichte mit durchgängigem Metrum zu schreiben), da ich nämlich das Gefühl habe, dass man dadurch ein besseres Rhythmusgefühl entwickelt. Moderne Lyrik ist aber oft im Hakenstil verfasst. Daher ist die Bestimmung des Versmaßes unmöglich und die Lyrik oft nicht rhythmisch. Oder können Gedichte auch ohne Beachtung des Versmaßes einen guten Rhythmus haben? Oder spielt Versmaß und Rhythmus einfach keine so große Rolle mehr?

    Für mich ist es reizvoll, dass man den modernen Leser irritieren möchte, indem man die gewohnte Form aufbricht. Indem man mittels der vielen Stilmittel usw. Irritation erzeugt. Das ist für mich alles sehr spannend. Nur die Rolle des Versmaßes in der modernen Lyrik verstehe ich nicht recht.

    Ich bin auf eure Sicht auf diese Dinge gespannt!
    Martin

  2. #2
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    Hey Martin,

    in der "Kleinen deutschen Versschule" von Kayser werden am Schluss Rhythmen besprochen. Die Essens der Untersuchung ist jedoch, dass man nicht wirklich auf einen Rhythmus hin schreiben kann. Nun wirst du aber auch viele in Foren antreffen, die meinen, es läge ein besonderer Rhythmus in einem Gedicht vor usw.
    In der Zusammenarbeit mit Schauspielern und Sprechtrainern habe ich jedoch gelernt, dass du jedes Gedicht rhythmisch sprechen kannst, wie du möchtest. Es ist möglich den Prometheus von Goethe genau so gehakt zu lesen, wie ein "modernes" Gedicht, welches mit Konventionen in Sachen Metrik brechen will. Du kannst ihn aber auch flüssig lesen oder wie auch immer, als hätte er ein Metrum. Dass Worte dabei ein wenig merkwürdig betont werden würden, ist kein Gegenbeweis. Das wird noch deutlicher bei den vielen Gedichten, die einfach klein und ohne Interpunktion geschrieben werden. Durch den Mangel an Interpunktion provoziert man es gerade, ein Gedicht so lesen zu lassen wie man will.
    Fazit: Der Rhythmus ergibt sich daraus, wie wir Gedichte lesen und wie sie vorgetragen werden. Man kann vielleicht mit Interpunktionen, Metren, Zäsuren und Reimen versuchen, den Leser auf einen bestimmten Rhythmus zu bringen. Was er daraus macht, ist jedoch seine Sache.
    Vielleicht sehen das Literaturwissenschaftler wieder anders. Jedoch zeigen eben jenes genannte Standardwerk und die Erfahrung aus dem Kreise des Sprechtrainings, dass es sich mit Rhythmus so verhält. Ansonsten lese man sich einmal den Text eines Brecht-Stückes durch und schaue, was auf der Bühne draus gemacht wird.

    Was sagen denn die Lehrtexte des Fernstudiums dazu?

    Greeze
    Liberalis

  3. #3
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    "Die wohlriechenden Essenzen aus Blüten verschiedener Pflanzen machen den Aufenthalt im Duftraum unseres Wellness-Bereichs zu einem wichtigen Teil des Entspannungsprogramms."

    Diesen Satz kann ich, obwohl nicht Schauspieler und ohne Sprechtraining, in - sagen wir - fünfhundert Variationen rhythmisieren.
    das ändert aber nichts daran, dass er durchaus einen Rhythmus nahelegt.

    Die Dichter bilden sich oft etwas darauf ein, dass sie frei sind, den essentiellen Rhythmus (die essentiellen Rhythmen) einer Wortfolge nach ihrem Gutdünken zu verändern. So gleichen sie eben den Theaterregisseuren und den Schauspielern. Naja, sind eben alles Künstler.

    Wer's nicht glaubt, versuche es nochmals mit "Gibt's noch Käsekuchen?"

    wilma27

  4. #4
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    Hi Wilma.

    das heißt, du würdest es auch unterschreiben, dass man versuchen kann, einen Rhythmus vorzugeben, aber am Ende jeder darin frei ist, was er daraus macht?

    Mich interessiert es auch gerade sehr, was andere darüber denken.

    Greeze
    Liberalis

  5. #5
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    Hallo zusammen,

    @Martin123
    bitte nicht böse sein, aber ich reagiere erst einmal auf die anderen, ehe ich deine Fragen beantworte.

    @Liberalis
    Was bringt es denn, dem Gedicht den eigenen Rhythmus aufzuzwingen? Denn das ist ja die große Frage. Der Dichter hat sich ja normalerweise etwas dabei gedacht, wie er es geschrieben hat. Mir wird nachgesagt, ich könnte "Oh du Fröhlich" auf die Melodie von "Hoch auf dem gelben Wagen" singen. Wenn ich mich anstrenge sind mir dabei auch die Noten der falschen Melodie egal. Nur wenn ich mich dabei anstrenge klingt das halt, wie wenn man den Prometheus in Umbruchlyrik verwandelt. Klingt also Scheiße. Soll heißen: im Vortrag kann man aus allem alles machen. Das ist auch der Grund, weswegen die ganzen Vortragsdichter sich wundern, wenn wir Probleme haben, ein unmetrisches Gedicht gleichmäßig zu lesen und ihnen sagen, dass es holpert. Wenn man dann beim Vortrag noch die einzelnen Wörter vertauscht, kann man auch schön die Stimmung total verändern. Nur kann man dann auch gleich ein anderes Gedicht vortragen. Das Metrum und der Rhythmus, der durch den Dichter vorgegeben werden, sind Teil des Gedichts. Das sollte der Leser auch annehmen - oder das Lesen lassen.

    @Martin123
    Das Metrum gibt nicht alleine den Rhythmus des Gedichts vor. Da gehört noch viel mehr dazu. Aber es ist ein wichtiger Teil davon.
    Das, was man so unpassend "Moderne Lyrik" nennt, ist (meist) nichts anderes als ein Fließtext, bei dem bei jeder (Atem)Pause einmal unmotiviert auf Enter gehauen wird. In meinen Augen macht man das, weil man sich nicht mit dem Handwerk der Lyrik auseinandergesetzt hast. Die, die so schreiben wissen in den wenigsten Fällen, was ein Metrum überhaupt ist. Bei mir gewinnt man damit keinen Blumentopf.
    Oder können Gedichte auch ohne Beachtung des Versmaßes einen guten Rhythmus haben?
    Wie gesagt, gibt das Versmaß nur einen Teil des Rhythmus vor. Der Rest kommt von anderen Teilen. Kola, Zäsuren, inneres Metrum der Worte, etc. Darum kann auch ohne Beachtung des Metrums ein guter Rhythmus entstehen. Außerdem gibt es auch (wenige) Menschen, die ein gutes Sprachgefühl haben und ohne Ahnung von Metrum ein Gedicht in gutem Metrum schreiben.

    Oder spielt Versmaß und Rhythmus einfach keine so große Rolle mehr?
    Das ist der Grund, warum ich den Namen "Moderne Lyrik" so unpassend finde. Wenn man mich nach einem Begriff für die "Epoche", in der wir Leben, fragen würde, würde ich sie "Individualismus" nennen. Jeder schreibt, wie es ihm gefällt. Wer also bloß Umbruchslyrik für Facebook schreibt, der kann alles, was er über Lyrik weiß, in die Tonne klopfen und irgendwann auf Enter hauen (aber bitte, ohne die Tastatur dabei kaputt zu schlagen). Aber wer gebundene Lyrik schreibt, (und das ist hier der Löwenanteil) der sollte sich schon mit der Rhythmik und dem Versmaß auseinander setzten. Sonst kann er in einer gebundenen Form keine wirklich guten Gedicht schreiben.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
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    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  6. #6
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    Hallo,

    Nur kurz: ich kann vielem zustimmen was Nachteule sagt. Klar kann jeder schreiben und lesen was und wie er will.
    Aber wenn der Verfasser dem Gedicht ein Vermaß zugrunde gelegt hat, dann sollte man das als aufmerksamer Leser merken und sich von der Sprache leiten lassen, so wie es der Verfasser geordnet hat.

    Jetzt herumgedreht: als Verfasser stehe ich bei der Frage: strikt an ein Versmaß halten, locker an ein Vermaß halten (also mit Ausnahmen), oder lieber die totale Freiheit und sich nicht um solche Sachen kümmern.

    Mal ganz pauschal gesagt, ich finde, die letzte Option ist schlicht zu einfach. Ich werde als Dichter doch gar nicht richtig gefordert, wenn alles toll ist was ich mache, kann ich auch das ABC rückwärts schreiben und mich für den Größten halten.

    Was viele vielleicht gar nicht wahrhaben wollen: Gedichte, die auf uns wirken durch ihre "Gelungenheit" sind Gedichte, an denen oft sehr lange gearbeitet wurde, an denen sich der Dichter abgearbeitet hat. Die sind durch viele Revisionen gegangen, wurden von Freunden gelesen, laut und leise, und waren Gegenstand heftiger Auseinandersetzung. Dann erst wurden sie langsam zu Gedichten, die klanglich und inhaltlich auf uns besonders wirken.

    Nur die allergrößten Genies können auf dem Klo mal eben einen genialen Achtzeiler absetzen. Bei den Sterblichen unter uns kommt halt leider zuerst immer nur gewöhnliche Scheiße bei raus.

  7. #7
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    "Gibt's noch Käsekuchen" kann ich auf die Melodie von "O du Fröhliche" singen oder auf jene von "Hoch auf dem Gelben Wagen".
    Das sagt über das grundproblem null und nichts aus.
    In Lateinamerika irgendwo gibt es Bauern, welche sich von Feld zu Feld mit Pfeifen verständigen, wobei sie die charakteristische Melodie und den charakteristischen Rhythmus eines Satzes (wie "Gibt's noch Käsekuchen?") mit ihren Pfiffen reproduzieren.

    "Weihnachten nächstes Jahr sind wir in Amerika" kann ich auf die Melodie von "Die deutsche Bundeskanzlerin fliegt heute nach Moskau" singen. Aber pfeifen kann ich das nicht so. Denn der erste Satz hat einen eigenen Rhythmus und eine eigene Melodie, welche von jenen des zweiten grundverschieden sind.

    Wer nicht glaubt, dass "natürliche" Satz-Melodie und Satz-Rhythmus von Dichtern berücksichtigt werden, welche weder Versmaß noch Reim verwenden, soll sich doch die Texte unseres Kollegen "perry" wieder mal anschauen.

    Dass viele Dichter sich gerade darin als Dichter gefallen, dass sie die Sprache biegen und brechen, wie es ihnen passt, bzw. wie es im Zusammenspiel mit dem Inhalt ihres Gedichtes Sinn macht, habe ich, so viel ich weiss, oben schon erwähnt.

    So, ich schau dann mal nach dem Käsekuchen (gesungen auf die Melodie von "Kreuzberger Nächte sind lang")

    w27
    Kinder, jetzt gilt's ernst!
    Sie quatschen im Cybertalk
    über Cybersex.

    (StadtHaiku)

  8. #8
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    @ Martin123:

    Du vermischst hier ziemlich viele Sachen. Zunächst mal hat der Hakenstil nichts mit einer Verwendung von einem Metrum zu tun. Dann muss klar zwischen Metrum und Rhythmus unterschieden werden. Für mich ist Rhythmus (bei metrischen Gedichten) die reale Umsetzung des metrischen Schemas. Beispiel: Bei den meisten Gedichten Rilkes werden bei fünfhebigen Versen nur drei Hebungen realisiert.

    Jedoch ist es mMn zu einfach, pauschal zu behaupten, die sog. freirhythmischen Gedichte hätten keinen Rhythmus und der Autor würde es sich mit ihnen zu leicht machen. Hier ist die rhythmische Gestaltung maßgeblich von der Anpassung der Kola mit den Versenden abhängig (wobei es nicht bedeutet, dass dies nicht auch für metrische Gedichte gelten kann).
    Welche Rolle spielt das Metrum in der modernen Lyrik? Ganz einfach: Wenn ein Metrum verwendet wird, dann eine formgebende Rolle, wenn kein Metrum vorhanden ist, dann keine. "Moderne Lyrik" ist hierbei keine Epochenbezeichnung (was eher absurd wäre), sondern eine zeitliche Einordnung.

    @ Mkf0172:

    Ich habe an zwei Stellen ein Problem mit deinem Beitrag.

    Zitat Zitat von Mkf0172
    Aber wenn der Verfasser dem Gedicht ein Vermaß zugrunde gelegt hat, dann sollte man das als aufmerksamer Leser merken und sich von der Sprache leiten lassen, so wie es der Verfasser geordnet hat.
    Nein. Man sollte sich von seinem eigenen Sprachgefühl leiten lassen. Es gibt hier im Forum User, die zu ihren Gedichten das metrische Schema dazuliefern, wobei es nicht selten so ist, dass dieses Schema an mehreren Stellen mit der tatsächlichen Betonung nicht übereinstimmt. Vielleicht hast du dich etwas missverständlich ausgedrückt, und meintest, "wenn der Autor seiner Textgestaltung ein Metrum zugrunde gelegt hat, dann wird der aufmerksame Leser es schon merken." So würde ich der Aussage auch zustimmen.

    Zitat Zitat von Mkf0172
    Mal ganz pauschal gesagt, ich finde, die letzte Option ist schlicht zu einfach. Ich werde als Dichter doch gar nicht richtig gefordert, wenn alles toll ist was ich mache, kann ich auch das ABC rückwärts schreiben und mich für den Größten halten.
    Mal ebenso pauschal in den Raum geworfen: Ich sehe das genau umgekehrt. Ich finde, dass das Ausfüllen eines bereits vorhandenen Schemas immer einfacher ist, als das erstellen eines eigenen Schemas. Anders gesagt: Ich denke, dass es einfacher ist, "gute" metrische Gedichte zu schreiben, als "gute" unmetrische. Dass viele Autoren sich bei der Gestaltung freirhythmischer Gedichte keine Gedanken über die Form machen und willkürlich Zeilenumbrüche setzen, ist kein Argument für die Vorteile der einen Gedichte oder die Nachteile der anderen.


    Allgemein: Wie in so vielen Diskussionen in diesem Forum, ist es für mich unverständlich, warum rein zuordnende Begriffe (in diesem Fall "Metrum" und "Rhythmus") als Qualitätsmesser missbraucht werden. Ein Gedicht wird nicht besser, wenn es vier oder fünf Hebungen pro Vers hat. Es wird auch nicht besser, wenn man, wie Nachteule sagt, mal ab und zu auf Enter haut. Aber davon ableiten, dass eine der beiden Möglichkeiten a priori die bessere ist, ist imho mindestens naiv und starrsinnig.

    mfG

  9. #9
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    @Taras Bulba

    Ich stimme dir größtenteils zu, dass der Leser zuerst einmal so liest, wie er es intuitiv empfindet. Wie soll er auch anders? Er kennt das Gedicht ja noch nicht.

    Dann aber, wenn er durch unvoreingenommenes Lesen merken sollte: hoppla, hier tut sich was, hier werde ich quasi von der Metrik gezwungen, so oder so zu lesen, dann stellt sich für den Leser die Frage: ist das jetzt nur mal so passiert oder hat das System?

    Er kann sich von dem Rhythmus leiten lassen, welches das Gedicht nahelegt. Wie der Rhythmus zustande kommt, ob nun durch das Metrum quasi eingebaut oder durch andere Kniffe wie Satzzeichen, Zeilentrennung, Reim, etc. das ist eine andere Frage.

    Oder der Leser merkt, nein, der Rhythmus ist nicht systemimmanent, ist nicht über alle Strophen verteilt sondern nur temporär. Dann war es entweder Zufall (schade), oder der Dichter hat damit Rhythmus und Sinn versucht in Verbindung zu bringen. Der Rhythmus unterstützt sozusagen die Aussage an dieser Stelle.

    Sicherlich gibt es hier Freiheiten, genauso wie beispielsweise bei einem Musikstück in Notenform. Keine zwei Musiker spielen dasselbe Stück gleich, obwohl sie sich auf denselben Text, sozusagen, beziehen. Einfühlsame Musiker können dem Notentext Feinheiten und Nuancen herauskitzeln, die einem ungeübten Musiker verschlossen bleiben. Ich denke, der Vergleich ist nicht zu weit von der Wahrheit entfernt.

    Auch dein zweiter Punkt macht Sinn. Das Ausfüllen eines vorgebenen Schemas ist weniger anspruchsvoll als ein eigenes Schema, oder sogar einen eignen Stil zu entwickeln. Dem stimme ich absolut zu. Was aber ist ein Schema, oder der eigene Stil? Wieder pauschal gesagt, Schema ist Struktur. Und Struktur ist die gewollte Anordnung von sinntragenden und sinngebenden Elementen der jeweiligen Kunst, hier eben sprachliche Mittel, alles worauf man an der Sprache und ihrer schriftlichen Darstellung bewusst Einfluss nehmen kann, von Rechtschreibung angefangen, über Grammatik, Wortwahl, Reime, Ausdrucksformen, Arten der Erzähltechnik, Metaphern, Assoziationen, bis hin zu formalen Elementen wie Zeilenlänge, Umbrüche etc, die Liste ist fast endlos.

    All das was Teil einer Struktur sein kann, ist nun das Material, das mir zur Verfügung steht um zu formen, zu dichten.

    Ich persönlich schreibe immer drei Zeilen für eine Strophe, schon seit Jahren, und immer neun Silben pro Zeile. Damit finde ich mich am besten zurecht. Das ist mein Stil. Aber wo reimt es sich bei mir? Total chaotisch, vorne hinten, mittendrin, ich kann bis zu vier fünf Reimpaare in eine dreiteilige Strophe einbauen, so dass es sich noch nach was anhört. Natürlich sehe ich keinen Zwang zu Reimen, und wo ich nicht will, da eben nicht. Diese Gestaltung der Reimpaare hat entscheidenden Einfluss auf Rhythmus und Lesefluss. Wenn es vom Sinn her passt, soll es flutschen, andermal stocken, oder erhaben wirken oder auch total wirr. Das hängt davon ab, welches Gefühl ich durch die Anordnung der Reimpaare erzeugen will. Reim nur um zu Reimen, weil es ein Schema vorgibt, ist die unterste Stufe. Das bringt nichts.

    Ok, das war etwas viel auf einmal.

    Beste Grüße und hoffentlich bis bald
    M
    Geändert von Mkf0172 (02.09.2016 um 06:46 Uhr)

  10. #10
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    drei mal neun
    und das schon seit jahren
    weil es mein schema vorgibt
    ist die unterste stufe
    das bringt nichts

    schönes dichten
    w27

  11. #11
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    @wilma27

    Haha, dir steht natürlich frei, jeden Quatsch zu finden. Dass du was begriffen hast, bedeutet das allerdings nicht.

    Gruß zurück
    M

  12. #12
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    @ Mkf0172:
    Mit deinem letzten inhaltsbezogenen Beitrag bin ich wiederum nicht ganz einverstanden. Ich habe langsam den Eindruck, dass du einen eher positivistischen Standpunkt einnimmst, was Literaturbetrachtung angeht. Dieser ist zwar nicht unbedingt falsch, aber als absoluter Ausgangspunkt unbrauchbar; und ansonsten fehlt ihm oft genug der Ansatz.
    Es sollte mich, meiner Meinung nach, erst im letzten Punkt der Analyse interessieren, was sich der Autor bei Diesem oder Jenem gedacht hat. In vielen Fällen stellt diese Überlegung lediglich eine unbegründbare Vermutung dar. Wie Nachteule treffend bemerkt hat, gibt es Leute, die, ohne von der Metrik zu wissen, nur nach Gehör ein sauber alternierendes Gedicht schreiben können - in diesem Fall wären weder das Metrum noch der sich (unter anderem) daraus ergebende Rhythmus Absicht. Daraus leite ich ab, dass es zumindest müßig ist, sich über Intentionen des Autors Gedanken zu machen. Vielmehr sollte man sich den Text als Ausgangspunkt für die Textbetrachtung (!) setzen.

    Abgesehen davon wundert mich deine Ausführung über die schier grenzenlose Auswahl an Gestaltungselementen als krasser Gegensatz zu deiner Aussage über deine Texte. Ich persönlich mag es nicht, mich auf eine Form zu begrenzen, da ja auch sie sinntragen und -gebend ist, wie ich dir zustimme. Ich suche mir leiber eien Form, die mMn dem Inhalt am besten zusagt. Oder zumindest ist das meine Idealvorstellung.

    mfG

  13. #13
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    @ Mfk 0172 (und Martin)

    Als Musiktexter schreibe ich sehr oft auf Demos, also vorgegebene (oft recht regelmäßige) Rhythmen. Das kann nerven, wenn die Text-Ideen, die in mir auftauchen, rhythmisch beim besten Willen nicht passen wollen. Genauso können aber auch Komponisten nerven, die mir anbieten, eigene Melodien zu kreieren. Dann sitze ich manchmal länger am Komponieren als am Texten.

    Fast alle Menschen konsumieren Songs. Und Songs sind zu 95% rhythmisch stark strukturiert. Also lass dich nicht von Freestylern verwirren. In der Regel erwarten die Meisten irgendwie strukturierte Lyrik. - Ich liebe aber auch die freien Verse von Bukowski oder Tranströmer, dem einzigen Literatur-Nobelpreiträger, der eigentlich nur Gedichte schrieb. Zumindest letzterer betrachtete das klassische Versmaß lebenslang als Inspirationsquelle.

    ich glaube, es hängt stark vom Charakter der Dichter ab, ob sie zu klassischen, freien oder gar zufälligen Versmaßen neigen. Und entsprechend werden sie regelmäßige Lyrik akzeptieren oder hart angreifen.

    Allerdings würde ich nicht lebenslänglich im gleichen Rhythmus schreiben wollen, da sich meine Gefühle rhythmisch keinesfalls in ein einzige Schema pressen lassen. Könnte es sein, dass du zum distanzierten Schreiben neigst?

    Lg

  14. #14
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    Hallo Martin 123!

    Für mich ist es reizvoll, dass man den modernen Leser irritieren möchte, indem man die gewohnte Form aufbricht. Indem man mittels der vielen Stilmittel usw. Irritation erzeugt.
    Ob dir Irritation so gewollt worden ist bleibt ebenso fraglich wie dies als Stilmittel anzuerkennen.
    Nach meiner Meinung geriet die Lyrik schon in den 80er in eine Rezeptionskrise....Lieratur dieser Gattung interessierte, mit Ausnahme von Liedtexten, immer weniger. Es begann eine Suche nach "Impulsen"...auch im formalen Bereich der Lyrik.
    Solche genialen Impulse wie DADA blieben aber aus. Hingegen reizte man das freie Versmaß aus bis hin zu Einwortzeilen in Bücherlangen Texten und "dichtete" dieser Formalie auch noch eine Poetik an.
    Derlei Erscheinungen erinnern mich an das Märchen "Des Kaisers neue Kleider".

    Aktuell gibt es in einigen Zentren der Republik die "Langzeilenkleinschreibbewegung ohne Punkt und Komma". Dabei werden poetische Bilder die ineinander greifen, teilw. verschachtelt sind, ohne Punkt und Komma und ohne formal kenntliche Gruppierung aneinander geschrieben.
    Der Hörer oder Leser soll nun sich selbst daraus sein gedicht zusammeninterpretieren. (Der Autor liefert nur dieses Materialangebot...) In einer Lesung ohne Interpretation defacto unmöglich. Einige AutorInnen der Gruppe 13 in Berlin pflegen diesen Stil z.Zt.
    Ist Irritation immer ein Stilmittel?

    Ob man das Publikum so "Behandeln" und "traktieren" sollte ...das für Lyrik eh schon knapp ist...?
    Poetryslams hingegen kippen mMn seit zwei Jahren eher in Richtung Comedy auf Privatsenderniveau, ohne dabei die Wurzel beizubehalten....leider

    Und ist es neu?...eher ganz und gar nicht:
    Der Surrealismus, der sich von Paris ausbreitete war sicher eine etwas stärkere Kraft, weil basierend auf einer Weltsicht im Sinne der Kunst. Heute, im neoliberalistischen "alles darf, alles ist Kunst" (was ich persönlich für falsch halte) ist dies noch nicht mal ein lauhes Lüftchen und wird getrieben durch ähnlichen Motoren wie die der "Marktwirtschaft"- immer wieder nach dem neuesten Trend suchend um ihn zu nutzen.

    Die Frage nach der Sicht auf den Menschen ist heutzutage kaum noch eine Kernfrage der Kunst
    obwohl er Akteur, Medium, Erschaffer, Rezipient und Hauptgegenstand ist - aber eben nicht in einem egoistischem Sinne.
    und dies hat sich nun wahrlich geändert...

    Etwas anderes wird oft nicht erwähnt:
    bei allem stilistischen Spitzfindigkeiten, allem klugem und sicheren Einsatz von Poesie, ja sogar von Mystik....
    ist es glaubhaft? was da steht, gelesen wird?
    Dienen die Stilmittel einer übergeordneten Idee? einer Sicht auf die Welt, einer kunstphilosophischen Betrachtung?
    ....oder doch nur Effekthascherei?...im Tümpel der Angst zu wenig wahrgenommen zu werden?

    Ich persönlich würde dort sehr sehr klar unterscheiden wollen
    und stelle fest: die "innovationen2 in der Lyrik sind sehr viel geringer als man gemeinhin annimt. Das wichtigste Kriterium ist seit über dreitausend jahren unverändert - wie in fast jeder Kunst -SIE SOLLTE ÜBERZEUGEN.

    Es hilft natürlich, wenn sich in seiner gewählten Kunstform seiner Mittel bewußt ist, Neues dazulernt und weiter nach Möglichkeiten sucht seinen Ausdruck zu realisieren. Dies erscheint mir primär...alles andere ist untergeordnet, eventuell Übung, Sichtung...
    Doch dies scheint mir als Motiv selten geworden zu sein. In der Mehrzahl bemerke ich, daß bei vielen Autoren der Effekt höher steht als die wirkliche Suche nach persönlichem Ausdruck.
    Es gibt viele Beispiel dafür, die bereits in die Lyrik eingegangen sind:
    Diskussionen über den metrischen Sonettaufbau
    Diskussionen über Neologismen
    Diskussionen über die Weiterentwicklung alter Formen
    Diskussionen über die Nachahmung von Formen aus alten oder fremden Kulturen wie z.B. Haikus, antiken Distichons,
    usw.

    Aber all dies nützt nix...
    Entscheidend ist und bleibt die Sicht des Künstlers auf die Welt und seine Motive zur Kunst.

    Noch etwas zu Rhythmus und Metrum:
    sie sind nicht identisch und können es auch nicht sein weil:
    Rhythmus (Lyrik) die Abfolge von Silben hinsichtlich Klanglänge, Akzentuierung und Pausen ist und Metrum lediglich den regelhaften Ablauf von Akzentuierungen innerhalb einer Vers- bzw Gedichtform betrachtet (deutsche Metrik).
    Was heute kaum noch im Blickfeld ist - obwohl es die Große der Nachkriegsgeneration den jungen durchaus immerwieder nahe legten - sind die Klanglängen, die Zäsuren, Pausen...einfach alles was von formaler Seite her geeignet ist, einen emotionalen dichterischen Inhalt zu unterstützen.

    Ebenso weit entfernt sind wir angekommen bei der Frage; Warum diese Form, dieser Vers, diese Poesie etc. für diesen Inhalt...
    Und spätestens dort stelle ich leider häufiger fest, dass Lyrikschreiben von Autoren mehr als Dogma auf die Welt niedergeschrieben wird als denn als Ausdruck wie die Welt auf den Autor wirkt, wie er sie wahrnimmt...inzwar so, dass dies von mehr als nur fünfzig Lyrikexperten encodierbar ist.

    Später eventuell mehr
    gitano
    "Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit in der Kritik."
    feiner Satz von M. Reich-Ranicki

  15. #15
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    Hallo Gitano,

    Dienen die Stilmittel einer übergeordneten Idee? einer Sicht auf die Welt, einer kunstphilosophischen Betrachtung?
    ....oder doch nur Effekthascherei?...im Tümpel der Angst zu wenig wahrgenommen zu werden?
    Ja. Aber war das jemals anders? Geben wir (u.a. Lehrer, Kritiker, Feuilettonisten) nicht immer erst Jahre HINTERHER dem Ganzen einen tieferen Sinn, sozusagen aus sicherer Distanz?

    Was heute kaum noch im Blickfeld ist - obwohl es die Große der Nachkriegsgeneration den jungen durchaus immerwieder nahe legten - sind die Klanglängen, die Zäsuren, Pausen...einfach alles was von formaler Seite her geeignet ist, einen emotionalen dichterischen Inhalt zu unterstützen.
    Simme ich zu! - Aber wer sagt uns, ob nicht doch genügend junge Dichter Klanglängen oder Zäsuren beim Schreiben nachlauschen. Vielleicht verludern WIR ja auch - als Rezipienten?
    Geändert von Artname (05.09.2016 um 23:07 Uhr)

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