Thema: Wilder Wein

  1. #1
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    Wilder Wein

    … flammt an der Friedhofsmauer
    hoch, rammt Rot ins Herz der Herbsttristesse,
    flirtet mit den Winden, gibt sich kess,
    will nichts wissen von Verlust und Trauer.

    Trotzig protzt er weiter, doch auf Dauer
    unterliegt er dem Verfallsprozess.
    Welk und müde, lückenhaft der Dress,
    kämpft er gegen Sturm und Hagelschauer.

    Blatt um Blättchen bricht ihm weg und sinkt
    abgekämpft zu Boden, liegt dort, liegt,
    lange – bis es unbemerkt vergeht.

    Ein Gerippe, an die Wand geschmiegt,
    wintert scheintot, bis es aufersteht,
    wenn im Frühling frischgrün Hoffnung winkt.
    Geändert von monalisa (23.10.2016 um 14:13 Uhr) Grund: Auf the witchs Anregungen hin geändert. Vielen Dank Hexe!

  2. #2
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    Liebe Mona,

    es wundert mich, dass sich noch niemand zu diesem Herbstsonett zu Wort gemeldet hat. Mag sein, dass die LeserInnen des Herbstes schon überdrüssig sind. Und ja, auch Dein Gedicht nimmt ein herbstliches Naturmotiv auf, ja, auch Deines thematisiert wie so viele in seinen Bildern ebenfalls Vergänglichkeit und Tod sowie das Neuerwachen im Frühjahr. "Nix Neues, alles irgendwie schon dagewesen", könnte man es also abhaken. Und doch habe ich es gleich auf meine "Merkliste" geschrieben (, die - dank der vielen noch unerledigten Aufgaben, die mich hier zu Hause einholen - leider schon ziemlich angewachsen ist ).

    Denn trotz der Nähe zum typischen Herbsttext gefällt mir Dein Sonett außerordentlich gut, vielleicht auch gerade deswegen, stellt es aus meiner Sicht doch ein "flammendes" Beispiel dafür da, dass auch althergebrachte Themen nicht ermatten und untergehen müssen, sondern - selbst im "knöchernen Korsett" des Sonetts - jung und erfrischend "auferstehen" können.

    Tja, was ist bzw. was empfinde ich hier als anders als am "typischen" Herbstgedicht? Was macht Deine Verse für mich attraktiv?

    Da ist zum einen Dein Umgang mit der Form des Sonetts zu nennen. Es folgt zwar in puncto Reimschema, Hebungszahl und inhaltlicher Struktur der traditionellen Form, verwendet allerdings z.B. den weniger gebräuchlichen Trochäus als Metrum, was mich - bedingt durch die Auftaktlosigkeit der Verse - quasi in das Gesamtbild wie das Geschehen hineinwirft. Auch tauchen im Sonett weniger übliche Enjambements in den ersten drei Strophen (jeweils am Übergang vom ersten in den zweiten Vers) auf und vermitteln Lebendigkeit und "Wildheit" des Weins, unterstreichen dessen Aufbäumen gegen den Lauf des Irdischen.

    Inhaltlich versucht es zum anderen nicht, wie die meisten Herbstgedichte, mich als Leserin in eine diesig-trübe Melancholie hineinzuziehen (was ich bei Herbstgedichten durchaus für legitim halte), sondern lädt ein zum Flirt in der ersten Strophe mit Kessheit und provokativer Antiherbst-Stimmung (flammendes Rot, Rammstoß ins Herz, Pfeifen auf Verlustängste). Anders als die häufig zu lesende Beschreibung einer "Großstimmungslage" unter Aufnahme verschiedener Einzelbilder konzentriert sich Dein Gedicht auf die detaillierte Auseinandersetzung mit einem Einzelbild, nämlich dem des Flammens, Verblassens und Vergehens einer wilden Weinrebe zum Gerippe, ausgerechnet am Ort der letzten Ruhe für menschliche Gerippe. Klar drängt sich hier die Analogie des menschlichen Umgangs mit dem Tod geradezu auf: mit der fast lebenslangen Verdrängung, dem Nichtwahrhabenwollen von Gebrechlichkeit und zunehmenden "Funktionsverlusten" ("Blatt um Blättchen"), dem ignoranten Kampf gegen das unausweichliche Ende. Tröstlich die Hoffnung auf Auferstehung im letzten Terzett, sehr sinnig angesichts der Friedhofsnähe.

    In dieser Beziehung passen Inhalt und Form wunderbar zusammen, stehen die relativ starren formalen Vorgaben, die ein Sonett bedeutet, für den unvermeidlichen Lauf des Lebens, aus dem es kein Entrinnen gibt, und die Konzentration auf ein Thema, das von mehreren Seiten beleuchtet wird und schließlich in die endgültige Aussage (vom Sieg des Lebens über den Tod) mündet, findet sich gut aufgehoben in der inhaltlichen Logik, die für ein Sonett typisch ist.

    Sprachlich fällt die Einstreuung etlicher Alliterationen auf, nicht nur der "wilde Wein" weist eine solche auf, sondern auch "rammt Rot", das "Herz der Herbsttristesse", "will nichts wissen" in S1, wo sie durch ihre Häufung wie auch ihre phonetische Wirkung (kurze Vokale in geschlossenen, oft ein bisschen "zischenden" Silben) die Rebellion des Weins untermalen, sowie bei "Blatt um Blättchen bricht" und "liegt dort, liegt, lange" mit Wortwiederholungen einhergehend in S3, womit sie die Unerbittlichkeit des Niedergangs wirkungsvoll vermitteln. Nicht zu überlesen ist dann natürlich die Alliteration im letzten Vers "im Frühling frischgrün" mit ihren außerdem hellen, hoffnungsfrohen i-/ü-Silben.

    Aufgefallen sind mir außerdem noch der schöne Binnenreim "flammt" - "rammt" in S1, jeweils auf einer Senkung "rebellierend", sowie natürlich das "trotzig protzig", das mir allerdings nicht so recht behagen will. Auch wenn es inhaltlich wunderbar passt und tatsächlich unnatürlich "protzig" rüberkommt, so ist es für mich hier zuviel des Guten. Ich kann auch nicht recht erklären, wieso, vielleicht des phonetisch unschönen Klanges wegen, vielleicht auch, weil hier der Vers ein wenig "ins Klappern" gerät, weil die Sinneinheiten mehrfach hintereinander mit den Versfüßen übereinstimmen. Beides passt wunderbar zum zunächst ignorierten Einbruch der Unerbittlichkeit, die sich damit ankündigt, keine Frage! Dennoch überlegte ich, ob eine kleine Änderung wie

    "Trotzig protzt er weiter, doch ..." oder ähnlich

    dem wirklich Abbruch täte, die aber meinem Empfinden nach etwas weniger klapperte. Lass ich Dir mal zum Überdenken da.

    Als inhaltlich nicht ganz stimmig empfinde ich das "konsterniert" in Bezug auf die Blättchen in S3. Müsste nicht eigentlich der Wein selbst konsterniert zusehen? Trifft diese Emotion tatsächlich auf die Blätter zu? Einerseits gehört das Wort selbst wie der "Dress" oder das seltene Wort "wintern" zu den Merkmalen, die der verwendeten Sprache Jugendlichkeit und Frische verleihen, andererseits wirkt besonders das "konsterniert" für mich etwas fremkörperhaft im Text, stößt mir also erst einmal neutral auf, verlangt dann aber für mich nach einer "Passung", der es meinem Empfinden nach eben nicht gerecht wird. Alternativ könnte ich mir z.B. "abgekämpft" (den Kampf des Weines in S2 aufnehmend, den dieser ja allen seinen Blättchen abverlangt) oder auch "würdelos" (weil sie ja ziemlich tollpatischig wirken, wenn sie zu Boden trudeln) gut vorstellen. - Klar, Deine Entscheidung, aber eben meine Gedanken dazu.

    Uups, mit Schrecken sehe ich auf die Uhr und stelle fest, dass ich mich in Deinem Gedicht verloren habe, bzw. in meinen Gedanken dazu. Ich denke und hoffe aber, dass ich diese nun verschriftlicht habe, falls mir noch etwas einfällt, melde ich mich natürlich gern wieder. Ein schönes Sonett, liebe Mona, und eines, das verdient hat, vor dem "unbemerkten Untergang" bewahrt zu werden!

    Ganz liebe Grüße
    witch
    Geändert von the witch (21.10.2016 um 02:09 Uhr)
    .........................................
    Kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, lasst wenigstens einander gelten. (J.W.Goethe)

  3. #3
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    Liebe Witch,

    du machst deinem Titel alle Ehre, auch für diesen Kommentar müsste man dich sofort wieder zur Kritikerin des Monats wählen. Mitstreiter habens da schwer.
    Du weißt, das schreibe ich nicht, weil mein Sonett so gut bei dir wegkommt, aber es freut mich natürlich schon ! Du hast wirklich sehr genau er- und zusammengefasst, was ich selbst im Kopf hatte, während ich diese Zeilen schrieb, und du hast treffsicher jene Stellen herausgepickt, an denen ich auch nicht so ganz glücklich war.
    'Abgekämpft' finde ich eine hervorragende Alternative zu 'konsterniert', warum ist mir das nicht eingefallen? Ich habe hier lange nach einem metrisch passenden Wort gesucht, was man dem 'konsterniert' wohl doch ansieht, besonders, wenn man so einen feinen Instink besitzt wie du.
    Auch das 'trotzig protzt er weiter' finde ich um Klassen besser als das ursprüngliche 'trotzig, protzig'. Du hast mir mal wieder genial aus der Patsche geholfen. Vielen Dank! Wenn ich dich nun nicht im offiziellen Kritikerfaden vorschlage, dann nur deshalb, weil ich nicht in den Verdacht kommen möchte, Eigenwerbung zu betreiben . Aber ich ernenne dich auf der Stelle zu meiner Leib- und Lieblingskommentatorin. Den entsprechenden Orden am goldenen Band schicke dir per Post zu.

    Hast du toll gemacht, vielen Dank – besonders auch für den geopferten Schlaf !

    Liebe Grüße
    mona

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