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    Sein letzter Kampf III

    III. Begegnung mir Franz Kafka


    Ich war so aufgeregt, dass ich mich in diesem Haus nicht mehr zurechtfand. Wo war hier der zweite Stock? Und wo befand ich mich überhaupt: im Keller oder im Dachgeschoss oder mittendrin? Ich schaute nach links in den endlosen Flur, ich schaute nach rechts, das selbe trostlose Bild, eigentlich die ideale Ebene um Rollschuh zu fahren oder in- oder outline zu skaten.
    Ich fühlte mich so hundsallein, dass ich, als mir tatsächlich jemand entgegenkam, schon anfing zu halluzinieren und dachte, jetzt begegnest du Franz Kafka persönlich, wenn auch schon fortgeschrittenen Alters. Der Herr war aber sehr kurzangebunden, als ich ihm gegenüberstand. Als ob etwas nicht mit mir in Ordnung wäre. Immerhin gab er mir Auskunft, weil er wusste, wo in diesem Schloss der zweite Stock war. Ich erlaubte mir, ihn dafür zu danken und zu grüßen und machte mich schnell auf den Weg, weil ich den Eindruck nicht loswurde, dass er irgendetwas gegen mich zu haben schien.
    Als ich mich bis zu seinem Zimmer durchgearbeitet und -irrt hatte, muss man schon so sagen, wartete hinter der Tür zum Zimmer meines ehrenwerten Onkels und meiner lieben Tante eine böse Überraschung auf mich.
    „Endlich kann ich’s Dir heimzahlen!“, prustete er aus. Wer wohl stand da schwerbewaffnet?
    „Wem? Mir!“
    „Na klar, wem denn sonst? Du Rattenfänger!“
    „Was!?“
    Franz Kafka, der Mann von vorhin, der mir den Weg hierhergewiesen hatte, stand vor mir und hielt in der Hand keinen schmucken Spazierstock wie mein Onkel, sondern ein richtiges Sturmgewehr. Ich traute meinen Augen kaum, aber es war so.
    Natürlich, es hätte mich kaum überrascht, wäre es mein Onkel gewesen, dem gerade sein familiärer Sinn ins Ohr flüsterte: siehtse Mal, ich hab’s ja immer gewusst, dass es mir Dir, Neffe, einmal ein sehr, sehr böses Ende und für mich furchtbares Erwachen geben wird. Er war schon immer der „Mann fürs Grobe“ gewesen. Und man konnte ihm alles zutrauen.
    Dieser da schien aus gleichem Holz zu sein, denn er verstärkte nun den Griff seiner Hände um das Gewehr und stieß es einen Ruck vor, ein Geste, die unmissverständlich war.
    Ich rückte zurück und hob die Hände. Das macht doch in so einem Fall, oder?
    Wo war der Onkel übrigens? vielleicht legte er gutes Wort mich ein. Äh, das sollte ein Witz sein.
    Dann überlegte ich mir, wie kommt dieser Mann, ich nenne ihn einfach einmal Franz Kafka, schließlich fand er es nicht nötig, sich mir vorzustellen, zu diesem Maschinengewehr, in so einem ehrenwerten Seniorenheim? Einen Moment dachte ich an die Nonnen, verwarf aber diesen Gedanken wieder.
    Warum überhaupt wurde ich gar mit einem Gewehr bedroht. Was hatte ich Franz Kafka getan? Er kannte mich nicht, ich ihn nicht. Also warum?
    „Was habe ich Ihnen getan?“, stammelte ich.
    „Du österreichische Filslaus auf dem räudigen Fell der deutschen Kulturnation.“
    Ich nickte unwillkürlich dazu. Ich verstand. Ein Nazi wie er im Buch stand!
    Ich musste ihm aber schleunigst einen anderen Namen als Franz Kafka geben. Das wäre ehrrührig gewesen, wenn ich dies nicht getan hätte. Hmm.
    Ein österreichischer Name wäre nicht schlecht. Denn, aha, von daher wehte doch der Wind. Die Unschuldsnation wurde von der anderen verführt. (Wie die Kurden, die von den Türken verführt worden sind, um am Massaker der Armenier mitzuhelfen und welche Nationen nicht alle?)
    Aber zurück zu unserer. Ich wollte ihm schon sagen, dass das heutige Deutschland und Österreich doch nur von Napoleon auseinanderdividiert worden ist, sonst doch kaum ein Unterschied bestand. Unwissender!
    Ich war ja auf seiner Seite, Widerstandskämpfer, wäre schon richtig, diese Filslaus zu fizilieren!
    Äh, aber ich doch nicht, ich wollte nicht erschossen werden, zumal nicht für jemanden, den ich nicht kannte, den ich nicht gewählt hatte und überhaupt!
    „Ich bin aber nicht derjenige, für den sie mich halten.“
    Er lächelte verbissen und nickte genauso voll der totalen Aufmerksamkeit dazu. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Er hielt mich wohl für ziemlich gefährlich.
    „Ich bin für Sie also Adolf Hitler?“
    Er nickte weise und vielsagend dazu.
    „Wer sonst? Du verführst mich nicht!“
    Bravo, Wacker, weiter so.
    Aber nein!
    Und schon verzerrte sich sein Gesicht in einer ultrabrutalen Weise. Ich schaute auf seine Hände, auf eine bestimmte Hand. Er krümmte den Finger und es machte klick.
    Die Rettung – das alte Gewehr funktionierte nicht. Hat wahrscheinlich zu lange im Schrank oder auf dem Dachboden herumgelegen und sich Staub eingefangen.
    Schnell fischte ich einen Papierfetzen aus meiner Hosentasche, hielt es mir vor die Nase und deutete auf meine aufgeschürfte Oberlippe. „Mann, ich bin ein anderer!“, während er ungerührt an seinem Gewehr herumfuhrwerkte.
    Ich sah nur eine Chance: Flucht. Aber hinter mir hatte sich die Tür zugetan, mein Exekuteur, Füsilant und Sichelmann war mir zu dicht auf die Pelle gerückt und nur offen stand die zum Klo-Waschraum. Kopflos sprang ich dahinein und schloss hinter mir die Tür. Ein dicker Riegel ermöglichte das Schließen der Tür.
    Dann kramte ich mein Handy aus meiner Westentausche und funkte meine Freundin an.
    „Hallo!“, ohne H, das klang wohl besser, schick, entweder weil es französisch wirkte oder weil’s ukrainisch war, was weiß ich. Welche Ausdrücke zu welcher Sprache gehören, weiß nur noch ein Sprachwissenschaftler. Hört man sich die Engländer an, dann fluchen die auf Deutsch, nämlich „Sch...“, hört man sich Deutsche an, dann die auf Englisch „Shi...“
    Ich konnte mich kaum verständigen, weil ich meine eigene Stimme kaum hörte, wen wundert’s, noch weniger hören, weil es ständig an der Tür pochte.
    In meiner Verzweiflung, Not schrie ich einfach: „Zimmernummer 22, 1. Stock. Komm schnell! Gefahr droht. Mein Onkel.“
    „Panimai!“, was heißt, ich verstehe. Erstaunlich, wie geistesgegenwärtig so eine Person aus dem Osten, noch dazu weiblichen Geschlechts in akuter Gefahr das Richtige zu tun weiß. War sie darin geübt? Passierten in ihrem Heimatland Ukraine solche Sachen auf dem laufendem Band? Gut möglich.
    Inzwischen polterte der rüstige, ich nenne ihn nicht mehr Franz Kafka, sondern Hegel, mit fester Faust an die Tür und befahl: „Rauskommen!“
    „Äh, ich bin doch nicht Adolf Hitler!“
    „Ha, ha!“, brüllte er von jenseits der Tür. „Du denkst wohl, dass ich plemplem, senil oder dement bin, da irrst Du Dich aber gewaltig. Ich weiß zu genau, wer Du bist!“
    „Klar“, resigniert. Was tun jetzt? Ich saß hier wie in der Mausefalle. Nur ein Weg hatte dieser Ausgang: das Mündungsrohr eines wahnsinnigen ehemaligen SS-ler, wenn nicht Schlimmeres, der wieder zur Vernunft gekommen war und jetzt gegen seinen Führer zu Felde zog.
    Dann schrie er wieder erzürnt: „Da musst du aber ein bisschen früher aufstehen, um mich für blöd zu verkaufen.“
    „Aber ich bin doch der Neffe von meinem Onkel, der da wohnt!“
    „Das erzähl Deiner Oma!“ und er schlug mit dem Kolben des Gewehres gegen die Tür. Schön, wenn die jetzt losginge und den Wilden da träfe, nur gefechtsuntauglich traf, zumindest.
    Was ich noch machen konnte, ihn so lang in ein Gespräch verstricken, bis Hilfe kam. Hoffentlich war meine Ukrainerin nicht so todesmutig, alleine zu kommen.
    Ich hörte zu meiner Freude die Türe draußen aufgehen.
    Nun öffnete ich auch die Tür, egal jetzt, was geschehen mochte, aber meine neue Freundin durfte er nicht so einfach abknallen, wäre zu schade drum.
    Der Hegel vor mir war abgelenkt von ihr, ich riss ihm schnell die Waffe aus der Hand, warf sie in den Waschraum, schloss hinter mir die Tür und stelle mich mit dem Rücken davor.
    Aber da sah ich meinen Onkel, der auch ein STurmgewehr in der Hand hielt. Mit diesem fuchtelte er knapp vor der Nase meiner Freundin herum.
    Aber glaubt man, sie zitterte, winselte schon um Gnade, dann irrt man, nicht einmal aufs Maul gefallen war sie. Todesmutig dem Auge in die Pupille glotzend, trotzte sie der Gefahr. Sogar sprechen konnte sie. Und das in einem derartig einwandfreien Deutsch, abgesehen vom Akzent, das ich noch niemals nicht aus ihrem Munde vernehmen durfte.
    “Du weißt doch... Andreas, nicht?“
    Was war in der gefahren? Woher kannte sie den Vornamen meines Onkels? Aber natürlich, an der Zimmertür, da stand sein Name, Vor- und Zuname. Aber warum der vertrauliche Rufname?
    „Junge Dame, sie irren, ich heiße nicht Andreas!“
    Bei dem Stichwort Andreas, erhob sich plötzlich aus dem Bett in der Ecke eine Zombiegestalt. „Was ist los?“ Meine Tante! Aber die konnte uns jetzt auch nicht helfen.
    Meine Freundin hatte Zeit gewonnen, denn mein Onkel war seinem Augenblinzeln und Zähneknirschen nach zu urteilen, zunächst mal verwirrt. Wäre ich auch gewesen, wenn mich so ein knackiges junges Ding mit meinem Vornamen angeflötet hätte, oder? Oder lag es daran, dass er noch immer nicht das Gewehr entsichert hatte und daran verzweifelt herum schraubte, während er von ihr ins Kreuzverhör genommen wurde.
    Mir kam es so vor, als warteten wir gespannt auf die Explosion einer Granate oder so. das war gar nicht so abwegig, so unberechenbar, wie dieser Alte geworden war. Vielleicht hatte er Spezielles parat für seine ukrainisch-russischen Feinde, denn darin dürfte er keinen Unterschied gesehen haben, trotz dem die ersteren nicht müde wurden, heutzutage das gerade Gegenteil zu behaupten und immer wieder zu behaupten.
    Ich überlegte, wo nur hatte mein Onkel und dieser Hegel diese Waffen deponiert, wie geriet ein solches in deren Hände überhaupt? – das Ergebnis der Sammelwut alter Kameraden hier im Heim? Denn Unterstützung brauchte er für solch ein logistisch schwieriges Unterfangen schon, Waffen zu organisieren, man stelle sich das nur vor, und dann ins Altenheim zu schmuggeln und einen heimlichen Platz dafür zu finden?
    Sie darum Gedanken zu machen, hatte Zeit, die ich mir für später aufsparen konnte, jetzt ging es zuvörderst darum, ihn hier und jetzt zu entwaffnen und unschädlich zu machen.
    Meine Freundein, unschlagbar, welch ein Kleinod von neuer Freundin war mir hier in die Hände gefallen, wusste einfach haargenau, was zu tun war.
    „Du kennst mich doch, Andreas X, oder müsstest mich kennen. Schau mich genau an!“
    Mein Onkel verschärfte seine Blick und machte Schlitzaugen.
    „Ja, so ist’s gut. Schau mich nur genau an. An wen erinnere ich Dich? Hm!“
    Darauf konnte ich mir nun überhaupt keinen Reim bilden. Spinnte die? Welches Spiel spielte sie hier? Suggestion, Hypnose, böser Blick. Allmählich wurde sie mir unheimlich. Man bedenke diese Wechselbäder der Gefühle innerst weniger Sekunden: zwischen Bewunderung und Ängstlichkeit – dann war es schon ein besonderes Verhältnis, das da zwischen uns zu entstehen schien und drohte, je nach dem, wie man es sah.
    „Ich verstehe nicht...“, murmelte der andre.
    „Erinnere Dich! Warst Du nicht in der Ukraine...“
    „In der Ukraine...“, zögerlich.
    „Ja!“
    „Du meinst im Krieg.“
    „Genau!“
    Was führte meine neue Freundin denn da im Schilde? Ich kannte sie ja nicht. Ich begriff aber, dass dies sich gerade radikal ändern sollte.
    „Und was war da?“
    „...“
    Der Mann schaute wie das Kaninchen auf die Schlange: starr, fixiert und hypnotisiert.
    „Schau mich nur an! Wem könnte mein Gesicht ähneln?“
    Das darf nicht wahrsein! Ein misstrauischer Verdacht brach sich Bahn in mir. Sie wagt es doch nicht? War sie so dreist?
    „Du meinst in der Ukraine?“
    „Ja!“
    „Damals...“
    „Ja!“
    „Während des Krieges...“
    „Während des Krieges...“
    „Hm...“
    Schweigen.
    „Mein Gesicht!“, kam es wieder von ihr. „Schau mich genau an! An wen erinnert es Dich.“
    Wenn es zutraf, was ich dachte und vermutete, spielte sie ein gefährliches Spiel und zündelte mit dem Feuer über Öl.
    „An eine Frau...“
    „Ja!. Heiß, sehr heiß.“
    Spielte sie hier das Kinder-Rate-Spiel Heiß-Kalt und wenn, worauf zielte meine Freundin ab? In welchem Zusammenhang stand denn der II. Weltkrieg, der gut 70 Jahre zurücklag, in dem dieser Mann offenbar im Osten als Soldat gewesen sein musste, in Verbindung mit meiner neuen Freundin, die doch kaum älter als ein Vierteljahrhundert war? Allmählich wurde mir die Sache irgendwie zu verhext, zu undurchsichtig oder, wenn es zutraf, was ich vermutete, sehr, sehr an den Haaren herbeigeholt, worauf sie da setzte bei diesem russischen Pokerspiel.
    Die ganze Sache, kurzum, überstieg einfach meine Phantasie und mein Vorstellungsvermögen.
    Ich hörte jetzt genauer hin, denn ich sah deutlich, wie sich Schweißperlen auf der Stirn des Mannes bildeten. Das konnte nicht von ungefähr kommen. Da steckte ja Brisantes dahinter, Donnerwetter!
    Und so sehr er sich bemühte offensichtlich, denn er schmatzte mit den Lippen, um Worte zu fassen, um die Fassung nicht zu verlieren, desto kleiner und eingeschrumpelter schien er zu werden.
    Er stellte langsam sein Gewehr bei Fuß mit dem Kolben auf den Boden, um sich darauf abzustützen. Er brauchte ganz offensichtlich Halt. Er schient erschüttert. Täuschte ich mich oder zitterten oder schlotterten gar sein Knie? Die Bundhose tat es jedenfalls. Er rang jetzt in einem tiefen Atemzug um Luft, der dem Ton eines Seufzers ziemlich nahe kam, bis er ausstieß, was wenige Sekunden vorher bei seinem Lippenschmatzen nicht über seine Lippen kam: „Ludmilla!“
    „Ludmilla. Richtig! So heißt meine Großmutter.“
    „Aber, aber das gibt es doch nicht.“
    „Oh, doch!“
    „Dieser Zufall. Fast kann man es glauben.“
    „Aber es ist wahr!“
    Ich dachte jetzt, er kippt uns um, so elend hat er dreingesehen und ich war bereit, sofort loszuhechten, um ihn aufzufangen.
    Sie veränderte geschickt die Tonlage, von hart auf schmalzend, triefend, melodramatisch und flötete: „Darf ich Opa zu Dir sagen?“
    Ich duckte mich instinktiv. Das waren vielleicht zwei Schritte zu viel.
    Ich hielt den Atem an.
    Der Mann nickte nur stumm, Zeichen dafür, dass ein heroischer Soldat kapituliert hatte, kapituliert vor seiner bewegten, stürmischen und unglaublichen Vergangenheit. Notzucht, nein, Vergewaltigung, kaum, Liebschaft, wenn man so will, mit einer Ukrainerin im zweiten Weltkrieg. Und die Bescherung kaum 70 Jahre später! Das haute den stärkster Kämpfer aus den Socken.
    Aber noch toller musste es kommen, denn meine Freundin sagte jetzt folgende Worte, die ich mir niemals hätte sagen trauen, wenn ich ein Blick auf sein Gewehr warf.
    „So, Opa! Geh Du mal jetzt auf Bett! Es ist höchste Eisenbahn geworden. Ich gehe Mal mit Deinen Neffen nach Hause. Morgen komme ich dann wieder. Mit Geschenken, da wirst Du Augen machen!“
    Bilder, Postkarten, Videos, wie hoch wollte sie denn noch pokern?
    Er fragte nicht einmal nach Art dieser Präsente, als könne er sie sich denken, wäre ja auch unhöflich gewesen, nach dem Inhalt von so etwas zu fragen, „Ja!“, sagte der Mann kurz und bündig und brüchig, noch immer nicht Herr seiner Stimme.
    Der Diskant dieser Silbe rührte mein Mitleid. Musste man so einen alten Mann derart an der Nase herumführen? Andererseits, vielleicht stimmte es doch, entgegen jeglicher Wahrscheinlichkeit, so letztlich ist doch das Leben!
    Der Mann, wirklich leid, leid tat er mir, öffnete nun seinen Schrank und verstaute das Gewehr zwischen einem undurchdringlichen Wust von Mänteln und Pullovern. Mottenkugelngeruch und sonstige undefinierbare Gerüche, bestimmt nicht aus Tausend-Und-Einer-Nacht, hätten mich fast umgehauen. Leider konnte ich nicht erkennen, ob noch weitere Waffen darin lagerten, so sehr ich mich auf vorbeugte und hineinlugte, was ich eher klammheimlich tun konnte, traute ich schließlich diesem Burgfrieden nicht.
    Um sich über seine Wehrhaftigkeit Klarheit zu verschaffen, hatte es hoffentlich ja noch ein bisschen Zeit.
    Nunmehr war eh Sandmännchen-Zeit.
    Er ging schlafwandlerisch auf das Bett zu, aus dem mein Onkel herausgekrochen war und sich daneben in den Ohrensessel gelassen hatte.
    In dieses freie Bett legte sich der Mann nun wie ein müder Kämpe, gähnte schläfrig, legte die Hände ineinander über seinen Bauch und blickte starr nach oben an die Decke. Er war also noch wach.
    Meine Ukrainerin verwandelte sich plötzlich in eine sorgenvolle Krankenschwester, und das war rührend, ging sie doch sachte in die Knie, zog ihm die Hausschuhe aus, die er noch anhatte, zog ihm die Socken von den Füßen und bette schließlich in perfekter Art und Weise zur Nachtruhe, indem sie ihm die dicke Bettdecke zuletzt bis zum Kinn hochzog.
    Während all dem war ich einfach dagestanden und hatte zugeschaut, kaum meinen Augen trauend. „So, jetzt Schlaf mal, Opa!“ Sie beugte sich über ihn und drückte einen dicken Schmatzer auf die Stirn.
    Nur mit Gewalt riss ich den Vorhang meiner Faszination entzwei und wandte mich fast abrupt, jedenfalls vehement an diese Frau , die sich zu mir zugewendet hatte, dastand und schmunzelte mit der Frage auf den Lippen: „Siehst’de Mal, wozu ich imstande bin. Eine kleine Frau aus der fernen, fernen Ukraine. Hättest der kaum zugetraut, was Du arroganter Westler!“
    Meine Freundin? Irreal!
    Ich staunte mehr als Bauklötze.
    Wo war der andere verblieben. Nicht mehr da. Hatte sich klammheimlich aus dem Staub gemacht.
    Ich atmete auf.
    Und meine Tante. Ich schaute in die andere Ecke, wo noch ein Bett stand, wo meine Tante lag. Sie schlief aber, schnarchend.
    Wir konnten uns verdünnisieren. Morgen war auch noch ein Tag.
    Als wir aus dem Seniorenheim traten, war ich recht glücklich und stolz auf diese meine neue Freundin. Ihr Deutsch klang verständlich, obwohl ukrainisch angehaucht, aber das machte gerade den Reiz dieser Frau aus.
    Ich versetzt ihr einen dicken Kuss auf die Lippen, den sie gebieterisch-schmunzelnd entgegennahm wie ein Herrscher, der sich die Ovationen eines Untergebenen gerne über sich ergehen ließ.
    Sie kostete ihren Sieg weidlich aus. Ich sagte: „Du bist bestimmt mit dem Rasputin, dem Zauberer und Hexer da, verwandt?“
    „Klar, ich bin seine Enkelein!“ Und wir lachten in den orangenen Abendhimmel hinein, allerdings ich auch aus einem etwas anderem Grund.
    Ich glaubte ihr schon. Wäre dieser Mann nicht ihrer Verhexung nicht auf den Leim gegangen, hätte er Misstrauen verspürt, oder er hätte einfach niemals mit einer Ukrainerin ein Verhältnis gehabt, dann hätte er wohl kaum lange gefuchtelt, das stand fest. Es war Glück gewesen!
    „Du hast Nerven!“, stieß ich aus, als mir diese Gefahr klar geworden war, in der wir geschwebt hatten.
    Sie dagegen zeigte sich unbeeindruckt, jeglicher Diskussion erhaben und stieß mich an: „Wir müssen uns überlegen, wie wir die beiden entwaffnen können, ist Dir das klar? Die haben bestimmt noch mehr Waffen irgendwo deponiert!“ Ich stimmte resigniert zu der Gefahr durch und durch bewusst: „Ja, nicht nur die beiden. Eventuell mehrere Kameraden, die wahrscheinlich gleichfalls schwer bewaffnet waren.“ Nur, wie wir das Kunststück der Entwaffnung fertig bringen sollten? Bestimmt nicht auf die gleiche Weise, wie sie gerade den Mann vorhin hinters Licht geführt und an der Nase herumgeführt hatte. Dazu würde weit mehr nötig sein.
    Mir schwindelte gehörig bezüglich dem, was auf uns zukam, sah ich doch ein imposantes Waffenlager vor mir.
    „Mensch, ich habe Hunger!“
    „Ja, machen wir uns etwas zu essen. Worauf hast du Lust?“
    „Nudeln natürlich!“ Dann fiel mir meine Tante ein.
    „Oje, die Tante. Was ist nur mit der geschehen? Wo war sie?“
    Ich wollte lieber nicht weiter darüber nachdenken.
    „Ich habe nichts gesehen. Das Zimmer war ziemlich groß. Vielleicht lag sie in irgendeiner Ecke?“ Blöder Witz, ich weiß. „Bestimmt. Sie wollte ich doch unbedingt besuchen.“
    „Tja, und jetzt?“
    „Ein anderes Mal. Das nächste Mal, wenn wir wieder herkommen. Morgen gleich.“
    „Ja.“
    „Ab zu den Nudeln...“
    Geändert von pentzw (01.12.2016 um 17:51 Uhr)

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