VI. Ich erinnere mich nicht mehr, mich erinnert zu haben.

Ich hatte meinen Neffen und dessen Russin ganz schön hinters Licht geführt. Von wegen den Schoß einer ukrainischen Ludmilla mit meinem hochwerten Samen gesegnet und befruchtet zu haben. Das hätte dieser „Enkelin“ wohl nur zu gern gepasst, um sich als Kuckucksei in die unser weltweit beneidete Sozial-Hängematte legen und ausruhen zu können –nicht mit mir. Einfach eine bodenlose Anmaßung, mit mir verwandt sein zu wollen.
Getroffen hatte mich, dass ich vergessen hatte, das Gewehr scharf zu machen. Die Munition steckte schon drinnen. In der Hitze des Gefechtes habe ich es vergessen, den Sicherungshebel betätigen und umzulegen. Nur nicht vergessen vorm großen Schlag!
Jedenfalls, am nächsten Tag wagten die beiden erneut, die Schwelle meines Zimmer zu überschreiten.
Und gleich fing die Schnalle wieder davon an und säuselte und flötete in den höchsten Tönen, dass die Fenster zu zerspringen drohten. Natürlich, gestern musste ich es ja zugeben, ich saß in der Klemme, aber heute konnte ich leugnen. Ich machte es genauso wie die Ausländer bei uns, was ich verstehen will, verstehe ich, was nicht, ich verstehe kein Deutsch. Und wenn, Fehlverhalten eines alten Mannes, was soll’s.
„Aber Opa, erinnerst Du Dich nicht mehr...“
„Ich kenne Sie nicht, Fräulein. Und bitte Sie, mich nicht mit Opa anzusprechen!“
„Aber Onkel, gestern noch hast Du Dich an Ludmillas Oma erinnert, erinnerst Du Dich heute nicht mehr?“ Natürlich, von diesem impertinenten Neffen war nichts anderes zu erwarten, als dass er sich für seine Freundin einsetzte, geil genug war er ja. Obwohl man ihm die Geilheit nicht gerade ins Gesicht geschnitten hatte, sein Lächeln erinnerte eher an eine listige Hinterfotzigkeit, die man ja von gewissen Typen von Menschen her kannte. Wen wundert’s, er sah schon aus wie ein Jude: ungeschniegeltes, ungeschnittenes Haar, randlose Nickelbrille, Dreitagebart und dafür haben wir den Kopf hingehalten! Ich fühlte mich ziemlich beschissen, um nicht zu sagen angeschissen, weil betrogen und ein Gefühl stellte sich ein, wie wenn man etwas verloren hat. Alles war umsonst gewesen, wofür man gekämpft hatte, meine Energie war weg, Freunde auch, kurzum alles für die Katze, aber die lebt ja nun neunmal. Wohingegen wir Erdenmenschen dies nur einmal taten, verflucht!“
„Ich erinnere mich nicht daran, mich erinnert zu haben. Zudem, ich habe niemals derartige Feindberührung gehabt!“ Ich schlug die Hände vor die Brust zusammen und sagte: „So!“
Musste ziemlich trotzig und kleinkindhaft gewirkt haben, das hat wohl deshalb nicht so überzeugt. Entspannter, geschmeidiger vorgehen...
„Und Onkel, Du willst jetzt auch nicht behaupten, Du erinnerst Dich nicht mehr daran, dass Du nach meinem Leben getrachtet hast?“
„Wie bitte?“
„Du hast mich mit einer MG erschießen wollen.“
„Nein! Niemals!“
Es stimmte haargenau. Ich wollte meinen Neffen erschießen. Ich hatte es versucht, leider misslang es mir.
„Dann weißt auch nicht mehr, dass Du meine Freundin bedroht hast.“
Davon wusste ich allerdings tatsächlich nichts mehr.
„Wie das?“
„Mit Deinem Spazierstock hast Du...“
Oh, das klang aber peinlich. Ich erinnerte mich wirklich nicht. Stimmte das, dann hatte ich also hin- und wieder einige Aussetzer, Amnesien. Es wurde Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen!
Er sprang auf, ging zum Schrank, öffnete ihn und eine MG fiel heraus.
Natürlich war ich nicht so blöd gewesen, dies kaschieren zu wollen und sie zu entfernen. Ich konnte mich ja an nichts mehr erinnern. Er würde zudem nicht locker gelassen haben. Nein, diese MG verheimlichte ich nicht, aber andere.
Er nahm sie an sich und sagte klipp und klar.
„Es tut mir leid. Ich muss sie konfiszieren. Du bist nicht mehr zurechnungsfähig. Zur Polizei renne ich deswegen nicht . Obwohl man dies in so einem Fall bestimmt machen müsste. Ja, Anzeige müsste man erstatten. Aber ich will Dich in Deinem hohen Alter nicht noch in Scherereien verwickeln. Sei froh darüber! Die Sache bleibt in der Familie. Das MG in meinem Besitz. Um die Entsorgung kümmere ich mich!“
Man höre sich diesen neun-mal-klugen Neffen an. Nimmt mir ein Gewehr ab und behauptet dreist, er tue mir einen Gefallen, erlöse mich von den größten Schwierigkeiten, helfe, den Karren aus dem Dreck zu ziehen – ein wahrhaft heiliger Samariter, mir kommen die Krokodilstränen!
Er drehte und wandte das Gewehr in seinen Händen wie einen Kreisel und sagte: „Nicht schlecht!“
Jetzt schaute er mich durchdringend an: Was wolltest du diabolischer Onkel wohl mit dieser Waffe; bestimmt nicht allein mich, deinen Neffen erschießen –sagten seine Blicke.
Womit er recht hatte. Nicht allein, aber allzu gerne.
Er wusste andererseits, dass es mit der Entsorgung der Waffe nicht getan war und ahnte Schreckliches.
Obzwar ein Schwachkopf, war er nichtsdestoweniger ein pfiffiges Kerlchen und stellte sich die Frage: Nur Waffen zu besitzen, mir nichts, dir nichts, das konnte es doch nicht gewesen sein. Dahinter musste ein anderes Ziel und ein anderer Zweck stecken, verdammt noch einmal, nur welcher?
Ich blickte ihn mit einem Blick grenzenloser und abgrundtiefer Verachtung an.
Ich merkte, all seine Schrauben im Kopf rotierten, ratterten und spulten alle möglichen Szenarien ab.
Jetzt grinste er mich gar so unverblümt unverschämt an, als würde er etwas erraten. Du durchschaust mich nicht, junger Spund.
Hätte ich jetzt eine geladene, zudem funktionierende MG in der Hand gehabt, hätte ich wieder kurzen Prozess gemacht, bedenkenlos, ohne zu Zögern - wie gestern!
Im Grunde war er nämlich ein Feigling, durch und durch wie er im Buche steht, dieser nichtsnutzige Neffe, der, man höre und staune, ein sogenannter anerkannter Kriegsdienstverweigerer war. Ja, das gab es mittlerweile auch schon in dieser sauberen Demokratie, einer, der sich weigert, für sein Vaterland Position zu beziehen, wehrhaft zu sein und nötigenfalls dafür zu kämpfen, wird anerkannt. Ich spucke aus!
Komisch, warum bin ich nicht schon früher auf den Gedanken gekommen, diesen familiären Schandfleck aus der Landschaft zu radieren, diese beschämende Existenz für die Ehre unserer Familie?
Natürlich, im Grunde ist er ein widerlicher Karrierist, der nicht um eine Sache willen sich ins Zeug legt, sondern nur darum, in irgend einer Firma, Gesellschaft oder Amt die Leiter Sprosse für Sprosse hochzusteigen. Oder nur um des Geld willens. Ja, darum drehte sich doch alles mittlerweile. Aber nicht mehr um eine gute Sache, ein Prinzip, eine Idee. Denke ich daran, dreht sich mir wahrhaft der Magen herum und ich empfinde tausend Mal mehr Respekt vor einem Intimfeind, einem Kommunisten, als um solch einen schmierigen Ja-Sager, Taktierer, Schleimer, Kratzfuß und Leisetreter.
Aber rege Dich nicht auf, denke an etwas anderes, an das, was gerade anliegt.
Komisch war nur, warum er Kriegsdienstverweigerer war. Vergiss es!
Also frage ich zögerlich nach: „Ich habe also versucht, gestern Deine Freundin mit einem Spazierstock zu töten?“
„Ja, und ob. Du hast ihr gedroht, sie auf der Stelle zu erschießen.“
„Hm. Wirklich?“
Dieser Neffe war zwar ein Null, aber nicht unbedingt ein Lügner. Ich bot sämtliche Energien meines Erinnerungsvermögens auf und kramte vergeblich in meiner Erinnerungskiste herum - nach dem Vorfall mit der Ukrainerin, dem angeblichen Spazierstock, den ich ihr an die Schläfe gesetzt hatte anstatt eines vernünftigen Gewehrs.
Allmählich musste ich mir ernstlich Sorgen machen; wie kam ich da heraus, ohne mich zu verraten, dass ich an Erinnerungslücken litt? Zwar ereignete sich bei allen Menschen hin und wieder so etwas wie Black-Outs, also, dass sie sich an etwas nicht erinnern konnten. Aber alten Menschen wird es nachgetragen, zum Vorwurf gemacht, zur Stigmatisierung hochstilisiert. Da heißt es sofort: ja, der Alte, ist das nicht ein Zeichen von Demenz?
Die heutige Gesellschaft mit ihrem Jugendlichkeitswahn ist ja so ungerecht!
Ich hatte nun ein wirkliches Problem. Ich hatte offensichtlich einen Aussetzer gehabt! Einmal bei der Schickse hier und das andere Mal wegen diesem Weichei dort. Letzteres war verzeihlich, eine Bagatelle, ein Betriebsunfall. Ersteres wog schon schwerer. Der Eindruck musste vermieden werden, dass so etwas öfter vorkam.
Am besten man leugnete es grundweg. Die aufgetakelte Schachtel vor mir, die dauernd schniefte als nähme sie Kokain, war eh nicht vertrauenswürdig als Zeugin. So würde nur Aussage gegen Aussage stehen. Wegen der Familienehre würde der Neffe aber nichts unternehmen.
Aber bei der Unterstellung der Tussi, mit dieser Tussi blutsverwandt zu sein, war ich mir absolut sicher, mich gut zu erinnern. Ich war bei vollem Verstand und im Besitz meiner geistigen Kräfte, als sie mich gefragt hat, ob ich mit einer Ludmilla aus der Ukraine ein Techtelmechtel gehabt hätte. Hatte ich nicht.
Ich weiß noch ganz genau, mit wem ich dort unten etwas hatte. Es waren Olena, Natiliia, Olga, Wiktorya, Rexolana, Anastasiya, Marina, Katerina, Oksana, Juliya, Tatyana, Ewgeniya, Anna, Swetlana, Oleksandra, Darya, Galina, Polina, Irina, Antoniha, Lidya, Sofiya, Angelina, Weronika, Mariya, Viktoria II, Walentina, Raisa, Wera, Nadia, Warwara, Tamara, Lorisa, Melanie, Milana, Olesia, Stefania, Uliana, Martha, Hanna, Natalia, Switlana, Taisa, Jana, Ewdoria, Odarka, Ksenia, Larisa, Milana, Oksana, Olesya, Uliana –aber niemals nicht mit einer Ludmilla! Darüber bin ich mir absolut sicher. Mein Namensgedächtnis ist unerschütterlich.
Weil ich mir eben absolut sicher war, das keine ukrainische Frau mit solch einem Namen meinen Weg gekreuzt hatte, tat ich gestern nur so als ob, indem ich kaltblütig, gewieft, raffiniert, wechselwendig und schnell genug reagierte und mich auf die neue überraschende Lage einließ nach dem Rohrkrepierer mit der Waffe - und den Dementen zu spielen.
Nun aber saß ich ganz schön in der Bredoullie. Mit dem Vorfall mit dem Neffen würde ich mich noch rechtfertigen müssen. Ich höre sie schon krächzen: Wie konntest du nur einen aus der eigenen Familie kaltmachen wollen!?
Aber, was denke ich da für Quatsch! Die ganze heilige Familie und Mischpoke ist durch und durch verdorben, entartet und virusverseucht vom Zeitgeist. Ich höre schon ihre Worte heute in meinem Ohr hallen: „Wie konntest Du es nur wagen, einer Fremden, einer Flüchtlingsfrau, einer Migrantin nach dem Leben zu trachten. Man stelle sich dies nur einmal vor, was das nach sie gezogen hätte, wenn es passiert wäre, nicht auszudenken!“
Wobei ich am liebsten doch diesen Neffen dorthin befördert hätte, wohin er gehörte oder besser von dort wegbefördern und erlösen wollte, wo er nicht hingehörte und störte: von dieser Erde, auf der er null und nichts an Nutzen besaß.

Apropos Neffe!
Wann durfte ich ihn endlich verabschieden? Er saß immer noch daherum, drehte das Gewehr in Händen, als handelte es sich um eine Puppe statt seinen Allerwertesten zu bewegen.
„Wo ist eigentlich die Tante?“
Ich wusste, dass es diesem Nudelfresser nur darum ging, meiner Frau und seiner Tante einen Besuch abzustatten. Wo er dauernd von ihr mit diesen ekligen, gelben Würmern vollgestopft wurde. Diese Mütter, sie können es nicht sein lassen, alle Menschen wie ihre eigenen Kinder zu behandeln.
„Frau X hat man in ein anderes Zimmer gebracht.“
Ich hatte das in Auftrag gegeben. Zwar war sie ziemlich zugedröhnt von Medikamenten, aber wehe wenn sie hin- und wieder wie ein Zombie zum Leben erwachte. Aber die Oberschwester verstand.
„Onkel, wie redest Du von der Tante?“
„Wie?“
„Sie ist doch noch Deine Frau.“
„Schon!“
„Warum sprichst Du von ihr mit ihrem Geburtsnamen? Wie lange seid Ihr schon verheiratet?“
„Seit 45 Jahren. Aber ich, seh nicht, wieso...“
„Frau X...“
„Ja, aus dem Dorf X, geboren im Jahr X.“
„Du sprichst wie von einer fremden Frau.“
Wo er recht hatte, hatte er recht, selbst, wenn er dieser Neffe war. Ja, jetzt fiel es mir auch auf. Ich sprach von ihr, wie von einer fremden Person. Als sei sie mir fremd geworden. Hm. Klar, ihre Exaltiertheit ist mir ganz schön auf die Nerven gegangen. Aber wie kann man das erklären, in der dritten Person von einer Person zu sprechen, die man seit 45 Jahren kennt und, na ja, so etwas wie liebt?
Mensch, da kommt man ja ins Grübeln jetzt.

Na, die war da nicht mehr richtig im Kopf zum Schluss. Natürlich. Bei allem Vorbehalten gegen die Nazis, die ich nachvollziehen kann, hehe, aber vor dem eigenen Göttergatten dann in die Knie zu sinken, das ist nur ein Zeichen von Demenz, da braucht es kein ärztliches Gutachten nicht.
Womit hing es zusammen, dass sich meine Frau mir gegenüber so entfremdet hat?
Von einem Tag auf den anderen anzufangen zu kreischen, hysterisch rumzufuchteln und sich nicht mehr zu beruhigen und einzukriegen –das ist schon ein schwerer Schlag. Arg Schade, denn sie war mir stets das liebe und liebende Eheweib gewesen, immer Ja und Amen gesagt und mit dem Kopf genickt zu allem, was ich gesagt habe, das hat schon gepasst.
Verflixt, was habe ich nur getan, das sie dazu veranlasst hat?
Möglich, dass ich in ihrer Anwesenheit öfter mit Willi über die vergangene Zeit gesprochen habe. Habe ich von Berlin gesprochen, von der SS und allem? Meine Nazivergangenheit habe ich ihr nämlich zeitlebens verheimlicht.
Mensch, ich muss aufpassen, was ich tue und sage.
Denn, wie es aussieht, habe ich Erinnerungslücken.
Dass ich jetzt von ihr spreche wie von einer fremden Person? Nun, wenn man sein Leben Revue passieren lässt, da bekommt man halt doch Abstand zu diesem und jenen Menschen, eigentlich zu allen und allem. Da merkt man, letztendlich bist Du allein, musstest und musst Du Dein Leben allein meistern...
Durch meine unvorsichtigen Bemerkungen habe ich wohl den Belzebub hinter dem Ofen hervorgelockt und Feuer ins Öl gegossen. Da hat sie gar nicht mehr zwischen ihren Göttergatten und einen gefährlichen Bösewicht von Nazis zu unterscheiden gewusst, die arme Seele. Sie ist ja ein gebranntes Kind. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das war schon peinlich. Sie ist oft in den Gang hinausgerannt, sofern sie noch dazu imstande war mit ihrer kaputten Hüfte und hat mich denunziert, indem sie geschrieen hat: „Hilfe, ich wohne mit einem Nazi zusammen“. Was stimmte.
Die Oberschwester hat mir schließlich geholfen, einen unverbrüchlichen Dienst erwiesen, womit ich mich in ihrer Schuld stehend fühlte. Sie hat meine kreischende Frau auf Eis gelegt, kalt gestellt oder wie sagt man, wenn man einen Menschen mit zu viel Medikamenten voll pumpt, bis er kaum mehr einen Pieps machen kann und will?
Und als sie davon sprach, dass wir uns Gewehre besorgen sollten, gehorchte ich sofort. Und als sie mit der Hand aufs Kreuz gedeutet hatte, eine Geste, die mir lange nachgegangen und mich beschäftigt hat, wusste ich auch dieses Zeichen zu deuten: bekämpft die Feinde des Kreuzes. Eine Bagage haben wir schon besiegt. Nun musste die andere daran glauben.
Auf, auf zum nächsten Kreuzzug!