1984



In der Presse erfahre ich, daß der berühmte Roman des Engländers George Orwell auf Platz 1 in den Bestsellerlisten gelandet ist. Das freut mich, denn 1984 ist einer meiner Lieblingsromane. Wenn ich nun eine Interpretation hiervon ins Forum stelle, so ist das im Bewußtsein des großen Interesses und zum anderen als eine Hommage an den großen Autor, der mein Leben beeinflußt hat. Mein Beitrag hat nicht den Anspruch, in jeglicher Hinsicht etwas Neues über das Werk zu sagen, ich zitiere auch keine Autoren, die schon etwas über das Werk gesagt haben. Mein Beitrag ist vielmehr der eines literaturbegeisterten Mitglieds von dot-com für andere sowie für interessierte auswärtige Besucher des Forums. Was können wir Literaturliebhaber von dem Dichter lernen?

In der Regel wird 1984 als Darstellung eines totalitären Überwachungsstaates gesehen, der seine Bürger unentwegt bespitzelt und bei sogenannten Gedankenverbrechen (thought crimes) verhaftet, sie einer Gehirnwäsche unterzieht und später dann hinterrücks erschießt. Aus diesem Grunde wird 1984 auch gerne als Warnung vor einem modernen „Überwachungsstaat“ zitiert. Allerdings liegt viel mehr in dem Roman und man wird dem Autor nicht gerecht, wenn man andere wichtige Aspekte übersieht oder vergißt.

Orwell hat seinen Roman im Jahre 1948 vollendet und aus einem plötzlichen Einfall heraus, drehte er die Jahreszahl um und nannte ihn dann 1984. Aus diesem Grunde ist er für viele eine Art Prophezeiung für das England bzw. das Europa für einen Zeitraum von 36 Jahren, die sich dann - Gott sei Dank - nicht erfüllt hat. Doch das ist eigentlich nebensächlich. Ursprünglich sollte der Roman ganz anders heißen nämlich: The Last Man of Europe. „Man“ ist dabei in einem besonderen Sinne zu verstehen, nämlich als Mensch in einem höheren, eigentlich menschlichen Sinne, jemand, dem der menschliche Geist (spirit of man) innewohnt. Was macht nun den eigentlichen Menschen aus im Vergleich zu den hirngewaschenen Angehörigen der Mittelschicht, der „Outer Party“, und zu den zynischen Mitgliedern der „Inner Party“? (Die Arbeiterklasse, die Proles, sind in gewissem Sinne immer noch „menschlich“, weil sie füreinander sorgen und Schmerz empfinden, wenn einem anderen etwas Schlimmes zustößt. Der letzte „Mensch“ Europas, der den „spirit of man“ vertritt, ist jedoch Winston Smith, der Protagonist des Romans (“You are the last man“ said O’Brien, “you are the guardian of the human spirit!) Es lohnt sich also, einen Blick darauf zu werfen, weshalb er das ist.

Bevor Winston Smith beginnt, seine Gedanken in ein Tagebuch zu schreiben, lief er schon rastlos durch die Straßen Londons mit einem „unaufhörlichen Strom an Gedanken“ im Kopf. Das ist schon einmal etwas, das ihn von den einfältigen Leuten wie seinem Nachbar Parsons oder seinen dumm quakenden (duck speak) Kollegen unterscheidet. Es ist sicherlich das Hauptmerkmal des eigentlichen Menschen, denn es ist die Voraussetzung für alles andere.

Winston Smith hat als Kind noch die Übergangszeit zur unmenschlichen Diktatur erlebt. Die Ingsoc-Partei hat mit Gewalt die Macht an sich gerissen und dann das Land politisch „gesäubert“. Seine Eltern waren gebildete, liebevolle Menschen – vor allem seine Mutter – die später von der Partei verhaftet und ermordet wurden. Die Mutter ist für Winston die Repräsentantin einer Zeit, in der noch übergeordnete Prinzipien und Moralvorstellungen galten,denen man gehorchte im Gegensatz zu den ideologieverseuchten Menschen der Ingsoc-Zeit.

In der vorrevolutionären Zeit galt noch die christliche Nächstenliebe als Grundlage für das Zusammenleben, in der Ingsoc-Zeit predigt man den Haß. Es gibt im Arbeitsleben sogar sogenannte „hate minutes“ sowie breit organisierte „hate weeks“.

Auf Haß ist auch das Verständnis der Partei von Macht (power) gegründer. Macht bedeutet, den anderen Menschen Schmerz und Demütigung zufügen zu können (to inflict pain and humiliation). Für die Parteigenossen, die die Macht haben, bedeutet das, den Menschen ungestraft mit dem Stiefel ins Gesicht treten zu können – und zwar für immer. (If you want a vision of the future, imagine a boot stamping on a human face – forever).

Wesentlich für das Verständnis des Romans ist Winstons Verhältnis zur Vergangenheit. Bei dem Treffen mit O’Brien, von dem Winston glaubt er sei im Widerstand gegen Big Brother, fragt ihn jener, worauf sie nun ein Glas Wein trinken wollen. Auf den Sturz von Big Brother .. Winston unterbricht ihn und sagt: „Auf die Vergangenheit!“ (to the past). Und O’Brien gibt ihm recht „The past is more important“.

Warum ist die Vergangenheit nun von so großer Wichtigkeit. Zum einen schöpft Winston aus seiner eigenen Vergangenheit, indem er sich an Dinge aus seiner Kindheit erinnert. Auch in seinen Träumen kehrt ihm diese nachts wieder. Sodann sagt O’Brien „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft, und wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. (Who controls the past, controls the future. Who controls the present controls the past) Die Macht der Partei ist demnach auf die Kontrolle der Vergangenheit aufgebaut. Und Kontrolle über die Vergangenheit bedeutet, diese zu verfälschen oder eine solche zu erfinden. Winston arbeitet im Propagandaministerium und erfindet fortwährend Ereignisse, die dann als wahre Geschehnisse ausgegeben werden. Dabei passiert es auch, daß man frühere Propagandalügen aus irgendeinem Grunde erneut umschreibt, um damit eine neue Lüge aus ihr zu machen. Wenn der Kriegsgegner sich ändert, wird alles so hingebogen, daß man glauben muß, man wäre schon immer mit diesem im Krieg gewesen.

Und hier ist nun etwas, woraus wir für uns selbst am meisten lernen können. Wie steht es denn mit unseren Kenntnissen der Vergangenheit? Wird diese nicht vielleicht auch kontrolliert, um die Gegenwart zu kontrollieren?

Als ich 2006 in den USA war fiel mir in einem Antiquariat in Chicago ein interessantes Buch in die Hände, das ich sofort gekauft habe: James W. Loewen, Lies My Teacher Told Me. Der Autor hat eine Anzahl gängiger Geschichtsbücher für die Schulen untersucht und das darin Enthaltene mit gesicherten historischen Fakten verglichen. Er kommt zu dem Schluß, daß in amerikanischen Geschichtsbüchern die Vergangenheit zu einem großen Teil geschönt oder verfälscht wird, um sich im Glanz einer moralisch tadellosen und ruhmreichen Vergangenheit zu sonnen. Das Schöne daran ist, daß das Buch überhaupt gedruckt wurde und daß es auf seinem Cover noch dazu den Titel „National Bestseller“ trägt.

Würde ein solches Buch besonders wenn es sich mit der Zeit der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und ihrer Darstellung in den schulischen Geschichtsbüchern beschäftigt auch ein nationaler Bestseller? Mit Sicherheit nicht, denn unsere Vergangenheit wurde seinerzeit auf dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal festgelegt und darf nicht verändert werden. Roosevelt, einer der wichtigsten Akteure im Zweiten Weltkrieg sagte einmal: In der Politik geschieht nichts zufällig. Wenn etwas geschieht, kann man sicher sein, daß es auch auf dieser Weise geplant war. (In politics nothing happens by accident. If it happens you can bet, it was planned that way). Das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs war die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, die Vertreibung von 16 Millionen Deutscher aus ihrer Heimat, die Teilung des Landes in zwei Staaten, die Demontage ganzer Fabrikanlagen sowie die Hungerperiode, an der Millionen Deutscher zugrunde gegangen sind. Unsere Geschichtsbücher machen uns glauben, der Krieg wäre von alliierter Seite nur geführt worden um uns selbst und die Welt vom Tyrannen Hitler zu befreien. Ist hier nicht auch eine Art „ministry of truth“ am Werk, das die ehemalige Feindpropaganda am Leben erhält, damit sich die Sieger als untadelig und vorbildhaft gefallen können? Auf diese Feindpropaganda ist auch von Stauffenberg hereingefallen, als er glaubte, mit der Beseitigung von Hitler könnte eine neue Regierung in Verhandlungen mit den sich abzeichnenden Siegerstaaten treten. Verhandlungen hätten für diese jedoch bedeutet, auf halbem Wege stehen zu bleiben; und das hätte keiner von ihnen gewollt.

Nun ist das hier kein Forum für Geschichte, sondern eins für Literatur und Dichtung. Der Bezug auf unsere Geschichte erfolgte deshalb, weil viele gerade diesen Aspekt in dem Roman für uns als nicht relevant ansehen. Sie sehen 1984 lediglich als Prophezeiung für dieses Jahr. Allen jedoch, die wie Winston Smith an der Vergangenheit interessiert sind und die Wahrheit wissen wollen, sei empfohlen, sich auf die Suche nach derselben zu machen.

Entscheidend für eine wahre Geschichte sind Fakten und Dokumente sowie die Anwendung von Logik. Damit ist Historie so verläßlich und glaubhaft wie die Mathematik und für Orwell ist dies eine Definition von Freiheit. „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, daß zwei plus zwei vier sind, wenn das gewährt wir, folgt alles weitere“. (freedom is the freedom to say that two plus two make four, if that is granted all else follows.)

Etwas anderes, woraus wir Literaturinteressierte lernen können, ist Winstons Versuch einen alten Kinderreim zu rekonstruieren, den er von ganz früher her kennt, aber seine Fortsetzung vergessen hat. „Oranges and Lemons say the bells of St. Clement’s”. Die Partei ist weder an der wahren Vergangenheit noch an der vergangenen Kultur interessiert und somit gerät diese immer mehr in Vergessenheit. Menschen, die sich nicht von der Gegenwart völlig kontrollieren lassen wollen, sollten versuchen, sich Vergangenes anzueignen um es später weiterzugeben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in 1984 ist die Sprache. Die Partei versucht die Sprache künstlich zu verändern (double plus good = sehr gut), sowie das Newspeak-Wörterbuch in seinem Wortschatz zu reduzieren. So können unliebsame Gedanken mangels Wörter gar nicht mehr erst entstehen. In unserer Zeit lernen wir, politisch nicht korrekte Wörter zu ,meiden, sowie sogenannte „Unwörter“ nicht zu verwenden. Ziel und Zweck sind dabei ähnlich.

1984 ist ein pessimistisches Buch: das Menschliche unterliegt letztlich dem Unmenschlichen. Gegen das erdenklich Schlimmste (worst thing in the world) in Raum 101 kann keiner bestehen Um diesem zu entgehen, verrät der Mensch alles, was ihm lieb und teuer, hoch und heilig ist.

Am Ende liebt Winston Big Brother. Das Ausschlaggebende hierfür ist, daß er unter dem Einfluß der Propaganda siegestrunken mitmarschiert.

He had not stirred from his seat but in his mind he was running, swiftly running, he was with the crowds outside, cheering himself deaf. (…) He loved Big Brother.

George Orwell ist dank seiner Intelligenz, seines politischen Engagements, seiner Menschlicheit sowie seines herausragenden Mutes ein Klassiker der europäischen Literatur. Von ihm stammt der Satz: Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. (Nachwort zu Animal Farm)

(If liberty means anything at all, it means the right to tell people what they do not want to hear).