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    Sein letzter Kampf XII

    Das jüngste Gericht

    Ich haderte lange mit mir, aber eines Tages war mir klar: es musste sein. Willi musste seine Vergangenheit offenlegen. Notfalls mit Gewalt! Mit Zwang! Alle Hebel hatte ich in Bewegung zu setzen, um es aus ihm herauszukitzeln, wes Geistes Kind sich in ihm versteckte.
    Wenn ich mir aber Willis Reaktionen vorstellte auf meine gezielten Fragen hin, überkam mich Resignation und Verzweiflung. Er würde allzu ungerade Antworten herauslassen, dieser, dieser Philosoph, den sich selbst so nennenden, pah! Wie er es doch immer so gut verstand, um den heißen Brei herumzureden, pfui!
    Aber es half nichts, ich musste mit ihm Tacheles reden, bevor er sein Körper noch auf diese Erde weilte und sein Geist in andere Gefilden entschwebt war, bevor es zu spät war!
    Das ein Bisschen-in-seiner-Vergangenheit-bohren durfte natürlich nur klamm-heimlich vonstatten gehen. Er durfte sich meiner Erforschung nicht bewusst werden. Wahrscheinlich war aufgrund der Möglichkeit seiner Schuld und des Verdachts eine langwierige Operation angesagt, bis die sprichwörtliche Katze aus dem Sack sprang.
    `Du entgehst mir nicht, du falscher Fuffziger, du!´
    Meine Strategie war zweigeteilt, hinwiederum auch nicht, weil eins zum anderen gehörte und führte: wie hälst du es mit den Nazitum einerseits, zum anderen, was hast du während der glorreichen Zeit der Nazis getrieben?
    Bei ersterem Thema, kann man sich vorstellen, laberte er den Putz von der Decke. Hielt ich es nicht mehr aus und fragte direkt, antwortete er bereitwillig, nickend wie ein gehorsamer Junge, der von seinem Lehrer abgefragt wurde.
    Einmal musste er aber zur Rede gestellt werden, schließlich fackelte ich nicht lange herum, ich kam zur Sache: „Warst Du in der NSDAP?“
    Willi hätte nicht harm- und argloser wirken können.
    Er zuckte lässig die Achseln und meinte: „Na, weißt Du, wie soll ich sagen, die Zeiten, du weißt, sie waren turbulent.“ Er lächelte vor sich hin, indem er auf sein Glas in seiner Hand schaute, das er darin drehte.
    Ich bohrte weiter, spitzte die Ohren wie ein Luchs - hätte es mir sparen können, er war mit stets einen Schritt voraus.
    Jetzt nestelte er an seiner Pfeife herum, indem er den Tabak stopfte.
    „Moment, da hakt etwas!“
    Das roch allzu sehr nach Ablenkung; meine Augen verengten sich. Jetzt habe ich dich gleich, dachte ich.
    „Du, ich brauche noch etwas Stoff, ich habe noch eine Packung in meinem Zimmer.“
    So einfach läuft das nicht, mein Lieber Schieber.
    Mir sprangen fast die Augen aus dem Kopf, als er verschämt lächelnd das Beweisstück in der Höhe hielt - einen leeren Beutel in seinen Händen – das gerade im entscheidenden Moment.
    Entweder war er raffiniert oder es war Zufall, eins stand fest: Willi war aalglatt.
    Als er sich erhob, warf ich ihm einen zornigen Blick zu, der da hieß: hiergeblieben, stehenbleiben, spuck’s endlich aus! Am liebsten hätte ich ihn gar mit beiden Händen in den Sitz zurückgedrückt.
    Er schmunzelte so verdächtig...
    `Ha, macht Dir wohl Spaß!´
    Und Rockzipfel besaß er leider nicht, woran ich ihn hätte halten und zurückziehen können, als er gemächlich auf seinen Hauspantoffeln aus dem Zimmer schlurfte.
    Was sollte ich schon machen? Als er an diesem Abend nicht mehr kam, wundert es jemanden, war das Schuldeingeständnis für mich ausgesprochen. Aber seine Antwort wieder: "Du, tut mir Leid, gestern Abend. Mir wurde so schwindlig, als ich in meinem Zimmer war, musste mich gleich hinlegen. Ich darf nicht mehr so viel trinken, und rauchen, zudem, weil mein Arzt hat gesagt, ..."
    Es schien ganz so, als ob das Versteckspiel weitergehen sollte, als könnte er mir immer wieder entkommen. Seufz, war ich im am Ende nicht gewachsen?
    Mein Misstrauen wuchs, und zwar wuchs es sich zur Gewissheit aus: der Willi hat etwas zu verheimlichen, Tod und Teufel aber auch!
    Nein, du wirst mit nicht entkommen! Warte nur!

    Wir waren beide erschöpft vom Fitnesstraining oder wie das hieß, das wir zwangsweise laut Heimleitung einmal in der Woche zu absolvieren hatten. Dieses Gehumple, Getrete, Marschiere und Gestrample kam mir bekannt vor. Fällt mir momentan aber nicht ein, 'tschuldigung. Kraft mit Freude, Tschimptschartaradum oder so ähnlich...
    Jedenfalls, Willi und ich sahen so aus wie man in so einem Fall halt aussieht: Haare verstruppelt, Kleidung schlaff am Körper hängend. Zum Glück sah ich mich nicht selbst, der Anblick Willis war schon abstoßend genug: seine blaue Trainingshose hing ihm über den Bund bis zu den Gemächten hin herab. Nur ein Glück, dass da nichts hervorlugte, was momentan nicht hervorlugen sollte. Noch stand er keuchend da, bevor ich ihn aufforderte und befahl: "Setz Dich!"
    War er über den Tonfall so erstaunt, dass er sich hat mehr in den Sessel fallen lassen als sich zu setzen?
    War das schon ein Zeichen? Kapitulation, Geständnis, Reue? Das war meine Chance, wenn jemand schwächelte, dass ich zuschlug!
    Ich setzte mich sofort vis-á-vis zu ihm, um meinen Kopf auf ihn zu richten, mein Rücken befand sich in gerade Richtung, also ob er einen Pfeil bilden würde. Zuvor hatte ich das auf dem Sessel liegende Papiergerümple schnell auf die nicht minder vollbelegten Schreibtisch-Unterlagen geworfen.
    Keine Zeit für Rücksichten!
    Ich weiß noch, dass eine grelle Wintersonne just in den Raum und zwischen uns fiel, als täte sich eine Kluft auf. Also ob es eine Scheidewand sein sollte, wie ein überdimensionales Schwert. Aber gut so oder schlecht? Jetzt wird abgerechnet!
    Es war der 23. Februar, 16 Uhr MEZ, ich merkte mir diese Zeit genau, weil auch mein Blick auf die riesige Digitalanzeige seiner Uhr auf dem Nachtisch fiel. Als wollte ich protokollieren!
    Was immer ich fragte, beantwortete er scheinbar bereitwillig, wobei, bevor er antwortete wie ein gehorsamer Junge, er jedes Mal mit den Kinn nickte, als würde er von seinem Lehrer abgefragt - oder weil er die jeweilige Frage erwartet hatte, verdammt, das war die wahre Frage - dann hätte er sich aber vorbereitet, was schlecht war für mich.
    Ich musste sofort ins Wespennest vorstoßen und kam schnell zur wesentlichen Sache: „Warst Du oder warst Du nicht?“
    "Hä?" Harmloser konnte kein Schlitzohr reagieren.
    "Du weißt genau, was ich meine."
    Wieder schaute er wie das Unschuldslamm in Person.
    Mir reichte es jetzt aber.
    Ich stand auf, ging zum Alkoholschrank, öffnete die Klappe, nahm einen dunklen Schnaps, Kirschlikör, weil es musste Farbe im Spiel sein, trat zu Willi hin, schütte aus dieser Pulle auf den Tisch etwas, so dass sie eine kleine Pfütze bildete. In und mit dieser zeichnete ich ein eindeutiges Zeichen mit den Fingern.
    Willi und ich glotzten gemeinsam auf das Ding da aus Flüssigkeit. Es war etwas schief geworden, nicht so zackig und eckig wie es sich gehörte, aber unzweideutig dieses Arierzeichen aus Hinterindien oder woher auch immer.
    Mit diesen Zeichen stieg und fiel damals jegliche politische Karriere. Und das Schicksal von Willi heute, hier und jetzt.
    Ich warnte Willi noch einmal.
    „Red jetzt nicht herum, Willi, ich warne Dich, red keinen Blödsinn!“
    Ich rückte mit dem Stuhl ein bisschen nach vorne, vielleicht inmitten des Strahls der Abendsonne, da könnte ich doch wie der Erzengel Gabriel erscheinen, am Tag des Jüngsten Gerichtes, wo die überirdische Mächte tagten. Sehr gut!
    Aber Willi tat wieder scheinbar gelassen. Er nestelte an seiner Pfeife herum, wobei er den Tabak stopfte, als hätte er alle Zeit der Welt. Dabei standen der Weltuntergang bevor, für ihn wenigstens! Andererseits, das würde sich erst zeigen müssen.
    Tu Deine Sache gut, Erzengel Gabriel!
    „Moment, da hakt etwas!“ Das roch allzu sehr nach Ablenkung; unwillkürlich verengten sich meine Augen.
    Das Abendlicht drehte sich hier in diesem Zimmer plötzlich ab, indem es über das Gesicht Willis zog und vielleicht von daher kommen, ich sah, dass seine Augen begannen zu tränen.
    Verflixt, woher nur: Angst oder Abendsonne?
    „Meine Erinnerung will nicht greifen!“ und Willi langte sich an die Stirn und kratzte sich dort.
    Ich forschte in seinen Augen und ich meinte schon, in ihnen Furcht zu erkennen. Aber wer Willi nicht kennt! Mit entwaffnendem Lächeln zuckte er wieder die Achseln. „Ach, immer noch das gleiche Thema!?“
    Willi will mich zum Narren halten. Tut erneut so, als sei alles nur ein Spiel.
    Aber jetzt nicht: Du entwischt mir JETZT nicht mehr!
    Ich drohte mit dem Zeigefinger wie einem kleinen Jungen – alles schien noch Spaß zu sein, so wollte er es auffassen und so nahm er es auf, wohinter natürlich Absicht stand, was sonst?
    "Wirklich, schwierig, die Erinnerung! Ich könnte nicht schwören, dass... eine stimmt oder das andere..." Wieder schwieg er. Wieder zog er gemächlich an seiner Pfeife und schmatzte, als würde er den Tabak kauen, wahrscheinlich war es aber der Nachgeschmack des Ganzen.
    „Und sonst erinnerst Du Dich an nichts?“, fragte ich herausfordernd.
    Willi lächelte wieder.
    Es war zum Verzweifeln. Wenn nicht bald etwas kam, dann... ja, was dann? Nichts. Das war es eben. Also, ich musste etwas herausbringen aus diesem verstockten Fisch, mochte es Tausend Gründe des Verschweigens geben, ich musste.
    „Ach, das sind Ewigkeiten her!“
    Red Dich nicht heraus!
    Plötzlich stand er auf, ohne Vorwarnung und also etwas gesagt zu haben, fischte sich seinen Umhang von dem Garderobenständer und sagte kameradschaftlich: „Komm, lass uns etwas spazieren gehen. Mir ist danach.“
    „Na gut!“
    ´Aber damit entkommst du mir nicht.`
    Mit langen Schritten ging er aus dem Zimmer. Ich hatte Mühe, ihm zu folgen.
    Ein eisiger Wind blies uns ins Gesicht. Er piff regelrecht. Hoffentlich übertönte er keine Silbe Willis. Ich war auf der Hut.
    Wir liefen lange schweigend nebeneinander. Wo wir dann hinkamen, veränderte sich das Wetter: es war neblig und eisig und grauverschleiert, Sträucher säumten einen Weiher, eine kleine Eisschicht lag auf der Erde zwischen den verästelten Bäumen, in denen ein kühle Brise raschelte, zwischen den Uferböschungen, Stauden oder Sträuchern, dieses wie koloriert-verwischte Bild sah ungemütlich aus, verkleckert wirkte das Gestrüpp, totenblass mit blauem Stich, Grauschleier darüber, Vögelscharen, die hin- und herflogen, wie unentschieden, ob sie sich wohl in den Süden, in wärmere Gefilde aufmachen sollten. In der Ferne heulte eine Uhu.
    Manchmal standen wir länger als üblich an einem Baum und Willi starrte irgendwohin. „Vielleicht kommen noch meine Erinnerungen!“, sagte er leise. Fast tat er mir leid, wenn ich ihm trauen konnte. Ich glaubte, er verschwieg mir einiges. Aber ich hatte ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren.
    „Weißt Du, 1943 in Warschau. Du weißt doch?“
    „Ich habe davon gehört.“ Wenn er das meinte, was ich meinte.
    „Also, das war schrecklich!“
    Willi schluckte, ihm kamen die Tränen, er fasste sich aber sofort wieder: mannhaft, jawohl!
    Aber ich hatte es satt, darauf zu warten, hier ein Stückchen und dort ein Stückchen Erinnerung zu erhaschen. Aber nicht das klitzekleinste kam bis jetzt.
    Wir gingen weiter.
    In einer solchen Situation, wo die Nervosität nahezu körperlich spürbar war, bildete Bewegung und Laufen natürlich ein willkommenes Ventil.
    Wir hielt Willi an. Er holte tief Atem. Er sprach mit tonloser Stimme. „Da ist nichts!“ In seinen Augen waren Traurigkeit und Schmerz.
    Die Düsternis schien dichter zu werden und der Wind heulte mir Tausend Stimmen jetzt.
    Er schien zu spüren, dass ich enttäuscht war. Mit sich veränderter Tonlage in der Stimme und meinen Blick meidend, sagte er tief bekümmert. „Da ist nichts, einfach nichts!“ Das ist furchtbar, wenn Nichts mehr ist.
    Ich musste etwas herausbringen aus ihm,. dachte ich und da fragte ich den verhängnisvollen Satz. „Du hast wohl Angst vor mir?“
    „Nein, ich habe keine Angst vor Dir. Nicht einmal Respekt!“
    Ich schaute ihn noch eine sehr lange Zeit an, dann wendete ich mich um und ging in eine unbestimmte Richtung. Ich wusste nur, Willi folgte mir nicht. Diesmal folgte er mir nicht.

    Ja, das war das Ende.
    Manchmal, wenn ich Willi durch den dämmrig erleuchteten Flur torkelnd zu seinem Zimmer gehen sehe, überkommt mich eine Welle der Verzweiflung. Willi war wahrhaft eine tragische Erscheinung. Schatten seiner selbst nur mehr! Er war ein schwacher Mensch, von dem unsere Bewegung sich keine Unterstützung mehr erwarten ließe.
    Ich drehte mich um, ging in mein Zimmer, lehnte mich an die Wand und atmete tief und schwer ein und aus. Zugegeben, ich dachte mit Wehmut an unsere gemeinsame Zeit zurück. Aber das war. Ein Kämpfer blickt nicht zurück, nur nach vorne.
    Ich würde den Kampf allein fortsetzen.

    Die Tage, die Wochen, die Monate, ich krieg sie schon nicht mehr zusammen, wurden noch sehr turbulent.
    Zunächst zu Willi. Doch war es richtig, die Brücken hinter mir abzureißen, zu versenken und mit ihm zu brechen. Ich befand ich mich nicht im Rückzug, nein, aber manchmal muss es sein. Manchmal muss man sich selbst von einem langjährigen Freund abhalftern, trennen können, selbst wenn von einem Kumpel, Kameraden, Leidensgenossen, wenn er einem zum Klotz am Bein geworden ist. Kampfgefährten waren Kampfgefährten, aber um der Sache willen ist auch ein Mann zu opfern, das gehört zum Kampf.
    Willi war eh nicht mehr ganz bei Sinnen, das Gebot der Stunde hieß, etwas rüde vorzugehen. Er würde es ohnehin nicht mehr verstehen. Worin meine Rüde bestand? Ich ignorierte ihn, ich ließ ihn links linken, als er mich nötig hatte, stieg über ihn hinweg, als ich ihn im Gang gefallen und hilflos auf dem Boden liegen sah. Er hatte es nicht besser verdient. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Ich hatte keine Zeit, ich musste meine verbliebene Zeit, Energie, Kraft und Anstrengung auf meinen Endkampf konzentrieren, natürlich. Da musste dinge in den Hintergrund gestellt werden. Ich bin ja kein Unmensch, nicht? Aber Willi hatte es sich letztlich selbst zuzuschreiben, leider.
    Aber keine Zeit zum groß Nachdenken, es warten größere, heroischere Taten auf mich. Schwere Geschütze und Panzer werden über mich und mein Leben hinwegrollen, he, he!
    Es ist ein anderer Kämpfer an seine Stelle getreten, wobei ich betone, dass der eine mit dem anderen nicht das geringste zu tun hat. Um es klipp und klar zu sagen, ich habe Willi nicht mit dem Neuen ausgewechselt, den einem wegen dem anderen auf Abstand gehalten, ihn deswegen verraten, nein!
    Wer war der Neue? Auch wenn es noch unglaublich und phantastisch anmutet und klingt, aber es war sie wirklich: die Negerin. Das Leben ist schon verrückt: Nazismus mit Schwarzen!
    In der Tat bin ich Freund geworden mit der schwarzen Perle.
    Ich legte bald meine Vorurteile ab, als ich merkte, sie kommt direkt aus Schwarzafrika, unmittelbar aus dem Busch, den Sümpfen, der Pampa, der Steppe, nur nicht aus Verunreinigten Staaten. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als sie erzählte, sie zähle zum Buschvolk der Bantus. Verheißungsvoll und beglückend wirkte das auf mich, denn, was hatten wir im Heimat- und Geographiekunde-Unterricht über diese gehört: unterwürfig, freundlich, genügsam, besonders die Frauen häuslich und dem Mann zum Wohlgefallen untertan.
    Ich sah eine Perspektive, empfand, dass diese Frau ausbaufähig war, zu lenken, mitzureißen, wenn man sie eben nur zu lenken wusste. Steinzeit-Menschen warten nur darauf, aus ihrer Lethargie gerissen zu werden, an der Hand wie kleine Kinder gefasst und auf den richtigen Weg geführt zu werden. Sie brauchen einen Plan!
    Nur ein bisschen verdorben mittlerweile war sie schon, nicht mehr so wild, nicht mehr so natürlich, nicht mehr so unzivilisiert. Studiert. Praktikantin. Frustrantin. Trotzdem, dachte ich, nichtsdestoweniger ist die gerade gewissermaßen im Stadium wie unsere Vorfahren, als sie von Fischen zu Echsen wurden, indem sie aus dem Wasser, aus dem Meer gekrabbelt sind. Nur ein Hirte, wenn man mir den christlichen Ausdruck verzeiht, bedarf es, um die Herde in den warmen Schoß der Zivilisation zu führen, in diesem Fall in den Krieg, jawohl. Und es klappte!
    Wie?
    Sie hat mir zunächst ihr Herz ausgeschüttet, von wegen alltäglicher Rassismus, Gott und die Dritte Welt. Kann man sich denken! Aber andererseits ist das auch klar und natürlich und gehört sich so, dieser gesunde Rassismus, habe ich gedacht und gespürt, dass sich meine Brust geweitet hat: so weit sind wir ja noch nicht, dass die Buschneger nun vollends Europa überrennen... Hat die weiße Rasse sich doch noch einen Funken Stolz bewahrt!
    Freudig habe ich dies also aufgenommen und noch freudiger, als sie mir ihr Herz öffnete und vor mir ausbreitete, als nehme sie mit einer Machete eine Ananas auseinander, so scham- und rücksichtslos sich selbst gegenüber. Ich habe nicht schlecht gestaunt, muss ich zugeben, und wusste anfänglich gar nichts dazu sagen und zu beurteilen.
    „Ich bin Naturwissenschaftler!?“, hat sie immer wieder gesagt.
    „Naturwissenschaftler, äh!“
    Nicht verstanden habe ich, was sie damit meinte... Schlau wie ich bin, habe ich aber lieber nicht weiter nachgebohrt, sonst hätte sie den Eindruck bekommen, ich sei ungebildet. Oft braucht man auch nicht zu verstehen, also Punkt für Punkt, Gedanke für Gedanken nachvollziehen, es reicht, den Kopf zu nicken und immer wieder Ja-Ja zu sagen, damit der andere, worauf es nur ankommt, das Gefühl hat, er werde verstanden. Genau das machte ich, taktischerweise. Nicht, weil sie von einem anderen Planeten, sage ich schon, einer anderen Rasse abstammte, nein, da war mehr und das ist schwer erklärbar.
    Wie soll ich sagen, aber ich spürte, mein Herz wurde bisschen weich. Wer weiß, vielleicht gehören diese Affen, halb Mensch, halb Gorilla schon zur menschlichen Rasse und Gattung, wenn auch auf allerniedrigstem Niveau? –habe ich gedacht. Ich weiß, sehr gewagt, äh...
    Der Sinn des Lebens sei ihr abgekommen im Westen, hat sie weitergestammelt und –geredet, als strenge Katholikin der Glaube und hierzulande gebe es keinen Gott mehr. Der sei verschwunden. Aus ihrem Leben damit auch. Das hat sie in eine Leere gestürzt und sie befinde sich seitdem im freien Fall.
    Da hat sich schnell meine Stirn in Falten gelegt. Ich glaube an Nichts. Nach dem Tod ist nur das schwarze Nichts.
    Andererseits, bedenke, untere Evolutionshierarchie, klar Natur- und Gottglaube.
    Sie hat sogar ein Kreuz über ihre Brust gemacht hat, ich muss gestehen, nicht spurlos an mir vorübergegangen, fast etwas unheimlich ist mir das vorgekommen.
    Aber mein Instinkt hat obsiegt.
    Dann ist mir in den Sinn gekommen, Scheiße, so eine frustrierte Mutter kannst Du nun nicht anbaggern, der ist die Lust vergangen, Pech gehabt. Aber dann ist mir eine Idee gekommen, wo sie so radikal dahergeredet hat, von wegen sie fantasiere oft, sich in die Luft sprengen zu wollen und so viele falsche Fuffziger mitzureißen, als es nur ginge.
    Mann, habe ich gedacht, erst bestürzt, - die meint es ernst! - dann erfreut: Jawohl! Weg damit, was geht! Alles muss weg, weg... Schnell wieder habe ich mich gefangen, das Mitleid weggewischt und meinen Verstand eingeschaltet: Die ist doch eine seriöse Person, habe ich gedacht, Zwar reden die Neger viel und tun wenig. Und leider war sie auch Vertreterin des weiblichen Geschlechts, damit sank ihre Glaubwürdigkeit noch einmal um eine Stufe.
    Wie der Blitz drauf es mich auf einmal: Womöglich steckte darin die Chance! Vielleicht sind sie gerade, gerade deswegen ganz anders wie diese leichtfüßigen Negermänner, die nur nach Weiber Ausschau halten, ihren Samen in so vielen Tussis wie möglich hineinspritzen wollen, um sich wie die Ameisen zu vermehren, das ist ja bekannt. Kennt man von Amerika her, wo die Schwarzen alle davon rennen, wenn es Bäh-Bäh macht in der guten Wohnstube. Und in Afrika wird es auch nicht anders sein, von dorther kommt alles das, was die Familie zerstört, unsere Familienvorstellungen!
    Du musst, habe ich fantasiert, diese Buschantilope vielleicht nur ein bisschen anstupsen, einen Klaps oder besser Tritt in den Hintern versetzen, in die Flanke stoßen und schon wird sie spuren, rennen und losschlagen. Teuflisch genial!
    Als sie so weit war, angestachelt, gestichelt, gehetzt und geschürt habe ich das Feuer , bis sie ganz wild und entschlossen war, wollte gleich losschlagen das verrückte Ding, dann habe ich meinem genialsten Streich verabfolgt und ihr einen Deal (Neffe-O-Ton) vorgeschlagen: „Ich besorg Dir ein bisschen Sprengstoff und Du lässt mich Mal.“
    Die verstand überhaupt keinen Spaß, statt zu kichern, sich zu echauffieren oder mir eine Backpfeife zu verpassen, hat sie völlig unvorhergesehen reagiert. Sie ist ins Klo gerannt, hat eine Stunde wie wild geputzt und gescheuert, obwohl das nicht ihre Aufgabe war, die war ja Praktikantin, nicht Scheuerlieschen und als sie herausgekommen ist, hat sie gesagt: „Na gut, Aber nur von hinten?“ Mir ist mein künstliches Gebiss heruntergeklappt, ich musste schlucken, muss ich sagen, unvorstellbar, dass das wahr werden würde, eine irre Vorstellung.
    Dann ist dieses wilde Weibsbild schnell hinausgerannt und ein paar Tage nicht gekommen. Hat sich wohl geschämt. Na gut, ich hab’s mir lange und breit überlegt, wie man dies bewerkstelligen könnte und eines Tages ist mir die Lösung gekommen.
    In dieser Zeit habe ich oft am Balkon gesessen und auf den Teich geklotzt. Sobald ich mich dabei ertappte, wurde ich auf mich zornig. Ich stellte mir vor, wie ich da einen Handgranate hineinwarf und es weithin aufspritzte, die Fische zappelnd an Land gesprengt würden. Das hat mich befriedigt.
    Mein Radio lief gerade. Sie brachten einen Bericht über ein Aggressionszentrum in Neuseeland. „Die Menschen werden dort in einen Raum geführt, in dem Hammer, Kettensäge, Flex, Axt und Messer liegen, um anschließend den frei ausgewählten Gegenstand zu zertrümmern: Auto, Schrank, Bett, Fahrrad, Computer, Klavier, was das Herz begehrt und die Phantasie sich wünscht. Am weitaus häufigsten werden bunte Gartenzwerge aus Porzellan ausgewählt, die die Aggressoren mit besonderer Hingabe und Brutalität malträtieren, traktieren und zerstören.“ Das kann ich nur zu gut verstehen.
    Den Neonazi habe ich auch wieder gesehen. Wie der arbeitete, war ein Graus. Zappelig auf den Beinen, zittrig mit den Händen und überhaupt keinen Überblick. Er regte mich genauso auf wie die Goldfische. Eine Bombe gehörte dem unter die Füße geworfen..
    Ich sprang auf. Das war’s!
    Von meinem Balkon aus habe ich zu ihm hingepfiffen und zu mir heraufgewunken. Der ist schnell gekommen, hat sich gefreut, einen Grund fürs Nichtstun zu finden, war ziemlich angeheitert und wacklig auf den Beinen, hat auch gleich einen Schnaps verlangt, ohne auf eine Einladung zu warten, der schamlose Hund.
    Als ich ihm meine Idee unterbreitet habe, nach dem zehnten Schnäpschen, hat er sich noch ein Stamperla ausgeboten und sich geziert wie die Jungfrau Maria bei der Engelserscheinung.
    „Das ist fei ein dicker Hund, weißt Du das, Alter. Sprengstoff! Hm.“
    Dieses bemühte Bayerisch, wenn er sich besonders emotional gebärden wollte, stieß mich schon sehr ab. Der sprach kein richtiges Bayerisch nicht, verflixt. Aber so tun als ob. Das passte allzu gut zu diesem halbseidigen Typen.
    In der Not frisst der Teufel halt Fliegen. Es ging um die Wurscht! Wer wagt, gewinnt.
    Ich mache ja immer, wenn ich mich stärken und mir Mut zusprechen will, Redewendungen, Sprüche, Erbauungssätze. Ich brauche keine philosophischen Erkenntnisse, Bekanntes beruhigt und stärkt mich. Ein Zeichen war das, dass ich noch Mal schwer ins Strudeln gekommen und meiner Sache angesichts dieses Dödels unsicher war. Aber, habe ich mir gesagt, ich muss es versuchen und wenn es das Letzte ist, was Du versuchst und, wenn Du ehrlich bist, musst Du ohnehin davon ausgehen, dass dies nur allzu wahr ist: Deine letzte Tat.
    Ich kriegte also Torschlusspanik, was nicht nazigerecht war. Wie der letzte Mohikaner, der letzte seiner Art, das letzte Exemplar seiner Gattung kam ich mir vor. Weil, schau sie dir doch alle an, den Speer in Berlin, auch diese junge Nazi-Brut da aus den Ostdeutschen Bundesländern, alle, alle werden sie weich und verlieren die Orientierung, den wahren Glauben, die rechten Grundsätze, die wahre Ideologie, welches die Eckpfeiler sind, auf dem die Menschheit steht, deren Rettungsanker, bevor sie in Dekadenz, Verweichlichung, Verschlampung, Schlendrian versumpft...
    Mein Gast hat den Alkohol heruntergespült - das einzig Echte und Mannhafte an ihm war das Saufen - wie saueren Essig und weitergelallt: „Munition, na ja, kein Ding. Aber Plastiksprengstoff, das ist schon ein dicker Hund. Wird schwierig zu besorgen... Das erhöht den Preis natürlich ex-ex-or-or-bitant.“
    Allmählich gingen mir seine Widerholungen auf dem Sack.
    Unwillkürlich rümpfte ich die Nase, obwohl ich es ja nicht mit ihm verderben wollte. Wenn schon Fremdwörter, dann nur, wenn sie einem geläufig über die Zunge kommen. Gerade die deutsche Sprache, die mindestens so alt ist wie der Bart Methusalems, hat doch einen weiten Schatz von genügend treffenden Worten, verflixt!
    Mein Katzenjammer, meine Katerstimmung verging so schnell, wie sie gekommen ist, nur eine Zentelstelsekunde der Schwäche, dann baute sich Trotz auf. Dir zeige ich es!
    Wie aus der Pistole geschossen kam mein erhöhter Preis. Schwindel überkam mich, ich habe ja meine sämtlichen Rücklagen auf die Waagschale werfen müssen. Ein Ding musst Du noch drehen, bevor du der Erde den Rücken zukehrst, habe ich mir gedacht und ich bin zum Entschluss gekommen: Es muss sein!
    Das lief alles in kürzester Zeit ab, muss man bedenken: raketenschnell, Werner von Braun hätte auch nicht schneller reagieren können - äh, wo war ich stehengeblieben?
    Der Maurer und Lieferant hat zwar noch weiter versucht zu schachern, aber als er merkte, ich bin am Ende meines Einsatzes und ich mich bis zum Äußersten habe hinreißen lassen, indem ich ihm mein Sparbuch unter die Nase gerieben habe, hat er Einsicht gezeigt, genickt und gesagt: „Also gut, Alter. Für die Sache. Für die nationale Sache. Ich schau mal, was ich tun kann. Aber ich weiß nicht, ob meine Beziehungen da ausreichen. Das ist nicht einfach...“
    Mir schien, Nazitum hin oder her, letztlich ging es ihm nur um das Geld. Aber für die Sache musste man halt auch mit Heuchlern verhandeln, scheiß drauf.
    Ich lehnte mich in meinem Ohrensessel zurück und wartete. Es dauerte. Es dauerte verdammt lange, aber schließlich, ich habe Sprengstoff erhalten, gut verpackt, wenn auch nicht schon einsatzbereit in einem Sprengstoffgürtel vernäht. Aber da kam uns ein Nähkurs von dem Seniorenheim zugute, den ich besuchte, sehr zum Erstaunen der Frauen, die das Schlimmste witterten, womit sie nicht einmal unrecht hatten. Nur war es noch Schlimmer, als sie sich vorstellen konnten. Den Reste besorgte die Negerin, die ein unerhörtes Talent zum Flicken, Nähen und Sticken hatte. Aber klar, die Naturvölker!
    Schließlich war alles bereit, ich und die Negerin und die scharfgemachte Bombe. Die Sache konnte steigen!
    Bei all der Hektik und Aufregung, ich sage es nicht gern, habe ich ganz meinen Vorteil verschwitzt. Ja, eine Beschämung, aber ich vergas, auf unsere Abmachung zu bestehen und sie von hinten zu nehmen. Peinlich, peinlich! Ich werde doch allmählich alt. Aber Schwamm drüber, Vergessen macht frei, für die nationale Sache verzichtet man gerne ein Mal. Selbst das. Wenn auch...
    Wurscht und egal!
    Einmal ist keinmal!
    Geändert von pentzw (23.03.2017 um 10:17 Uhr)

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