Thema: Was bleibt?

  1. #1
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    Was bleibt?




    Was bleibt,

    wenn du das letzte Glas geleert,
    gegangen sind die Freunde
    und du am frühen Morgen
    in neues Licht und Schatten schaust?

    wenn immerfort dein Suchen,
    dein Wunsch, den Untergrund
    des Augenscheins gewahr zu werden,
    nicht in Erfüllung geht?

    wenn du dich hin und wieder fragst:
    Wer hat das Kind in dir verwundet,
    auf seine Wunden Salz gestreut,
    dass sie bis heute schmerzen?

    wenn einer Mutter Zartgefühl
    und Schwachsein untersagt,
    der Vater kaum geplagt
    von Skrupeln seiner Zeit?

    wenn Tränen früher Jahre
    längst weggewischt, du einsam
    bleibst in dem Verlangen
    nach Umarmung, zarter Geste?

    Die stimmlos schon im Schattenreich,
    die kannst du nicht befragen,
    hast mit getragen ihre Last.
    Nun ist die Zeit, sie abzuwerfen.

    Bald werde ich mit Freuden
    auf meinem Wege weiter gehen,
    weil ich das Leben trotz vieler Hindernisse
    mit allen Sinnen liebe.

  2. #2
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    Hallo Carolus

    Der allmähliche Wechsel von abrupten harten zeilenenden zu eher schwebenden weichen zeilenenden macht sinn. in der zweitletzten strophe bricht wieder das endgültige, aussichtslose durch, auch wieder nicht unpassend.

    es könnte also durchaus ein emotionaler text sein mit rückwärts und vorwärts blicken. ich muss mich aber durch gestelzte, knöcherne satzkonstruktionen durchkämpfen, ellipsen schlucken, abstrakta wie untergund des augenscheins auspeien, ehe ich zur substanz deines textes gerate. und das gefällt zumindest mir nicht. das müsste wenn schon in einer harmonischen, die gegensätze irgendwie "elegant" verbindenden form geschehen, weil es sonst einfach eine geschichte wie millionen andere ist.

    nichts für ungut. aber schon in der ersten strophe ist ein haufen schlechtes deutsch evrsammelt, das mir persönlich gleich mal die lust am lesen nimmt.
    w27

  3. #3
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    Lieber wilma,

    da hat Klein-Carolus sich etwas aus Wörtern und Sätzen zusammengemixt, im Glauben, dass es etwas Gutes sei. Und ausgerechnet da kommt der böses Wilma, haut den Mix in die Pfanne, riecht daran und meint abschließend: "Hm, schwer genießbar!" Klein Carolus fragt sich: "Ist das nicht furchtbar?" - O, nein, bei Leibe nicht, eher fruchtbar, denn beim beiderseitigen Zusammentreffen kam für den Hobbypoeten aus dem finsteren Wald immer etwas Gutes heraus. Hoffentlich auch jetzt in einer veränderten Fassung.

    Was bleibt

    wenn deine Mühsal,
    eignes Dunkel zu erhellen,
    nur Mutmaßungen fördert,
    wenn Wunden aus der Kinderzeit
    bis heute schmerzen,
    weil damals Zartgefühl und
    Schwäche unerwünscht,
    wenn Tränen früher Jahre
    längst vergessen sind,
    wenn du die Eltern nicht mehr fragen,
    vielleicht ermessen kannst,
    die Last, die sie getragen.

    Ich dürste, hungere
    nach Umarmen,
    nach zärtlichen Gebärden,
    nach Licht ins eigne Dunkel.

    Lieben Gruß
    Carolus
    Geändert von Carolus (17.03.2017 um 19:14 Uhr) Grund: Wilmas treffende Anregung

  4. #4
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    hallo carolus
    ich meine in deiner launigen antwort zu lesen, dass du meinen leseeindruck als vorwiegend negativ gesehen hast.
    ich habe aber nur einen von mir als störend empfundenen aspekt deines gedichts genannt. alles andere gefiel mir.
    dass deine zweite fassung nun da steht, ist toll. man kann viele interessante vergleiche ziehen.
    die freiere form lässt eher das egfühl aufkommen, mitten im emotionalen geschehen drin zu sein, als es die vierzeiler-strophen tun. gerade jene aber bieten auch die chance, das gefangen sein in der vergangenheit darzustellen.
    deshalb finde ich beide lösungen lesenswert.
    was auch in deine zweiten fassung noch vorhanden ist: diese umständliche, flow-freie, unmusikalische sprache, welche wie ingewollt immer wieder hochkommt. sie könnte, würde sie anfangs angewandt und gegen ende deutlich durch ihr gegenteil ersetzt, ebenfalls einen starken formalen akzent setzen, der den inhalt unterstreicht.
    der schluss ist wie in fassung eins weder lyrisch noch poetisch, sondern für mein empfinden ein "ich erklär dir das mal". gewisse köche sagen dem gast, wie das essen zu schmecken habe, so etwa.
    schönen tag dir
    w27

  5. #5
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    Hallo Wilma,
    deine Zustimmung zur überarbeiteten Fassung freut mich, zumal ich eine Stellungnahme deinerseits nicht erwartet habe.
    Bitte erlaube mir einige nicht uninteressante Hinweise zum besseren Verständnis beider Fassungen.

    Nach einer intensiven Diskussion im Freundeskreis über Traumatisierungen, kamen auch die Auswirkungen der Traumata der Kriegs- und Nachkriegsgeneration zur Sprache, wobei mir als einem Betroffenen bewusst war, dass auch ich einen Teil durch die Jahrzehnte mit mir geschleppt habe. Deshalb wollte ich ein Gedicht schreiben mit der Intention, das lyr. ich sollte einerseits ein individuelles Schicksal andeuten, anderseits ein kollektives von Hunderttausenden der derzeitigen Generation auf Abruf.
    Von dieser Absicht her erklären sich Form (vierzeilige Strophen), distanzierende Formulierungsweise und Inhalte der ersten Fassung als eine Art
    "Erinnerungsmahnmal",…"einfach eine Geschichte wie Millionen andere". (Sic!)

    Zur zweiten Fassung bemerkst du treffend, " die freiere form lässt eher das egfühl aufkommen, mitten im emotionalen geschehen drin zu sein".
    In dieser Fassung ist das lyr. Ich mehr oder weniger mit dem Schreiber identisch. Weiterhin stellst du überzeugend klar: "was auch in deine zweiten fassung noch vorhanden ist: diese umständliche, flow-freie, unmusikalische sprache". Hier ist die ursprüngliche Intention noch sprachprägend. Kompliment: Deine Beobachtungen sind sehr dicht an den Kern der Problematik, ohne die ursprüngliche Intention zu kennen.
    Ich denke, es ist schwierig, das lyr. Ich innerhalb einer Thematik aufzuspalten in die Darstellung eines individuellen wie kollektiven Schicksals.
    Zwei verschiedene Fassungen können m.E. überzeugender bringen.

    Freundliches Wochenende

    Carolus

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