Thema: gefährten

  1. #1
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    Hallo Eselsohr,
    da ich durch dein Gedicht soeben etwas über Füchse gelernt habe, möchte ich dir eine kleine (edit: sie war klein geplant, wurde aber länger) Rückmeldung hier lassen.

    Zum Inhalt:
    an manchen tagen herrscht winter am see:
    Hier handelt es sich einerseits auf eine Feststellung der Jahreszeit. Warum jedoch ist es nur an manchen Tagen Winter? Das klingt, wär wären zwischendurch ein paar Tage Sommer, dann wieder ein Wintertag, dann vielleicht einer aus dem Herbst...
    Warum heißt es nicht "In manchen Wochen"? Möglicherweise ist es mehr als eine Beschreibung der Jahreszeit, sondern möchte bildhaft einen anderen Sachverhalt beschreiben. (Edit: um das zu klären: ich schlage hier keine Verbesserung vor, durch "in manchen Tagen" kam ich lediglich auf meine Interpretation)
    schneebedeckt ruht der eisige spiegel!
    Hier wird das Aussehen des zuvor genannten Winters am See beschrieben: auf der Eisfläche liegt Schnee. Doch warum das "!"? Es lenkt seine Aufmerksamkeit, ja die Betonung auf diese Zeile. Warum ist deren Inhalt von solcher Vehemenz?
    Der Spiegel ist das Symbol für die Selbsterkenntnis. Vielleicht handelt es sich hier um die Beschreibung eines Seelischen Zustandes. Dazu würden auch die tageweisen Jahreszeiten passen: an machen Tagen geht es dem Selbst nicht gut, der Winter könnte für traurige, gar depressive Phasen im Leben stehen. An diesen ruht der Spiegel, es herrscht also Stillstand, sowohl die winterliche/depressive Stimmung als auch die zugrunde liegende Situation ändern sich nicht.
    tiefgebeugte fussstapfen werden sichtbar
    Nach der winterlichen Beschreibung der Landschaft wird nun also die Aufmerksamkeit auf Fußspuren im Schnee gerichtet.
    Sind "tiefgebeugte fussstapfen" ein Spezialbegriff? Ich konnte nichts darüber finden. Möglicherweise sind hier Spuren gemeint, die tief in den Schnee eingesunken sind. Ich denke als Autor möchtest du darauf hinaus, dass derjenige tief gebeugt lief, als er sie hinterließ, aber eine Spur an sich kann nach meinem Verständnis nicht tiefgebeugt sein.
    und die fährte des schnürenden fuchses.
    Wie ich gelernt habe, bedeutet Schnüren, dass der Fuchs im schnellen Trab seine Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten setzt. Bedeutet "Fährte" einfach wertfrei die Spur eines Tieres oder befinden wir uns in einem Jagdkontext?
    Der Fuchs wird oft als schlaues, aber auch listiges Tier dargestellt. Oft hat er in Märchen und Fabeln eine böse Rolle. Befinden wir uns gar auf der Jagd des Bösen? Bezug nehmend auf Strophe 1: Wir in der Starre der Depression nun die Ursache verfolgt? Es scheint nicht leicht den Fuchs zu finden, erwähnt ist nur dessen Spur, doch möglicherweise enthält sie einen Hinweis gegen die traurigen Tage.
    auch amselsprung.
    Die Amsel hingegen ist der Bote der guten Nachricht, sie singt im Morgengrauen. Sie kündigt vermutlich auch das Ende des Winters an, denn die Amsel ist ein Zugvogel. Auf das Gedicht bezogen deutet sie also auf das Ende der traurigen Phase hin.
    "Amselsprung" ist vermutlich ein Neologismus, auch wenn ich einen Ort gefunden habe, der diesen Namen trägt. Also ist nicht nur die Spur einer Amsel erwähnt, sondern eine Amsel in reger Aktivität. Das lässt für die Besserung des Winters hoffen.
    tief drinnen - im warmen -
    Nun folgt ein Ortswechsel. Genauer bestimmt ist dieser nicht, wir wissen nur, dass es dort warm ist.
    Symbolisch könnte auch ein Refugium in der Seele gemeint sein, eine Stärke auf die in der Zeit der Depression zurück gegriffen werden kann. Zwar ist sie "tief", also ist es nicht leicht an sie heran zu kommen, aber dennoch scheint sie zu existieren.
    lächelt ein träumender schmetterling
    Noch ist es Winter, der Schmetterling also noch in seiner Puppe. Warum lächelt er? Vermutlich, weil er weiß, dass er im Kreislauf der Natur bald an der Reihe sein wird. Während die Amsel die gute Zeit ankündigt, wird er schlüpfen, wenn es so weit ist.
    Dein Gedicht heißt nun allerdings "gefährten". Die Fährten von Fuchs und Amsel werden beide erwähnt. Ist dies ein Wortspiel mit Fährte/Gefährte? Gefällt mir. Wie ist es zu deuten, wenn der hinterlistige Fuchs und die Amsel mit der Frühlingsbotschaft Gefährten sind? Gehen sie einfach nur den selben Weg zur selben Zeit? Weiß man in der Depression einfach immer, dass bessere Zeiten kommen werden? Arbeiten die beiden Hand in Hand? Ist es vielleicht sogar eine falsche Verheißung? Sieht man den Frühling bei anderen, zum Selbst gelangt er jedoch nie? Ich würde sagen nein, denn das Gedicht in "Hoffnung und Fröhliches" deutet nicht auf so einen negativen Ausgang.

    Einerseits kann man das Gedicht also als eine bloße Betrachtung der Natur verstehen (die man dann auch im Unterforum Natur und Jahreszeiten einordnen könnte). Da dieses Gedicht allerdings bei Hoffnung und Fröhliches steht, halte ich die symbolische Betrachtung für die Intention des Autors.

    Zur Form:
    gefährten

    an manchen tagen herrscht winter am see:
    schneebedeckt ruht der eisige spiegel!

    tiefgebeugte fussstapfen werden sichtbar
    und die fährte des schnürenden fuchses.
    auch amselsprung.

    tief drinnen - im warmen -
    lächelt ein träumender schmetterling
    Dein Gedicht ist konsequent in Kleinschreibung gehalten (Ich schätze Konsequenz an Gedichten.), während sich auf den ersten Blick bei den Satzzeichen keine Methode erkennen lässt. Jede Strophe endet mit einem, nur nicht die Letzte. Wurde es hier einfach vergessen, oder ist es gar bewusst geschehen. Wie oben schon erwähnt schätze ich Konsequenz und es stört mein Auge, dass das Gedicht nicht mit einem Satzzeichen abschließt. Noch einmal wegen des "!": Auch dieses stört mich ein wenig in meinem Lesefluss, da ich an der Zeile nichts so bemerkenswertes finde. Ich habe mehrfach hier pausiert und gegrübelt, anstatt dein Gedicht flüssig weiter zu lesen.
    Auch die zweite Strophe fällt aus der Reihe: die Strophe hat drei Verse, statt der sonstigen zwei. Das finde ich jetzt allerdings weniger störend, als die unterschiedlich langen Verse. Mehr dazu gleich.

    Zur Metrik:
    Wie du vielleicht weißt hängt die Metrik eng mit dem flüssigen Lesen zusammen. Für eine schön klingende Lesemelodie ist ein durchgängiges Metrum (Jambus/Trochäus/AnaPäst/Daktylus) hilfreich.
    Hier folgt wie ich dein Gedicht lese (x=unbetont, X=betront)

    an manchen tagen herrscht winter am see:
    xXxXxxXxXx
    schneebedeckt ruht der eisige spiegel!
    XxXxxXxxXx

    tiefgebeugte fussstapfen werden sichtbar

    XxXxXxxXxXx
    und die fährte des schnürenden fuchses.
    xxXxxXxxXx
    auch amselsprung.
    xXxX

    tief drinnen - im warmen -
    xXxxXx
    lächelt ein träumender schmetterling
    XxxXxxXxx

    Zusammenfassend kann man hier sagen, dass du dir über die Metrik des Gedichtes vermutlich nicht viele Gedanken gemacht hast. Zugegeben, es ist auch kein einfaches Thema. Anfänglich könntest du versuchen in deinen zukünftigen Werken Verse mit gleich viele Silben zu gestalten. Dies hilft meist auch der äußeren Form.

    Auch wenn ich beim Lesefluss stolpere, so hatte dein Gedicht viele schöne Bilder. Die vielen Fragen sind als rhetorisch zu verstehen und nicht als Verständnisfragen. Ich hoffe sie helfen dir dabei nachzuvollziehen, wie ich dein Gedicht wahr genommen habe.

    Viel Erfolg beim zukünftigen Schreiben.
    Allerliebste Grüße
    Ff
    Geändert von Frustfresserin (08.04.2017 um 08:07 Uhr) Grund: vielen Dank wilma27, es muss natürlich gleich viele Silben heißen
    "Oh Bär", sagte der Tiger, "ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!"
    "Ja", sagte der kleine Bär, "ganz unheimlich und schön."
    Und da hatten sie verdammt ziemlich recht.

    -Post für den Tiger, Janosch-

  2. #2
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    mich wundert sehr, wie man hier wie Frustfresserin "beim lesefluss stolpern" kann.
    es bleibt mir auch vollkommen uneinsichtig, ws die kommentatorin denn mit "gleich langen silben" meinen könnte.
    das gedicht ist vom rhythmus her, von den proportionen her sehr schön gelungen, ich lese es mit genuss.


    "an manchen tagen" --- ja, warum nicht "in manchen wochen"? oder "während zwei, drei monaten"? oder viellleicht "einmal im jahr"? oder noch besser: "im winter"? genau: das wäre doch eine gute lösung: "im winter herrscht winter am see"
    oder geht es in der lyrik, sogar wenn sie in einem forum wie diesem steht, nicht doch um mehr als wetterbericht? könnte nicht gerade diese leicht verwunderliche formulierung darauf hindeute, dass es hier um emotionen, um melodien, um bildhaftes geht? viele geidichte haben zuerst nur ihre erste zeile vorangeschickt, um das terrain zu erkunden. nicht das terrain vom wetterbericht, sondern jenes des schreibers, jenes des lesers. der erste satz macht den roman, die erste zeile macht das gedicht.
    es gibt keine alternative für diese erste zeile hier.
    übrigens liest man sie wohl eher so:
    xXxXxxXxxX

    Weiter Zitat Frustfresserin: "Für eine schön klingende Lesemelodie ist ein durchgängiges Metrum (Jambus/Trochäus/AnaPäst/Daktylus) hilfreich." - So ein Unsinn!

    fürs auge des empfindllichen lesers schliesse ich mit einem Satzzeichen

    w27;
    Geändert von kaspar praetorius (08.04.2017 um 07:32 Uhr)

  3. #3
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    Ups - da bin ich jetzt so geplättet , dass Du Dich so lange mit meinem Gedicht zusammengesetzt hast, Frustfresserin. Uuund möchte mich nun meinerseits mit Deinen Gedanken und Empfindungen zusammensetzen.

    Zum Inhalt:

    Ja, es ist an manchen Tagen Winter. Der See ist eher als ein imaginiärer Ort, der keinen irdischen Gesetzen und Gezeiten unterworfen ist. An manchen Tagen herrscht Winter. An andren Gewitter. An wieder andren vllt. Gelingen.

    Ein ruhig liegender See, sein Spiegel, der - gehalten von der Erde - den Himmel wiederspiegelt. Während er ruhig liegt - höchstens mal durch einen Wasserläufer aufgewühlt - ziehen die Wolken über ihn hinweg. Ich mag das Bild und ja - es ist ein Bild für die Seele. Wenn der Spiegel nicht nur gefroren, sondern sogar ! schneebedeckt ist - auweia !
    Oder auch nicht auweia. Denn, wie der "irdische", reale See nicht ständig ziehende Wolken reflektiert - zB. im Winter eben - , so mag und kann auch der Mensch , seine Seele , nicht beständig andere reflektieren. Welch eine Erleichterung - einerseits .... . Wenn es gar nicht mehr tauen würde, wäre es natürlich ....eine große Einschränkung.

    Auf diese verweisen dann wohlmöglich die tiefgebeugten Fussstapfen. Auf die ich sehr stolz bin *ggg*. Die Wortschöpfung selbstverständlich. Nein, es gibt keine tiefgebeugten Fusstapfen, nur Menschen, die in solchen gingen .....und ich habs einfach zusammengezogen , dies beides.

    Hach ja ...und selbst, wenn das Leben so reduziert daherkommt....ist es doch nicht bitterernst ...ist doch nicht alles tot. ....Ein schnürender Fuchs erscheint .... --- welch schöner Farbklecks in der weißen Landschaft. Ob er ein Jäger ist ...oder nur ...des Weges zieht, sich kurz dem Betrachter zeigen mag -- wer weiß das schon so genau ? Auch die Amsel hüpft ohne Sinn und Ziel ...einfach weil ... sie hier ist. Heute und im Schnee und fluffig leicht.

    So ist zum roten Fuchs dazu die Leichtigkeit gekommen. ....

    Und um die tiefgebeugten - nun gänzlich ad Absurdum bzw. ins Hoffnungsvolle zu führen, zeigt sich, dass all dies nur ein Traum ist , den ein Schmetterling aus der geschützten Wärme heraus träumt.

    In gewisser Weise ein Parallelbeobachter zum Leser des Gedichtes.

    Dies Gedicht schrieb sich, wie manche meiner stillen - , während einer Meditation.

    Vllt. ist es auch ein Bild auf das Leben schlechterdings - nicht nur das des konkreten Lyrischen Ichs.

    Der träumende Schmetterling, der sein Leben träumt. In der Sicherheit des Kokons und da ist eben nicht alles Eitel Sonnenschein, sondern Schicksalsschläge , Krankheit usw beugen uns tief -- es kommen Gefährten, die durch Farbe (kräftiges Rot ) und Leichtigkeit Kontrapunkte setzen.

    Zur Form:

    Das Rufzeichen hätte nicht so unbedingt sein müssen. Andrerseits .... es schreit ja förmlich in der ganzen Stille.

    Am Ende nach dem Schmetterling müsste allen Regeln nach ein Punkt kommen. In mir weigert sich jedoch alles, diesen Punkt zu setzen -- vllt. weil es eben der Übergang in die Ewigkeit ist . Der Schmetterling ist ein Symbol für die Psyche und eben mit der nicht-stofflichen Realität ...mit der Ewigkeit verbunden. Da gibts keinen Punkt

    Zur Metrik.

    Ich kann mit XxX und so nicht gut umgehen, habe es mal probiert und es fällt mir sehr schwer.

    Danke Frustfresserin für Dein langes Zusammensitzen -- durch mein langes Antworten merke ich, wie sehr ich dieses Gedicht liebe und wie .... sehr es zu mir dazu gehört.

    Danke für Deine Erfolgswünsche ! Ich wünsche Dir das Gleiche und schicke ebenfalls liebe Grüße

    Eselsohr



    Hallo Wilma 27 und auch Dir herzlichen Dank für Dein Zusammesitzen mit meinem Gedicht .

    Danke für die Würdigung, es mit Genuss zu lesen. Das freut mich sehr.

    Liebe Grüße

    Eselsohr

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